Alfred Gerasch wurde am 17. August 1877 in Berlin geboren; über seinen familiären Hintergrund sowie seine Kindheit- und Jugendjahre bzw. wie er zur Schauspielerei kam ist nichts bekannt. 1896 trat er erstmals am "Bellevuetheater" in Stettin in Erscheinung, wechselte im darauffolgenden nach Hamburg sowie 1898 nach Oldenburg. Über Karlsruhe (1899) kam Gerasch 1907 nach Wien, wo er von dem damaligen Direktor Paul Schlenther1) (1854 – 1916) in das Ensemble des "Burgtheaters" berufen wurde.
Gerasch arrivierte mit Titelrollen als jugendlicher Held und Liebhaber rasch zum Schwarm des Wiener Publikums, gestaltete den Romeo in Shakespeares "Romeo und Julia", den Schiller'schen "Don Karlos" oder den Orest in Goethes "Iphigenie auf Tauris". Ab 1908 interpretierte Gerasch für mehrere Spielzeiten den Beaumarchais in einer Neuinszenierung von Goethes "Clavigo", glänzte mit Titelrollen in Hebbels "Gyges und sein Ring", Goethes "Torquato Tasso" und "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" sowie Shakespeares "Heinrich IV.". Der zum "kaiserlich und königlichen Hofschauspieler" ernannte charismatische Mime feierte Triumphe als Herzog Orsino in der Shakespeare-Komödie "Was ihr wollt", als Ferdinand in Schillers "Kabale und Liebe", als König von Frankreich in Schillers "Die Jungfrau von Orleans", als Leandro in Lessings Kriegs-Drama "Philotas" oder als Prinz von Guastalla in "Emilia Galotti", ebenfalls von Lessing. Als Grillparzer-Interpret glänzte er in dem Lustspiel "Weh dem der lügt" und zeigte sich als Küchenjunge Leon, gab den Jüngling Phaon in dem Trauerspiel "Sappho" ebenso grandios wie den Rustan in dem dramatischen Märchen "Ein Traum ein Leben" und den Leander, der in "Des Meeres und der Liebe Wellen" in Leidenschaft zu der Priesterin Hero entbrennt.
 

Foto: Alfred Gerasch 1913
Urheber: Franz Xaver Setzer1) (1886–1939); Angaben zur Lizenz siehe hier
Quelle: Wikimedia Commons (zeitgenössische Postkarte) 

Alfred Gerasch 1913; Quelle: Wikimedia Commons (zeitgenössische Postkarte); Urheber: Franz Xaver Setzer (1886–1939)
Alfred Gerasch als Romeo in Shakespeares "Romeo und Julia"; Urheber: Franz Xaver Setzer (1886–1939); Quelle: filmstarpostcards.blogspot.de Gerasch deckte das ganze Spektrum der klassischen Helden ab, wusste aber auch in Stücken der Moderne zu überzeugen, etwa mit der Figur des Marine-Fähnrichs Otto in Arthur Schnitzlers Tragikomödie "Das Weite Land", die am 14. Oktober 1911 am Wiener "Burgtheater" uraufgeführt wurde → Premierenbesetzung bei Wikipedia. Bereits in Schnitzlers "Der junge Medardus" (Uraufführung: 24.11.1910) hatte der Schauspieler mit der Titelrolle begeistert, spielte den Peter Thormann in Max Dreyers Schauspiel "Die Frau des Kommandeurs" oder den Jüngling Robert in Herbert Eulenbergs "Belinde. Ein Liebesstück in fünf Aufzügen" (1913).
 
Erst im vorgerückten Alter wandte sich Gerasch dem Film zu, gab mit Anfang 40 sein Leinwanddebüt als Filmsohn in den von Robert Land in Szene gesetzten kurzen Streifen "Adrian Vanderstraaten" (1919) und "Durch die Quartiere des Elends und Verbrechens" (1920). Bereits in seinem dritten Film, Joe Mays Melodram "Die Legende von der heiligen Simplicia"1) (1920), machte er als Ritter Rochus, der die "Heilige Simplicia" (Eva May) von ihrem Weg abzubringen versucht, nun auch das Kinopublikum auf sich aufmerksam. Hatte Joe May in diesem Film Gerasch als Partner seiner Tochter Eva May3) (1902 – 1924) besetzt, tauchte der gut aussehende Mime wenig später in neben Mays Ehefrau Mia May3) (1884 – 1980) als Vicomte Gaston de Cardillac in der Tragödie "Die Schuld der Lavinia Morland"1) (1920) auf.
 
Foto: Alfred Gerasch als Romeo in Shakespeares "Romeo und Julia"
Urheber: Franz Xaver Setzer1) (1886–1939); Angaben zur Lizenz siehe hier
Quelle: filmstarpostcards.blogspot.de
Gerasch spielte prägnante Rollen unter anderem in Georg Jacobys zweiteiligen Komödie "Seine Exzellenz von Madagaskar" (1922), Willi Wolffs Krimi "Schatten der Weltstadt"2) (1925) oder Karl Gerhardts Drama "Staatsanwalt Jordan"2) (1926), Jacob und Luise Fleck besetzten ihn als Sohn Franz in der Ludwig Anzengruber-Verfilmung "Der Meineidbauer" (1926 → Infos zum Volksstück1)). Erneut für Joe May stand er in dem Abenteuer "Dagfin"1) (1926) vor der Kamera, zeigte sich als Graf Rabbatz in Alexander Kordas heiteren Geschichte "Eine Dubarry von heute"1) (1927) an der Seite von Kordas Ehefrau Maria Corda3). Als Napoléons Außenminister Talleyrand1) machte Gerasch in Karl Grunes zweiteiligem Historienfilm "Die Jugend der Königin Luise"2) (1927) bzw. "Kronprinzessin Luise"2) (1928) neben Protagonistin Mady Christians eine gute Figur, ebenso wie als französischer König Louis XV. in Karl Grunes Historien-Abenteuer "Marquis d'Eon, der Spion der Pompadour"4) (1928) mit Liane Haid (Marquis d'Eon) und Gräfin Agnes Esterhazy (Madame Pompadour). Auch in Lupu Picks historischem Streifen "Napoleon auf St. Helena"1) (1929), mit dem legendären Charaktermimen Werner Krauß3) als französischem, in die Verbannung geschickten Imperator Napoléon Bonaparte, verkörperte Gerasch als Zar Alexander I. erneut eine Persönlichkeit der Geschichte.
 
Im Tonfilm konnte der Schauspieler dank seiner Bühnenerfahrungen problemlos Fuß fassen, der inzwischen über 50-Jährige wurde nun auch hier überwiegend als historische oder adelige Person der Gesellschaft besetzt. So spielte er den Gutsbesitzer Baron de Lorche in dem Melodram "Väter und Söhne"2) (1930), verlieh dem Österreich-Ungarischen Generalstabschef Freiherr Franz Conrad von Hötzendorf1) in Richard Oswalds Historienfilm "1914, die letzten Tage vor dem Weltbrand"1) (1931) ebenso Kontur wie dem Generalmajor Graf von Waldersee in "Tannenberg" (1932), mit dem Regisseur Heinz Paul die legendäre Schlacht bei Tannenberg1) während des 1. Weltkrieges thematisierte. In "Trenck – Der Roman einer großen Liebe" (1932) mit Hans Stüwe als Freiherr von der Trenck und Dorothea Wieck als Prinzessin Amalie von Preußen stellte Gerasch den berühmten preußischen Kavallerie-General Friedrich Wilhelm von Seydlitz1) dar, den österreichischen Staatsmann Fürst von Metternich1) in "Marschall Vorwärts" (1932; Regie: Heinz Paul), neben Paul Wegener als Generalfeldmarschall Blücher1), der wegen seiner Schnelligkeit und der Art seiner Angriffe von den Russen den Beinamen "Marschall Vorwärts" erhalten hatte. Erneut als Talleyrand agierte Gerasch in "Hundert Tage"4) (1935; Regie: Franz Wenzler) über die letzten 100 Tage der Regentschaft Napoléons (Werner Krauß), die mit der vernichtenden Schlacht bei Waterloo endete; den österreichischen Generalfeldmarschall Leopold Joseph Graf von Daun1) spielte er in Johannes Meyers Historien-Epos "Fridericus"1) (1937) mit Otto Gebühr als dem "Alten Fritz".
Bis Ende der 1930er Jahre wirkte der Schauspieler nur noch in wenigen Kinoproduktionen mit, unter anderem in dem ganz auf das Traumpaar Jan Kiepura und Marta Eggerth zugeschnittenen Musikfilm "Zauber der Bohème"1) (1937; Regie: Géza von Bolváry), wo er auch als Co-Autor fungiert hatte.

Gerasch, der seit 1937 in Wien lebte und sich weitgehend, bis auf wenige Gastspiele, von der Bühne zurückgezogen hatte, trat lediglich noch einmal nach dem Krieg in einem Kinofilm in Erscheinung: Der inzwischen 70-Jährige spielte in der Fantasy-Komödie "Die Welt dreht sich verkehrt"5) (1947; Regie: Johannes Alexander Hübler-Kahla) mit und gab als römischer Kaiser und Philosoph Marc Aurel1) neben Hauptdarsteller Hans Moser einmal mehr eine geschichtliche Figur.

Der k.u.k. Hofschauspieler Alfred Gerasch starb am 12. August 1954 – wenige Tage vor seinem 77. Geburtstag – in der österreichischen Hauptstadt Wien.

Quelle (unter anderem): Wikipedia, www.cyranos.ch
Siehe auch filmstarpostcards.blogspot.de
Link: 1) Wikipedia, 2) Murnau Stiftung, 3) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 4) filmportal.de, 5) film.at
Lizenz Foto Alfred Gerasch: Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Das gilt in der EU und solchen Ländern, in denen das Urheberrecht 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers erlischt.
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(Link: filmportal.de, Murnau Stiftung, Wikipedia (deutsch, englisch), filmportal.de, film.at)
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