Anna Müller-Lincke vor 1929; Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder (1888 – 1929); Quelle: Wikimedia Commons; Ausschnitt Photochemie-Karte K 2007; Original: Historische Bildpostkarte in der Sammlung der Universität Osnabrück Die Künstlerin Anna Müller-Lincke, die sich vor allem als Soubrette und Bühnen-Komikerin, aber auch beim Film einen Namen machte, wurde am 8. April 1869 als Anna Marie Louise Waldmüller (nach anderen Quellen nur Müller) in Berlin geboren. Schon früh kam sie durch ihre Eltern mit dem Theater in Berührung, soll bereits als Vierjährige zusammen mit ihrer sieben Jahre älteren Schwester Ida am Berliner "Nationaltheater am Weinbergsweg" aufgetreten sein. Ohne je eine schauspielerische Ausbildung erhalten zu haben, avancierte sie später als Jugendliche zu einer vielbeschäftigten Bühnendarstellerin, lediglich ihre Stimme hatte sie von der Opernsängerin Mathilde Mallinger1) (1847 – 1920) schulen lassen. Die stämmige, muntere Person mit der herzlich-deftigen Art ist bald eine beliebte Komikerin und Diseuse, die an den volkstümlichen Bühnen Berlins auftritt und bereits in jungen Jahren mit ihren Couplets eine Berliner Institution wird.2)
1885 lernte die erst 16-Jährige am Berliner "Ostend-Theater" in der Großen Frankfurter Straße (das spätere "Rose-Theater"1)) den dort im Orchester als Fagottist tätigen 19-jährigen Paul Lincke1) (1866 – 1946) kennen, der später als berühmter Operetten-Komponist Triumphe feierte und als "Vater der Berliner Operette" in die Geschichte einging. Nur ein Jahr später soll das Paar geheiratet haben3), ließ sich jedoch 1901 wieder scheiden; die turbulente Trennung soll das Ergebnis eines amourösen Abenteuers Linckes in Paris gewesen sein, als er dort als "Chef d'Orchestre" am berühmten Varieté- und Revuetheater "Folies Bergères" tätig war.

Foto: Anna Müller-Lincke vor 1929
Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder1) (1888 – 1929)
Quelle: Wikimedia Commons; Ausschnitt Photochemie-Karte K 2007 
Original: Historische Bildpostkarte in der Sammlung der Universität Osnabrück
Angaben zur Lizenz siehe hier

Anna Müller-Lincke, wie sie sich seit ihrer Heirat nannte, machte eine fulminante Bühnenkarriere, wirkte als Soubrette unter anderem in Berlin am "Victoria-Theater"1), am "Belle-Alliance-Theater"1), am "Central-Theater" in der Alten Jakobstraße, am "Adolf-Ernst-Theater", am "Metropol-Theater"1) sowie viele Jahre lang am renommierten "Lessingtheater"1). Eine mehrjährige Tournee, die sie nun auch international bekannt werden ließ, führte die Künstlerin nach Frankreich, Holland, Dänemark, Russland sowie nach Nord- und Südamerika. Sie verstand es "vermittels feiner Beobachtungsgabe in die tiefsten Tiefen der Volksseele einzudringen und deren leiseste Regungen zu lenken und Dank ihres erstaunlichen und vielseitigen Charakterisierungsvermögens stellte sie in Rollen Figuren auf die Bühne, welche in ihrer künstlerischen Vollendung, in ihrer Lebenswahrheit, in ihren naturgetreu durchgearbeiteten Gefühlsschattierungen der Künstlerin begeisterte Erfolge eintragen und ihr die wärmsten Sympathien des Publikums und der gesamten Presse zuwendeten. Anna Müller-Linckes Fach sind die Soubretten-Partien. Auf diesem Gebiete schafft sie meisterhafte Typen vom urbiedern gesunden Humor der Frau aus dem Volke bis zum pikant prickelndem mousseuxartig schäumenden Charme der ungebundenen Lustigkeit, sowie sie andererseits auch die tieferen Seiten des menschlichen Gemüts in allen seinen ergreifenden Klangfarben anzuschlagen wußte." notierte die "Lichtbild-Bühne" (Nr. 9, 27.02.1915).4)

Bereits früh hatte sich Anna Müller-Lincke der noch jungen Kinematographie zugewandt und schon 1907 in "Tonbildern" der "Deutschen Bioscop" mitgewirkt. Sie trat bei der "Messter-Film" als Protagonistin in kurzen Possen wie "Bundrika, die Negerköchin" (1910) in Erscheinung, stand dann ab 1913 regelmäßig für zahllose Schwänke vor der Kamera und mimte meist resolute, bodenständige Frauentypen wie in Max Macks Komödie "Wo ist Coletti?"1) (1913) mit Hans Junkermann als Detektiv Jean Coletti. Müller-Linckes stämmige Erscheinung und ihr rundes, offenes Gesicht werden ebenso unverwechselbar wie ihr resoluter, schalkhafter Habitus. Die eigenen Filmserien verknüpft sie immer wieder mit den Serien anderer beliebter Komödianten (Otto Treptow, Franz Schmelter, Victor Arnold oder Paul Heidemanns "Teddy"). Ihre Ein- und Zweiakter sind meist Burlesken wie "Ein Brauner Lappen" und jenes Filmfragment mit dem Archivtitel "Ein moderner Brutkasten". Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wird aus der Komikerin die "Königin deutschen Humors". Die "National-Film" besetzt Müller-Lincke in der "Burleske in Feldgrau" "Die Mobilmachung in der Küche" und verkündet damit ihre propagandistische Absicht: Nicht nur die Soldaten an der Front, auch die Bevölkerung daheim soll ihren Alltag als Dienst am Vaterlande verstehen. Anna Müller-Lincke wird zur Gallionsfigur der "Kriegsführung mit anderen Mitteln". Die Filmserien Müller-Linckes dienen dem kaiserlichen, staatstragenden Geist, steigern die Kriegseuphorie und schaffen frohe Laune im Kaiserreich. Der "kriegerische Lustspielschlager" "Frau Annas Pilgerfahrt", "Fräulein Feldwebel", "Er will ins Feld", "Ja, schön ist die Soldatenliebe", "Musketier Kaczmarek", "Anna dreht Granaten" und "Die Dicke Berta" sind Kassenschlager. Im letzteren versucht sich die dralle Köchin "Berta vom Waschfaß" als Primaballerina im Lazarett, was angesichts ihrer Ungelenkheit und fülligen Figur für Heiterkeit sorgt.2)
Es waren ihre Darstellungen der einfachen, gutherzigen Frau aus dem Volke, die Anna Müller-Lincke mit viel Komik zu gestalten wusste und sie so vor allem während des 1. Weltkrieges zum Publikumsliebling mit Kult-Status werden ließ. Etliche der Figuren wie Dienstmädchen, Köchinnen, Marktfrauen oder Witwen, hatte sie selbst mit ihrem langjährigen Partner und Regisseur, dem heute vergessenen Franz Schmelter kreiert. So schrieb die "Lichtbild-Bühne" (Nr. 48, 27.11.1915) nach einer Film-Vorführung im Königsberger "Apollo-Kino" unter anderem: "Am Freitag erschien sie dann erst zusammen mit dem unverwüstlichen Franz Schmelter im Film "Ja, der Soldate" auf der Flimmerleinwand und spielte eine Berliner Köchin so lustig, mit so viel quellend frischem Humor und einer so herzlichen Gutmütigkeit, wie sie's allein nur kann. Und dann erschien sie eben in Person, von donnernden Beifallssalven begrüßt und sang ein paar lustige Lieder. Die Art der Müller-Lincke erinnert an die der besten Berliner Chansonetten, deren Derbheit so liebenswürdig war, daß man sie neben der parfürmierten Pikanterie der französischen Chansonetten manchmal als wahre Wohltat empfand und die eine Zeit lang die Hauptanziehungskraft jeder Variétébühne waren. In dieser natürlichen und lustigen Art und Weise trägt Anna Müller-Lincke ein Lied vom Werdegang einer Sängerin vor, die vom Konservatorium aus über Konzertpodium und Variétébrettl endlich "Hof"-Sängerin wird." (Quelle: Artikel "Der komische Kintopp" → www.cinegraph.de.

Foto: Anna Müller-Lincke vor 1929
Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder1) (1888 – 1929)
Quelle: www.cyranos.ch; Angaben zur Lizenz siehe hier

Anna Müller-Lincke vor 1929; Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder (1888 – 1929); Quelle: www.cyranos.ch
In den 1920er Jahren ließ ihre Popularität zunächst merklich nach und Anna Müller-Lincke schränkte ihre Arbeit für den Film zugunsten ihrer Bühnentätigkeit ein. Mit dem national und vaterländisch gehaltenen Streifen "Rosen blühen auf dem Heidegrab"1) (1929) drehte sie ihren letzten Stummfilm und wurde von Regisseur Curt Blachnitzky mit der eher kleinen Rolle einer Magd besetzt.
Den Übergang zum Tonfilm schaffte die Komödiantin aufgrund ihrer Bühnenerfahrung zwar problemlos, musste sich aber meist mit unbedeutenden Parts zufrieden geben, trat als matronenhaft-dralle Schwiegermutter, Ehedrachen, Wirtin oder Nachbarin in Erscheinung. So mimte sie unter anderem die Ehefrau von Kurt Lilien in Carl Heinz Wolffs Lustspiel "Lumpenball"1) (1930) oder die Frau des Vorstadt-Varieté-Besitzers Bumke (Walter Steiner) in Johannes Meyers Komödie "Die blonde Nachtigall"5) (1930) neben Hauptdarstellerin Else Elster. In Piel Jutzis ersten Verfilmung des Döblin-Romans "Berlin – Alexanderplatz"1) (1931) tauchte sie an der Seite von Heinrich George (Franz Biberkopf) als Proletarierin auf, die in einer ärmlichen Kellerwohnung haust und der das Fenster eingeschlagen wird: Im Halbdunkel fotografiert, nur schemenhaft zu erkennen, genügt ihr Nimbus, "die urberlinerische Volksseele" zu verkörpern.2) Eine Sängerin spielte sie in Slátan Dudows, zum Genre des "Proletarischen Films" zählenden Werk "Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?"1) (1932), danach übernahm sie kleinere Aufgaben in Komödien wie "Liebe muss verstanden sein"5) (1933) oder "Der kühne Schwimmer"5) (1934). Einen ihrer letzten Leinwandauftritte hatte die Schauspielerin in Carl Froelichs Krimi "Oberwachtmeister Schwenke"5) (1935) mit Gustav Fröhlich in der Titelrolle.
 
Anna Müller Lincke, in zweiter Ehe verheiratete Gräfe, starb am 24. Januar 1935 im Alter von 65 Jahren in Berlin. Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem dortigen Friedhof Baumschulenweg (Bezirk Treptow-Köpenick); die Grabstätte ist inzwischen aufgelöst.
Für ihre künstlerischen Leistungen war die in jenen Jahren als "Königin des Humors" bezeichnete Anna Müller-Lincke bereits in den 1910er Jahren als Ehrenmitglied in den "Verein für Kunst und Wissenschaft" aufgenommen worden.

Quellen (unter anderem): Wikipedia, www.cyranos.ch, www.berlin.friedparks.de sowie
CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film, LG 45*)
*) mit den Quellen:
– Eine populäre Kino-Schauspielerin. In: "Lichtbild-Bühne" (Nr. 9 vom 27.02.1915) → www.cinegraph.de
– R. Ramin: Eine Jubilarin. In: "Kinematograph" (Nr. 98 vom 28.04.1929
Link: 1) Wikipedia, 5) Murnau Stiftung
2) Quelle: CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film, LG 45
3) Wikipedia, CineGraph und cyranos.ch geben als Jahr der Eheschließung 1893 an
4) Quelle: www.cinegraph.de
Lizenz Foto Anna Müller-Lincke (Urheber: Alexander Binder): Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.
Filme
Filmografie bei der Internet Movie Database
sowie www.earlycinema.uni-koeln.de
(Link: filmportal.de, Wikipedia, Murnau Stiftung)
Tonbilder
  • 1907: Roland und Viktoria (Duett aus "Neuestes! Allerneuestes!". Nr. 10)
  • 1907: Abends nach Neune (Duett aus " Durchlaucht Radieschen". Nr. 11)
  • 1907: Schreiers Hochzeitsfeier
  • 1907: Übern grossen Teich: Die lachende Familie
Stummfilme
  • 1910: Bundrika, die Negerköchin
  • 1912: Das Elfte Gebot: Du sollst nicht stören deines Nächsten Flitterwochen
  • 1913: Leo, der schwarze Münchhausen
  • 1913: Wo ist Coletti? → Murnau Stiftung
  • 1913: Zwei Tage im Paradies
  • 1913: Die Mona Lisa von Groß-Kleindorf
  • 1913: Freibadfolgen
  • 1913: Gestörte Freude
  • 1913: Seine Kammerjungfer
  • 1913: Tangofieber
  • 1913: Das Verschleierte Bild von Gross-Kleindorf
  • 1913: Die Mona Lisa von Groß-Kleindorf
  • 1914: Vater und Sohn
  • 1914: Die Firma heiratet
  • 1914: Marketenderin
  • 1914: Zu hoch hinaus
  • 1914: Die Erbtante
  • 1914: Hans und Hanni
  • 1915: Schipp schipp hurrah!
  • 1915: Musketier Kaczmarek
  • 1915: Die Mobilmachung in der Küche
  • 1915: Fräulein Feldgrau
  • 1915: Fräulein Feldwebel
  • 1915: Ja, der Soldate
  • 1915: Ja, schön ist die Soldatenliebe
  • 1915: Er will ins Feld
  • 1915: Ein Unteroffizier und zwei Mann
  • 1915: Teddy im Schlafsofa
  • 1915: Die Dicke Berta
  • 1915: Bertas schönste Rolle
  • 1915: Die Kinderlose Witwe
  • 1915: Die Erben des Geizhalses
  • 1915: Frau Annas Pilgerfahrt
  • 1915: Drei Tage Mittelarrest
  • 1915: Hampels Abenteuer
  • 1915: Ein Brauner Lappen
  • 1915: Zofenstreiche
  • 1915: Der Barbier von Filmersdorf
  • 1915: Die Erbtante
  • 1915: Adam, wo bist Du?
  • 1915: Ihr Geburtstag
  • 1915: Liebet die Männer
  • 1915: Die Verflixten Junggesellen
  • 1915: Im blauen Engel
  • 1915: Die Warenhausgräfin
  • 1915: Ein Wiener in Berlin
  • 1915: Die Wirkung eines Extrablattes
  • 1916–1919: Anna Müller-Lincke-Serie
    • 1916: Anna auf Freiersfüßen
    • 1916: Anna, wo wohnst Du?
    • 1916: Anna, die Perle
    • 1917: Die Kahle Anna
    • 1917: Die Linkische Anna
    • 1918: Anna, die Unschuld
    • 1918: Anna verlobt sich
    • 1918: Anna, der Stolz des Hauses
    • 1919: Anna mit'n Flimmerfimmel
    • 1919: Anna dreht Granaten
Noch: Stummfilme
  • 1916: Der Floh von Baskerville
  • 1916: Das Loch in der Pfanne 
  • 1916: Jung muss man sein
  • 1916: Leute vom Stand
  • 1916: Ein Mann – ein Mann
  • 1917: Durchlaucht amüsiert sich
  • 1916: Traue nie dem blossen Schein
  • 1916: Eine Verfolgte Unschuld
  • 1916: Zwei glückliche Tage
  • 1917: Die Harmonie-Films
  • 1917: Lu'chens Ehefreuden
  • 1917: Lu's Backfischzeit
  • 1917: Die Schlange der Kleopatra
  • 1917: Die Verflixte Liebe
  • 1917: Vom Regen in die Traufe
  • 1918: Die Frau Kommerzienrat
  • 1918: Proppen und Pröppchen
  • 1919: Margots Freier
  • 1919: Der neue Herr Generaldirektor
  • 1919: Lo's erster Maskenball
  • 1919: Wer kriegt die Posträtin
  • 1920: Ihr tollster Trick
  • 1921: Flachsmann als Erzieher
  • 1921: Das neue Paradies
  • 1922: Der Fund in der Eilenriede oder Liebesrausch und Opfermut
  • 1925: Sündenbabel – Eine Komödie der Versuchungen
  • 1926: Die Wiskotten
  • 1928: Das Hannerl von Rolandsbogen
  • 1928: Gaunerliebchen
  • 1929: Kehre zurück! Alles vergeben!
  • 1929: Die Garde-Diva
  • 1929: Was eine Frau im Frühling träumt
  • 1929: Rosen blühen auf dem Heidegrab
Tonfilme
Um zur Seite der Publikumslieblinge zurückzukehren, bitte dieses Fenster schließen.
Home: www.steffi-line.de