Marija Leiko ca. 1918; Quelle: Wikimedia Commons (von www.cyranos.ch); Urheber unbekannt Die Theater- und Film-Schauspielerin Marija Leiko (auch Marija Leyko oder Maria Leyko) wurde am 14. August 1887 in der damals zum russischen Zarenreich gehörenden Stadt Riga (Lettland) geboren und erlebte eine kurze, intensive Karriere im deutschen Stummfilm. Liiert mit ihrem Landsmann Johann Hörhammer-Guter1) (1882 – 1962) – laut Kay Weniger*) war das Paar verheiratet –, der ebenfalls im Film unter dem Namen Johannes Guter vornehmlich als Regisseur und Drehbuchautor erfolgreich war, floh das Paar mit der 1908 geborenen gemeinsamen Tochter Nora aus dem zaristischen Russland über Dänemark nach Österreich. Als Sympathisanten von Leo Trotzki1) verdächtigt, wollten sie einer drohenden Verhaftung entgehen. Marija Leiko konnte mittels eines Stipendiums vom Wiener "Burgtheater" als Schauspielerin Fuß fassen, ein erstes Engagement führte das junge Nachwuchstalent 1911 an das "Neue Theater" in Frankfurt am Main. Eine weitere Theaterstation wurde Leipzig, nach einer erneuten Verpflichtung in Frankfurt kam Marija Leiko 1917 nach Berlin, wo sie an den Bühnen von Max Reinhardt sowie an der "Volksbühne" (1926) unter Erwin Piscator wirkte. Rasch arrivierte sie zu einer renommierten Charakterdarstellerin, Gastspielreisen führten die Mimin unter anderem mit Heinrich Manns Theaterstück "Madame Legros" nach München, 1920 trat sie auch in ihrer Heimatstadt Riga auf.

Foto: Marija Leiko ca. 1918
Quelle: Wikimedia Commons (von www.cyranos.ch)
Urheber unbekannt; Angaben zur Lizenz siehe hier

Zu Marija Leikos herausragenden Interpretationen zählten Rollen in Klassikern ebenso wie in Stücken der Moderne, so brillierte sie unter anderem 1918 als Hanneles Mutter in Max Reinhardts Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Traumdichtung "Hanneles Himmelfahrt", als Angélique in Molières Komödie "Der eingebildete Kranke" und als Ophelia sowie später als Königin Gertrude in Shakespeares Tragödie "Hamlet" und auch mit der Titelfigur in Ibsens "Nora oder Ein Puppenheim" oder als Gretchen in Goethes "Faust" wusste sie zu überzeugen.
 
Ende der 1910er Jahre begann für die inzwischen 30-Jährige eine ebenfalls erfolgreiche Karriere als Stummfilm-Darstellerin, sie agierte in Krimis, Lustspielen und Melodramen ebenso sicher wie in historischen Stoffen. Unter der Regie ihres Lebensgefährten Johannes Guter gab sie ihr Leinwanddebüt als junge Gräfin Wittkowska in dem Krimi "Die Diamantenstiftung"1) (1917) an der Seite von Ernst Reicher als Detektiv Stuart Webbs1). Mit Albert Bassermann in einer Doppelrolle drehte sie das Drama "Die Brüder von Zaarden" (1918), mit Otto Gebühr und Eva Speyer die Fantasy-Story "Die Vase der Semiramis"2) (1918). Unter der Regie von Johannes Guter entstanden die tragisch endenden Geschichten "Das Glück der Irren" (1919), "Die Augen im Walde" (1919), "Die Frau im Käfig" (1919) und "Ewiger Strom"3) (1920), dann trennten sich auch beruflich die Wege des Paares; bereits vor Guters Heirat mit der Opernsängerin Heidy Wilms (01.05.1919) war die private Beziehung gescheitert.
Ungemeine Popularität erlangte Marija Leiko durch ihre Rolle der spanischen Tänzerin am bayerischen Königshof Lola Montez1) in Rudolf Walther-Feins gleichnamigem Historiendrama (1919, Lola Montez. Am Hofe Ludwigs I. von Bayern). Es folgten weitere Produktionen mit der Schauspielerin in der weiblichen Hauptrolle, so unter anderem Friedrich Wilhelm Murnaus, heute als verschollen geltender Episodenfilm "Satanas"1) (1920; Episode 3: Der Diktator, Der Sturz eines Volkstribuns) oder die Dramen "Das Opfer der Ellen Larsen"2) (1921), "Torgus – Verlogene Moral"2) (1921) und "Am Webstuhl der Zeit"2) (1921). In Hanns Kobes Hauptmann-Adaption "Die Ratten" (1921) war sie als Dienstmädchen Pauline Piperkarcka neben Stars wie Lucie Höflich, Emil Jannings oder Eugen Klöpfer zu sehen, mimte für Rudolf Walther-Fein die "Lotte Hagedorn" (1921) in der Verfilmung des gleichnamigen Alt-Berliner Romans von Felix Philippi und für Max Mack "Die Schneiderkomtess" (1922). Nach der Titelfigur in "Der Schatz der Gesine Jakobsen" (1923; Regie: Rudolf Walther-Fein) mit Paul Wegener ließ die Popularität von Marija Leiko allmählich nach und sie stand nur noch für wenige Produktionen mit Nebenrollen vor der Kamera. Mit eher unbedeutenden Parts in den Streifen "Die Rothausgasse"4) (1928; Regie: Richard Oswald) und "Die Räuberbande" (1928; Regie: Hans Behrendt) beendete Marija Leiko ihre Stummfilmkarriere, widmete sich wieder ihrer Arbeit am Theater, musste sich jedoch auch hier mit kleineren Aufgaben begnügen.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ging die Schauspielerin 1933 in ihre Geburtstadt Riga zurück, veröffentlichte im darauffolgenden Jahr den historischen Roman "Marija Valeska". 1935 reiste sie nach Tiflis, um ihre Enkelin zu sich zu holen, da ihre Tochter Nora, verheiratet mit einen pensionierten sowjetischen Diplomaten, bei der Geburt verstorben war. Auf dem Rückweg nach Riga wurde sie in Moskau von Freunden überredet für einige Spielzeiten in Moskau am Theater aufzutreten. Diese Entscheidung kostete Marija Leiko das Leben, am 3. Februar 1938 starb sie erst 50-jährig im Zuge der von Josef Stalin veranlassten und vom sowjetischen Politbüro gebilligten Terrorkampagne, der sogenannten "Großen Säuberung"1). In Moskau geriet sie in den Sog stalinistischer Säuberrungen, man bezichtigte sie der Spionage für Deutschland und setzte sie harter Verhöre im Gefängnis aus. Schließlich sah die Ex-Schauspielerin keinen anderen Ausweg als den Selbstmord und erhängte sich in ihrer Zelle mit einer Socke. Anderen Quellen zufolge soll sie aufgrund angeblich konterrevolutionärer, lettisch-nationalistischer Aktivitäten verhaftet und nach einem zehnminütigem Schauprozess auf dem NKWD5)-Exekutionsplatz Butowo erschossen worden sein.*)  
Was mit ihrer erst drei Jahre alten Enkelin geschah, bleibt im Dunkeln; erst rund zwei Jahrzehnte nach ihrem Tod wurde die Schauspielerin Marija Leiko 1957/58 rehabilitiert.
Ihre Memoiren "Mans atmiņu dārzs" (dt. "Mein Garten der Erinnerung" erschienen noch zu Lebzeiten als Fortsetzung in der Tageszeitung "Jaunākās ziņas" (Riga) zwischen dem 27. April und 18. Mai 1929 sowie 7. Februar bis 14. März 1931.

Quellen (unter anderem*)): Wikipedia, www.cyranos.ch
*) Weitere Quelle: Kay Weniger: "Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben…"; Lexikon der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden 1933 bis 1945 (ACABUS Verlag, Hamburg 2011, S. 302/303). Laut Kay Weniger war das Paar verheiratet, laut Wikipedia war Marija Leiko die Lebenspartnerin von Johannes Guter (= 1. Ehe mit der lettischen Schauspielerin Mirdza Schmitchene, 2. Ehe (ab 01.05.1919) mit der Opernsängerin Heidy Wilms)
Link: 1) Wikipedia, 2) Murnau Stiftung, 3) filmportal.de, 4) www.stummfilm.at
5) NKWD = "Narodny Kommissariat Wnutrennich Djel" (Innenministerium)
Lizenz Foto Marija Leiko: Dieses Medium (Bild, Gegenstand, Tondokument, …) ist gemeinfrei, da das Urheberrecht abgelaufen ist und die Autoren unbekannt sind. Das gilt in der EU und solchen Ländern, in denen das Urheberrecht 70 Jahre nach anonymer Veröffentlichung erlischt.
Stummfilme
Filmografie bei der Internet Movie Database sowie
www.earlycinema.uni-koeln.de
(Link: Wikipedia, Murnau Stiftung, filmportal.de)
  • 1917: Die Diamantenstiftung ("Stuart Webbs"-Reihe)
  • 1918: Das Frühlingslied
  • 1918: Kain
    • Teil 1: Das Verhängnis auf Schloß Santarem
    • Teil 2: Goldrausch
    • Teil 3: Opfernde Liebe
    • Teil 4: Das Tor der Glückseligkeit
  • 1918: Die Brüder von Zaarden
  • 1918: Die Vase der Semiramis
  • 1919: Lola Montez. Am Hofe Ludwigs I. von Bayern
  • 1919: Die Frau im Käfig
  • 1919: Freie Liebe
  • 1919: Falscher Start
  • 1919: Das Glück der Irren
  • 1919: Die Frau im Käfig
  • 1919: Die Augen im Walde
  • 1920: Satanas → Murnau Stiftung
    • Episode 3: Der Diktator, Der Sturz eines Volkstribuns
  • 1920: Ewiger Strom
  • 1920: Die Kwannon von Okadera
  • 1921: Die rote Redoute
  • 1921: Das Opfer der Ellen Larsen
Um zur Seite der Publikumslieblinge zurückzukehren, bitte dieses Fenster schließen.
Home: www.steffi-line.de