Die Schauspielerin Evelyn Holt wurde am 3. Oktober 1906 (nach anderen Quellen 1908) als Edith Toni Sklarz und Tochter eines Journalisten in Berlin geboren. Nach dem Besuch eines Mädchenlyzeums wollte sie ursprünglich Opernsängerin werden und nahm Gesangsunterricht, entschloss sich dann aber für den Schauspielerberuf. Der dänische Regisseur Holger-Madsen holte die erst 19-Jährige für seinen im Aristokraten-Milieu angesiedelten Krimi "Spitzen" (1926) als Partnerin von Olaf Fřnss bzw. Prinzessin Alix vor die Kamera, wenig später erhielt sie von Curtis Bernhardt die Titelrolle in der zu Herzen gehenden Geschichte "Die Waise von Lowood" (1926; nach dem Roman "Jane Eyre"1) der britischen Autorin Charlotte Brontë), wo sie erneut mit Fřnss spielte, der den Lord Edward Rochester mimte. Die attraktive junge Frau etablierte sich rasch mit Haupt- und prägnanten Nebenrollen in der Stummfilmszene, überzeugte unter anderem auch als Tochter des alten Violinspielers Weyring (Jaro Fürth) in der Schnitzler-Verfilmung "Liebelei" (1927; Regie: Jakob Fleck/Luise Fleck) an der Seite von Frauenschwarm Fred Louis Lerch (Student Fritz Lobheimer). Mit Lerch zeigte sie sich erneut in Holger-Madsens Drama "Freiwild" (1928) – ebenfalls eine Arthur Schnitzler-Adaption1) – und gestaltete eindringlich die junge Schauspielerin Anna Riedel, Geliebte von Paul Rönning (Fred Louis Lerch). Evelyn Holt wurde in Produktionen unterschiedlichen Genres besetzt und verkörperte meist den Typus der liebenswerten und unschuldigen jungen Frau.
 

Foto: Evelyn Holt um 1928
Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder1) (1888 – 1929)
Quelle: Wikipedia; Ross-Karte Nr. 1780/1 (Ausschnitt); Angaben zur Lizenz siehe hier

Evelyn Holt um 1928; Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder (1888 – 1929); Quelle: Wikipedia; Ross-Karte Nr. 1780/1 (Ausschnitt)
Evelyn Holt vor 1929; Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder (1888 – 1929); Quelle: www.virtual-history.com; Hänsom-Reihe 2 Nr. 204 Beispielsweise war sie das Mädchen Linda neben Gustav Fröhlich in dem Fußball-Streifen "Die elf Teufel"1) (1927), die hübsche Tochter des Professors Hausen (Leopold Kramer) in dem Melodram "Frauenarzt Doktor Schäfer" (1928) mit Iván Petrovich und Hans Albers oder die Tochter eines amerikanischen Millionärs (Paul Hörbiger), die sich in Géza von Bolvárys Romanze "Der fesche Husar"2) (1928) in einen ungarischen Leutnant (Ivor Novello) verliebt.
Bis zum Ende der Stummfilm-Ära drehte Evelyn Holt unter anderem mit Regisseur Charles Burguet die deutsch-französische Co-Produktion " Die Schleiertänzerin" (1929, Le meneur de joies), mit Richard Oswald das Drama "Ehe in Not"2) (1929) und einmal mehr mit Jacob und Luise Fleck "Einbruch im Bankhaus Reichenbach" (1930). Robert Wohlmuths Streifen "Das Wolgamädchen" (1930), der nachträglich mit Geräuschen und Gesang unterlegt in die Lichtspielhäuser gelangte, war ihre letzte Arbeit für den Stummfilm. Erzählt wurde die in Russland spielende Liebesgeschichte zwischen dem Offizier Leutnant Wladimir Trojanowski (Igo Sym) und der Bauernmagd Katja (Evelyn Holt).
Die Mimin ging ganz in ihren Rollen auf und war nach eigenen Aussagen "froh und glücklich" über ihre Erfolge: "Ja, fast will es mir als Traum erscheinen, daß ich schon so viele Filme gedreht und so schöne Erfolge erzielt habe. Aber ich will es immer besser machen. Ich bin durch den Film innerlicher geworden, die seelischen Konflikte, das fortgesetzte Sicheinfühlen in andere Menschen stärkt das Empfindungsvermögen. (…) Seelisch fühle ich mich der Gish4) am verwandtesten, diesem reinen, zärtlichen, ernsten Mädchen, das immer wie in Erwartung von Leiden ist. "Gretchen", "Mimi" und "Käthchen" sind die drei Gestalten, die im Film einmal verkörpern zu dürfen mein innigster Wunsch ist." ließ sie ihr Publikum wissen.5)  
  
Foto: Evelyn Holt vor 1929
Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder1) (1888 – 1929)
Quelle: www.virtual-history.com; Ross-Karte (Hänsom-Reihe 2) Nr. 204; Angaben zur Lizenz siehe hier
  
Einer ihrer ersten ersten Tonfilme war das tragisch endende Offiziers-Drama "Aschermittwoch" (1931) mit Karl Ludwig Diehl, Hans Stüwe und Claire Rommer, in der von Wilhelm Dieterle inszenierten, ebenfalls tödlich endenden Geschichte "Eine Stunde Glück"2) (1931) tauchte Evelyn Holt als die arme Zeitungsverkäuferin auf, die von den beiden Monteuren Eddy (Wilhelm Dieterle) und Tommy (Harald Paulsen) in ein Warenhaus geschmuggelt wird und deren als Spaß gedachten Geschenke als Realität ansieht. Sie agierte als Tochter des Aufsehers einer Berliner Markthalle Adalbert Bulcke (Max Adalbert), der für seine Mitmenschen "Das Ekel"6) (1931) ist, und spielte erneut eine Tochter, die nach Umwegen mit dem arbeitslosen Max (Adolf Wohlbrück) in "Drei von der Stempelstelle"2) (1932) ihr Glück findet. Evelyn Holts letzte Arbeit für den Film war Erich Schönfelders Sportler-Drama "Kampf" (1932), wo sie als Ehefrau des Autorennfahrers Robert Wenck in Erscheinung trat, gespielt von Manfred von Brauchitsch1), im wahren Leben ein berühmter deutscher Autorennfahrer und Sportfunktionär. Danach wurde ihre schauspielerische Karriere abrupt beendet.
 
Nach der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten erhielt die angebliche "Halbjüdin" zunächst ein Berufsverbot, das dann bis zur endgültigen Klärung ihrer "Abstammung" in eine zunächst bis 30. Januar 1935 befristete "Sondergenehmigung" umgewandelt wurde. Laut Geburtsurkunde war sie die Tochter des Kaufmanns Waldemar Sklarz, hatte aber eine notariell beglaubigte Erklärung ihrer Mutter eingereicht, dass ihr Vater der britische Journalist Will Hamilton sei. Im Mai 1936 erfolgte durch die "Reichsfilmkammer" (RFK) das Verbot der Fortführung ihres Künstlernamens "Evelyn Holt", "da er jetzt nur noch der Verschleierung der jüdischen Abstammung des Namens "Sklarz" diene". Am 16. November 1936 schrieb die Künstlerin einen Brief an die RFK, in dem sie wegen bevorstehender Eheschließung selbst ihren Austritt aus der "Reichsfilmkammer" erklärte.7)
 
Bis Mitte der 1930er Jahre hatte sich Evelyn Holt noch mit Engagements als Soubrette an der "Komischen Oper" in Berlin über Wasser halten können, als sie 1936 den aus Konstanz stammenden, zwei Jahre älteren jüdischen Verleger und Literatur-Agenten Felix Guggenheim (1904 – 1976; → immigrantentrepreneurship.org) heiratete, war ihr auch das nicht mehr möglich. 1938 emigrierte das Paar über die Schweiz und England schließlich im August 1940 in die USA, ließen sich zunächst in San Francisco, dann in Los Angeles nieder. Dort gründete Felix Guggenheim die deutsch-jüdische "Pazifische Presse", betätigte sich als Verleger von Exil-Schriftstellern wie Thomas Mann, Franz Werfel, Lion Feuchtwanger und Alfred Döblin. Evelyn Holt selbst konnte im Filmgeschäft nicht mehr Fuß fassen und stand nie wieder vor der Kamera. 
Während des 2. Weltkrieges engagierte sie sich unter andrem in Los Angeles für den von ihrem Mann geleiteten "German-Jewish Club of 1933", in dem die in die USA geflüchteten jüdischstämmigen Deutschen einen Zusammenhalt bzw. Förderung gefunden hatten. Am 26. April 1946 erhielten Evelyn Holt und ihr Mann die amerikanische Staatsbürgerschaft, kurz zuvor war der gemeinsame Sohn geboren worden.
Evelyn Holt kehrte niemals nach Deutschland zurück, sie starb am 22. Februar 2001 im hohen Alter von 94 Jahren in Los Angeles (Kalifornien).
Quellen (unter anderem*)): Wikipedia, www.cyranos.ch, www.film-zeit.de
Fotos bei www.virtual-history.com
*) Weitere Quellen:
  • Evelyn Holt. In: Dr. Hermann Treuner (Hrsg.): Filmkünstler – Wir über uns selbst (Sybillen Verlag, Berlin, 1928)
  • Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933 – 1945; Herausgeber: Frithjof Trapp, Werner Mittenzwei, Henning Rischbieter, Hansjörg Schneider;
    Band 2: Biographisches Lexikon der Theaterkünstler von Frithjof Trapp, Bärbel Schrader, Dieter Wenk, Ingrid Maaß (Teil 2, L-Z; K G  Saur, München 1999)
  • Kay Weniger: "Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben…". Lexikon der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden 1933 bis 1945. Eine Gesamtübersicht, Hamburg, ACABUS Verlag 2011, S. 248/249
Link: 1) Wikipedia (deutsch), 2) Wikipedia (englisch), 3) filmportal.de, 6) Murnau Stiftung
4) gemeint ist die US-amerikanische Schauspielerin Lillian Gish (→ Kurportrait innerhalb dieser HP)
5) Evelyn Holt. In: Dr. Hermann Treuner (Hrsg.): Filmkünstler – Wir über uns selbst (Sybillen Verlag, Berlin, 1928
7) Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933 – 1945; Herausgeber: Frithjof Trapp, Werner Mittenzwei, Henning Rischbieter, Hansjörg Schneider;
Band 2: Biographisches Lexikon der Theaterkünstler von Frithjof Trapp, Bärbel Schrader, Dieter Wenk, Ingrid Maaß (Teil 2, L-Z; K G  Saur, München 1999)
Lizenz Fotos Evelyn Holt (Urheber: Alexander Binder): Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.
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(Link: Wikipedia (deutsch, englisch), filmportal.de, Murnau Stiftung)
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