Hans-Reinhard Müller
Hans-Reinhard Müller wurde am 15. Januar 1922 in Nürnberg geboren. Gleich nach dem Abitur nahm er bei dem Schauspieler Friedrich Kayssler*) (1874 – 1945) Unterricht, 1941 gab er sein Theaterdebüt am Stadttheater Klagenfurt. Müllers Schauspielerkarriere wurde durch den 2. Weltkrieg unterbrochen, er musste seinen Kriegsdienst leisten und konnte erst nach 1945 seine beruflichen Pläne wieder aufnehmen, trat zunächst am Münchner "Theater der Jugend" auf, von 1946 bis 1948 war er an den "Münchner Kammerspielen" engagiert. Während dieser Zeit studierte er gleichzeitig Philosophie, neuere deutsche Literaturgeschichte und Geschichte des Mittelalters.
1948 wurde Müller an das "Bayerische Staatsschauspiel" verpflichtet, wo er bis 1960 als Schauspieler und Regisseur wirkte. Seit 1954 war er überdies stellvertretender Intendant, wurde 1957 zum Koordinator der drei "Bayerischen Staatstheater" ernannt. 1960 übernahm er für neun Jahre die Intendanz der "Städtischen Bühnen" in Freiburg/Breisgau, ging dann nach München zurück und leitete bis 1973 die renommierte "Otto-Falkenberg-Schule"1). Als Nachfolger von August Everding1) (1928 – 1999) betraute man Müller dann 1973 mit der Intendanz der "Münchner Kammerspiele", eine Funktion, die er für die nächsten zehn Jahre überaus erfolgreich ausfüllte. Danach übernahm er gelegentlich Gastinszenierungen am Theater, führte bei einigen Fernsehproduktionen Regie und arbeitete wieder verstärkt als Schauspieler.

Zu Müllers wichtigen Inszenierungen in Freiburg zählen unter anderem die Uraufführung des Schauspiels von "Die Abendgesellschaft" (1961, von Maria Matray/Answald Krüger), die deutschen Erstaufführungen von Calderon de la Barcas "Die Liebe zum Kreuz" (1962) und Jonathan Griffins Versdrama "Der verborgene König" (1964), an den "Münchener Kammerspielen" brachte er 1975/76 Ibsens "Gespenster" und Hofmannsthals "Der Unbestechliche" sowie 1978 Coburns "Gin-Rommé" auf die Bühne.
Als Darsteller beeindruckte er unter anderem als Notar Dettmichel in Carl Sternheims satirischer Komödie "Die Kassette" und als Graf Aloysius Palen in "Der Snob" (auch Regie) – ebenfalls von Sternheim. Den Paulus Snyder spielte er in Brechts Drama "Die heilige Johanna der Schlachthöfe", in Henrik Ibsens Tragikkomödie "Die Wildente" (auch Regie), interpretierte er den alternden Großkaufmann Konsul Werle, unter der Regie von Dieter Dorn gab er den Teufel in Tankred Dorsts Weltendrama "Merlin oder Das wüste Land" (1981/82). Weitere Bühnenfiguren spielte er beispielsweise in Lorcas "Dona Rosita la Soltera" (1976/77) in Hebbels "Judith" (1982/83) und Tschechows "Die Möwe" (1984).

Seit Mitte der 1970er Jahre übernahm Hans-Reinhard Müller auch sporadisch Aufgaben für das Fernsehen und spielte meist in Produktionen mit bayerischem Kolorit. Er agierte in der beispielsweise Vorabendserie "Münchner Geschichten"1) (1974), 1978 trat er in dem Tatort "Schwarze Einser"1) (mit Gustl Bayrhammer als Kommissar Veigl) auf, ein Jahr später mimte er den Ludwig Ganghofer in Georg Althammers Tagebuchszenen um Ludwig Thoma "Blauer Himmel, den ich nur ahne". Franz Josef Wild besetzte ihn als Sägewerksbesitzer Kern in seinem Problemfilm "Die Undankbare" (1980), in Erwin Keuschs "Kerbels Flucht"2) (1983, mit Peter Sattmann in der Hauptrolle), nach dem gleichnamigen Roman von Uwe Timm, war er ebenso zu sehen wie in der Kult-Serie "Monaco Franze – Der ewige Stenz"1). Nach seinem Auftritt als "Herr Ortlieb" in dem Quotenrenner "Unsere schönsten Jahre"1) (1983) wurde der Schauspieler dann ein Jahr später in den Episoden um "Die Wiesingers"1) selbst zum Serien-Star: Hier zeigte er sich als Kommerzienrat Anton Wiesinger bzw. Seniorchef einer angesehenen Münchner Brauerfamilie, 20 Folgen lang waren die Geschichten (geschrieben von Leopold Ahlsen) dieser Familie von der Jahrhundertwende bis 1932 von Bernd Fischerauer in Szene gesetzt worden – Hans-Reinhard Müller bleibt mit dieser Rolle bis heute unvergessen.
Weitere Arbeiten für das Fernsehen waren Franz Seitz' Drama "Flammenzeichen: Das Leben des Jesuitenpaters Rupert Mayer" (1985) und der Tatort "Schicki-Micki"1) (1985, auch Regie) mit Kriminalkommissar Ludwig Lenz alias Helmut Fischer. Letztmalig stand Hans-Reinhard Müller für Michael Verhoevens Kino-Satire "Das Schreckliche Mädchen"1) (1989) als Dr. Juckenack vor der Kamera, eine Produktion, die erst nach seinem Tod in die Kinos kam.

Neben seiner umfangreichen Tätigkeit vor allem für das Theater machte sich Hans-Reinhard Müller auch einen Namen als Autor: Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, unter anderem "Ein deutsches Stadttheater – Freiburg 1866–1966", "Reden und Aufsätze", "Linien – eine Dokumentation", "Stress – unser Schicksal" und (als Herausgeber) "Theater für München. Ein Arbeitsbuch der Kammerspiele 1973–1983".
Für seine Leistungen erhielt er das "Bundesverdienstkreuz I. Klasse" (1976), die Stadt München ehrte ihn mit der "Ludwig-Thoma-Medaille" sowie der "Goldenen Ehrenmünze"1) (1983).

Der Theaterintendant, Regisseur und Schauspieler Hans-Reinhard Müller starb am 5. März 1989 im Alter von 67 Jahren im oberbayerischen Bad Feilnbach an Herzversagen; er war verheiratet und hatte drei Söhne, Thomas (geb. 1946), Gabriel (geb. 1949) und Florian (geb. 1954). Seine letzte Ruhe fand der Künstler auf dem Münchener Nordfriedhof.
In einem seinem Nachruf schrieb C. Bernd Suche am 8.3.1989 in der "Süddeutschen Zeitung" unter anderem "… Er wollte nicht als Regisseur, nicht als Schauspieler sich in den Vordergrund manövrieren, sondern mit Menschen, die er schätzte, seine (christliche) Vision vom Theater als moralische Anstalt verwirklichen; wollte für Künstler einen Freiraum der Arbeit schaffen. Hans-Reinhard Müller verdanken Dieter Dorn und Ernst Wendt viele ihrer Erfolge. Müller, ein integrer, gebildeter, nobler Konsertiver, ließ an seinem Hause Aufführungen zu, die seinem Verständnis wohl manchmal zuwider waren; er stritt für sie in der Öffentlichkeit, ja gar gegen die katholische Kirche. Er sah in all diesen Produktionen, für die er einstand, eine Qualität 'Wir sind gegen Moden angerannt'."
 
Link: *) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 1) Wikipedia, 2) deutsches-filmhaus.de
Siehe auch Wikipedia; Filmografie bei der Internet Movie Database
Um zur Seite der Publikumslieblinge zurückzukehren, bitte dieses Fenster schließen.
Home: www.steffi-line.de