Walter Scherau
Die Älteren unter uns werden sich sicherlich noch an den "Dicken" vom Ohnsorg-Theater erinnern, der als Unikum der plattdeutschen Bühne über die Grenzen Hamburgs hinweg in der ganzen Bundesrepublik bekannt und beliebt wurde. Sein Name war Walter Scherau, der am 10. Januar 1903 als Walter Voscherau und zweiter Sohn des Hafenarbeiters Carl Heinrich Voscherau und dessen Frau Wiebke in der Hansestadt das Licht der Welt erblickte; sein Bruder Carl Voscherau1) (1900 – 1963) wurde ebenfalls Schauspieler, dessen Sohn Henning Voscherau2) war von 1988 bis 1997 Hamburgs Erster Bürgermeister.
 
Über den Werdegang Walter Scheraus ist nicht viel bekannt, nur so viel, dass er einmal in einem Interview verriet, er hätte eigentlich Opernsänger werden wollen, durch die Wirren des 1. Weltkrieges ergriff er dann zunächst den "ordentlichen" Beruf eines Kaufmanns. Später zog es ihn dann doch zur Bühne, seit 1949 war er Verwaltungsdirektor und Spielleiter des nach dem Krieg neu eröffneten "Ohnsorg-Theaters"2) und stand auch selbst auf der Bühne. Mit der ersten Fernsehübertragung am 13. März 1954 wurde das niederdeutsche Volkstheater schlagartig bekannt, "Seine Majestät Gustav Krause" flimmerte über die Mattscheiben und damit avancierte Walter Scherau, wie er sich seit Kriegsende nannte, um Verwechslungen mit seinem Bruder zu vermeiden, zum Star –  gemeinsam mit Heidi Kabel1) (1914 – 2010) und Henry Vahl1) (1897 – 1977) schrieb er Fernsehgeschichte. Scherau spielte in den folgenden Jahren zahlreiche Rollen, die immer unterschiedlich waren. Stets waren es jedoch Figuren aus dem Volk und alle waren höchst bestimmt und lebendig. Scherau machte aus jeder Gestalt eine nicht zu übersehende Persönlichkeit. Das Publikum des Theaters und des Fernsehens liebten ihn, nicht allein wegen seiner Fülle, die er oft zu komischen Effekten nutzte, sondern vor allem wegen seiner ans Wunderbare grenzenden Einfalt und seinem ans Herz greifenden Humors. Unvergessen bleibt beispielsweise seine Rolle des Hafenarbeiters Christian Kattwinkel in dem Volksstück "Das Herrschaftskind" (1955), der so gar nichts von den "feinen" Leuten vom Harvestehuder Weg wissen will, zu seiner Überraschung aber feststellen muss, dass er selbst ein gebürtiger "Pöseldorfer" – also in Wahrheit ein "Herrschaftskind" – ist. Zu Scheraus letzten Fernsehauftritten zählen die Seemannskomödie "In Luv und Lee die Liebe" (1961) und seine Rolle des Bootsmanns Dressen sowie das Lustspiel "Ein Mann mit Charakter" (1961), wo man ihn als Heinrich Hintzpeter sah.

Wenige Male machte Walter Scherau auch Ausflüge auf die Leinwand; so in "Nur eine Nacht"2) (1950), "Freddy, die Gitarre und das Meer"2) (1959) und "Bobby Dodd greift ein"2) (1959), seine Hauptdomäne blieb die Bühne; daneben veröffentlichte er, oft gemeinsam mit Heidi Kabel, Schallplatten mit Hamburger Stimmungs- und Seemannsliedern.

Der Schauspieler und Komödiant Walter Scherau starb am 13. Mai 1962 mit nur 59 Jahren in Hamburg an den Folgen eines Herzinfarktes; seine letzte Ruhe fand er in Hamburg auf dem Friedhof Ohlsdorf → Foto der Grabstelle bei knerger.de.
Das "Hamburger Abendblatt" titelte in seinem Nachruf zum Tod von Walter Scherau "Ein Kapitän ging von Bord" und schrieb in seiner Ausgabe 112 vom 15.05.1962 unter anderem: "In allen Ecken Deutschlands kannte man Walter Scherau vom Fernsehbildschirm her. Kaleidoskopartig drehten sich alle Direktübertragungen aus dem Ohnsorg-Theater um ihn. Alle Fernsehkameras konzentrierten sich auf seines Körpers schwergewichtige Fülle. Noch ehe er den Mund auftat, galt der Erfolg ihm. Mit einem Ruck seiner Schultern, mit einem Schütteln seines Bauches vermochte er mehr auszudrücken als andere mit dem ganzen Aufgebot ihrer Mimik und Sprache. (…) 1949 wurde er kaufmännischer Direktor und Schauspieler am Ohnsorg-Theater. Er durfte endlich sich selbst spielen: Den einfachen Mann von der Wasserkante, den trinkfreudigen Matrosen, den pfiffigen Bauern, den verlorenen Sohn. Das Lachen fiel ihm nicht immer leicht. Das Publikum lachte um so herzhafter über ihn. Seine Leibesfülle wurde ihm zur Last. Gerade das fanden die Leute so originell an ihm. Ein Volkshumorist wurde über Nacht auf den Königsthron gehoben. Die Volksmasse umjubelte ihn. Seine Freunde aber froren in seiner Nähe. Ein Mantel der Unnahbarkeit umhüllte ihn. Als Scheraus treue Gefährtin vor zwei Jahren starb, wurde es noch einsamer um ihn. Sensibilität und Eigenwilligkeit sprengten ihn und rissen ihn mit sich fort. Verlassenheit und Krankheit wurden seine Getreuen. Er konnte sich nicht mehr an seinen großen Erfolgen freuen. So königlich er gelebt hatte, so einsam starb er."
 
Link: 1) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 2) Wikipedia
Textbausteine aus "Deutsches Bühnen-Jahrbuch";
siehe auch: www.starinterviews.de/scherau.htm und das Portrait bei www.ndr.de
sowie Wikipedia und www.opern-freund.de
Filmografie bei der
Internet Movie Database
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