Dagny Servaes, Tochter des Schriftstellers und Kulturkritikers Dr. Franz Servaes1) (1862 – 1947), wurde am 10. März 1894 in Berlin geboren und wuchs in Wien auf. Dort ließ sie sich an der "Akademie für Musik und Darstellende Kunst" zur Schauspielerin ausbilden, ein erstes Engagement erhielt sie 1912 am "Hoftheater Meiningen"1) (Thüringen) von dem damaligen Intendanten Max Grube1) (1854 – 1934). Während ihrer kurzen Zeit in Meiningen – der bis 1915 laufende Vertrag wurde bereits 1913 gelöst, um einem Ruf an das Berliner "Deutsche Künstlertheater" folgen zu können – zeigte sich Dagny Servaes unter anderem als reiche Gräfin Olivia in der Shakespeare-Komödie "Was ihr wollt" und als Leontine, Tochter der zentralen Figur Mutter Wolffen, in Hauptmanns sozialkritischem Drama "Der Biberpelz".
Nach ihrem Engagement am "Deutschen Künstlertheater", wo sie unter anderem am 14. Januar 1914 in der Uraufführung von Hauptmanns Versdrama "Der Bogen des Odysseus" als Melanto, Tochter des Ziegenhirten Melanteus, neben Hans Marr als Odysseus überzeugte, wirkte Dagny Servaes an verschiedenen Berliner Bühnen wie dem "Preußischen Staatstheater" (1919–1922) und dem "Lessingtheater" (1925/26).
Mitte der 10er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wandte sich die Schauspielerin, wie etliche ihrer Kolleginnen, der aufstrebenden Kinematographie zu und trat in den folgenden Jahren in rund dreißig Stummfilmen in Erscheinung. Erste Aufmerksamkeit erregte sie in dem bereits 1916/17 von Paul Leni gedrehten propagandistischem Kriegsdrama "Das Tagebuch des Dr. Hart"1) (Uraufführung 1918) als Tochter des polnischen Grafen Bransky (Adolf Klein), die mit dem russischen Botschaftsrat Graf Bronislaw Krascinsky (Ernst Hofmann) ihr Glück findet.

Foto: Dagny Servaes vor 1929
Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder1) (1888 – 1929)
Quelle: Wikipedia; Photochemie-Karte K 1754 (Ausschnitt); Angaben zur Lizenz siehe hier

Dagny Servaes vor 1929; Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder (1888 – 1929); Quelle: Wikipedia; Photochemie-Karte K 1754 (Ausschnitt)
Dagny Servaes vor 1929; Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder (1888 – 1929); Quelle: www.cyranos.ch Wenig später drehte sie mit Walter Schmidthässler die Theodor Storm-Adaption "John Riew – Ein Mädchenschicksal"2) (1917) und mimte neben dem die Titelfigur verkörpernden Hermann Vallentin die junge Anna Seyers, die von dem Alkoholiker John Riew misshandelt und verführt wird. Nach Hauptrollen in Produktionen wie "Das Gürtelschloss der Senahja" (1918), "Das Geheimnis des Irren" (1918; jeweils unter der Regie von Emmerich Hanus) oder "Die Ehe der Schwester Agathe"2) (1921) machte Dagny Servaes in dem von Ernst Lubitsch in Szene gesetzten monumentalen Historienstreifen "Das Weib des Pharao"1) (1922) Furore: Sie erntete nachhaltigen Ruhm als die bildschöne, aufsässige griechische Sklavin Theonis, die ungewollt einen Krieg zwischen Ägypten und Äthiopien auslöst, nachdem sie aus der äthiopischen Sklaverei geflohen ist und sich, wie der jungen Ägypter Ramphis (Harry Liedke), auch der Pharao Amenes (Emil Jannings) in sie verliebt hat. Nach der Einschätzung von www.cyranos.ch "spielte sie in einer der größten Produktionen des Jahres und man prophezeite ihr eine große Karriere wie die einer Pola Negri. Doch seltsamerweise blieb ihre Filmkarriere im Ansatz stecken, sie spielte nie mehr eine solch tragende Rolle wie in "Das Weib des Pharao". Teile des Films gelten bis heute als verschollen, die Handlung konnte jedoch mit Hilfe von Aufzeichnungen, dem Drehbuch und Fotos vom Set rekonstruiert werden.3) → Infos zum Film auch bei www.prisma.de sowie als "Fotostory" bei www.arte.tv.
 
Foto: Dagny Servaes vor 1929
Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder1) (1888 – 1929)
Quelle: www.cyranos.ch; Angaben zur Lizenz siehe hier
Namhafte Regisseure nutzten die Popularität der Schauspielerin, erneut mit Emil Jannings als Zar Peter der Große stand sie für Dimitri Buchowetzkis opulente Biografie "Peter der Große"1) (1923) und Reinhold Schünzels Drama "Alles für Geld"4) (1923) vor der Kamera, Erich Schönfelder besetzte sie neben Walter Rilla in dem Abenteuer "Im Namen des Königs" (1924). Als Elisabeth von Valois tauchte sie in Richard Oswalds ambivalent beurteiltem (→ www.cinegraph.de), frei nach Motiven des Schiller-Dramas "Don Carlos" gedrehtem Kostümfilm "Carlos und Elisabeth"5) (1924) zusammen mit Conrad Veidt auf. Sie gab die russische Spionin Sonja Uraskow in dem aufwendigem Drama "Oberst Redl"1) (1925), mit dem Regisseur Hans Otto Löwensteins erstmals die größte Spionage-Affäre der Monarchie im Kino thematisierte, dabei jedoch mehr das Melodramatische als die historischen Zusammenhänge in den Vordergrund rückte: Robert Valberg1) verkörperte den österreichischen Generalstabsoffizier Oberst Alfred Redl1) (1864 – 1913), der in den Bann einer schönen Frau (Servaes) gerät und sich von ihr zur Preisgabe von militärischen Geheimnissen verleiten lässt. Als er denunziert wird, richtet er sich selbst.
 
Danach folgten noch wenige Stummfilme, in denen Dagny Servaes jedoch nur noch mit Nebenrollen betraut wurde. Sie konzentrierte sich nun verstärkt auf ihre Karriere als Theaterschauspielerin und avancierte zur viel beachteten Charaktermimin. Sie ging zu dem berühmten Max Reinhardt1) (1873 – 1943) an das Wiener "Theater in der Josefstadt", dessen glanzvolles Ensemble sich auch internationaler Berühmtheit erfreute. Zu einer ihrer Theater-Triumphe zählte beispielsweise im November 1926 die Titelfigur in der Wiener Uraufführung von Gerhart Hauptmanns Schauspiel "Dorothea Angermann". Zwischen 1926 und 1928 machte sie mit dem Reinhardt-Ensemble eine Gastspielreise durch die Vereinigten Staaten, feierte unter anderem in New York in Shakespeares "Ein Sommernachtstraum", Büchners "Dantons Tod" und Carlo Goldonis "Diener zweier Herren" Erfolge. Auch bei den Salzburger Festspielen konnte die Vollblutmimin mehr als ein Jahrzehnt das Publikum begeistern und avancierte zu einer der tragenden Säulen der international berühmten Kulturveranstaltung. Zwischen 1926 und 1937 gab sie die "Buhlschaft" in Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" und ist damit eine Schauspielerin, welche diese Figur mit insgesamt 99 Auftritten am längsten in Folge verkörperte. 1931 spielte sie auch wieder mit dem legendären Alexander Moissi6) (1879 – 1935), der nach vielen Jahren (1920, 1921, 1926–1931)) zum letzten Mal als "Jedermann" auftrat. Nicht nur im "Jedermann" hatte Dagny Servaes an der Seite von Moissi bei den Festspielen in Salzburg glänzen können, 1928 interpretierte dieser in Schillers "Die Räuber" den intriganten Franz Moor, Paul Hartmann den idealistischen Karl Moor, Dagny Servaes die hingebungsvolle, tragisch endende Amalia von Edelreich. In späteren Jahren kam Dagny Servaes noch einmal nach Salzburg zurück und gestaltete 1960 in William Dieterles "Jedermann"-Inszenierung die Mutter des Jedermann, dargestellt von Walter Reyer.
 
Ab Mitte der 1930er Jahre übernahm Dagny Servaes sporadisch wieder Aufgaben in Kinofilmen, es waren jedoch meist nur prägnante Randfiguren, mit denen sie auf der Leinwand erschien. Oft spielte sie adelige Damen wie die Erbgroßherzogin Maria Paulowna in Paul Martins "Preußische Liebesgeschichte"1) (1938) um die Romanze des Prinzen Wilhelm von Preußen (Willy Fritsch), dem späteren Kaiser Wilhelm I.1), und der polnischen Prinzessin Elisa Radziwill1) (Lída Baarová), ein Film, der wegen der bekannt gewordenen Affäre Baarovás mit Reichspropagandaminister Joseph Goebbels verboten wurde und erst am 12. April 1950 mit dem neuen Titel "Liebeslegende" in die Lichtspielhäuser gelangte. Bis Kriegsende agierte sie in Produktionen wie dem Justizdrama "Der Fall Deruga"2) (1938; mit Willy Birgel), der Verwechslungskomödie "Nanon"1) (1938; mit Johannes Heesters, Erna Sack), der Biografie "Friedrich Schiller – Triumph eines Genies"1) (1940; mit Horst Caspar), dem propagandistischen Melodram "Die goldene Stadt"1) (1942; mit Kristina Söderbaum, Eugen Klöpfer) oder dem Film "Lache, Bajazzo"2) (1943) nach Motiven der Oper "Der Bajazzo" von Ruggiero Leoncavallo mit Startenor Beniamino Gigli.
Im Nachkriegskino wirkte sie unter anderem in der Ludwig van Beethoven-Biografie "Eroica"1) (1949) neben Ewald Balser mit und verkörperte die Mutter von Beethovens Neffen Karl (Oskar Werner), gab in "Maria Theresia"1)  (1951) mit Paula Wessely) als die berühmte österreichische Kaiserin deren Obersthofmeisterin Gräfin Hagen. Zu ihren letzten Arbeiten vor der Kinokamera zählten die österreichischen Produktionen "Die Regimentstochter"1) (1953) und "Der Schandfleck"1) (1956; mit Gerlinde Locker). Zwei Mal trat sie auch auf dem Bildschirm in Erscheinung, so als Madame Knorr in der "Burgtheater"-Aufzeichnung von Nestroys Posse "Einen Jux will er sich machen" (1956; mit Josef Meinrad) und als Mrs. Conway in "Die Conways und die Zeit" (1958) nach dem Schauspiel "Die Zeit und die Conways" von J. B. Priestley über den Verfall einer bürgerlichen Familie zwischen den beiden Weltkriegen.
 
Zur Spielzeit 1931/32 trat Dagny Servaes nach vielen Jahren wieder ein Engagement am "Deutschen Künstlertheater" an, war zwischen 1932 und 1934 ohne feste Verpflichtungen. Mit Beginn der Theatersaison 1934/35 wechselte sie nach Wien an das "Raimundtheater", ließ sich dann 1936 ganz in Wien nieder. Von 1938 bis 1948 gehörte sie erneut zum Ensemble des Wiener "Theaters in der Josefstadt", übernahm parallel dazu zwischen 1941 und 1943 auch Aufgaben am Berliner "Deutschen Theater". Anfang der 1950 Jahre wirkte sie vorübergehend am Wiener "Volkstheater", bereicherte dann ab 1952 das Ensemble des renommierten "Burgtheaters", spielte mit Theaterlegenden wie Ewald Balser, Attila Hörbiger, Josef Meinrad, Hans Thimig, Käthe Gold oder Heinrich Schweiger. Am "Theater in der Josefstadt" erlebte man sie unter anderem in Carlo Goldonis Prosakomödie "Das Caféhaus" (1941; Regie: Bruno Hübner), in Martin Costas musikalischem Lustspiel "Der Hofrat Geiger" (1943; mit Alfred Neugebauer; Regie: Bruno Hübner) oder in Noël Cowards Komödie "Weekend" (1946; u.a. mit Nadja Tiller, Ernst Stankovski). Am "Volkstheater" konnte sie 1952 in Ludwig Anzengrubers tragischem Volkstück "Das vierte Gebot"1) an der Seite von Karl Skraup (Drechslermeister Schalanter) und Hans Putz (Sohn Martin Schalanter) als Ehefrau bzw. "Kupplerin" Barbara Schalanter glänzen, eine Rolle, die sie bereits 1950 grandios in Eduard von Borsodys Verfilmung (Untertitel: "Die Kupplerin") mit Attila Hörbiger als Drechslermeister und Trinker Schalanter gespielt hatte. Am "Burgtheater" interpretierte sie unter anderem im Juli 1955 in Schillers "Kabale und Liebe" die Frau des Stadtmusikanten Miller (Attila Hörbiger), Ewald Balser gab den Präsident von Walter, Erich Auer dessen Sohn Ferdinand, Käthe Gold die Luise. Ebenfalls im Sommer 1955 zeigte sie sich in Ferdinand Raimunds Zaubermärchen mit Gesang "Der Bauer als Millionär" mit der weiblichen Hauptrolle der mächtige Fee Lacrimosa. Als Yatu erntete sie 1957 in Hans Hömbergs Lustspiel "Die chinesische Witwe" (mit Heinz Moog) ebenso gute Kritiken wie 1960 als Kurfürstin in Heinrich von Kleists "Prinz Friedrich von Homburg", mit Ewald Balser als Kurfürst und Jürgen Wilke in der Titelrolle – alles Stücke, die zuvor bei den "Bregenzer Festspielen" Premiere gefeiert hatten. An weiteren Auftritten am "Burgtheater" ist beispielsweise die Salonkomödie "Der Privatsekretär" von T. S. Eliot (1955; u.a. mit Attila Hörbiger, Josef Meinrad) zu nennen, die Einakter "Das Lied der Lieder" (1956; u.a. mit Inge Langen) von Jean Giraudoux und "Ein Phoenix zuviel" (1956) von Christopher Frey oder Paul Claudels Drama "Das Buch von Christoph Columbus" (1957; u.a. mit Ewald Balser, Albin Skoda), wo sie die Mutter des Columbus gab.
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Die Charaktermimin starb am 10. Juli 1961 im Alter von 67 Jahren in Wien und fand ihre letzte Ruhe auf dem dortigen Grinzinger Friedhof (Gr. 36/Reihe 2 Nr. 1A) → Foto der Grabstätte bei www.knerger.de
Tochter Evi Servaes1) schlug ebenfalls eine schauspielerische Laufbahn ein, stand auch gemeinsam mit ihrer Mutter für "Der Schandfleck" vor der Kamera, spielte jedoch hauptsächlich Theater, unter anderem auch zwischen 1951 und 1972 (mit Unterbrechungen) bei den Salzburger Festspielen.
Verheiratet war Dagny Servaes einige Jahre mit Erwin Goldarbeiter, was ihr während des Nazi-Regimes wegen dessen jüdischen Abstammung Schwierigkeiten einbrachte. Sie wurde aus der "Reichsfilmkammer" ausgeschlossen, erst nach der Scheidung wieder aufgenommen.
Quelle (unter anderem*)): Wikipedia, Volker Wachter1), www.cyranos.ch
Fotos bei www.virtual-history.com
Weitere Quelle: Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933 – 1945; Herausgeber: Frithjof Trapp, Werner Mittenzwei, Henning Rischbieter, Hansjörg Schneider;
Band 2: Biographisches Lexikon der Theaterkünstler von Frithjof Trapp, Bärbel Schrader, Dieter Wenk, Ingrid Maaß (Teil 2, L-Z; K G  Saur, München 1999)
Link: 1) Wikipedia, 2) Murnau Stiftung, 4) www.stummfilmkonzerte.de, 5) www.stummfilm.at, 6) Kurzportrait innerhalb dieser HP
Quelle: 3) Wikipedia
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(Link: Wikipedia, Murnau Stiftung, filmportal.de)
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