Reinhold Schünzel 1921; Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder (1888 – 1929); Quelle: Wikipedia bzw. Wikimedia Commons; Ross-Karte Nr. 361/2; Lizenz: Die Schutzdauer (von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers) für das von dieser Datei gezeigte Werk ist nach den Maßstäben des deutschen, des österreichischen und des schweizerischen Urheberrechts abgelaufen. Es ist daher gemeinfrei. Reinhold Schünzel wurde am 7. November 1888 in Hamburg geborgen; sein Vater Bernhard Theodor Hermann Schünzel (1856 – 1924) war ein ehemaliger Schauspieler, der später Kaufmann wurde, seine Mutter Dorothea jüdischer Abstammung. Seine Kindheit und Jugend verbrachte Schünzel in St. Pauli, etwa 1898 zog die Familie nach Berlin, wo er später eine kaufmännische Ausbildung im Berliner Verlagshaus Scherl absolvierte und dort zunächst arbeitete.
1912 spielte er unter einem Pseudonym Theater und entschied sich für die Bühnenlaufbahn; bereits zwei Jahre später, zur Spielzeit 1914/15, erhielt er ein Engagement als jugendlicher Komiker am Berner Stadttheater, ab 1915 wirkte der vom Kriegsdienst befreite Schünzel in Berlin als Regisseur und Theaterschauspieler, trat unter anderem am "Komödienhaus am Schifferbauerdamm" und im Theater in der Königgrätzer Straße auf.
Sein Leinwanddebüt gab Schünzel 1916 in Carl Froelichs Stummfilm "WernerKrafft – Der Maschinenbauer"1) und mimte einen missratenen Fabrikantensohn; im gleichen Jahr begann seine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Regisseur Richard Oswald. Ob in Oswalds Sitten- und Aufklärungsfilmen wie "Das Tagebuch einer Verlorenen"1) (1918), "Anders als die Anderen"1) (1919), "Die Prostitution"1) (1919) oder in dessen Grusel- und Verbrecherfilmen wie "Unheimliche Geschichten"1) (1919), ob in den Kriminalfilmen der Max-Landa-Detektiv-Serie von E. A. Dupont und Carl Hagen – Schünzel spielte den zügellosen Lebemann und Verführer, den verschlagenen Zuhälter und Erpresser. Er "bediente" nicht nur das Unterhaltungskino sondern übernahm auch Aufgaben in anspruchsvollen Filmen, wie seine Rolle des Minister Choiseul in Ernst Lubitschs "Madame Dubarry"1) (1919) oder sein Part des Hofmarschall Kalb in Carl Froelichs Schiller-Adaption "Luise Millerin" (1922) zeigen.
 
Foto: Reinhold Schünzel 1921
Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder1) (1888 – 1929)
Quelle: Wikipedia bzw. Wikimedia Commons; Ross-Karte Nr. 361/2; Angaben zur Lizenz siehe hier
1918 führte Schünzel erstmals Filmregie bei kleinen, humoristischen Zweiaktern mit Ehefrau Hanne Brinkmann als Protagonistin, die zwar Dutzendware waren, ihm aber das Handwerk ermöglichten. Doch erst mit dem opulenten Biopic "Der Graf von Cagliostro"1) (1920) mit sich selbst als Cagliostro und Anita Berber als dessen Sklavin Lorenza sowie vor allem dem Monumentalfilm " Katharina die Große" (1920) etablierte er sich als Filmregisseur, gründete seine eigene "Lichtbild-Fabrikation Schünzel-Film", mit der er auch Co-Produktionen mit der Wiener "Micco-Film" realisierte. Bis Ende der 1920er Jahre drehte er weitere stumme Streifen wie "Der Roman eines Dienstmädchens" (1921), "Der Pantoffelheld" (1922), "Adam und Eva" (1923) oder "Peter der Matrose" (1929) und übernahm in verschiedenenn der Filme auch kleinere Rollen. Ab 1926 produzierte er auch für die Ufa vor allem ironische Komödien mit musikalischem Schmiss und Renate Müller als weiblichem Star, wie beispielsweise "Der kleine Seitensprung"2) (1931), "Wie sag ich's meinem Mann?"2) (1932) sowie den meisterlichen Kassenschlager "Viktor und Viktoria"1) (1933).
 

Reinhold Schünzel zwischen den Boxern Max Schmeling (rechts) und José Santa bei den Dreharbeiten zum Film "Liebe im Ring" (1930); Quelle: Deutsches Bundesarchiv, Digitale Bilddatenbank, Bild 102-09082; Fotograf: Unbekannt / Datierung: Januar 1930 / Lizenz CC-BY-SA 3.0.

Reinhold Schünzel zwischen den Boxern Max Schmeling*) (rechts)
und José Santa*) (1902–1968) bei den Dreharbeiten zu dem Film
"Liebe im Ring"2) (1930)
 
Quelle: Deutsches Bundesarchiv, Digitale Bilddatenbank, Bild 102-09082;
Fotograf: Unbekannt / Datierung: Januar 1930 / Lizenz CC-BY-SA 3.0.
Genehmigung des Bundesarchivs zur Veröffentlichung innerhalb
dieser Webpräsenz wurde am 11.10.2010 erteilt.
Originalfoto und Beschreibung:
Deutsches Bundesarchiv Bild 102-09082 bzw. Wikimedia Commons
*) Link: Kurzportrait innerhalb dieser HP bzw. Wikipedia (englisch)

Mit Renate Müller, Adolf Wohlbrück, der legendären Adele Sandrock, Fritz Odemar und Georg Alexander drehte er die turbulente Gesellschaftskomödie "Die englische Heirat"1) (1934), mit Willy Fritsch, Paul Kemp und Käthe Gold die berühmte musikalische Komödie "Amphitryon – Aus den Wolken kommt das Glück"1) (1935), mit Anny Ondra und Viktor Staal "Donogoo Tonka, die geheimnisvolle Stadt"2) (1936) oder "Das Mädchen Irene"2) (1936) mit Lil Dagover. Als Schauspieler wechselte er zwischen Bühne und Leinwand, spielte unter anderem in Georg Wilhelm Pabsts "Die Dreigroschenoper"1) (1931) den Polizeichef Tiger-Brown neben Rudolf Forster, der den Mackie Messer verkörperte. Zusammen mit Käthe von Nagy und Willy Fritsch agierte er in "Ihre Hoheit befielt"2) (1931) und mimte den Staatsminister Graf Herlitz, oder war neben Lucie Mannheim und Dolly Haas als Alfred Kampf in Wilhelm Thieles "Der Ball"3) (1931) zu sehen.
Seit Mitte der 1930er Jahre wurde die künstlerische Arbeit des "Halbjuden" Schünzel von den Nazi-Machthabern durch nur befristete Arbeitserlaubnisse behindert, 1937 schloss er die satirische Persiflage "Land der Liebe"2) ab, verließ noch vor der Uraufführung im Juni 1937 Deutschland und emigrierte in die USA, wo er weiter inszenierte und als Schauspieler auftrat. Doch obwohl die drei Musikfilme "Rich Man, Poor Girl" (1938) "Balalaika"1) (1939) und "The Ice Follies of 1939"1) (1938/39, Tanz auf dem Eis), die er in den nächsten zwei Jahren für MGM-Studios drehte, zum Teil sehr erfolgreich waren, gelangt ihm der Durchbruch als Regisseur in Amerika nicht; "New Wine" (1941, Die Unvollendete) war schließlich Schünzels letzte Regiearbeit. Große Anerkennung erlangte er jedoch durch seine Inszenierungen bei den "Players from Abroad", einer Truppe emigrierter europäischer Schauspieler.
Als Darsteller wurde er gerne in der Maske des finsteren Nazi-Schurken besetzt, wie in "Hangmen Also Die!"1) (1942, Auch Henker sterben) oder "Berlin-Express"1) (1948). Zum Höhepunkt seines differenzierten Spiels geriet Hitchcocks Krimi "Notorious"1)  (1946, Berüchtigt) und seine Rolle des Dr. Anderson, in Mitchell Leisens "Golden Earrings" (1947, Goldene Ohrringe) spielte er den Prof. Otto Krosigk und in W. Lee Wilders Drama "The Vicious Circle" (1948) den Baron Arady.
Ende Juni 1949 kehrte Schünzel nach Deutschland zurück, arbeitete als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent, als Schauspieler trat er im Film nur noch wenige Male in Erscheinung. So mit der Rolle des Peter Kralik in Robert Piroshs "Washington Story (1952), für seine Rolle des Konsul Rittinghaus im 2.Teil von "Meines Vaters Pferde" (1954; "Seine dritte Frau"3)) erhielt er im Sommer 1954 den "Bundesfilmpreis" als "Bester Nebendarsteller". Seine letzten Leinwandauftritte hatte Schünzel in Willi Forsts gefühlvollem Melodram  "Dieses Lied bleibt bei dir"1) (1954) mit Paul Henreid sowie in Rudolf Jugerts ebenfalls melodramatischen Story "Eine Liebesgeschichte"3) (1954) mit Hildegard Knef und O. W. Fischer.

Reinhold Schünzel vor 1929; Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder (1888 – 1929); Quelle: www.cyranos.ch Der vielseitig begabte Regisseur, Autor und Schauspieler Reinhold Schünzel war eine der großen Gestalten des deutschen Films. Als Charakterdarsteller wurde er sowohl in heiteren wie tragischen Streifen eingesetzt, spielte Bösewichter ebenso überzeugend wie komische Rollen. Er gab Asoziale, Frauenverführer, Kleinkriminelle, Despoten, alle nur denkbaren, unerbittlichen Schurken – und gleichzeitig die heiteren Naturelle der unbekümmerten zwanziger Jahre. In seinen intensivsten Auftritten, vor allem auch im zweiten Teil seiner Karriere, verstand er es, beide Elemente seiner Kunst zu verschmelzen und tragikomische Alltagsmenschen sensibel zu gestalten. Seine erfolgreichen Filme sind turbulente, vor Einfällen überschäumende Werke, die ihn in die Nähe des großen Ernst Lubitschs rücken.4)

Reinhold Schünzel starb am 11. September 1954 kurz vor Vollendung seines 66. Lebensjahres an den Folgen eines Herzinfarktes, den er nach einer Aufführung von Kurt Hoffmanns Filmerfolg "Das Fliegende Klassenzimmer" im Münchener Luitpold-Theater erlitten hatte. Zuletzt war er an den "Münchner Kammerspielen" tätig gewesen, wo er als "Polonius" in "Hamlet" in der letzten Rolle seines Lebens auf der Bühne stand.

 
Reinhold Schünzel vor 1929
Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder1) (1888 – 1929)
Quelle: www.cyranos.ch; Angaben zur Lizenz siehe hier

Zwischen 1919 und 1928 war der Künstler in erster Ehe mit der Schauspielerin Hanne Brinkmann1) (1895 – 1984) verheiratet gewesen, aus der Verbindung stammte eine Tochter, die 1937 mit ihrem Vater nach Amerika ging. Annemarie Schünzel (1922 – 1992) ergriff später ebenfalls den Schauspielerberuf, wirkte in den USA unter dem Namen Marianne Stewart1) am Broadway und im Film. Nach der Scheidung von Hanne Brinkmann ging Schünzel zwei weitere Ehen ein, mit Eleonore Erath sowie mit Lena Peters, die bis zu seinem Tod an seiner Seite war.
 
In der Reihe "CineGraph Buch" erschien 1989 in Zusammenarbeit mit Jörg Schöning die Dokumentation "Reinhold Schünzel – Schauspieler und Regisseur" mit dem an einen "Vergessenen" des deutschen Films erinnert werden sollte → www.cinegraph.de. Angeregt durch diese Publikation drehte Hans-Christoph Blumenberg 1995 eine filmische Auseinandersetzung mit der Biografie Schünzels unter dem Titel "Beim nächsten Kuß knall ich ihn nieder!"3). In den 33 Spielszenen aus dem Leben des Hamburger Schauspielers und Regisseurs Reinhold Schünzel wird dieser von Peter Fitz5) dargestellt.
Seit 2004 vergibt eine internationale Jury jeweils jährlich zur Eröffnung von "CineFest – Internationales Festival des deutschen Film-Erbes"1)
einen "Reinhold Schünzel-Preis"1) als Ehrenpreis für langjährige Verdienste um die Pflege, Bewahrung und Verbreitung des deutschen Film-Erbes.
Siehe auch www.deutsches-filminstitut.de, www.cyranos.ch, Wikipedia, www.exilarchiv.de,
www.deutsche-biographie.de, www.film-zeit.de, filmportal.de, www.rolf-krekeler.com sowie
den Artikel "Zum 100. Geburtstag des Films: Die erstaunliche Lebens-Geschichte
des deutschen Schauspielers und Regisseurs Reinhold Schünzel"
in "Focus Magazin" (Nr. 44, 1994) → www.focus.de
Fotos bei film.virtual-history.com
Link: 1) Wikipedia, 2) Murnau Stiftung, 3) filmportal.de, 5) Kurzportrait innerhalb dieser HP
4) "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf  Heinzelmeier/Berndt Schulz (Ausgabe 2000, S. 330)
Lizenz Foto Reinhold Schünzel (Urheber Alexander Binder): Die Schutzdauer (von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers) für das von dieser Datei gezeigte Werk ist nach den Maßstäben des deutschen, des österreichischen und des schweizerischen Urheberrechts abgelaufen. Es ist daher gemeinfrei.
Kinofilme (Auszug)
Filmografie bei der Internet Movie Database
(Link: Wikipedia, Murnau Stiftung, filmportal.de)
Als Schauspieler (R=Regie, P=Produktion): Als Regisseur (Auszug; D=Darsteller, P=Produktion):

Als Drehbuchautor (Auszug):

  

*) mit Ehefrau Hanne Brinkmann als Protagonistin

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