Michel Piccoli (Jacques Daniel Michel Piccoli) wurde am 27. Dezember 1925 als Sohn eines Musikehepaares in der französischen Hauptstadt Paris geboren. Seine französische Mutter Marcelle Expert-Bezançon war Pianistin und trat als "Gelegenheitsmusikerin" auf,  der italienische Vater Henri Piccoli spielte als  Geiger bei Kollonaden-Konzerten, Begräbnissen oder begleitete Stummfilme. Schon während der Schule, dem "Collège d’Annel", der "École alsacienne" und dem Pariser "Collège Sainte-Barbe" interessierte Piccoli sich für die Schauspielerei und so nahm er später Unterricht unter anderem bei René Simon an dessen Schauspielschule. Es folgten erste Auftritte an verschiedenen Pariser Bühnen und zeitweise war er auch Direktor des "Théâtre de Babylone". Ab 1957 trat er am "Théâtre National Populaire" in zeitgenössischen Stücken auf.
Bereits 1945 gab Piccoli mit einer winzigen Rolle sein Leinwanddebüt in "Sortilèges" (Das Geheimnis der Berghütte) und im Verlauf der nächsten Jahre spielte er eine Reihe kleinerer Parts bei Film und Fernsehen. Der Erfolg als Filmschauspieler kam relativ spät, erst 1963 wurde er mit der Hauptrolle des selbstzweiflerischen Schriftstellers Paul Javal in Jean-Luc Godards "Le mépris"1) (Die Verachtung2)) an der Seite Brigitte Bardots einem breiteren Publikum ein Begriff. In den folgenden Jahren arbeitete der Schauspieler mit so namhaften Regisseuren wie Alfred Hitchcock, Luis Buñuel, Claude Chabrol, Claude Sautet, Costa Gavras, Louis Malle oder Jacques Rivette zusammen. Seine Rollen changierten zwischen exquisiter zynischer Bürgerlichkeit wie in Buñuels Literaturadaption "Belle de jour"2) (1967, Belle de jour – Schöne des Tages1)) oder dessen "Le charme discret de la bourgeoisie"1) (1972, Der diskrete Charme der Bourgeoisie) und engagiertem Anarchismus wie 1972 in Claude Faraldos "Themroc"1).

Foto: Michel Piccoli bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1993
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Michel Piccoli bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1993; Quelle: Wikimedia Commons; Urheber: Georges Biard; Lizenz CC-BY-SA 3.0.; Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung 3.0 Unported lizenziert.
Piccoli bevorzugt oft doppelbödige Figuren, deren Soigniertheit Obsessionen verdeckt und unvermittelt in kriminelles Verhalten umschlägt. Diesen Typus zeichnete er besonders eindrucksvoll und boshaft 1973 als Giftmischer, der in Claude Chabrols, auf wahren Begebenheiten beruhenden melodramatischen Kriminalgeschichte "Les noces rouges"1) (Blutige Hochzeit) seine kränkelnde Frau los werden will, ebenso wie seine Geliebte Lucienne (Stéphane Audran) ihren Ehemann.
Ab Ende der 1960er Jahre war Piccoli mehrfach Partner von Romy Schneider; so unter anderem 1969 in "Les choses de la vie"1) (Die Dinge des Lebens2)), 1971  in "Max et les ferrailleurs"1) (Das Mädchen und der Kommissar) und zuletzt 1982 als Max Baumstein in Jacques Rouffios "La passante du Sans-Souci"1) (Die Spaziergängerin von Sans-Souci).
In den 1970er Jahren nahm der Schauspieler auch manche provozierende Rollen an; in Schockern wie 1973 "La grande bouffe"
1) (Das große Fressen2)) neben Andréa Ferréol oder ein Jahr später als seriöser Herr mit den grauen Schläfen in "Le Trio infernal"1) (Trio Infernal2)) perfektionierte er den Typus des Biedermanns, hinter dessen gut bürgerlicher Maske wüste Begierden zum Vorschein kommen.
1980 erhielt Piccoli in Cannes die "Goldene Palme" für seine Darstellung des doppelgesichtigen Untersuchungsrichters Mauro Ponticelli in Marco Bellocchios Drama "Salto nel vuoto" (1979, Der Sprung ins Leere), 1982 folgte in Berlin ein "Silberner Bär" für die Verkörperung des karrieristischen Kaufhausdirektors Bertrand Malair in Pierre Granier-Deferres Psychodrama "Une étrange affaire"2) (1981, Eine merkwürdige Geschichte).
Piccoli blieb mit seinen Rollen stets experimentierfreudig und unterstützte mit seinen Auftritten auch Regisseure der jüngeren Generation. So wirkte er 1986 in Léos Carax' düsterem Nachtstück "Mauvais sang" (Die Nacht ist jung) mit, in "Milou en mai"1) (Eine Komödie im Mai2)), Louis Malles schöner Farce über das Jahr 1968, gelang Piccoli 1989 in der Titeltolle des Großvaters Milou ein melancholisch-erotischer Abgesang auf entschwundene Träume. Mit Marianne Sägebrecht als Partnerin agierte er ein Jahr später in Jirí Weiss' "Martha et moi"2) (Martha und ich), einer Liebesgeschichte aus der Zeit des Faschismus. 1991 lieferte er sich in Jacques Ruvettes vierstündigen Honoré de Balzac-Adaption "La belle noiseuse"1) (Die schöne Querulantin) in der Rolle des Malers Edouard Frenhofer ein spannendes Duell mit einem widerborstigen Modell alias Emmanuelle Béart.

In jüngerer Zeit brillierte Piccoli neben Catherine Deneuve und John Malkovich als Gilbert Valence in dem Drama "Je rentre à la maison"1) (2001, Ich geh’ nach Hause), einem Meisterwerk des 93-jährigen Portugiesen Manoel de Oliveira, der das Altern thematisiert. Piccoli spielt darin einen hyperaktiven in die Jahre gekommenen Theaterstar, dem urplötzlich durch den Unfalltod seiner Frau, Tochter und des Schwiegersohns bewusst wird, dass jedes Theaterstück, jedes Croissant, das er im Bistro um die Ecke bestellt, sein letztes sein könnte. Nur der achtjährige Enkel ist noch am Leben und das bedeutet für Valence, dass er sich um den Jungen kümmern und sein Leben neu ordnen muss. Danach entstanden Produktionen wie das Liebesdrama "La petite Lili"2) (2003, Die kleine Lili), Manoel de Oliveiras Fortsetzung von Luis Buñuels Film "Belle de Jour" (1967) mit dem Titel "Belle toujours"1) (2006), die Literaturverfilmung "Ne touchez pas la hache"2) (2007, Die Herzogin von Langeais) oder das Drama "Dust of Time"2) (2009). Abgedreht hatte er die mit leisem Witz inszenierte "päpstliche Verweigerungskomödie" "Habemus Papam"2) (Habemus Papam – Ein Papst büxt aus) des italienischen Regisseurs Nanni Moretti, hier mimt der Franzose hinreißend einen von Selbstzweifeln gequälten Pontifex, der die Bürde des Amtes nicht annehmen will und aus dem Vatikan flieht; Kinostart war der 21. April 2011.
Danach übernahm er einen kleineren Part in der Kinoproduktionen "Holy Motors"1) 2012; Regie: Leos Carax) sowie in dem Historienepos "Lines of Wellington – Sturm über Portugal"1) (2012, Linhas de Wellington), Regie: Valeria Sarmiento) mit John Malkovich als General Wellington1). Zuletzt stand Piccoli zusammen mit der britischen Schauspielerin Natasha Parry1) für das in Belgien von Thomas de Thier gedrehte Drama "Le goût des myrtilles" (2014) vor der Kamera. Beide spielen ein altes Ehepaar, das sich nach dem Tod ihres Sohnes ihren größten Wünschen, aber auch Ängsten stellen muss → www.filmstarts.de.
 
Im Verlaufe seiner Karriere spielte der Charakterdarsteller Piccoli in rund 200 Kinofilmen neben so berühmten Partnerinnen wie Jeanne Moreau, Catherine Deneuve, Stephane Audran, Jane Fonda, Liv Ullmann, Jane Birkin, Ornella Muti und natürlich Romy Schneider, um nur einige zu nennen. Auf ein bestimmtes Charakterfach lässt er sich bis heute nicht festlegen, er gibt Familienväter, Machtmenschen, Polizisten, Gangster, Künstler und auch (wie jüngst) einen Papst – immer mit der gleichen brillanten Gelassenheit.
Nach einer zehnjährigen Theaterpause zwischen 1971 und 1981 feierte Piccoli ab Anfang der 1980er Jahre auch auf der Bühne wieder regelmäßig Erfolge: So war er unter anderem in Luc Bondys Inszenierung von Schnitzlers "Das weite Land zu sehen" sowie 1992 in der Titelrolle von Ibsens "John Gabriel Borkman". In den letzten Jahren gab der Mime seit Anfang Februar 2009 in Paris im "Théâtre National de la Colline" den "Minetti" in Thomas Bernhards gleichnamigem Stück. "Minetti", dieses "Portrait des Künstlers als alter Mann" hat Thomas Bernard einst dem überlebensgroßen Schauspieler Bernhard Minetti (1905 – 1998) auf den Leib geschrieben. Unter der Regie von Claus Peymann wurde das Stück 1977 in Stuttgart uraufgeführt. Jetzt hat André Engel es in Paris am Théâtre National de la Colline auf die Bühne gebracht. Die Inszenierung ist das große Ereignis zu Beginn des neuen Theaterjahres in Paris. Engel hat das Glück, in Michel Piccoli einen Hauptdarsteller in Szene setzen zu dürfen, der das Format hat, die gewaltige Rolle auszufüllen. Denn "Minetti" ist nicht weniger als ein anderthalb Stunden lang kreisender Monolog eines gekränkten, vereinsamten Künstlers, der schon vor langem an seiner Kunst verzweifelt ist und dennoch an ihr festhält. (…) Piccoli verleiht dem von fast allen Geistern verlassenen Minetti etwas seltsam Sanftes, Tastendes, wenn er den kreiselnd sich steigernden Monolog Bernhards spricht. Dass der Künstler erst ein wahrer Künstler ist, "wenn er durch und durch wahnsinnig ist, wenn er sich in den Wahnsinn hineingestürzt, bedingungslos ihn sich zur Methode gemacht hat", diese harten Bernhard-Worte klingen auf Französisch aus dem Munde von Piccoli (in der guten Übersetzung von Claude Porcell) irgendwie erträglicher. (Quelle: www.welt.de)

Am 27. Dezember 2010 feierte der große Mime des französischen Films seinen 85. Geburtstag, im fortgeschrittenen Alter gehört er immer noch zu den vielbeschäftigten Darstellern, auch wenn er in den letzten Jahren vor allem vor der Kamera kürzer tritt. Seit mehr als einem halben Jahrhundert steht er auf der Bühne und zeigt vor allem auf der Leinwand sein facettenreiches Spiel. "Mit seinem Namen verbunden bleiben wird eine große Epoche des französischen Films, die ohne sein Gesicht und seine Persönlichkeit gar nicht vorstellbar ist." schrieb "Der Stern" in einem Artikel vom 27.12.2005 zum 80. Geburtstag. 
Politisch steht Michel Piccoli wie Juliette Gréco und seine Freunde Simone Signoret und Yves Montand, Simone de Bovoir und Jean Paul Sartre der französischen kommunistischen Partei nahe; doch er ist stets gegen jede Art von politischem Machtverhalten gewesen, lehnt alles Diktatorische im Osten wie im Westen ab. So engagierte er sich zum Beispiel für Wolf Biermann1), als man diesen aus der ehemaligen DDR auswies.

In erster Ehe war Michel Piccoli mit seiner Kollegin Eleno Eleonore Hirt verheiratet; aus der Verbindung stammt Tochter Anne-Cordélia. 1966 heiratete er die Chansonette Juliette Gréco3); die Ehe wurde 1977 geschieden. Seit 1980 ist er in dritter Ehe mit der Großgrundbesitzerin Ludovine Clerc verheiratet.
 

Foto: Michel Piccoli bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2011
anlässlich der Vorstellung des Films "Habemus Papam"
Quelle: Wikimedia Commons bzw. Wikipedia
Urheber: Georges Biard;  Lizenz CC-BY-SA 3.0./Lizenz zur Veröffentlichung siehe hier

Michel Piccoli bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2011; Quelle: Wikimedia Commons bzw. Wikipedia; Urheber: Georges Biard; Lizenz CC-BY-SA 3.0.

   

Zahlreiche Auszeichnungen und Preise*) belegen Piccolis herausragendes schauspielerisches Wirken im Verlaufe der Jahrzehnte:

  • 1980: Darstellerpreis der "Internationalen Filmfestspiele von Cannes" für "Der Sprung ins Leere" (Salto nel vuoto)
  • 1982: "Silberner Bär"1) der Berlinale als "Bester Darsteller" in "Verwirrung der Gefühle" (TV, La confusion des sentiments)
  • 1982: Nominierung für den "César"1) als "Bester Hauptdarsteller" in "Verwirrung der Gefühle"
  • 1985: Nominierung für den "César" als "Bester Hauptdarsteller" in "Gefährliche Züge" (La diagonale du fou)
  • 1988: "Deutscher Filmpreis"1) als "Bester Hauptdarsteller" in "Das weite Land" (Terre étrangère)
  • 1991: Nominierung für den "César" als "Bester Hauptdarsteller" in "Eine Komödie im Mai" (Milou en mai)
  • 1992: Nominierung für den "César" als "Bester Hauptdarsteller" in "Die schöne Querulantin" (La belle noiseuse)
  • 1997: Filmcritica "Bastone Bianco"-Preis bei den "Internationalen Filmfestspielen" von Venedig für "Alors voilà"
  • 1997: Darstellerpreis des "Internationalen Filmfestivals von Shanghai" für "Die Reisegefährtin" (Compagna di viaggio)
  • 2001: Nominierung für den "Europäischen Filmpreis" als "Bester Darsteller" in "Ich geh’ nach Hause" (Je rentre à la maison)
  • 2006: Nominierung für den Theaterpreis "Molière"1) als "Bester Hauptdarsteller" in "König Lear"
  • 2007: Nominierung für den Theaterpreis " Molière" als "Bester Hauptdarsteller" in " König Lear"
  • 2007: "Excellence Award" sowie "Silberner Leopard" des "Internationalen Filmfestivals" von Locarno für "Sous les toits de Paris"
  • 2007: Nominierung für den "Europäischen Filmpreis" als "Bester Darsteller" in "Ich geh' nach Hause"
  • 2011: DIVA – Deutscher Entertainment Preis1)
  • 2011: "Nastro d’Argento"1) (Silbernes Band) für "Habemus Papam"
  • 2011: Nominierung für den "Europäischen Filmpreis" als "Bester Darsteller" in "Habemus Papam"
  • 03.12.2011: Sonder-Ehrenpreis für das Lebenswerk bei der Verleihung des "Europäischen Filmpreises"1)

    *) Auswahl nach Wikipedia
Textbausteine des Kurzportraits von www.prisma.de
Siehe auch Wikipedia
Link: 1)  Wikipedia, 2) www.prisma.de, 3) Kurzportrait innerhalb dieser HP Stand Juni 2015
Lizenz Fotos Michel Piccoli (Urheber: Georges Biard): Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung 3.0 Unported lizenziert. Es ist erlaubt, die Datei unter den Bedingungen der GNU-Lizenz für freie Dokumentation, Version 1.2 oder einer späteren Version, veröffentlicht von der Free Software Foundation, zu kopieren, zu verbreiten und/oder zu modifizieren; es gibt keine unveränderlichen Abschnitte, keinen vorderen und keinen hinteren Umschlagtext. Der vollständige Lizenztext ist im Kapitel GNU-Lizenz für freie Dokumentation verfügbar.
  
Kinofilme (Auszug)
Filmografie bei der Internet Movie Database

(Link: Wikipedia, in Klammern: www.prisma.de)
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