Kurt Gerron wurde am 11. Mai 1897 als Sohn jüdischer Eltern bzw. einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie in Berlin geboren. Schon kurz nach dem Abitur während des l. Weltkrieg als Frontsoldat eingezogen, musste Gerron seine Pläne, Medizin zu studieren, vorerst hinten anstellen. Schwer verwundet konnte er die Armee zunächst als "kampfuntauglich" verlassen und begann die Ausbildung. Nach dem verkürzten Studium bzw. seinem Abschluss wurde er wieder eingezogen – diesmal als Lazarettarzt.
Nach Ende des 1. Weltkrieges gab Gerron seinen Beruf als Arzt auf und wandte sich der Schauspielerei zu. Er wirkte zwischen 1920 und 1925 an den Berliner "Reinhardt-Bühnen"1), war später als Sänger und Schauspieler auch an anderen Theatern tätig, arbeitete mit Siegfried Arno2) (1895 – 1975) für das Kabarett und trat in Revuen auf; ab 1930 trat er auch mit Theaterinszenierungen in Erscheinung. 1928 sang er in Berlin den Mackie-Messer-Song "Und der Haifisch, der hat Zähne und die trägt er im Gesicht" aus der "Dreigroschenoper" und wurde damit schlagartig berühmt, fortan ging seine Karriere steil aufwärts.
Kurt Gerron (rechts) mit Siegfried Arno (1895 – 1975) im März 1931 bei einer bei Kochkunstausstellung; Quelle: Deutsches Bundesarchiv, Digitale Bilddatenbank, Bild 102-11401; Fotograf: unbekannt / Datierung: März 1931 / Lizenz CC-BY-SA 3.0.

Foto: Kurt Gerron (rechts) mit Siegfried Arno im März 1931 bei einer bei Kochkunstausstellung
Historische Originalbeschreibung: Prominente Bühnen- und Filmschauspieler als Kochkünstler auf der Kochkunstausstellung am Kaiserdamm! Der bekannte Bühnenkünstler Kurt Gerron lässt Siegfried Arno von seinem selbstzubereiteten Essen kosten.
 
Quelle: Deutsches Bundesarchiv, Digitale Bilddatenbank, Bild 102-11401;
Fotograf: unbekannt / Datierung: März 1931 / Lizenz CC-BY-SA 3.0.
Genehmigung des Bundesarchivs zur Veröffentlichung innerhalb
dieser Webpräsenz wurde am 11.10.2010 erteilt.
Originalfoto und Beschreibung:
Deutsches Bundesarchiv Bild 102-11401 bzw. Wikimedia Commons

Seit Anfang der 1920er Jahre stand Gerron mit profilierten Nebenrollen in zahlreichen UFA-Komödien vor der Filmkamera. Durch seine Kriegsverletzung, die eine Drüsenfunktionsstörung nach sich zog, litt er an zunehmendem Übergewicht; seine dadurch massige, derb bis grotesk wirkende körperliche Erscheinung trug maßgeblich dazu bei, dass er zu seinem Leidwesen praktisch nur für undurchsichtige oder fragwürdige Charaktere besetzt wurde.3)
Sein Leinwanddebüt hatte er in dem Stummfilm "Spuk auf Schloß Kitay" (1920) gegeben. Häufig drehte er unter der Regie von Richard Oswald wie beispielsweise "Halbseide" (1925), "Vorderhaus und Hinterhaus" (1925), "Im weißen Rößl" (1926), "Gehetzte Frauen" (1927), "Feme" (1927) oder "Dr. Bessels Verwandlung" (1927). Unter der Regie von Michael Curtiz spielte er in "Der Goldene Schmetterling" (1926), Georg Wilhelm Pabst übertrug ihm die Rolle des Dr. Vitalis in "Das Tagebuch einer Verlorenen"1) (1929) sowie einen kleineren Part in "Die Weiße Hölle vom Piz Palü"1) (1929). Wiederholt bildete der schwergewichtige Kurt Gerron zusammen mit dem schmalen, schlaksigen Siegfried Arno ein Komiker-Team: Als "Beef und Steak" kreierten sie unter anderem mit "Wir halten fest und treu zusammen" (1929) und "Aufruhr im Junggesellenheim" (1929) deutsche Film-Grotesken, die bei der Kritik allerdings nicht die erhoffte Resonanz fanden. Zu Gerrons weiteren Stummfilmen zählen unter anderem, zusammen mit Siegfried Arno, der Wachtmeister Knöppke in "Der Soldat der Marie" (1926) nach Leo Aschers gleichnamigen Operette, und der Krimi "Der Große Unbekannte"1) (1927). Mit Brigitte Helm zeigte er sich in "Die Yacht der sieben Sünden" (1928), sein letzter Stummfilm war die halbdokumentarische Collage "Menschen am Sonntag"1) (1930) und auch im Tonfilm konnte er seine Karriere als Schauspieler erfolgreich fortsetzen.
 
In Josef von Sternbergs legendärer Charakterstudie "Der Blaue Engel"1) (1930) präsentierte sich Gerron in seiner wohl berühmtesten Rolle, als Varietédirektor bzw. Zauberkünstler Kiepert an der Seite von Emil Jannings und Marlene Dietrich, in Wilhelm Thieles Klassiker "Die Drei von der Tankstelle"1) konnte er 1930 alsr Dr. Kalmus neben Lillian Harvey, Willy Fritsch, Heinz Rühmann und Oscar Karlweis glänzen. In Willi Wolffs "Die Marquise von Pompadour" (1930) mimte er Ludwig XV., einen Bankpräsidenten in "Man braucht kein Geld"1) (1931) neben Heinz Rühmann und Hans Moser und mit Karl Ludwig Diehl, mit Richard Romanowsky sowie Magda Schneider spielte er in "Zwei in einem Auto" (1932).
Seit 1926 hatte Gerron auch hinter der Kamera gestanden, drehte erfolgreiche Filme wie beispielsweise "Der Stumme von Portici" (1931) mit Siegfried Arno, "Meine Frau, die Hochstaplerin"1) (1931) mit Heinz Rühmann und Käthe von Nagy, "Es wird schon wieder besser"1) (1932) mit Heinz Rühmann und Dolly Haas, "Der Weiße Dämon" (1932) und "Heut kommt's drauf an" (1933) mit Hans Albers oder "Kind, ich freu' mich auf Dein Kommen" (1933) mit Magda Schneider und Wolf Albach-Retty.
 
Kurz vor der Machtübernahme durch die Nazis emigrierte Kurt Gerron im April 1933 zusammen mit seinen Eltern und seiner Frau Olga nach Paris, wo er weiter Filmregie führte, über Österreich und Italien kam er im Oktober 1935 nach Holland. Nach dem Überfall der Niederlande durch die Deutsche Wehrmacht leitete er 1940 das jüdische Theater "Joodsche Schouwburg" in Amsterdam, an dem auch andere deutsche Emigranten wirken. Angebote von Freunden wie Peter Lorre und Marlene Dietrich, ihm bei der Ausreise in die USA behilflich zu sein, hatte er ausgeschlagen. Im September 1943 wurde er von der SS verhaftet und über das holländische Durchgangslager Westerbork1) Ende Februar 1944 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Dort leitete er das Ghetto-Kabarett "Karussell", wurde im August 1944 gezwungen, einen pseudo-dokumentarischen Propagandafilm für die neutralen Beobachter, wie etwa das "Rote Kreuz", sowie die Weltöffentlichkeit zu drehen, der das KZ als lebenswertes Ghetto zeigte, mit dem das Nazi-Regime dem Vorwurf entgegenwirken wollten, in den Konzentrationslagern würden Juden ermordet. Es entstand ein potemkinsches Dorf mit Einrichtungen wie Kaffeehaus, Poststelle, Bank, Bibliothek, Krankenhaus, öffentliches Bad, Kinderspielplatz und Parkanlagen, wo die Einwohner ein angeblich idyllisches und sorgenfreies Leben führten. Lange Zeit galt der Film als verschollen, 1964 wurde im Prager Filmarchiv ein fünfzehnminütiges Fragment gefunden.
Gerrons Hoffnung, durch diese Arbeit sein Leben, seine Familie und Mitwirkende zu retten, ging nicht in Erfüllung. Nach Ende der Dreharbeiten des Pseudo-Dokumentarfilms "Theresienstadt"1) im September 1944, auch bekannt unter dem Titel "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt", wurde der Künstler nach Auschwitz verbracht, wo er am 28. Oktober 1944 – ebenso wie alle anderen am Film Beteiligten – in der Gaskammer von den Nazi-Schergen ermordet wurde.
Einige Überlebende kreideten Gerron seine Mitwirkung an diesem Propagandafilm an, andere, vor allem solche, die er durch Besetzung für den Film vor der Deportation nach Auschwitz zu retten suchte, zeigten Verständnis für seine Pseudo-Kollaboration. Gerron selbst scheint geglaubt zu haben, dass ihn einzig seine Theater- und Filmkompetenz und seine bereitwillige Mitwirkung an diesem Film davor bewahren könnte, von den Nazis ermordet zu werden.3)

Der Schauspieler und Regisseur Kurt Gerron besaß ein musikalisch-komödiantisches Talent, das er vor allem mit Siegfried Arno als "Beef und Steak" austobte. Seine wuchtige Erscheinung prädestinierte ihn im Kino für dominante, autoritäre Rollen, für Ringkämpfer, Boxer, Stapelarbeiter, er verfeinerte sie mit tragikomischer Verschmitztheit wie als Zauberer in "Der blaue Engel" und ließ den vergeblichen Lebensentwurf eines Empfindsamen in falscher äußerer Hülle erkennen. Sein tragisches Lebensschicksal machte dies noch deutlicher.4)
 
1998 drehte Ilona Zodek unter anderem mit Ute Lemper, Ben Becker und Bente Kahan die mehrfach preisgekrönte Dokumentation "Kurt Gerrons Karussell", in der sie die Karriere des Regisseurs, Kabarettisten und Schauspielers Kurt Gerron in Zeitzeugenberichten, Spielfilmsequenzen und Chansons, unter anderem interpretiert von Max Raabe, würdigt und porträtiert; mehr www.filmportal.de und www.filmzentrale.com.
Von Malcolm Clarke und Stuart Sender stammt die Dokumentation "Kurt Gerron – Gefangen im Paradies"1) aus dem Jahre 2002, die jedoch von den Kritikern ambivalent beurteilt wurde.
Der Schweizer Drehbuchautor und Schriftsteller Charles Lewinsky1) veröffentlichte Ende August 2011 den Tatsachenroman "Gerron". "Charles Lewinsky erzählt die faktenreiche und doch erfundene Biographie des Schauspielers Kurt Gerron, der dem Holocaust zum Opfer fiel – ein literarisch brillanter und berührender Roman." heißt es auf der Website der "Hanser Verlage".

Siehe auch Wikipedia 
Fotos bei film.virtual-history.com
Link: 1) Wikipedia, 2) Kurzportrait innerhalb dieser HP
Quelle: 3) Wikipedia (abgerufen 27.09.2011), 4) "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf  Heinzelmeier/Berndt Schulz, Ausgabe 2000, S. 122
  
Filmografie
Siehe auch
Internet Movie Database
(Link: Murnau Stiftung, Wikipedia, filmportal.de)
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Als Darsteller – Tonfilme

Als Regisseur:
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