Der Schauspieler, Regisseur und Hörspielsprecher Leonard Steckel wurde am 8. Januar1) 1901 im damals zur Doppelmonarchie Österreich-Ungarn gehörenden Knihinin, einer Vorstadt von Stanislau (heute Iwano-Frankiwsk, Ukraine), als Leonhard Steckel geboren. Der Sohn eines Verwalters bei der Reichsbahn wuchs nach dem frühen Tod seines Vaters – Markus Steckel war erst 28 Jahre alt – bei den Großeltern mütterlicherseits in Berlin auf. Dort besuchte er das "Köllnische Gymnasium", welches er mit dem Abitur verließ, um sich dann für eine Laufbahn als Schauspieler zu entscheiden. Steckel nahm auf Empfehlung seines Deutschlehrers entsprechenden Unterricht bei Paul Bildt2) (1885 – 1957), ein erstes Engagement am Berliner "Neuen Volkstheater" an der Köpenickerstraße schloss sich für den erst 19-Jährigen an. Hier blieb Steckel bis 1923, im selben Jahr spielte er mit der Theatergruppe "Die Truppe" in Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" sowie in der Uraufführung von Georg Kaisers "Nebeneinander". Zur Spielzeit 1923/24 wirkte er am "Lustspielhaus" und an der "Freien Volksbühne", 1924/25 am "Preußischen Staatstheater", 1925/26 am "Deutschen Theater", 1926/27  wieder an der "Freien Volksbühne". Dann wechselte er 1927/28 an das "Theater am Nollendorfplatz", 1928/29 an das "Theater am Schiffbauerdamm", ging 1929/30 erneut an das "Theater am Nollendorfplatz", um dann 1930 bis 1932 ein weiteres Mal eine Verpflichtung an der "Freien Volksbühne" anzunehmen.
Steckel hatte sich in Inszenierungen namhafter Regisseure – vor allem Erwin Piscator und Leopold Jessner – zu einem angesehenem Charaktermimen profiliert, der sowohl in klassischen als auch Stücken der Moderne zu überzeugen wusste. 1928 wandte er sich erstmals der Regie zu und inszenierte im Studio der "Piscator-Bühne" Franz Jungs "Heimweh". Zeitweise zeigte er auch Interesse für die Kleinkunst sowie für die "leichte Muse", trat in Rosa Valettis Kabarett "Larifari" auf (1929) oder unternahm 1930 eine Skandinavien-Tournee mit der Operette "Madame Dubarry "von Karl Millöcker.
Mit der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde die Situation für den als "Jude" eingestuften Künstler in Deutschland zunehmend bedrohlich, ein Engagement am "Schauspielhaus Zürich"3) bedeutete für Steckel und seine Familie die Rettung. Gemeinsam mit seiner ersten Ehefrau, der Ausdruckstänzerin und späteren Schriftstellerin Elfriede Alice Kuhr (1902 – 1989; Künstlernamen Jo Mihaly3)), die er 1927 geheiratet hatte, sowie der gemeinsamen Tochter Anja (1933 – 2011), ging Steckel im Juli 1933 über Wien ins Schweizer Exil. Hier gehörte er für rund zwei Jahrzehnte zu den Säulen des bis dato international wenig beachteten Privattheaters, dass sich in der Zeit des Zweiten Weltkrieges zur wohl bedeutendsten deutschsprachigen Bühne entwickelte.*)
Steckels Repertoire als Schauspieler und Regisseur umfasste neben den Klassikern (vor allem Shakespeare) Werke von Autoren, die im nationalsozialistischen Deutschland nicht aufgeführt werden durften, wie Franz Werfel, Jean Giraudoux, George Bernhard Shaw, T. S. Eliot, Thornton Wilder, Bertolt Brecht, Arthur Schnitzler, Eugene O'Neill und Marcel Pagnol, später kamen Werke beispielsweise von Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt hinzu.
 
Wirken als Schauspieler (Auswahl)
(UA = Uraufführung/EA = Erstaufführung;
Link: www.felix-bloch-erben.de, Wikipedia, zeno.org, tls.theaterwissenschaft.ch, Kurzportrait innerhalb dieser HP, theatertexte.de)
An Berliner Bühnen Schauspielhaus Zürich Sonstige Bühnen
Inszenierungen am Schauspielhaus Zürich sowie
an der "Freien Volksbühne" (Berlin)
Schauspielhaus Zürich (Auswahl) An der "Freien Volksbühne" (Auswahl)
Steckels Arbeiten als Regisseur bzw. seine Inszenierungen umfassten Klassiker – allein neun Mal brachte er Shakespeare-Stücke auf die Bühne –, vor allem aber zeitgenössische Schauspiele von Hauptmann, Brecht, Giraudoux, Sartre, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Bertolt Brechts Welturaufführung von "Der gute Mensch von Sezuan"3) trug 1943 Steckels Handschrift, ebenso wie zahllose andere Stücke, die unter seiner Regie erstmals auf die Bühne gebracht wurden. Darüber hinaus galt er als Experte für italienische, spanische und französische Autoren wie Carlo Goldoni, Federico García Lorca, Lope de Vega, Calderón de la Barca oder Marcel Pagnol.
 
Nach Ende des 2. Weltkrieges konnte der Künstler zunächst nicht nach Deutschland zurückkehren, da ihm von den Siegermächten aus unbekannten Gründen die Einreise untersagt wurde. Erst nach Intervention des damaligen Berliner Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter sowie des Bundespräsidenten Theodor Heuss bekam Steckel im Herbst 1952 die Einreisegenehmigung und einen deutschen Pass.
Am 23. Dezember 1955 brachte er in Berlin mit "Kiss me Kate"3) von Cole Porter am "Theater am Kurfürstendamm" erstmals ein amerikanisches Musical auf eine deutsche Bühne (es spielten u. a. Hannelore Schroth, Wolfgang  Müller, Wolfgang Neuss), konnte mit dieser Inszenierung auch in Hamburg Erfolge verbuchen. Als Schauspieler und Regisseur war er an vielen bedeutenden, deutschsprachigen Theatern aktiv, Verpflichtungen führten ihn neben Berlin und München unter anderem nach Bochum, Münster und Basel sowie zu den "Salzburger Festspielen", wo er 1963 und 1964 als "Mammon" in Hugo von Hofmannsthals "Jedermann"3) glänzte. Zwischen 1958 und 1959 fungierte er überdies kurz als Leiter des "Theaters am Kurfürstendamm".
  
Zwischen all seiner umfangreichen Theaterarbeit fand Steckel immer wieder Zeit, Filmangebote anzunehmen. Erste Erfahrungen vor der Kamera hatte er bereits 1927 in einem kurzen Stummfilm sammeln können, zwischen 1930 und 1933 trat er dann mit prägnanten Nebenrollen in siebzehn Produktionen in Erscheinung. Darunter befanden sich Klassiker bzw. Kassenschlager wie Fritz Langs "M – Eine Stadt sucht einen Mörder"3) (1931), das Hans Albers-Abenteuer "Der Draufgänger"3) (1931, Regie: Richard Eichberg) und Richard Oswalds Zuckmayer-Adaption "Der Hauptmann von Köpenick"3) (1932), wo er als Trödler Krakauer auftauchte.
Ab den 1950er Jahren Spielte Steckel in zahlreichen Unterhaltungsstreifen, führte bei dem Melodram "Du mein stilles Tal"3) (1955) auch Regie und übernahm als Arzt einen kleineren Part an der Seite der Protagonisten Curd Jürgens, Winnie Markus, Bernhard Wicki und Ingeborg Schöner. Als Helmut Käutner erneut den "Hauptmann von Köpenick"3) (1956) mit Heinz Rühmann auf die Leinwand bannte, besetzte er Steckel als Uniformschneider Adolph Wormser. In Alfred Brauns Biopic "Stresemann"3) (1956) über den Politiker und Friedensnobelpreisträgers Gustav Stresemann3) (Ernst Schröder) verlieh er dem französischen Ministerpräsidenten Aristide Briand3) Kontur. Steckel zeigte sich in Kriegsdramen wie "Der Arzt von Stalingrad"4) (1957) und "Die grünen Teufel von Monte Cassino"3) (1958), Komödien wie "Majestät auf Abwegen"5) (1958), Melodramen wie "Liebling der Götter"4) (1960) oder Krimis wie "Das Geheimnis der schwarzen Koffer"3) (1962).
 

Leonard Steckel während der Dreharbeiten zu dem Film
"Palast Hotel" (1952), wo er Regie führte.
Quelle/Link: cyranos.ch bzw. Archiv "Praesens-Film AG" Zürich,
mit freundlicher Genehmigung von Peter Gassmann (Praesens-Film AG, Zürich);
© Praesens-Film AG

Leonard Steckel während der Dreharbeiten zu dem Film "Palast Hotel" (1952), wo er Regie führte. Quelle/Link: cyranos.ch bzw. Archiv "Praesens-Film AG" Zürich, mit freundlicher Genehmigung von Peter Gassmann (Praesens-Film AG, Zürich); Copyright Praesens-Film AG
Im Vergleich zu Steckels Theater-Wirken bleiben seine Ausflüge auf die Leinwand jedoch von eher nachrangiger Bedeutung. Ab Mitte der 1960er Jahre arbeitete er verstärkt für das Fernsehen und war in etlichen Produktionen mit interessanten Rollen auf dem Bildschirm präsent. Darüber hinaus widmete er sich dem Hörspiel, auch hier ist seine Arbeit recht beeindruckend → Übersicht der Hörspiele bei Wikipedia.
  
Die Inszenierung von Feydeaus Farce "Einer muss der Dumme sein" am "Hamburger Schauspielhaus" sollte die letzte Arbeit für das Theater sein. Pläne, im Juni 1971 eine viermonatige Welttournee durch 16 Länder mit Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" zu starten, konnte der leidenschaftliche Theatermann nicht mehr realisieren. Steckel, der noch am 8. Januar 1971 seinen 70. Geburtstag feierte, wurde rund einen Monat später durch einen tragischen Unfall mitten aus dem Leben gerissen: Als am 9. Februar 1971 bei Aitrang (Allgäu) ein Eisenbahnunglück geschah bzw. der Zug entgleiste, saß Steckel in dem TEE 56 "Bavaria" von München nach Zürich und verstarb, wie weitere 28 Insassen, an den Folgen des Unfalls. "Für mich bedeutet dieser Tod mehr als der Verlust eines Freundes. Ich bin Bühnenschriftsteller, und ich komme mir vor wie ein Maler, dem plötzlich eine bestimmte Farbe abhanden gekommen ist, mit der er arbeitete." sagte Friedrich Dürrenmatt in einem Nachruf. Einen letzte großen Erfolg als Charakterdarsteller hatte Steckel fünf Jahre zuvor mit der Figur des Literaturnobelpreisträgers Wolfgang Schwitter in der Uraufführung von Dürrenmatts "Der Meteor"3) am Schauspielhaus in Zürich feiern können. Das Stück hatte Friedrich Dürrenmatt eigens für ihn geschrieben. Darin verarbeitete der Dramatiker schauspielerische Erlebnisse von Steckel. Dieser spielt in dem Stück den Nobelpreisträger Schwitter, einen Menschen, der nicht sterben kann, der immer wieder aufersteht und doch nicht an seine Auferstehung glaubt. "Das Stück heißt Meteor", so Dürrenmatt, "weil ein Meteor ein Stück Materie ist, das in unsere Atmosphäre hineinsaust, und alles verglüht, und so kommt mir der tragische Tod von Leonard Steckel in irgendeiner Weise sinnbildlich vor, es kommt mir so vor, als hätte ich ihn vorausbeschrieben."6)
Seine letzte Ruhe fand Leonard Steckel auf dem Berliner Friedhof Heerstraße in einem Ehrengrab der Stadt Berlin (Abt. II Wc – 34) → Foto der Grabstätte bei www.knerger.de. Der Nachlass wird von der "Akademie der Künste" verwaltet, dessen Mitglied er seit 1969 war → "Leonard Steckel Archiv". 1998 erschien von dem Schweizer Publizisten und Schriftsteller Franz Rueb das Buch "Leonard Steckel – Schauspieler und Regisseur. Eine Theatermonographie".
 
Leonard Steckel war wie erwähnt in erster Ehe mit der Tänzerin und späteren Schriftstellerin Jo Mihaly verheiratet, 1955 kam es zur Scheidung. Die am 28. September 2011 gestorbene, gemeinsame Tochter Anja trat unter dem Namen "Anja Golz" als Schauspielerin in Erscheinung und war mit dem Fernsehproduzenten Theo Ott verheiratet. Steckels zweite Ehefrau wurde 1955 die Münchener Fotoagentin und Leiterin einer Presse-Fotoagentur Hermi Mertens (1916 – 2010), die später als Mitarbeiterin die Arbeit ihres Mannes unterstützte.
Quellen (unter anderem)*) **): Wikipedia, www.cyranos.ch, www.kuenstlerkolonie-berlin.de,
www.exilarchiv.de, tls.theaterwissenschaft.ch
Fotos bei www.virtual-history.com
*) Kay Weniger: Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben … Lexikon der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden 1933 bis 1945. Eine Gesamtübersicht. (ACABUS Verlag, Hamburg 2011, S. 481 ff)
**) Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933 – 1945; Herausgeber: Frithjof Trapp, Werner Mittenzwei, Henning Rischbieter, Hansjörg Schneider; Band 2: Biographisches Lexikon der Theaterkünstler von Frithjof Trapp, Bärbel Schrader, Dieter Wenk, Ingrid Maaß (Teil 2, L-Z; K G  Saur, München 1999)
2) Die meisten Quellen (so auch die hier genannten (Kay Weniger und "Handbuch des deutschen Exiltheaters" sowie filmportal.de)  weisen den 8. Januar aus; bei IMDb und Wikipedia wird der 18. Januar genannt.
Link: 2) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 3) Wikipedia, 4) filmportal.de, 5) Murnau Stiftung
6) Quelle: www.exilarchiv.de
Filme (als Darsteller)
Filmografie bei der Internet Movie Database
(Link: Murnau Stiftung, Wikipedia, filmportal.de, cyranos.ch, Die Krimihomepage)
Stummfilm
  • 1927: Gewitter über Gottland (Kurzfilm)
Tonfilme
Noch: Tonfilme / Fernsehen
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