Paul Richter fotografiert von Alexander Schmoll (18801945); Quelle: www.cyranos.ch Paul Richter wurde am 1. April 1895 als Paul Martin Edward Richter und Sohn des Kaufmanns bzw. Exporteurs Rudolf Thomas Anton Richter sowie dessen Frau Franziska Elisabeth in der österreichischen Hauptstadt Wien geboren. Er besuchte eine Realschule, machte anschließend auf Wunsch seines Vaters eine kaufmännische Lehre, entschied sich dann jedoch für den Beruf des Schauspielers. Sein darstellerisches Rüstzeug erwarb er bei dem Burgschauspieler Max Arnau sowie am Wiener Staatlichen Schauspielkonservatorium, sein Bühnendebüt gab er anschließend am Troppauer Stadttheater (Schlesien). Durch Vermittlung der legendären Rosa Albach-Retty1) (1874 – 1980) erhielt er dann ein Engagement am Mannheimer Hoftheater, wo er sich als als jugendlicher Liebhaber und Bonvivant rasch einen Namen machte.
Nach Ende des 1. Weltkrieges wechselte Richter an das Wiener "Theater in der Josephstadt" und trat auch am "Neuen Wiener Stadttheater" auf, 1920 kam er nach Berlin, wo ihn der Produzent Fritz Freisler endgültig für den Film entdeckte; bereits 1914 hatte Richter sein Leinwanddebüt in den Stummfilmen "Sterbewalzer" und "Die Gouvernante" gegeben, unterbrach seine Filmkarriere jedoch wegen des 1. Weltkrieges, da er sich freiwillig zum Dienst gemeldet hatte. Er kämpfte als Kaiserjäger in den Karpaten, Galizien, Russland und Tirol, zu einem Bergführerkurs abkommandiert, erwarb er am Frontabschnitt Ortier/Königsspitze ein Diplom als Bergführer.
 
Paul Richter fotografiert von Alexander Schmoll1) (1880 – 1945)
Quelle: www.cyranos.ch; Angaben zur Lizenz siehe hier
Anfänglich erhielt er eher belanglose Rollen in stummen Streifen wie "Der Henker von Sankt Marien" (1920) und "Das Opfer der Ellen Larsen" (1921), seine erste größere Aufgabe übertrug ihm E. A. Dupont in dem Kriminalfilm "Der Mord ohne Täter" (1920). Doch erst durch die Zusammenarbeit mit den Regisseuren Joe May und Fritz Lang avancierte der Schauspieler zum Star der deutschen Stummfilmära, wurde in einem Atemzug mit Hollywood-Legenden wie Ramon Novarro1) (1899 – 1968) und Rudolph Valentino1) (1895 – 1926) genannt.
Mit Joe May drehte er beispielsweise das stumme, zweiteilige Abenteuer "Das Indische Grabmal"2) (1921, Teil 1: Die Sendung des Yoghi3)/Teil 2: Der Tiger von Eschnapur3)) und mimte den englischen Offizier Mac Allen, dem die Gattin eines Maharadschas ihre Liebesgunst schenkt; es folgten das Melodram "Dagfin"3) (1926, nach Werner Scheffs Roman "Dagfin, der Schneeschuhläufer") mit Richter in der Titelrolle des Skilehrers Dagfin Holberg, sowie "Sensation im Wintergarten – Arena des Todes" (1929). In Fritz Langs Stummfilmklassiker "Dr. Mabuse, der Spieler – Ein Bild der Zeit"2) (1922) mimte er an der Seite von Rudolf Klein-Rogge alias Dr. Mabuse den Edgar Hull, Sohn eines schwerreichen Bankiers, der unter Hypnose sein Geld verliert und dem diabolischen Superverbrecher und "Mann mit den 1000 Gesichtern" zum Opfer fällt.
  
Endgültig zum Star, fast mit "Sexsymbol-Charakter" (soweit man den heutigen Sprachgebrauch auf jene Jahre übertragen kann), wurde Richter durch die Titelrolle in Langs zweiteiligem monumentalem Kolossalgemälde "Die Nibelungen"2) (1923): In "Siegfried"3) und "Kriemhilds Rache"3) bediente er breitschultrig, blond, blauäugig und mit athletischem Körperbau das Klischee des nordischen Helden und wurde zum Idol schlechthin. "Endlich hatte auch Deutschland neben den großen amerikanischen Stars Ramon Novarro und Rudolph Valentine einen ebenbürtigen Konkurrenten zu bieten, ein Idol, das lebensbejahende Jugend ausstrahlte und zudem noch ein Vollblut-Schauspieler war. Paul Richter repräsentierte Deutschland in einer Figur, die man aus Richard Wagners "Ring der Nibelungen" kannte und die von allen Völkern verstanden und geliebt wurde, als ein Erlebnis, das 'Reinheit Glück und Sonne' symbolisierte." notierte "Aktuell" (Nr. 20, 20.01.1962).
Eine Anekdote am Rande: Bei den Dreharbeiten zu den Nibelungen gab es hinter den Kulissen öfters Meinungsverschiedenheiten zwischen Regisseur und Hauptdarsteller. Dies fand seinen Höhepunkt, als Richter für die Badeszene im Blut des Drachen sich hätte nackt vor der Kamera präsentieren müssen. Da er sich weigerte, ohne Badehose diese Szene zu drehen, wurde schließlich Rudolf Klein-Rogge als Double für diese Schlüsselszene eingesetzt. Doch auch diese Lösung befriedigte Paul Richter keineswegs, da das Publikum denken würde, dass Klein-Rogges Rücken und dessen Verlängerung jener von Richter sei. Doch Fritz Lang setzte sich durch und der Part wurde mit Klein-Rogge abgedreht.4)
   
Wenig später machte Richter als kraftvoller "Pietro, der Korsar"3) (1925) in Arthur Robisons gleichnamigem Mantel- und Degenfilm (nach einem Roman von Wilhelm Hegeler) Furore, mit Otto Gebühr stand er für "In Treue stark" (1926) vor der Kamera. Bis Ende der 1920er Jahre folgten – als Partner seiner Frau, dem norwegischen Stummfilmstar Aud Egede Nissen1) (1893 – 1974) – Produktionen wie "Kampf der Geschlechter" (1926), "Schwester Veronica" (1927), "Schneeschuhbanditen" (1928) und "Die Frau im Talar" (1929). Auch in internationalen Filmen war Paul Richter ein gefragter Mann, so agierte er etwa in dem deutsch-britischen Streifen "The Queen Was in the Parlour" (1927, Die Letzte Nacht) nach einem Bühnestück von Noel Coward, in dem französische Film "La Ville des milles joies" (1929, Die Stadt Der tausend Freuden) war er ebenso zu sehen wie in dem dänisch-norwegischen Grönland-Abenteuer "Eskimo" (1930, co-produziert von seiner Frau Aud Egede Nissen). An weiteren Stummfilmen mit Paul Richter in der Hauptrolle sind beispielsweise noch die Geschichte aus dem Sportlermilieu "Der König der Mittelstürmer"2) (1927), das melodramatische Gegenwartsdrama "Tragödie einer Ehe" (1927) sowie der Streifen "Lockendes Gift" (1929) zu nennen, der mit "Jugendverbot" belegt wurde.

Mit Beginn des Tomfilms blieb der Schauspieler weiterhin vielbeschäftigt, bediente jetzt jedoch überwiegend das Heimatfilm-Genre, mimte Fürsten, Gutsbesitzer, Jagdgehilfen, Bauern oder sonstige redlich-kernige Burschen, war als "Oberförster der Leinwand" überwiegend in den Bergen, im Wald und auf der Heide unterwegs, brachte dabei in Trachten und Lodenkluft Jagdfrevler wie Mädchenherzen zur Strecke1): Er drehte unter anderem "Die Försterchristl" (1931), "Drei Kaiserjäger"3) (1933), "Das Unsterbliche Lied" (1934), "Die Frauen vom Tannhof" (1934), "Gordian, der Tyrann"3) (1937), "Frau Sylvelin"3) (1938), "Der Edelweißkönig" (1939) und "Waldrausch" (1939), bei den zuletzt genannten Filmen war Hansi Knoteck seine Partnerin. Er gab den urwüchsigen Helden in den Ganghofer-Verfilmungen, so "Der Klosterjäger"2) (1935) und "Der Jäger von Fall" (1936), als Heinz von Ettingen tauchte er in "Das Schweigen im Walde" (1937) auf und auch in "Schloß Hubertus" (1934) und der Komödie "Narren im Schnee"3) (1938 war er zu sehen gewesen. Bei aller Klischeehaftigkeit dieser Figuren bleiben sie dank seiner bodenständigen Interpretation stets Menschen aus Fleisch und Blut, deren Natürlichkeit und kerniger Charme bestechen; er wirkt daher weitaus glaubhafter als Rudolf Prack, der ihn nach 1945 in dieser Standardrolle ablöst.5)
 
Nur wenige Male erlebte man Richter in den 30ern in Filmen anderer Thematik, so etwa in dem Krimi "Strafsache von Geldern" (1932), dem deutsch-dänischen Abenteuer "Der Weiße Gott" (1932) oder Carl Lamacs Wallace-Adaption "Der Hexer"2) (1932), wo Richter den Inspektor Wenbury mimte. Erwähnt werden soll auch noch seine Rolle des Herzog Karl von Lothringen in Carl Froelichs Historienspektakel "Der Choral von Leuthen" (1933, mit Otto Gebühr als Friedrich II., sowie sein Kronprinz Rudolf in Willi Wolffs Literaturverfilmung "Das Geheimnis um Johann Orth" (1932).
In den 1940er Jahren stand Paul Richter nur sporadisch vor der Kamera, übernahm unter anderem die Rolle des Barons Hans Georg von Muckenreiter in Paul Mays Heimatkomödie "Beates Flitterwoche" (1940), spielte unter der Regie von Hans Deppe in "Der Laufende Berg" (1941) und in "Der Ochsenkrieg" (1943) sowie in Kurt Hoffmanns "Kohlhiesels Töchter"3) (1943), Fritz Kirchhoffs "Warum lügst Du, Elisabeth?"3) (1944) und Hubert Marischkas Lustspiel "Ein Mann gehört ins Haus", das allerdings erst 1948 in die Kinos kam.
  
Nach Kriegsende blieb Richter, dessen Liebe auch privat der Natur und den Bergen galt, dem Heimatfilm treu, der ja bekanntlich in den 1950er Jahren die Kinokassen klingeln ließ. Nach "Der Geigenmacher von Mittenwald" (1950) drehte er in rascher Folge – oft unter der Regie von Richard Häussler – "Der Geigenmacher von Mittenwald" (1950), "Die Alm an der Grenze" (1951), "Die Schöne Tölzerin" (1952) sowie die Ganghofer-Verfilmungen "Die Martinsklause" (1951) und "Der Herrgottschnitzer von Ammergau" (1952). In Harald Reinls Remake von "Der Klosterjäger"2) (1955) war Richter wieder mit von der Partie, diesmal nicht als jugendlicher Titelheld, sondern als Graf Dietwald, und auch in Helmut Weiss' Neuauflage von "Schloß Hubertus"2)  (1954) fand er seinen Platz als Jäger Honegger. In Gustav Ucickys "Der Jäger von Fall"2) gab er den Dr. Harlander, in Luis Trenkers Bergdrama "Wetterleuchten um Maria"2)  (1957, mit Marianne Hold) einen Oberförster, seinen letzten Filmauftritt hatte Paul Richter als "Vater Engel" in Alfred Lehners gefühlstriefender Heimatschmonzette "Die Singenden Engel von Tirol"2) (1958) an der Seite von Hans Söhnker, Hertha Feiler und Christine Kaufmann.

Dann beendete eine schwere Augenoperation die Filmkarriere des Paul Richter, der sich weitgehendst ins Privatleben zurückzog. Die "Bild-Zeitung" berichtete 1960, er bemühe sich vergeblich um ein neues Engagement, kurz darauf übernahm er eine kleine (nicht nachweisbare) TV-Rolle. Nur wenige Monate später starb der Schauspieler am 30. Dezember 1961 in einem Krankenhaus in seiner Geburtsstadt Wien.
In erster Ehe war der Star ab 1920 mit dem norwegischen Stummfilmstar Aud Egede Nissen1) (1893 – 1974) verheiratet gewesen, Richters zweite Ehrfrau war ab 1941 Elisabeth Hölzl, von der er sich ebenfalls später scheiden ließ. Der von Paul Richter adoptierte Sohn Georg Richter aus Egede-Nissens früheren Ehe mit Georg Alexander1) (1883 – 1945) avancierte vor allem in Norwegen zu einem populären Schauspieler und war auch als Filmproduzent tätig war.
  
Blauäugig, groß und blond, reüssierte er als erster großer Germane des deutschen Stummfilms. Seinem Image war für immer die Rolle seines Lebens, die Siegfried-Gestalt, eingeschrieben. Auch noch Jahrzehnte später, in Versuchen als knorriger Jäger, Sportler, Grönland-Abenteurer und bayerischer Gutsbesitzer, maß man ihn an dieser Figur, die "Reinheit, Glück und Sonne" symbolisierte, wie ein Kritiker schrieb.6)  
Siehe auch www.cyranos.ch, Wikipedia, www.deutsche-biographie.de
Fotos bei film.virtual-history.com
Link: 1) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 2) Wikipedia, 3) Murnau Stiftung
Quellen: 4) www.cyranos.ch, 5) CineGraph Lg. 23, 
6) "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf  Heinzelmeier/Berndt Schulz, Ausgabe 2000, S. 300
Lizenz Foto Paul Richter (Urheber: Alexander Schmoll): Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.
   
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