Kurt Raab wurde am 20. Juli 1941 als Sohn eines Kleinbauern im damals böhmischen Bergreichenstein (heute Kašperské Hory, Tschechien)  geboren und hatte vier ältere Geschwister. Er wuchs ab 1946 in Bayern auf, zunächst im oberfränkischen Weißenbrunn, dann im niederbayerischen Steinbeißen, wo sein Vater nach der Vertreibung der Familie aus der damaligen Tschechoslowakei als Pferdeknecht arbeitete. Später besuchte Raab in Straubing das Musische Gymnasium, wo er den Komponisten Wilhelm Rabenbauer alias Peer Raben1) (1940 – 2007) kennen lernte, mit dem er nach dem Abitur 1963 nach München ging. Dort begann er ein Studium der Germanistik und Geschichte, wandte sich dann aber bald dem Fernsehen zu, nachdem er schon während des Studiums als Kabelträger beim Fernsehen des Bayerischen Rundfunks gearbeitet hatte; bis 1969 war Raab als Requisiteur für das ZDF und für die "Bavaria Produktionsgesellschaft" tätig. 
Während seiner Münchener Zeit kam er 1966 am "action-theater" mit Rainer Werner Fassbinder1) (1945 – 1982) in Kontakt, der sein langjähriger Weggefährte wurde und mit dem er bis Ende der 1970er Jahre eng zusammenarbeitete.
Sein Debüt als Schauspieler gab Raab 1967 in Peer Rabens "Antigone"-Bearbeitung am "action-theater", im gleichen Jahr sah man ihn in der Raben/Fassbinder-Gruppenproduktion "Leonce und Lena". 1968 gehörte er neben Fassbinder und Hanna Schygulla zu den Gründern des berühmten "antitheater"1), an dem er in der Folge in verschiedenen Fassbinder-Inszenierungen zu sehen war. So unter anderem 1969 als "Peachum" in Brechts "Die Bettleroper" oder als Mörder in "Pre-paradise sorry now". Beindruckend war seine schauspielerische Leistung mit der Titelrolle in Fassbinders "Warum läuft Herr R. Amok?", einem Part, den er in der gleichnamigen Verfilmung1) (1970) ebenfalls übernahm. 1971 wechselte Raab an das Schauspielhaus in Bremen, 1972 ging er zusammen mit Fassbinder an das Bochumer Schauspielhaus, ein Jahr später sah man ihn in Fassbinders "Hedda Gabler"-Inszenierung an der Berliner "Freien Volksbühne".
 
Hervorzuheben ist neben ca. 20 Theaterproduktionen Raabs Filmarbeit mit Fassbinder sowohl in Fernseh- als auch Kinoproduktionen: In der Zeit von 1969 bis 1982 wirkte er bei rund 30 Fassbinder-Filmen mit, nicht nur als vielschichtiger Darsteller und Ausstatter, sondern zum Teil auch als Drehbuchautor, Regieassistent und Produktionsleiter. "Unter den Planeten, die die Sonne Fassbinder umkreisten, war er vielleicht der wichtigste, gewichtigste, eigenständigste; ihre spannungsreiche Beziehung hat Kurt Raabs Künstlerbiographie geprägt. (…) Raab schuf die dumpfe Spießigkeit und den schrillen Kitsch der typischen Fassbinder-Innenräume (…) und er prägte als Schauspieler – ein etwas schwerfälliger, wie in seinem Körper gefangener Mensch mit seltsam stechendem Blick – einen sehr eigenen Typus des Unglücksmenschen, des verquälten und quälerischen Kleinbürgers, der irgendwann explodiert" schrieb DER SPIEGEL (27/1988) zum Tode Raabs in einem Nachruf. So erlebte man ihn unter anderem auf der Leinwand in "
Warum läuft Herr R. Amok?"1) (1969) mit der Titelrolle eines Mannes, dessen Alltagsleben trostlos und eintönig ist, als Bruder der titelgebenden Figur bzw. des eiskalten Killers Ricky (Karl Scheydt) in "Der Amerikanische Soldat"2) (1970), als Fred in "Warnung vor einer heiligen Nutte"1) (1971), als karrieristischer Ehemann Kurt in "Händler der vier Jahreszeiten"1) (1972), oder als Barkeeper Gustav in "Mutter Küsters' Fahrt zum Himmel"1) (1975). In der schrillen Komödie "Satansbraten"3) gab er 1976 beeindruckend den anarchistischen Dichter Walter Kranz.
Bolwieser; Copyright Einhorn-Film

Im Fernsehen stand Raab beispielsweise als Bischof in "Die Niklashauser Fart"1) (1970) vor der Kamera, mimte einen Tankwart in "Rio das Mortes"1) (1971), den Harald in dem Mehrteiler "Acht Stunden sind kein Tag"1) (1972), einen Fabrikboss in "Wildwechsel"1) (1973) oder den Mark Holm in dem Zweiteiler "Welt am Draht"1) (1973). 1977 glänzte er mit der Titelrolle in seinem wohl wichtigsten Fassbinder-Film, dem  zweiteiligen Bayerischen Kleinstadt-Drama "Bolwieser"3), mit dem Fassbinder nach dem Roman von Oskar Maria Graf am Beispiel des verblendeten Bahnhofsvorstehers Xaver Ferdinand Maria Bolwieser ein beeindruckendes Bild der kranken Prä-Nazi-Zeit-Gesellschaft nachzeichnete.
 
(siehe auch alle Fassbinder-Filme bei deutsches-filmhaus.de)
 
Foto mit freundlicher Genehmigung von Einhorn-Film
© Einhorn-Film/Weltlichtspiele Kino GmbH

Während und nach seiner Fassbinder-Zeit arbeite Raab mit zahlreichen anderen bedeutenden Regisseuren zusammen: Unter anderem sah man ihn in Reinhard Hauffs1) Filmen "Die Revolte" (1969, TV), "Mathias Kneißl"2) (1971), "Die Verrohung des Franz Blum"1) (1973) und "Endstation Freiheit"2) (1980). Mit Ulli Lommel1) drehte er als überzeugender Protagonist nach eigenem Script den Thriller "Die Zärtlichkeit der Wölfe"1) (1972), einer freien Variante um den berüchtigten Massenmörder Fritz Haarmann1), sowie die Satire "Adolf und Marlene" (1976), wo er als Partner von Margit Carstensen (Marlene) als "Führer Adolf Hitler" auftrat → filmportal.de. Hans W. Geißendörfer1) gab ihm die Rolle des Dr. Krokowski in der Thomas Mann-Verfilmung "Der Zauberberg"2) (1982), Herbert Achterbusch1) besetzte ihn als Poli, versoffener Vertreter der verhassten Polizei, in der tragikomischen Satire "Das Gespenst"1) (1983). Zu Raabs weiteren Kinoproduktionen zählen unter anderem die Satire "Im Himmel ist die Hölle los"1)  (1984), die Komödie "Der Formel Eins Film"1) (1985), die psychologische Studie  "Bittere Ernte"1) (1985) und Urs Eggers erster abendfüllender Spielfilm "Motten im Licht" (1986). Im Fernsehen war er in den 1980er Jahren beispielsweise in der Serie "Franz Xaver Brunnmayr" (1984) zu sehen, mischte in der Kultserie "Kir Royal"1) (1986) mit, stand unter anderem für die Serie "Der Elegante Hund"4) (1987) sowie für die internationale Produktion "Ich und der Duce"4) (Mussolini and I; EA: ZDF 1988), vor der Kamera und stellte einmal mehr Adolf Hitler dar.
 
Wie kein Zweiter verkörperte Kurt Raab den Spießer des deutschen Kinos: Miese Biedermänner, angepasste Opportunisten, passionierte Fieslinge brachte er reihenweise vor die Kamera, manchmal unterwandern allerdings grelle, groteske Züge die Lust am Verschwinden hinter der Rolle. Er sagte selbst: "Ich liebe nichts mehr als plüschige Schwülstigkeit", und diesen Hang rieb er allen seinen unvergesslichen Figuren ein. Andrerseits betonte er immer wieder: "Ich spiele mich nicht selbst", deshalb blieb er mehr als die Summe seiner Rollengestalten: ein Mann mit Mut zum provozierend-schlechten Geschmack.5)
Seine schriftstellerischen Fähigkeiten hat Kurt Raab mit einer Fassbinder-Biografie bewiesen: Im September 1982 veröffentlichte er zusammen mit dem Journalisten Karsten Peters das Buch "Die Sehnsucht des Rainer Werner Fassbinder", unter dem von Fassbinder verliehenen Kosenamen "Emma Kartoffel" war er Kolumnist für die Filmzeitschrift "Cinema". Nur ein einziges Mal stand Raab als Regisseur hinter der Kamera, realisierte mit seinen Protagonisten Udo Kier und Barbara Valentin sowie sich selbst in einer Nebenrolle den "spekulativen Sex- und Gewaltfilm"6) mit dem Titel "Die Insel der blutigen Plantage"1) (1982).

In seinen letzten Lebensjahren war Raab noch einige Male am "Hamburger Schauspielhaus" zu sehen, doch wurden seine Auftritte immer seltener, nachdem er sich mit der Immunschwächekrankheit AIDS infiziert hatte. Seine Ängste und Erfahrungen als AIDS-Kranker schilderte er in Herbert Achternbuschs Film "Wohin?"2), außerdem drehte er zusammen mit Hans Hirschmüller2) sowie dem Produzenten Hanno Baethe den 45-minütigen Videofilm über sich und sein Leiden unter dem Titel "Sehnsucht nach Sodom" (EA ZDF: 21.03.1989). Der 1990 mit einem "Adolf Grimme-Preis"1) in der Kategorie "Buch" und "Regie" ausgezeichnete Film ist "ein erschütterndes Dokument vom Verfall eines Menschen, zum anderen aber auch ein Zeugnis für die Kraft des Schauspielers Kurt Raab, sein unabänderliches Sterben für die Nachwelt ehrlich und theatralisch zugleich zu inszenieren." schreibt deutsches-filmhaus.de. Drei Wochen vor seinem Tod berichtete er in der Fernseh-Talkshow von NDR 3 noch einmal offen über sein Schicksal und bekannte sich zudem freimütig zu seiner Homosexualität.
 
Kurt Raab, der 1971 mit dem "Bundesfilmpreis"1) für die "Beste Ausstattung" des Fassbinder-Melodrams "Whity"1) (1970) ausgezeichnet worden war, erlag am 28. Juni 1988 im Alter von 46 Jahren im Hamburger Tropeninstitut seiner AIDS-Erkrankung; nach seinem Tod verweigerte die bayerische Heimatgemeinde Steinbeißen seine Erdbestattung. Beigesetzt wurde er in der Grabstätte der mit ihm befreundeten Familie Pagels auf dem Ohlsdorfer Friedhof im Hamburger Stadtteil Ohlsdorf → Foto der Grabstelle bei knerger.de.

Siehe auch Wikipedia, www.deutsches-filmhaus.de (mit Filmliste (Auszug)),
www.deutsche-biographie.de, prisma.de sowie
den Artikel zu, 70. Geburtstag (2011) bei www.fassbinderfoundation.de
Nachrufe bei www.filmzentrale.com und www.spiegel.de
Link: 1) Wikipedia, 2) deutsches-filmhaus.de, 3) prisma.de, 4) fernsehserien.de
Quelle:
5) "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf Heinzelmeier/Berndt Schulz (Ausgabe 2000, S. 294)
6) Lexikon des internationalen Films
Filme (Auszug)
Filmografie bei der Internet Movie Database sowie
Auswahl bei www.deutsches-filmhaus.de
(Link: Wikipedia (deutsch/englisch), deutsches-filmhaus.de, prisma.de,
filmportal.de, Beschreibung innerhalb dieser HP, fernsehserien.de)
Die Filme mit/über Fassbinder
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