Die heute vergessene Schauspielerin Eva Speyer wurde am 24. August 1883 in Berlin geboren. Ausgebildet an der Schule der damals berühmten Theatermimin und Opernsängerin  Marie Seebach1) (1829 – 1897) gab sie 1904 ihr Bühnendebüt im niederschlesischen Hirschberg (heute Jelenia Góra, Polen). Ein Jahr später wechselte Eva Speyer ins damals preußische Posen, 1906 trat sie ein Engagement an dem zwei Jahre zuvor von Louise Dumon1) (1862 – 1932) und deren Ehemann Gustav Lindemann1) (1872 – 1960) gegründeten "Schauspielhaus Düsseldorf" an, wo sie bis zur Spielzeit 1907/08 wirkte.
Anschließend traf sie eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Entscheidung und buchte 1908 eine Passage nach Amerika, trat am Theater von Milwaukee (Wisconsin) sowie 1909 in New York auf. Im November 1910 kehrte Eva Speyer nach Deutschland zurück, wurde an Berliner Bühnen wie dem "Lessingtheater", dem "Trianon-Theater" und dem "Kleinen Theater" verpflichtet.
Am "Lessingtheater" kam sie mit dem Schauspieler Paul Otto2) (1878 – 1943) in Kontakt, der sie ermunterte, es bei der aufstrebenden Kinematografie zu versuchen. Nach eigenen Angaben3) soll sie 1911 Ibsens Drama "Nora" verfilmt haben, Tatsache ist, dass sich Eva Speyer ab Anfang der 10er Jahre des vergangenen Jahrhunderts intensiv dem Film widmete, in unzähligen stummen Produktionen in Erscheinung trat und rasch zum Star der noch jungen Filmszene avancierte.

Foto: Eva Speyer um 1920
Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder1) (1888 – 1929)
Quelle: Wikimedia Commons bzw. Wikipedia; Wolff-Karte (unnummeriert)
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Eva Speyer um 1920; Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder (1888 – 1929); Quelle: Wikimedia Commons bzw. Wikipedia; Wolff-Karte (unnummeriert)
So erzählte sie rückblickend in einem Interview: "Ich selbst nahm seinerzeit das Filmen als eine angenehme Nebeneinnahmequelle, ohne künstlerisch der Filmerei große Bedeutung abgewinnen zu können. Allmählich gewann ich mit der Vervollkommnung der Technik der Auffassung als bildend und förderndes Mittel für Volk, Literatur und Wissenschaft treibendes Interesse, was mich bewog, meine ganze Kraft in den Dienst der Sache zu stellen. Und so, begeistert von der guten Grundlage der Sache, setzte ich mich durch künstlerisches und natürliches Spiel durch."3)  
Überwiegend mimte sie leidende Frauenfiguren in den Melodramen jener Jahre, wurde von Filmpionieren wie Max Mack, Harry Piel (u.a. 1912, "Schwarzes Blut"1)), Joe May, Ernst Reicher oder Paul von Woringen besetzt. Anfangs arbeitete sie für die Berliner "Continental-Kunstfilm GmbH", die mit Eva Speyer bzw. Regisseur Max Mack kassenträchtige Streifen wie "Die gelbe Rasse" (1912) und "Die Falle" (1912) oder Joe May "Entsagungen" (1913) realisierte. Unter anderem drehte sie mit Richard Oswald das Liebesdrama "Die zweite Frau" (1918), eine Adaption des gleichnamigen Bestsellers der populären E. Marlitt1), und trat als die junge Gräfin Juliane von Trachenberg auf, zweite Frau des Barons Raoul von Mainau (Alexander von Antalffy1)), der sie nur aus Rache gegenüber der Herzogin (Ilse von Tasso
1)), die ihn einst verschmähte, geheiratet hat. Eva Speyer war beispielsweise die Königin von Assyrien Semiramis in Willy Grunwalds fantastischem Abenteuer "Die Vase der Semirames"4) (1918), in Richard Oswalds zweiteiligem Stummfilm-Epos "Die Arche"1) (1919) und "Die letzten Menschen"1) spielte sie die Tochter des Großreeders Ernst Pogge (Leo Connard2)). Der Film basierte auf dem 1917 veröffentlichten, gleichnamigen Science Fiction-Roman von Werner Scheff1), der die Zerstörung der Zivilisation in der nahen Zukunft thematisiert.
 
Unter der Regie von Alfred Halm tauchte Eva Speyer in dem Historienstreifen "Der galante König – August der Starke"4) (1920) auf und verkörperte neben Rudolf Basil als Kurfürst Friedrich August2), genannt August der Starke, dessen Geliebte, die schöne Gräfin Aurora von Königsmark2). Es folgte Erik Lunds Vierteiler "Der Silberkönig" (1921) mit Bruno Kastner als Partner, die Rolle der österreichischen Kaiserin Maria Theresia2) in "Louise de Lavallière – Am Liebeshof des Sonnenkönigs" (1922) mit Fritz Delius als "Sonnenkönig" Ludwig XIV.2) und Emmy Schaeff als dessen Mätresse Louise de La Vallière2).
Ab Mitte der 1920er Jahre ließen die Rollenangebote merklich nach, Eva Speyer musste sich vermehrt mit kleineren Parts zufrieden geben. So erlebte man sie unter anderem als Dirne in Bruno Rahns Literaturadaption "Dirnentragödie"1) (1927) neben der legendären Asta Nielsen als alternde Prostituierte Auguste oder als Vorsteherin des Waisenheims in "Der Hafenbaron" (1928, auch: "Das Schicksal eines Mädchens aus dem Waisenhaus"). Zu Eva Speyers letzten Arbeiten für den Stummfilm zählt das von Adolf Trotz inszenierte Drama "
Jugendtragödie"5) (1929), in dem sie die arme Mutter eines Jugendlichen (Roland Varno6)) spielte, der auf die schiefe Bahn gerät.
 
Mit Beginn des Tonfilms war die große Zeit des einst gefeierten Stummfilmstars endgültig vorbei, Eva Speyer stand bis zu ihrem frühen Tod nur noch für drei Produktionen vor der Kamera, zuletzt unter der Regie von Kurt Gerron für den Hans Albers-Krimi "Der weiße Dämon"4) (1932).
Als Todesjahr für die erst knapp 50-Jährige wird 1932 angegeben, das genaue Datum, der Sterbeort und die Todesursache sind unbekannt.
Eva Speyer war mit dem Schauspieler Otto Stoeckel1) (1873 – 1958) verheiratet, der zum Ensemble "Düsseldorfer Schauspielhauses" gehörte und mit dem sie 1907 unter anderem in Ibsens "Die Wildente" (Regie Gustav Lindemann) sowie in der Neu-Einstudierung von Goethes dramatischen Grille "Der Triumph der Empfindsamkeit"1) auf der Bühne stand → Szenenfoto der Premiere bei Wikipedia. Daher trat sie nach der Heirat mitunter auch als Eva Speyer-Stoeckel auf.
Quelle (unter anderem): Wikipedia, www.cyranos.ch
Link: 1) Wikipedia (deutsch), 2) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 4) Murnau Stiftung, 5) filmportal.de, 6) Wikipedia (englisch)
Quelle:: 3) Interview mit Eva Speyer bei sophie.byu.edu ("Die Frau im Film", Verlag Altheer & Co., Zürich 1919)
Lizenz Foto Eva Speyer (Urheber: Alexander Binder): Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.
      
Filme
Filmografie bei der Internet Movie Database
(Link: Wikipedia, Murnau Stiftung, filmportal.de)
Stummfilme Noch: Stummfilme
  • 1920: Der galante König – August der Starke → filmportal.de
  • 1921: Der Silberkönig
    • Teil 1: Der 13. März
    • Teil 2: Der Mann der Tat
    • Teil 3: Claim 36
    • Teil 4: Rochesterstreet 29
  • 1922: Louise de Lavallière – Am Liebeshof des Sonnenkönigs
  • 1925: Volk in Not / Ein Heldenlied von Tannenberg
  • 1925: Die Frau von vierzig Jahren
  • 1926: Hölle der Liebe
  • 1926: Die Elenden der Straße
  • 1926: Kubinke, der Barbier, und die drei Dienstmädchen
  • 1926: Der Seekadett 
  • 1926: Maria, die Geschichte eines Herzens / Das graue Haus
  • 1926: Hölle der Liebe – Erlebnisse aus einem Tanzpalast
  • 1926: Der Jüngling aus der Konfektion
  • 1926: Die Königin des Weltbades / Das Tagebuch einer Midinette
  • 1927: Liebeshandel / Agentur Übersee
  • 1927: Dirnentragödie → Murnau Stiftung
  • 1927: Ich war zu Heidelberg Student
  • 1927: Vom Leben getötet. Bekenntnisse einer 16jährigen
  • 1927: § 182 minderjährig / Der Fürsorgezögling
  • 1927: Dr. Bessels Verwandlung
  • 1928: Der Hafenbaron / Das Schicksal eines Mädchens aus dem Waisenhaus
  • 1928: Jahrmarkt des Lebens
  • 1928: Marys großes Geheimnis
  • 1928: Unter der Laterne / Trink, trink, Brüderlein, trink
  • 1928: Die seltsame Nacht der Helga Wangen
  • 1928: Die schönste Frau von Paris
  • 1928: Die Siebzehnjährigen
  • 1929: Verirrte Jugend
  • 1929: Das Recht der Ungeborenen
  • 1929: Der Narr seiner Liebe
  • 1929: Madame Lu, die Frau für diskrete Beratung
  • 1929: Die fidele Herrenpartie
  • 1929: Jugendtragödie
Tonfilme
  • 1930: Namensheirat. Diskretion Ehrensache
  • 1931: Ich bleib bei Dir / Marys Start in die Ehe
  • 1932: Der weiße Dämon / Das Rauschgift
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