Kurt Böwe wurde am 28. April 1929 in Reetz (Mark Brandenburg) geboren. Der Vater war Landwirt und bewirtschaftete einen kleinen Bauernhof, mit dem er seine Frau und seine sieben Kinder ernährte. Schon früh erkannte er die Begabung seines Sohnes Kurt und ermöglichte ihm den Besuch der Aufbauschule in Kyritz. Nach der Schule, die Kurt Böwe mit dem Abitur abschloss, entschied er sich für den Beruf des Schauspielers und bestand 1949 die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule des "Deutschen Theaters Berlin". Doch dann entschloss er sich kurzfristig für ein Studium der Germanistik und Theaterwissenschaften an der Berliner "Humboldt-Universität", welches er 1954 mit dem Staatsexamen beendete, um anschließend sechs Jahre lang an der Universität als Assistent zu arbeiten. Böwe hielt Vorlesungen in Theatergeschichte und Dramaturgie, wollte promovieren und engagierte sich während dieser Zeit für die Studentenbühne. Deren Leiter Horst Schönemann1) (1927 – 1987) entdeckte das schauspielerische Talent Böwes und bestärkte ihn darin, seine anfänglichen Pläne, Schauspieler zu werden, wieder aufzunehmen und holte ihn 1960 an das "Maxim Gorki Theater"1)
Kurt Böwe; Copyright Werner Bethsold Kurze Zeit später wechselte Böwe an die "Volksbühne"1), 1967 folgte er einem Ruf an das "Landestheater Halle", dem er sechs Jahre lang verbunden blieb und wo er unter anderem als Goethes "Faust"1) Triumphe feierte. 1973 wurde Böwe Ensemblemitglied des "Deutschen Theaters"1) in Berlin, das bis zu seiner Verabschiedung im Jahre 1997 für Jahrzehnte seine künstlerische Heimat blieb und wo er in vielen Hauptrollen brillierte. Sein Repertoire war breit gefächert, er glänzte in Stücken von William Shakespeare, Heinrich von Kleist und Maxim Gorki ebenso wie in Werken von Hendrik Ibsen, Heinrich Mann oder Gerhardt Hauptmann, arbeitete mit vielen renommierten Regisseuren wie Thomas Langhoff, Alexander Lang oder Michael Gruner zusammen.
 

Foto: © Werner Bethsold1)
Das Foto entstand 1991 während einer Hörspielproduktion.
Im folgenden eine kleine Auswahl wichtiger Rollen, die Böwe am "Deutschen Theater" gestaltete → siehe auch Wikipedia
(Quelle (überwiegend): "Henschel Theaterlexikon"*); Link: Wikipedia)

Über Böwes Interpretation des "Theatermachers" Bruscon schrieb Jürgen Beckelmann in der "Süddeutschen Zeitung" (14.03.1989): "Schweigend, in knöchellangem Mantel, einen schmalkrempigen schwarzen Hut auf dem Schädel, das Gesicht, die ganze Gestalt ein einziger Ausdruck von Indignation, so taucht er durch die Hintertür herauf – und bricht in Verzweiflung aus: Hier, in dieser muffigen Atmosphäre solle er auftreten, er, der Staatsschauspieler Bruscon? Kurt Böwe, ein Staatsschauspieler schließlich auch er, was er in ironischer Süffisanz mitschwingen läßt, ist breitschultrig, gewölbten Leibes und begabt mit einer Stimme von eigentümlich vibrierendem Timbre auf baßbaritonaler Basis, aber auch zu tenoralen Höhen befähigt. Und die Bernhardschen Verquickungen von abstrusen Gedankenflügen und banalen Bedürfnissen sind ein gefundenes Fressen für Böwes immensen Humor."*)
  
Seit Anfang der 1960er Jahre übernahm der Schauspieler auch zunächst kleinere Aufgaben für den Rundfunk sowie den Film. Enorme Beachtung fand er 1974 mit seiner intensiven Darstellung des sensiblen Bildhauers Kemmel in Konrad Wolfs nachdenklichem Gegenwartsfilm "Der nackte Mann auf dem Sportplatz"1), anschließend wurde er in verschiedenen Gegenwarts- wie auch häufig in Kinderfilmen besetzt. Mehrmals verkörperte er historische Persönlichkeiten wie den dänischen Astronomen Tycho Brahe1) in dem Biopic "
Johannes Kepler"1) (1974), den antifaschistischen Schriftsteller Erich Weinert1) in "Zwischen Nacht und Tag" (1975) oder den Berliner Zeichner Heinrich Zille1) in dem Fernsehspiel "Pinselheinrich" (1979).
In den 1980er Jahren folgten sozialkritische Filme, in denen Böwe seine schauspielerische Dominanz beweisen konnte. In Roland Grafs bitterer, gesellschaftskritischen Satire "Märkische Forschungen"1) (1982), nach einer Erzählung von Günter de Bruyn1), verlieh er, an der Seite von Hermann Beyer als seinem Gegenspieler, dem karrieresüchtigen, verschlagenen Literatur-Professor Menzel gefährlich sympathische Züge, eine Rolle, für die Böwe 1982 mit dem "Darstellerpreis" des Spielfilmfestivals der DDR ausgezeichnet wurde. Ähnlich widersprüchlich, aber letztendlich positiv angelegt war der leidenschaftliche Kleinstadt-Bürgermeister Jadup, der in Rainer Simons "
Jadup und Boel"1) die verhängnisvolle Entwicklungen in der DDR erkennt und den Verlust der Ideale in einer erstarrten Gesellschaft aufzeigt. Der Film wurde zunächst verboten und konnte erst am 12. Mai 1988 in der Stadthalle von Karl-Marx-Stadt uraufgeführt werden. Auch Achim und Wolfgang Hübners sechsteilige Familienserie "Einzug ins Paradies"1) (1983/84), die die Schicksale von Mietern in einem gerade fertiggestellten, trostlosen Neubaublock zeigte und in dem Böwe die Rolle des väterlichen, ratgebenden Außenseiters Jonas Weithold spielte, durfte zunächst nicht ausgestrahlt werden und flimmerte erst 1987 über die Bildschirm. Beeindruckend war 1982 auch Böwes Interpretation des Vaters der Titelheldin bzw. des Geschäftsmanns Ezechiel van der Straaten in "Melanie van der Straaten", ein Stück, das Thomas Langhoff nach dem großen Frauenroman "L'Adultera"1) von Theodor Fontane für das Fernsehen inszeniert hatte. In dem DEFA-Episodenfilm "Automärchen"1) (1983) zeigte Böwe mit einer Doppelrolle sein komödiantisches Talent: Hier ist er einerseits der biedere Kraftfahrzeugschlosser Kalle Sengebusch, andererseits das hektisch-nervöse Gespenst "Automobil-Unglück", das Unfälle verursacht, die der Schlosser zu verhindern sucht.
  
Seit Mitte der 1980er Jahre arbeitete Kurt Böwe eng mit der Fernsehregisseurin Vera Loebner
1) zusammen, die ihm verschiedene interessante Hauptrollen gab. So sah man ihn als Förster Wunderlich in der zweiteiligen Karl-May-Verfilmung "Das Buschgespenst"1) (1986), als Oskar Külz in "Die Verschwundene Miniatur" (1989) nach Erich Kästner oder mit der Titelrolle in "Pause für Wanzka"1) (1990), gedreht nach Alfred Wellms1) Buch gegen das DDR-Schulsystem. Beeindruckend war auch Böwes Darstellung des Berliner Modearztes Dr. Holtfreter, der in Vera Loebners Zweiteiler "Späte Ankunft" (1989) auf der Suche nach den wahren Werten 1896 die Großstadt verlässt, um in einer märkischen Kleinstadt als Landarzt das Vertrauen seiner neuen Patienten zu erringen und in Konfrontation mit seiner Umgebung gerät.
Im gesamtdeutschen Fernsehen wurde Kurt Böwe nach dem Zusammenbruch der DDR populär durch seine Rolle des kauzigen und liebenswerten ostdeutschen Kriminalkommissars Kurt Groth in der Reihe "Polizeiruf 110"1): Zwischen 1994 und 2000 klärte er insgesamt 14 Mal gemeinsam mit seinem jungen Kollegen Jens Hinrichs alias Uwe Steimle1) vor einem Millionenpublikum in Schwerin so manchen kniffligen Fall. Aus gesundheitlichen Gründen gab Böwe die Rolle dann an Henry Hübchen2) ab, der als Kommissar Jürgen Schmidt einige Folgen lang gemeinsam mit Hinrichs ermittelte.
   

Die "Polizeiruf 110"-Folgen als Kriminalkommissars Kurt Groth,
mit Datum der Erstausstrahlung:
(Link: Wikipedia)

Ein schöner Part war 1992 auch die des jovialen und opportunistischen Theaterintendanten Walz in Andreas Dresens hochgelobtem "Wendefilm" und Spielfilm-Debüt "Stilles Land"3), ebenso wie die des pensionierten Kommissars Max Buttstädt in Roland Gräfs Krimikomödie "Die Spur des Bernsteinzimmers"1) (1992), der ersten gesamtdeutschen DEFA-Produktion. In Fred Noczynskis Kinderfilm "Die Sprache der Vögel"4) (1991; → film.at) mimte Kurt Böwe den Großvater, der gemeinsam mit dem fünfjährigen Enkel Thomas die Sprache der Vögel verstehen lernen will, wobei ihnen die "Vogelzwitschersprechmaschine" helfen soll. Als der geliebte Großvater stirbt, muss sich der kleine Junge auf seine Weise mit dem Tod auseinandersetzen. Zu Kurt Böwes letzten Arbeiten vor der Kamera zählt die Rolle des Onkel Hermann in Günther Meyers amüsantem, kindgerechten Fantasy-Abenteuer "Spuk aus der Gruft"1) (1998), welches die Brandenburger Sage um den "Ritter Kahlebutz" als Vorlage nahm. Nicht zu vergessen ist auch seine einfühlsame Moderation in der 7-teiligen TV-Dokumentation "Die Brandenburger Chronik eines Landes"5) (1998).
Neben seiner umfangreichen Arbeit für Theater, Film und Fernsehen machte sich Kurt Böwe auch mit mehr als 150 Hörspiel-Figuren einen Namen als herausragender Sprecher, hier wäre unter anderem Rentner Lodek (1976/1977) in "Grünstein-Variante"von Wolfgang Kohlhaase
1) als eine der wichtigen Rollen zu nennen → weitere Hörspiele bei Wikipedia; Eine Auswahl der in der ARD-Hörspieldatenbank aufgeführten Hörspiel-Produktionen mit Kurt Böwe findet man zudem hier am Ende des Artikels. Zahlreiche Plattenaufnahmen und CDs zeugen von Böwes einzigartigen Interpretationen → Auswahl Tonträger bei Wikipedia. Darüber hinaus begeisterte der Charakterdarsteller mit Lesungen, etwa mit Texten seines Lieblingsschriftstellers Theodor Fontane, immer wieder das Publikum.
  
Der große Theatermime, Komödiant und Literaturkenner Kurt Böwe starb am 14. Juni 2000 im Alter von 71 Jahren nach langer schwerer Krankheit in Berlin; die letzte Ruhe fand er auf dem Waldfriedhof in Krumbeck (Prignitz) → Foto der Grabstelle bei knerger.de. Anlässlich einer Trauerfeier am 21. Juni 2000 im "Deutschen Theater" Berlin würdigte der damalige Ministerpräsidenten Manfred Stolpe1) den "Mann aus der Prignitz" unter anderem mit den Worten "Scheinbare Gegensätze fallen auf: Er hat sich niemandem lieb Kind gemacht und war dennoch beliebt wie wenige. Er hatte Witz, blieb aber trocken, konnte grimmig und störrisch wirken. Die Menschen nahmen ihn als einen der Ihren, doch war er zurückhaltend und leise und drängte sich niemals auf. Er war schlau und hatte sich zugleich eine direkte und einfache Lebensart bewahrt. Er war Profi im besten Sinne, ein wahrer Könner, und dabei doch immer Autodidakt mit einem eigenen, beherzten, fast naiven Zugang zur Schauspielkunst. Man kannte ihn als "ganzen Kerl", als Mann mit Bodenhaftung, als standfeste Vaterfigur. Aber Kur  Böwe – das wird uns gerade im Rückblick klar – zeichnete ein empfindsames Gemüt aus, ein Gespür für Wahrhaftigkeit, das seinen Auftritten vor Publikum eine große Überzeugungskraft gab. Es war, als spielte er immer einen Teil seiner selbst. … Kurt Böwe war eine einzigartige Persönlichkeit. Sicher war er auch durch die DDR geprägt. Vor allem die Grundhaltung eines ganz aufrichtigen Antifaschismus und das Bekenntnis zu "Nie wieder Krieg!" gehören zu seiner Biografie. Jedoch war er am wenigsten ein Vertreter von Ideologien. Auch hat er sich nie zur staatlichen Ikone machen lassen. Er stand für sich allein. Er hat gegen den Strich gelebt. Auch nach der Wende erlaubte er sich Misstrauen und Skepsis."

Kurt Böwe war mit der Hörspiel-Dramaturgin Heidemarie Schönknecht1) verheiratet und lebte mit seiner Familie in Berlin-Lichtenberg; aus der Verbindung stammen vier Kinder. Die 1973 geborene jüngste Tochter Winnie Böwe1) trat in die Fußstapfen ihres Vaters und hat sich ebenfalls einen Namen als Schauspielerin, aber auch Opernsängerin gemacht hat. Die 1964 geborene Tochter Susanne Böwe1) ergriff ebenfalls den Beruf der Schauspielerin.

Während seiner langen Karriere wurde Kurt Böwe mehrfach für seine Leistungen ausgezeichnet: so erhielt er unter anderem 1969 den "Kunstpreis"1) und 1971 den "Nationalpreis"1) der ehemaligen DDR. 1995 veröffentlichte er in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Hans-Dieter Schütt seine Erinnerungen unter dem Titel "Der lange kurze Atem", in Anspielung auf seine Asthma-Erkrankung, die ihn seit Kindertagen begleitete. 

Einige Textbausteine des Kurzportraits stammen aus "Lexikon der DDR-Stars" (Ausgabe 1999, S. 33/34)
Siehe auch Wikipedia, defa-stiftung.de, www.film-zeit.de sowie
den Nachruf bei www.tagesspiegel.de
*) Henschel Theaterlexikon (Hrsg. C. Bernd Sucher; Henschel Verlag, 2010, S. 90)
Link: 1) Wikipedia, 2) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 3) filmportal.de, 4) fernsehenderddr.de, 5) fernsehserien.de
  
Filme
Filmografie bei der Internet Movie Database, filmportal.de
(Link: Wikipedia, defa-stiftung.de, filmportal.de, fernsehenderddr.den fernsehserien.de)
Kinofilme Fernsehen (Auszug)
  
Hörspielproduktionen (Auszug)
(Link: ARD-Hörspieldatenbank (mit Datum der Erstausstrahlung), Wikipedia) 
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