Wirken am Theater (Auszug) / Filmografie / Hörspiel
Traugott Buhre; Copyright Arno Declair Der Schauspieler Traugott Buhre wurde am 21. Juni 1929 als Sohn eines Pastors im ostpreußischen Insterburg1) (heute: Tschernjachowsk, Nordwestrussland) geboren und verbrachte auch dort seine Kindheit; nach der Scheidung seiner Eltern wuchs er bei seiner Mutter auf. Gegen Ende des 2. Weltkrieges kam er mit ihr als Flüchtling in die Lüneburger Heide, verdiente sich zunächst mit Arbeiten bei einem Bauern seinen Lebensunterhalt. Der Sartre und Kierkegaard-Liebhaber entschied sich bald für eine schauspielerische Laufbahn, begann Ende der 1940er Jahre eine Ausbildung an der "Hochschule für Musik und Theater"1) in Hannover. Seine Karriere begann zunächst als Beleuchter und Kleindarsteller bei einer Wanderbühne, dann sammelte er an verschiedenen Provinzbühnen weitere Erfahrungen bis er schließlich über Karlsruhe, Bremen, Köln, Stuttgart, Frankfurt, Bochum und Hamburg an das Wiener "Burgtheater"1) kam. Hier konnte er dann endlich mit der Rolle des Galomir in Grillparzers "Weh dem, der lügt"1) seine schauspielerisch-vielschichtige Kraft beweisen, rasch avancierte er am Theater zu einem bedeutenden Darsteller und spielte an fast allen großen deutschsprachigen Bühnen sowie bei den "Salzburger Festspielen"1).
Zu Buhres Repertoire zählten die klassischen Figuren der Weltliteratur ebenso wie Rollen in modernen Stücken, während seiner langen Karriere arbeitete er vor allem mit so renommierten Regisseuren wie Peter Palitzsch1), Claus Peymann1) und Andrea Breth1) zusammen. So feierte er unter anderem als Lessings "Nathan der Weise"1), Goethes "Faust"1), als Dorfrichter Adam in Kleists "Der zerbrochne Krug"1) oder als Prospero in Shakespeares "Der Sturm"1) ebenso Triumphe wie als Gutsbesitzer Puntila in Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti"1), als Wladimir in "Warten auf Godot"1) von Samuel Beckett1), als Moritz Meister in der Uraufführung von Thomas Bernhards1) "Über allen Gipfeln ist Ruh" oder als Sergeant John Johnson in der Kriminaltragödie "Diese Geschichte von Ihnen" von John Hopkins – um einiges zu nennen.
 
Foto mit freundlicher Genehmigung des Schauspielhauses Bochum
Das Copyright liegt bei Arno Declair.
In der Hauptrolle des Blinden in Peter Turrinis1) "Alpenglühen" (UA: 17.02.1993, "Burgtheater") beeindruckte Traugott Buhre ebenso wie in Uraufführungen der Stücke von Peter Weiss1), ("Hölderlin", UA: 18.09.1971), Gerlind Reinshagen1) ("Das Frühlingsfest", UA: 09.05.1980), Elfriede Jelinek1) ("Raststätte oder Sie machens alle", UA: 05.11.1994) und Franz Xaver Kroetz1) ("Das Ende der Paarung", UA: 05.02.2000). Kongenial waren seine Gestaltungen in Werken von Thomas Bernhard1), in insgesamt sieben Uraufführungen war er zu sehen. Mit der Titelfigur des abgetakelten Staatsschauspielers Bruscon in Bernhards "Der Theatermacher"1) wurde Buhre 1985 in einer ersten Inszenierung von Claus Peymann bei den "Salzburger Festspielen" berühmt, eine Rolle, die dem Schauspieler auf den Leib geschrieben zu sein schien und die er 2004 auch anlässlich seines 75. Geburtstages am "Berliner Ensemble"1) interpretierte; die 151. und letzte Vorstellung fand dort 2005 statt: Der besessene Schauspieler Bruscon zieht in der Geschichte mit seiner selbstverfassten Weltkomödie durch die hintersten Dörfer, schikaniert seine Familie und richtet sich an seiner vermeintlichen Genialität auf. Seit 2003 konnte man Traugott Buhre, den die FAZ zu den "imposantesten Figuren des deutschen Theaters" zählt, am "Schauspielhaus Bochum"1) zudem als "Newton" in Friedrich Dürrenmatts "Die Physiker"1) bewundern, an der Seite von Margit Carstensen als  Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd → Übersicht (Auszug) Wirken am Theater.

Traugott Buhre als Faust in Johann Wolfgang von Goethes "Faust I"1)
Das Foto wurden mir freundlicherweise von der Fotografin Virginia Shue (Hamburg)
zur Verfügung gestellt. Das Copyright liegt bei Virginia Shue.

Traugott Buhre in FAUST I; Copyright Virginia Shue
Der Theaterkritiker Georg Hensel1) nannte Buhre in der FAZ (21.06.1989) ein "empfindsames Ungeheuer" und schrieb: "In Köln war er noch eine zage Hoffnung, in Stuttgart und Frankfurt a. M. schon ein großes Versprechen, und in Bochum und Hamburg drang er in die erste Reihe der deutschen Schauspieler vor. Früher hätte man ihn, seiner Statur nach, im Fach der schweren Helden untergebracht. Großgemacht hat ihn jedoch seine Empfindsamkeit. Auch seine Ungeheuer leiden unter einer verletzlichen Seele, und wenn es die Rolle verlangt, macht er seinen schweren Heldenkörper klein: mit einer Stimme auf Zehenspitzen."2)
Als Rezitator, so unter anderem mit Lesungen der Lyrik des "großen Säufers" Dylan Thomas1), faszinierte Traugott Buhre ebenfalls immer wieder das Publikum. Im Rahmen der "Bibliothek der Erzähler", einer seit Herbst 2006 von der "Süddeutschen Zeitung" herausgegebenen 10-teiligen Hörbuch-Edition, erschien die Novelle "Erste Liebe"1) von Iwan Turgenew1), herausragen gelesen von Traugott Buhre. Zu nennen ist auch das 2006 publizierte Hörbuch "Jossel Rakovers Wendung zu Gott"1), ein Monolog von Zvi Kolitz1): "Traugott Buhre liest sie so unaufdringlich seelenvoll, dass sie jeden Hörer erreicht – auch die ohne religiöse Legitimation" (Berliner Zeitung, 18.1.2007). Wiederholt stand der Charakterdarsteller seit den 1960er Jahren im Hörspielstudio, eine Auswahl der bei der ARD Hörspieldatenbank gelisteten Produktionen findet man hier.
  
Zum Fernsehen kam der Schauspieler ebenfalls in den 1960er Jahren und war seither neben seiner umfangreichen Arbeit für das Theater vor allem in den letzten Jahren in interessanten Rollen zu sehen. Man erlebte ihn in beliebten Krimis wie "Der Kommissar" "Derrick", "Siska", "Ein Starkes Team", "Rosa Roth" oder "Tatort", aber auch in leichten TV-Filmen wie "Rosamunde Pilcher – Wilder Thymian" (1994) oder Carlo Rolas Komödie "Peanuts – Die Bank zahlt alles"1) (1996). In Wolfgang Menges Satire "Spreebogen" beispielsweise mimte er 1995 den Finanzier Leopold Wirthgen, in der Gaunerkomödie "Drei Gauner, ein Baby und die Liebe" (1999) spielte er an der Seite von Harald Juhnke den Max und in Julian Pölslers Kriminaldrama "Blumen für Polt"1) (2001) zeigte er sich als Professor Wehdorn. In dem Zweiteiler "
Schöne Witwen küssen besser"1) (2004) präsentierte er sich als Vaters der stadtbekannten Betrügerin Corinna Herrmann (Iris Berben).
Auf der Leinwand erlebte man Traugott Buhre in Produktionen wie "Is was, Kanzler?"1) (1983)" und "Winckelmanns Reisen"3) (1990), in "Nichts als die Wahrheit"1) (1999), einem hypothetischen Szenario über den von Götz George dargestellten KZ-Arzt und Massenmörder Josef Mengele1), trat er als Zeuge Dabrowski in Erscheinung. In dem spannenden Thriller "Anatomie"1) (2000) war er der Heidelberger Professor Grombeck, bei dem die Titelheldin und Medizinstudentin Paula (Franka Potente1)) einen Elitekurs besucht. Zu seinen weiteren Arbeiten für das Kino zählten Carlo Rolas Gangsterdrama "Sass"1) (2001) über die Einbrecher-Brüder Sass1) und seine Rolle des Polizeipräsidenten Karl Zörgiebel1), Zoltan Spirandellis Road-Movie "Vaya con Dios"1) (2002), wo er den Abt Stefan mimte, sowie der Part eines alten Mannes in Michael Hofmanns Drama "Sophiiiie!"1) (2002) → Übersicht Filmografie.
   
Traugott Buhre starb in der Nacht vom 26. Juli 2009 im Alter von 80 Jahren nach schwerer Krankheit in Dortmund. Bereits zwei Wochen zuvor hatte der Künstler aus gesundheitlichen Gründen eine Lesung sowie seine Rolle in Andrea Breths neuerlichen Inszenierung von Kleists "Der zerbrochne Krug" absagen müssen; die letzte Ruhe fand er auf dem Berliner Friedhof Lichterfelde1) in Berlin-Steglitz1) → Foto der Grabstelle bei knerger.de sowie Wikimedia Commons.
"Gefeiert als der "König der Käuze" (SZ) und als die "wahrhaft große Natürlichkeitsbegabung" (FAZ)" schrieb Christine Dössel in einem Nachruf bei www.sueddeutsche.de, und meinte weiter "Der Schauspieler Traugott Buhre war einer der großen Charakterdarsteller des deutschsprachigen Theaters – nicht als chamäleonartiger Verwandlungskünstler, sondern als imposante Erscheinung, die ihre Kraft aus sich selber schöpfte: aus seiner inneren Autorität. Buhre war nie einer, der sich produzierte oder exponierte. Das hatte dieser starke, stämmige Mann mit den weichen, fleischigen Zügen gar nicht nötig. Oftmals schwieg er auf der Bühne nur, saß da mit der ganzen Gewichtigkeit seiner Person und ließ einfach nur seinen Körper und seinen Blick sprechen – oder besser gesagt: stechen. Denn ein Stachel war dieser Schauspieler immer: ein Stachel im Getriebe der Welt. (…) Mit ihm verliert das deutschsprachige Theater den sanftesten Hünen der Schauspielkunst."
Bei WELT ONLINE bezeichnete Kai Luehrs-Kaiser1) den Schauspieler in seinem Nachruf als "zartfühlendes Kraftpaket", der auch dem Bösen eine joviale Seite abgewinnen konnte: Er war der kindlich Wonnigste unter den Schauspiel-Berserkern. Der Launischste, Unberechenbarste unter den Gutmenschen westdeutscher Regie. Ein scheinbar weicher Fels in politischer Brandung. Traugott Buhre war da wunderbar, wo der Gegensatz von weicher Schale und hartem Kern, von Lebenskonzepten, unter denen der Zweifel lockt, oder von Skeptikern, die doch tapfer ihren Mann stehen, nach einem Schauspieler verlangt. Ein zartfühlendes Kraftpaket, virtuos, aufbrausend und dabei stets tief religiös. (…) Am Hamburger Thalia-Theater spielte Buhre (an der Seite von Boy Goberts eitlem Mephisto) beide Teile des "Faust" (1979). Lessings stapfender Nathan (Bochum 1981) und Shakespeares tragisch launischer König Leontes im "Wintermärchen" (1984) waren Höhepunkte einer Karriere, in die Buhre, wie er stets meinte, mehr so hereingerutscht sei.
 
Traugott Buhre als "Faust" in Johann Wolfgang von Goethes "Faust I" 
mit Boy Gobert als "Mephisto" und Maria Hartmann1) als "Gretchen"
Regie: Hans Hollmann1), "Thalia Theater"1) Hamburg, 1980
Die Fotos wurden mir freundlicherweise von der Fotografin Virginia Shue (Hamburg) 
zur Verfügung gestellt. Das Copyright liegt bei Virginia Shue.
Traugott Buhre und Boy Gobert in FAUST I (Bild 1); Copyright Virginia Shue Traugott Buhre und Maria Hartmann in FAUST I; Copyright Virginia Shue  Traugott Buhre und Boy Gobert in FAUST I (Bild 2); Copyright Virginia Shue
Traugott Buhre in FAUST I (Bild 1); Copyright Virginia Shue Traugott Buhre in FAUST I (Bild 2); Copyright Virginia Shue Traugott Buhre in FAUST I (Bild 3); Copyright Virginia Shue
  
Die Presse würdigte Buhres schauspielerische Leistungen auf vielfältige Weise, "Federleichtes Schwergewicht" titelte die F.A.Z., "Bühnen-Ekstatiker" nannte ihn Brita Jannssen in der "Westdeutschen Zeitung", "faszinierend durch Wahrhaftigkeit in seiner einfühlsamen Darstellung vielschichtiger, oft widersprüchlicher Charaktere. Mal wortgewaltig und laut, dann grüblerisch und flüsternd fast. Der Künstler mit dem massigen Körper und dem fleischigen, staunenden Gesicht war Mahner und Suchender, Philosoph und – wie er selber einmal sagte – ein "Egozentriker". Einer der "letzten wahren Tragöden" stand in "Der Tagesspiegel" zu lesen, Buhre sei ein Typ gewesen, "wie es ihn heute kaum noch gibt, fast urviechhaft, ein Dino des alten Theaters der so genannten "schweren Männer". Aber einer, der in seiner dicken Haut ganz nervenzart und schwebend werden konnte – und daher gar nicht an irgendeinem alten, dröhnenden, charakterfachlichen Schubladentheater hing. Für das "Hamburger Abendblatt" beherrschte Buhre "die ganze Spannbreite der menschlichen Natur – vom großmütigen Kind bis zum verbissenen Tyrannen. Seine Auftritte – oft bescheiden zurückgenommen, dann wieder sich unverschämt an der Rampe in Szene setzend – wurden stets zum Ereignis." Das Geheimnis seiner charismatischen Bühnenkunst hat Traugott Buhre einmal in einem Interview preisgegeben: "Auf der Bühne bin ich mir ständig des Spielens bewusst. Genau das macht für mich den Lustvorgang aus: Aus sich herauszugehen und trotzdem selbst zu bleiben."
 
Zuletzt stand der brillante Charakterschauspieler im Juni 2009 am "Zürcher Schauspielhaus" als der Admiral in dem Thomas Bernhard-Stück "Immanuel Kant"1) auf der Bühne, einer Inszenierung von Matthias Hartmann1) mit Michael Maertens1) als Kant. Im Rahmen der "Ruhrtriennale"1) (15.08.–11.10.2009) hätte er noch einmal in der von Andrea Breth für September angesetzten Inszenierung von "Der zerbrochne Krug" als Büttel auftreten sollen, musste jedoch wegen gesundheitlicher Probleme absagen. Seine letzten TV-Rollen hatte Buhre in der "Tatort"-Folge "Krumme Hunde"1) (EA: 18.05.2008) neben dem Ermittler-Team aus Münster, gespielt von Axel Prahl1) (KHK Frank Thiel) und Jan Josef Liefers1) (Prof. Karl-Friedrich Boerne), als Boernes Onkel Rudolf, sowie als Martin Grünwald in dem erst nach seinem Tod am 8. Februar 2010 ausgestrahlten Thriller "Die Toten vom Schwarzwald"4) mit Nadja Uhl1) und Heino Ferch1).

Seit 1971 war er der Vater von sieben Kindern in zweiter Ehe mit seiner Kollegin Brigitte Buhre (geborene Graf) verheiratet → brigittebuhre.de. 1971 kam bei dem Versuch seiner ersten Ehefrau, sich und die drei gemeinsamen Kinder zu töten, eine seiner Töchter ums Leben.5) Über das Privatleben des Schauspielers, der ungern in der Öffentlichkeit von sich reden machte, ist wenig bekannt; lediglich so viel, dass Traugott Buhre Zuhause eine Tischlerwerkstatt besaß und in seiner knapp bemessenen Freizeit Möbel baute. 

Siehe auch Wikipedia, www.whoswho.de, filmportal.de
Fremde Links: 1) Wikipedia, 3) filmportal.de, 4) tittelbach.tv
Quellen: 2) "Henschel Theaterlexikon" (Hrsg. C. Bernd Sucher (Henschel Verlag, 2010, S.  119/120),  5) www.welt.de
  
Arbeiten für das Theater (Auswahl)
Quelle (u.a.): "Henschel Theaterlexikon"
(Hrsg. C. Bernd Sucher; Henschel Verlag, 2010, S.  119/120)
(Fremde Links: Wikipedia; R = Regie, UA = Uraufführung, DE = Deutschsprachige Erstaufführung, P = Premiere)
"Theater Bremen" "Staatstheater Stuttgart" "Thalia Theater", Hamburg" "Schauspielhaus Bochum" "Schauspiel Köln" "Salzburger Festspiele" "Burgtheater", Wien "Schaubühne am Lehniner Platz", Berlin "Bayerisches Staatsschauspiel", München "Berliner Ensemble" "Deutsches Schauspielhaus", Hamburg "Schauspielhaus Zürich"
  
Filme
Filmografie bei der Internet Movie Database sowie filmportal.de
(Fremde Links: filmportal.de, Wikipedia, Die Krimihomepage,
deutsches-filmhaus.de, weltbuehne-lesen.de, tittelbach.tv)
Kinofilme Fernsehen (Auszug)
Hörspielproduktionen (Auszug)
(Fremde Links: ARD-Hörspieldatenbank (mit Datum der Erstausstrahlung), Wikipedia)

    
Traugott Buhre spricht den in Löwis, Besitzer eines exklusiven Privatzoos, in "Ein genialer Hund oder Der Sprechapparat" von Ingomar von Kieseritzky (EA: 24.01.2009); Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom WDR; (Presse und Information, Redaktion Bild); Copyright WDR/Sibylle Anneck
Traugott Buhre spricht den in Löwis, Besitzer eines exklusiven Privatzoos,
in "Ein genialer Hund oder Der Sprechapparat"
von Ingomar von Kieseritzky (EA: 24.01.2009)
Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom WDR
(Presse und Information, Redaktion Bild) © WDR/Sibylle Anneck
  
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