Die ältere Generation erinnert sich ohne Zweifel an den Charakterkomiker Theo Lingen1) (1903 – 1978), der mit seiner unverwechselbaren Kunst Filmgeschichte geschrieben hat. Dessen am 9. Februar 19292) in Berlin geborene einzige Tochter Ursula Lingen (Geburtsname: Ursula Schmitz) aus der Ehe mit der Schauspielerin und Opernsängerin Marianne Zoff3) (1893 –1984) trat in die Fußstapfen ihrer Eltern und ergriff ebenfalls den Schauspielerberuf. Aufgewachsen mit ihrer Halbschwester, der späteren Schauspielerin Hanne Hiob1) (1923 – 2009) aus der ersten Ehe ihrer Mutter mit dem Dramatiker Bertolt Brecht3) (1898 – 1956) zunächst in Berlin, besuchte sie seit dem Umzug nach Wien (1944) ein dortiges Gymnasium und nahm dann umfassenden Schauspielunterricht. Nach ersten Rollen bei österreichischen Tourneetheatern, erhielt Ursula Lingen 1947 ein erstes festes Engagement am Wiener "Volkstheater"3). Es folgten Verpflichtungen an dem "Neuen Theater in der Scala Wien"3) (1948–1950) sowie bis 1958 an verschiedenen Berliner Bühnen wie der "Komödie", dem "Theater am Kurfürstendamm" und dem "Renaissance-Theater". Danach wirkte Ursula Lingen vornehmlich in München, zunächst an den "Kammerspielen"3), trat in Inszenierungen von Hans Lietzau3) und Hans Schweikart3) auf. Mit Unterbrechungen spielte sie anschließend bis Mitte der 1980er Jahre am "Bayerischen Staatsschauspiel"3), wo ihr Ehemann, der Schauspieler und Regisseur Kurt Meisel1) (1912 – 1994) seit 1960 kurze Zeit als Oberspielleiter sowie zwischen 1972 bis 1983 als Intendant tätig war.
Ursula Lingen glänzte in diversen Inszenierungen ihres Mannes, beispielsweise als Genia Hofreiter in Arthur Schnitzlers Tragikomödie "Das weite Land"3) (1974), als Ehefrau Emma in Harold Pinters3) Ehebruchstück "Betrogen" (1979), als Königin Elisabeth in Schillers Drama "Maria Stuart"3) (1981), als Schauspielerin in Schnitzlers "Reigen"3) (1982; → www.zeit.de) oder als Beatrice in der Shakespeare-Komödie "Viel Lärm um nichts"3) (1983).
 
Zu Ursula Lingens breit gefächertem Rollenrepertoire zählte unter anderem die Célimène in Molières Komödie "Der Menschenfeind"3) (1975), die Paula Tax in Peter Handkes Theaterstück "Die Unvernünftigen sterben aus"3) (1975) und die Gräfin Almaviva in "Der tolle Tag oder die Hochzeit des Figaro"3) (1976) von Beaumarchais. Mit dem weltberühmten Ingmar Bergman3) erarbeitete sie am "Residenztheater" die Figur der Olga in Anton Tschechows Drama "Drei Schwestern"3) (1978), mit Leopold Lindtberg3) die Helena in Goethes Tragödie "Faust II"3) (1979), mit Klaus Löwitsch1) die Mutter in Eugene O'Neills Drama "Trauer muss Elektra tragen"3) (1982). In München gestaltete sie überdies die Lady Macbeth in dem Shakespeare-Drama "Macbeth"3) und die Klytaimnestra in der "Orestie"3) von Aischylos, Gastspiele führten die Charaktermimin immer wieder nach Wien an das "Theater in der Josefstadt" und an das "Volkstheater".
Anfang der 1970er Jahre arbeitete sie zudem fünf Jahre lang bei Boy Gobert1) am Hamburger "Thalia Theater"3), feierte beispielsweise Erfolge als Hesione Hushabye in der Komödie "Haus Herzenstod" (1971, OT: "Heartbreak House"4)) von George Bernard Shaw3), als Gräfin Geschwitz in Frank Wedekinds3) Drama "Lulu" (1971) oder als Anna in Harold Pinters "Alte Zeiten" (1972) So schrieb DIE ZEIT (05.05.1972) unter anderem zu ihrer Rolle in dem Pinter-Stück: "Daß es Ursula Lingen am schwersten hatte, kommt sicher daher, daß ihr jene Pinter-spezifische Mischung aus glatter gesellschaftlichen Rolle und psychischer Vieldeutigkeit (die sich gegen die Rollenfixierung mehr und mehr sperrt) eigentlich fehlt. Um so erstaunlicher war, wie Frau Lingen sich in das Dreieck immer bedrängender einfügte, ohne bühnenhaft zu "drücken"."
 
Zwischen 1984 und 1990 band sich die Schauspielerin nicht fest an ein Haus, arbeitete freischaffend und trat in verschiedenen Tournee-Inszenierungen in Erscheinung. Zur Spielzeit 1990/91 übernahm sie als Nachfolgerin von Ida Ehre1) (1900 – 1989) kurzzeitig die Leitung der "Hamburger Kammerspiele"3). Trotz künstlerischer Erfolge als Intendantin konnte sie die Überschuldung und den Konkurs der Bühne nicht aufhalten; am 16. Juli 1991 trat sie als Direktorin zurück, stand danach nur noch gelegentlich auf der Bühne.*) Zuletzt war sie ab Mai 2003 am Wiener "Burgtheater" als Partnerin von Michael Heltau1) in dem Zwei-Personen-Stück "Love Letters" des amerikanischen Dramatikers Albert Ramsdell Gurney zu sehen gewesen.
Ursula Lingen spielte im Laufe ihrer Karriere an den renommierten deutschsprachigen Theatern, auch bei den Salzburger Festspielen konnte man sie bewundern. Hier interpretierte sie im Sommer 1968 die Antoinette Hechingen in Rudolf Steinboecks Inszenierung von Hugo von Hofmannsthals Lustspiel "Der Schwierige"3), an der Seite so populärer Kollegen wie O. W. Fischer1) (Hans Karl Bühl), Susi Nicoletti1) (Crescene), Peter Weck1) (Stani), Gerlinde Locker1) (Helene Altenwyl) und Erik Frey1) (Altenwyl).
 
Die filmische Karriere der damals 18-jährigen Ursula Lingen begann mit der satirischen Komödie "Hin und her"5) (1947), von Vater Theo Lingen mit sich selbst in Szene gesetzt – Tochter Ursula mimte die Prinzessin Marina von Lappalien, die schließlich in René (O. W. Fischer), Sohn des Präsidenten von Bagatello (Fritz Eckhardt), ihr Glück findet. Sporadisch folgten weitere Rollen, nach Eduard von Borsodys Heimatfilm "Bergwasser" (1949, auch "Angela" wurde sie von Josef von Báky in der Tragikomödie "Die seltsame Geschichte des Brandner Kaspar"3) (1949) besetzt und konnte als junge, tragisch endende Sennerin Mena neben den Protagonisten Carl Wery (Kaspar Brandner) und Paul Hörbiger (Tod) überzeugen. In dem eher zu vernachlässigendem Revue-Film "Johannes und die 13 Schönheitsköniginnen"5) (1951) tauchte sie an der Seite der Publikumslieblinge Sonja Ziemann und Rudolf Prack mit der Nebenrolle der "Miss Spanien" Ramona auf, in der Robert Stolz-Operettenadaption "Tanz ins Glück" (1951) neben Johannes Heesters als rassige Inez Cavalcante und als Rita Carsten in Harald Brauns Gottfried Keller Verfilmung bzw. dem Melodram "Regine"3) (1956) mit Johanna Matz in der Titelrolle. Erik Odes Komödie "Kann ein Mann sooo treu sein…" (1956), ein Remake des Rühmann-Kassenschlagers "Der Mustergatte"3) aus dem Jahre 1937, mit Harald Juhnke, Inge Egger und Theo Lingen sollte ihre letzte Arbeit in einer Kinoproduktion bleiben.
 
Dafür war ihre Arbeit für das Fernsehen um so intensiver, ihre Domäne waren oft tiefsinninnige Frauenfiguren in Literaturverfilmungen, aber später auch prägnante Episodenrollen in den populären Krimiserien "Der Kommissar", "Der Alte" und "Derrick". Erstmals hatte sich Ursula Lingen in dem noch live ausgestrahlten Rate-Krimi "Signale aus dem Äther"6) (1953) auf dem Bildschirm gezeigt, einer als "Fernsehspiel für Kriminalisten" gekennzeichneten NWDR-Reihe nach einem Drehbuch von Kurt Paqué, in der die Tätersuche dem Zuschauer überlassen bzw. die Auflösung zu einem späteren Termin gesendet wurde. In dem von Hans Lietzau in Szene gesetzten TV-Film "Begegnung im Balkan-Expreß"6) (1955) nach dem Erfolgshörspiel von Wolfgang Hildesheimer3) gab sie die Spionin Liane, in Volker von Collandes Henry James3)-Adaption "Die Tochter"6) (1956) glänzte sie an der Seite von Albrecht Schoenhals mit der Rolle der Rose Blackthorne. Zwei Mal erlebte man Ursula Lingen in Filmen über die Dreyfus-Affäre3), 1959 als Blanche Monnier in "Affäre Dreyfus"7) (Regie: Hanns Farenburg) nach dem Theaterstück "Die Affäre Dreyfus" von Hans José Rehfisch3) und Wilhelm Herzog3), unter anderem mit Dieter Borsche als Oberstleutnant Marie-Georges Picquart3), und 1968 in dem Dreiteiler "Affäre Dreyfus"8) (Regie: Franz Josef Wild) als Lucie Dreyfus, Ehefrau des von Karl Michael Vogler1) dargestellten französischen Offiziers Alfred Dreyfus3). Dazwischen lagen Produktionen, in denen Ursula Lingen immer wieder ihre nuancenreiches Spiel unter Beweis stellen bzw. viele Facetten ihrer Schauspielkunst zeigen konnte. So inszenierte beispielsweise Ehemann Kurt Meisel mit ihr als Temple Stevens das Fernsehspiel "Requiem für eine Nonne" (1965) nach dem Stück "Requiem for a Nun"4) von William Faulkner, für Hans-Reinhard Müller verkörperte sie die nach Emanzipation trachtende reiche Jüdin Sichel in "Das harte Brot"6) nach dem Drama "Le pain dur" von Paul Claudel → felix-bloch-erben.de
Positive Kritiken erhielt Ursula Lingen für ihre Darstellung der berühmten Rosa Luxemburg3) in dem nach einem Drehbuch von Walter Jens3) realisierten und ambivalent aufgenommenen Dokumentarspiel "Die rote Rosa"6) (1966, Regie: Franz Josef Wild), in "Ein Monat auf dem Lande" (1967; Regie: Wolfgang Glück) nach dem gleichnamigen Stück3) von Iwan Turgenew gestaltete sie die junge Natalya Petrovna, Frau des reichen Gutsbesitzers Arkadi Islayev (Herbert Probst) oder in "Der Teufel und der liebe Gott" (1967; Regie: Peter Beauvais) nach "Le diable et le bon Dieu"3) von Jean-Paul Sartre die gefangene Katharina.
Ab den 1970er Jahren trat Ursula Lingen vermehrt in TV-Serien in Erscheinung, mehrfach war sie in den nachfolgenden Jahren beim "Kommissar", "Derrick" und "Der Alte" präsent. In der viel beachteten "Tatort"-Folge "Zweikampf"3) (1974) mit dem Essener Kommissar Haferkamp alias Hansjörg Felmy mimte sie die zentrale Figur der entführten Millionärsgattin Marion Mezger. Eine schöne Rolle war die der Reeders-Gattin Ellen Nicholaison in der 26-teiligen NDR-Serie "Blankenese"3) (1994), letztmalig stand sie für das von Bernd Fischerauer in Szene gesetzte zweiteilige Familiendrama "Im Namen des Herrn" (2003) als Winnie Hellmann, Konzernchefin und Mutter des Priesters Mark Hellmann (Heiner Lauterbach), vor der Kamera → fernsehserien.de.
Die Künstlerin stand zudem vor dem Mikrofon und engagierte sich mit ihrer angenehmen Stimme bei Audio-Produktionen. So kann man sie als Erzählerin der fesselnden Daphne du Maurier3)-Kurzgeschichte "Wenn die Gondeln Trauer tragen" hören. Unter anderem zusammen mit Kurt Meisel entstand die Hörspielfassung von Frank Wedekinds Schauspiel "Der Marquis von Keith"3) (1960, Produktion: SDR/BR).
 
Die mit dem Titel "Bayerische Staatsschauspielerin" ausgezeichnete Ursula Lingen lebte in den letzten Jahren, von der Öffentlichkeit zurückgezogen, in ihrer Wahlheimat Wien; seit 1990 war sie Mitglied der Hamburger "Freien Akademie der Künste".
Am 20. Oktober 2014 starb die Charakterschauspielerin im Alter von 85 Jahren nach langer Krankheit in ihrer Wiener Wohnung. Die letzte Ruhe fand sie auf dem Wiener Zentralfriedhof an der Seite ihres Ehemannes Kurt Meisel in dessen ehrenhalber gewidmetem Grab (Gruppe 40, Nr. 168) → Foto der Grabstelle bei knerger.de. Aus der Verbindung mit Kurt Meisel (Heirat 1953) ging Sohn Christoph (geb. 1952) hervor.
Quelle (unter anderem*)**)): Wikipedia
*) Henschel Theaterlexikon (Henschel Verlag, 2010, S. 532/533)
**) Langen Müller's Schauspielerlexikon der Gegenwart (München 1986, S. 594)
Link: 1) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 3) Wikipedia (deutsch), 4) Wikipedia (englisch), 5) filmportal.de, 6) Die Krimihomepage, 7) fernsehmuseum-hamburg.de
2) Geburtsjahr 1929 laut Grabinschrift → knerger.de; in den meisten Quellen wird 1928 ausgewiesen.
Filme (Auszug)
Filmografie bei der Internet Movie Database, filmportal.de

(Link: filmportal.de, Kurzportrait innerhalb dieser HP, Wikipedia (deutsch/englisch), , Die Krimihomepage,
fernsehmuseum-hamburg.de, felix-bloch-erben.de, fernsehserien.de)
Kinofilme Fernsehen

Auftritte in der TV-Krimi-Serie "Derrick" (mit Horst Tappert)

Auftritte in der TV-Krimi-Serie "Der Alte"

*) Regie: Kurt Meisel

Um zur Seite der Publikumslieblinge zurückzukehren, bitte dieses Fenster schließen.
Home: www.steffi-line.de