Wolfgang Spier; Copyright Arma Belen Der Schauspieler, Regisseur und Autor Wolfgang Spier wurde am 27. September 1920 als Sohn Psychochirologen Julius Spier (1887 – 1942) in Frankfurt/Main geboren, später zog die Familie nach Berlin. Eigentlich wollte er nach dem Abitur am Berliner "Bismarck-Gymnasium" in die Fußstapfen seines Vaters treten und Medizin studieren, aufgrund seiner Herkunft – er war sogenannter "nicht arischer Halbjude" – wurde er von den Nazis jedoch nicht zum Studium zugelassen. Spier entschied sich dann für eine Lehre als Bankkaufmann und arbeitete anschließend mehrere Jahre in diesem Beruf. 25-Jährig entschloss er sich Schauspieler zu werden, ließ sich an einer Schauspielschule dementsprechend ausbilden und erhielt 1946 bei Karl-Heinz Stroux am Wiesbadener Staatstheater ein erstes Engagement als Regieassistent und Schauspieler. Rasch war er zu einem vielgefragten Darsteller auf der Bühne avanciert und vor allem als Regisseur machte er sich einen Namen.
  

Foto mit freundlicher Genehmigung von www.kultur-fibel.de;
das Copyright liegt bei Arma Belen, © Arma Belen
1950 ging Spier nach Berlin zurück und rief dort mit Schauspielern wie Horst Buchholz, Martin Benrath und Wolfgang Neuss den Theaterclub im British Center ins Leben, dessen künstlerischer Leiter er bis 1955 war; nach einem zweijährigen Engagement in Düsseldorf – wieder unter Karl-Heinz Stroux – arbeitete Wolfgang Spier ab 1957 als freier Regisseur und Schauspieler vorwiegend in Berlin und München. Er war fester Redakteur bzw. Regisseur beim Sender "RIAS Berlin", arbeitete für die "Stachelschweine" und die "Wühlmäuse". Von 1970 bis 1972 fungierte er als künstlerischer Leiter der "Kleinen Komödie" in München, danach als Oberspielleiter der "Komödie" und des "Theaters am Kurfürstendamm" in Berlin.
Während seiner langen Karriere inszenierte Spier mehr als 250 Theaterstücke – überwiegend im heiteren Genre, was ihm den Namen "König des Boulevards" einbrachte. Mit seinem Namen verbinden sich zahlreiche heitere Stücke wie "Bleib doch zum Frühstück", "Flüster mir was ins gute Ohr", "Endlich allein" oder "Ankomme Dienstag – Stop – Fall nicht in Ohnmacht", die mit Tourneen quer durch Deutschland oder durch das Fernsehen Millionen von Zuschauern frohe Stunden brachten. Sowohl als Darsteller als auch als Regisseur begeistert Spier bis zuletzt das Publikum; erst in jüngerer Zeit ging er mit Richard Baers romantischen Komödie "Vermischte Gefühle", welches von der Liebe im Alter handelt, auf Tournee und spielte neben Maria Sebaldt die Hauptrolle (Foto unten); unter anderem konnte man die beiden Künstler im Herbst 2004 auch in der Düsseldorfer "Komödie an der Steinstraße" erleben.
  
Wolfgang Spier in Vermischte Gefühle
Das Ensemble mit Wolfgang Spier (2.v.l.) und Maria Sebaldt
Foto: © Bernd Schaller (www.schallerfoto.de)
  
Seinen lakonischen Witz, gepaart mit leiser, aber umso hintergründigerer Ironie, stellte der unumstrittene "König des Boulevards" anlässlich seines 80. Geburtstages in einer Galavorstellung des Stücks "Hände weg von meiner Frau" an der Komödie im Bayerischen Hof zur Schau
*) und fungierte als Übersetzer, Regisseur und Darsteller. Die heiter-turbulente Geschichte (im Original "No Hard Feelings") von Sam Bobrick und Ron Clark wurde seit 26. März 2009 mit Hans Jürgen Bäumler und Claudia Rieschel in den Hauptrollen sowie natürlich Spier selbst am Düsseldorfer "Theater an der Kö" gezeigt, bis Mitte Mai 2009 konnte man diesen Boulevard-Klassiker dort sehen. Ebenfalls in Düsseldorf, an der "Komödie an der Steinstraße", lief ab 6. Mai 2009 das von Spier bereits 2004 an der Berliner "Komödie am Kurfürstendamm" inszenierte Stück "Heirat wider Willen" von Lawrence Roman mit Herbert Herrmann und Nora von Collande.
 
  
Zu seinem 85. Geburtstag am 27. September 2005 wünschte sich das Theater-Urgestein Spier eine Rolle in Alan Ayckbourns hintergründiger Erfolgskomödie "Sugar Daddys", seit Ende September 2005 stand er dann mit der Figur des "Val" in der Berliner "Komödie am Kurfürstendamm" gemeinsam mit Ralf Wolter auf der Bühne. Im Zentrum der Geschichte steht Sasha ein naives Mädchen vom Lande. Sie gabelt an einem schmuddeligen Londoner Dezembernachmittag Val, einen alten Herrn im Weihnachtsmannkostüm auf. Der hatte einen Unfall, bei dem der Fahrer Fahrerflucht begangen hat. Sie nimmt ihn mit in ihr chaotisches Apartment. Zwischen den beiden entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft, Val tut alles für Sasha, was ein guter Onkel so tun kann. Er schenkt ihr Blumen, kleidet sie neu ein, kauft ihr Schmuck und richtet das Apartment neu ein …
Spier machte mit dieser Paraderolle während einer Tournee in vielen Städten Furore, unter anderem konnte man die "Sugar Daddys" Anfang 2007 in Essen im "Theater im Rathaus" erleben.
So richtig populär wurde Spier ab Mitte der 1960er Jahre Jahren auch durch Film und Fernsehen; in verschiedensten Produktionen erlebte man ihn als Charakterkomiker, er moderierte die Quizsendungen "Einer gegen alle" und "Wer dreimal lügt…"1) (1976 bis 1984) und zeichnete auch für die beliebte Sketch-Sendung "Ein verrücktes Paar"1) (1977 – 1980) mit Harald Juhnke und Grit Boettcher verantwortlich, mit denen er Fernsehgeschichte schrieb.
Als Darsteller erlebte man ihn unter anderem in Stücken wie "Die Chinesische Mauer" (1965), "Der Eismann kommt" (1968), "Jetzt nicht, Liebling" (1972), "Lichtspiele am Preußenkorso" (1975), "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" (1986) oder "Mrs. Harris fährt nach Moskau" (1987) und auch für die Serien "Der Kurier der Kaiserin"2) (1970), "Drei Damen vom Grill"1) (ab 1977) oder "Justitias kleine Fische" (ab 1988) stand er vor der Kamera.

Das Foto wurde mir freundlicherweise von der
Fotografin Virginia Shue (Hamburg) zur Verfügung gestellt. 
Das Copyright liegt bei Virginia Shue.

Wolfgang Spier; Copyright Virginia Shue
Auf der Leinwand sah man ihn eher selten; so übernahm er unter anderem kleinere Rollen in "Das Wunder des Malachias"1) (1961), "Der Mörderclub von Brooklyn"1) (1967), "Im Banne des Unheimlichen"1) (1968), "Auch ich war nur ein mittelmäßiger Schüler"1) (1974) und "Kreuzberger Liebesnächte" (1980).
Neben seiner umfangreichen Arbeit für Theater Film und Fernsehen arbeitete Wolfgang Spier mit seiner unverwechselbaren, kieksigen Stimme auch für Hörbuchproduktionen und die Synchronisation; so sprach er auch in dem Zeichentrickfilm "Das letzte Einhorn"
1) (1982, The Last Unicorn) eine kleine Rolle und war als "Skelettschädel" zu hören. Außerdem hat er einige Bühnenstücke wie beispielsweise die Krimikomödie "Columbo: Mord auf Rezept" von William Link und Richard Levinson ins Deutsche übertragen. Im September 2004 erschien seine Autobiografie "Dabei fällt mir ein…", in der er launig aus seinem bewegten Leben erzählt. Die "Berliner Zeitung" schrieb unter anderem "Unerschöpflich ist Spiers Repertoire an Anekdoten und Schnurren, an Theaterkatastrophen und Theaterseligkeiten."
 
Am 27. September 2010 feierte Spier seinen 90. Geburtstag und beging diesem Ehrentag an dem Ort, den er selbst als seine künstlerische Heimat bezeichnet – in der Berliner "Komödie am Kurfürstendamm". Dort hatten sich Freunde und Weggefährten eingefunden, zu den prominenten Gratulanten gehörte neben Künstlerkollegen wie beispielsweise Jürgen Flimm, Edith Hancke, Herbert Herrmann oder Brigitte Grothum als Überraschungsgast Leinwandlegende Johannes Heesters. Nach einem Schwächeanfall ging es Spier inzwischen wieder besser, noch Anfang September hatte er die Proben zu Simon Moss' Lustspiel "Der lustige Witwer" (Regie: Wolfgang Spier und Jürgen Wölffler) abbrechen müssen; bei der Premiere am 17. September 2010 in der Hamburger Komödie "Winterhuder Fährhaus" sprang dann Jörg Pleva für den erkrankten Spier ein. 
Wolfgang Spier, dessen Lebensmotto "Werde, der Du bist!" lautete, starb knapp ein halbes Jahr nach seinem 90. Geburtstag nach längerer Krankheit am 18. März 2011 in Berlin an einem Herzinfarkt. Damit verlor die Boulevard-Szene einen ihrer ganz Großen, am Berliner "Kudamm-Theater" war Spier eine Institution. Der Künstler erfreute fünf Jahrzehnte lang wie kein Anderer mit Inszenierungen und eigenen Theaterrollen das Publikum – er hinterlässt eine Lücke, die nur schwer zu füllen ist. "Jahrzehntelang prägte Wolfgang Spier mit seinem Humor und Können als Schauspieler und Regisseur nicht nur die "Theater am Kurfürstendamm", sondern das Unterhaltungstheater in ganz Deutschland." hieß es in einem Nachruf der "Komödie am Kurfürstendamm".
Seine letzte Ruhe fand der Verstorbene auf dem dem Berliner "Friedhof Heerstraße" → Foto der Grabstelle bei knerger.de.

Spier war seit 1991 in vierter Ehe glücklich verheiratet mit Brigitte Fröhlich. Erstmals hatte er 1949 der Schauspielerin Waltraud Schmahl das Ja-Wort gegeben, die Verbindung wurde nach nur zwei Jahren 1951 trotz der gemeinsamen Tochter Sabine (geb. 1949) geschieden. 1959 wagte Spier mit der Schauspielerin Almut Eggert1) einen zweiten Anlauf, Tochter Miriam Bettina erblickte am 28. Februar 1960 das Licht der Welt, doch 1965 ging auch diese Ehe in die Brüche. Ehefrau Nr. 3 wurde 1981 die Schauspielerin Christine Schild3), 1989 erfolgte die Scheidung. Tochter Miriam Bettina1), welche am 13. August 2008 starb, und Adoptivtochter Nana Spier1) (geb. 1971) waren bzw. sind ebenfalls erfolgreiche Schauspielerinnen.
 
Für seine "herausragende künstlerische Arbeit" konnte das Multitalent Wolfgang Spier 1986 das Bundesverdienstkreuz entgegen nehmen. Weitere Ehrungen waren unter anderem 1993 und 1994 der "Goldene Vorhang", ein Theaterpreis des 1967 gegründeten Berliner Theaterclubs e.V., sowie 1995 der "Curt-Goetz Ring", der für besondere Verdienste um die Komik auf deutschsprachigen Bühnen verliehen wird und 1985 von Goetz' Witwe Valerie von Martens2) gestiftet wurde. Diese Auszeichnung wird für fünf Jahre vergeben, an wen der "Curt-Goetz Ring" weitergereicht wird, entscheidet der jeweilige Träger selbst. Carl-Heinz Schroth2), der erste Preisträger, gab ihn an Anaid Iplicjian2) weiter, diese wiederum entschied sich für Wolfgang Spier, der den Ring an Nicole Heesters2) weiterreichte; zwischen 2005 und 2010 war Ilja Richter2) Träger des "Curt-Goetz-Ringes". Eine besondere Trophäe war sicherlich die "Goldene Kamera", welche Spier im Februar 2000 überreicht wurde. Erstmals wurden im Rahmen des vielbeachteten Medienereignisses 16 Ehrenpreise an Berliner Künstler vergeben, zu den Preisträgern zählten unter anderem auch die inzwischen verstorbenen Schauspielerlegenden Hildegard Knef2) (1925 – 2002), Marianne Hoppe2) (1909 – 2002), Brigitte Mira2) (1910 – 2005) und Günter Pfitzmann2) (1924 – 2003). Die Preise verstanden sich als Hommage an Künstler(innen), deren Karrieren und Erfolge untrennbar mit Berlin verbunden sind.
  
*) Quelle: www.3sat.de (Seite nicht mehr abrufbar)
Link: 1) Wikipedia, 2) Beschreibung bzw. Kurzportrait innerhalb dieser HP, 3) "Theater und Komödie am Kurfürstendamm", Berlin
Siehe auch Wikipedia sowie das Interview bei www.kultur-fibel.de aus dem Jahre 1989 mit zahlreichen weiteren Fotos;
Filmografie bei der
Internet Movie Database
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