Lia Eibenschütz wurde am 19. März 1899 als Lina Mathilde Eibenschütz in Wiesbaden in eine musikalisch geprägte Familie hineingeboren. Der Vater Albert Maria Eibenschütz (1857 – 1952) war Pianist und Dirigent, die Mutter Wilhelmine Marianne Eibenschütz-Wnuczek (1879 – ?) stammte aus Ungarn und konnte ebenfalls als Pianistin Erfolge verbuchen. So war es nicht weiter verwunderlich, dass auch Tochter Lia Musik studierte, zunächst ebenfalls eine Karriere als Pianistin begann und ihre Kunst im Rahmen von Konzerten präsentierte. "Auf einer dieser Konzertreisen kam ich in Berlin mit dem Film in Berührung. Die vollkommen neue Welt, die sich mir hier erschloß, fesselte mich derart, daß sie mich bald restlos gefangennahm. Nachdem ich nun meine mimische Begabung beim Film entdeckt hatte, verwertete ich sie auch gleichzeitig beim Theater." ließ die Künstlerin später ihr Publikum wissen.*)
Lia Eibenschütz machte sich an Berliner Bühnen (unter anderem an der "Tribüne") im Fach der jugendlichen Salondame einen Namen, etablierte sich ab Ende der 1910er-Jahre mit prägnanten Rollen in zahlreichen Produktionen als gefragte Stummfilm-Mimin und verkörperte meist verliebte junge Frauen oder elegante Damen der gehobenen Gesellschaft. Sie selbst beschrieb ihre Tätigkeit als Leinwand-Darstellerin folgendermaßen: "Besonders liegen mir junge Liebhaberinnen, elegante, schöne, reiche, junge Frauengestalten. Im allgemeinen bevorzuge ich ernste Charaktere. Zwischendurch spiele ich auch gern einmal eine lustige Rolle. Das Theater ist immer dasselbe. Der Film dagegen hat den Vorzug, international zu sein. Es ist für mich ein eigenartiges Gefühl, zu wissen, daß ich an einem Tage gleichzeitig in fünf verschiedenen Erdteilen vor dem Publikum erscheinen kann. (…) Ich spiele überhaupt absolut gefühlsmäßig, und je mehr Freiheit mir da Regisseur während der Aufnahme läßt, um so lieber ist es mir. Trotzdem konzentriere ich mich während der Aufnahmen so stark auf meine Rolle, daß ich all die tausend technischen Dinge des Films, die Lampen und die Kamera überhaupt nicht mehr empfinde. Einen Wunsch habe ich noch: Ich habe jetzt sehr viel Filme gespielt, aber ich möchte lieber weniger spielen und dafür nur künstlerisch wertvolle Filme, damit ich Zeit und Ruhe zum Ausarbeiten meiner Rollen habe.*)
  
Zu ihren nachhaltigsten Rollen zählten beispielsweise die Baronin Edda von Gerding in Max Macks Streifen "Die große und die kleine Welt" (1921), die Gräfin Polignac in Rudolf Meinerts Biopic "Marie Antoinette – Das Leben einer Königin"1) (1922) mit Diana Karenne in der Titelrolle, oder die Sittah in Manfred Noas Lessing-Adaption "Nathan der Weise"2) (1922) an der Seite von Werner Krauss als Nathan. Mit Krauss spielte sie auch in Robert Wienes Tragikomödie "Der Puppenmacher von Kiang-Ning"1) (1923) und in Peter Paul Felners freien Shakespeare-Verfilmung "Der Kaufmann von Venedig" (1923) mit Krauss als Shylock, Henny Porten als reiche Portia, Harry Liedtke als Bassanio und Max Schreck als Doge von Venedig – Lia Eibenschütz verkörperte Shylocks Tochter Jessica. Einmal mehr als Gräfin tauchte sie in Rudolf Walther-Feins Geschichte "Der kleine Herzog" (1924) auf, in "Horrido" (1924; Regie: Johannes Meyer), einem im Jägermilieu angesiedelten Dokumentarfilm mit Spielhandlung, war Rudolf Forster ihr Partner. Sie gehörte zur Besetzung des 1. Teils von Rolf Randolf "
Wallenstein"-Verfilmung2) (1925) mit Fritz Greiner in der Titelrolle, Max Obals Romanze "Der moderne Casanova" (1928) mit Harry Liedtke und María Corda war eine ihrer letzten Arbeiten für den Stummfilm.
 
Seit 1927 verheiratet mit Schauspielerkollegen Kurt Vespermann3) (1887 – 1957; Geburtsname: Kurt Harprecht), zog sich Lia Eibenschütz ab Anfang der 1930er Jahre mehr und mehr von Bühne und Film zurück. Seit der Geburt des gemeinsamen Sohnes Gerd Vespermann3) (1926 –  2000), der später ebenfalls ein populärer Schauspieler wurde, widmete sie sich verstärkt der Familie.
Im Tonfilm sah man sie lediglich noch in drei Produktionen, unter anderem in Friedrich Zelniks Komödie "Ein süßes Geheimnis"4) (1932) als Filmtochter der Wiener Volksschauspielerin Hansi Niese; zur Spielzeit 1932/33 wirkte sie außerdem auch am berühmten Berliner "Kabarett der Komiker". Mit der sogenannten Machtergreifung durch die Nationalsozialisten bekam Lia Eibenschütz als sogenannte "Halbjüdin" bzw. Nicht-Arierin zunehmend Probleme und wurde 1937 aus der "Reichstheaterkammer" (RTK) ausgeschlossen.
Erst nach Ende des 2. Weltkrieges übernahm die Schauspielerin ab Anfang der 1950er Jahre sporadisch wieder Aufgaben vor der Kamera und trat Berlin als Theaterschauspielerin, unter anderem am "Renaissance-Theater" auf. Zu ihren Nachkriegsfilmen bzw. -Rollen zählt die der Madame de la Rocco in der Curt Goetz-Komödie "Das Haus in Montevideo"2) (1951) oder die Figur der Frau Mertens in dem Hans Albers-Krimi "Der Greifer"2) (1958). In dem Wallace-Thriller "Neues vom Hexer"2) (1965) mit Heinz Drache als Inspektor Wesby trat sie als Lady Curtain in Erscheinung, mimte die Mutter des überdrehten Modeschöpfers Emile Cavin (Hanns Lothar) in der Gaunerkomödie "
Lange Beine – lange Finger"5) (1966) mit Martin Held (Baron Holberg), Senta Berger (Tochter Dodo) und Joachim Fuchsberger (Robert Hammond). Eine ihrer letzten Aufgaben für den deutschen Kinofilm übernahm sie als Mutter des Mädchens Johanna (Verena Buss) in Haro Senfts Autorenfilm "Der sanfte Lauf"2) (1967), in dem Bruno Ganz seine erste Hauptrolle in einer Kinoproduktion spielte. Verschiedentlich zeigte sie sich auch auf dem Bildschirm, etwa 1963 als Schwiegermutter der Titelheldin (Heidelinde Weis) in der TV-Serie "Meine Frau Susanne"6) oder in der Episode "Ein Mann namens Pawlov" (1965) aus der Krimi-Serie "Die Fünfte Kolonne". Einen letzten kleinen Auftritt hatte sie als Frau Reiboldt in "Die Unverbesserlichen und ihr Stolz" (EA: 09.05.1971), der letzten und siebten Geschichte um "Die Unverbesserlichen" mit Inge Meysel und Joseph Offenbach → Infos zu "Die Unverbesserlichen" innerhalb dieser HP.
 
Lia Eibenschütz, die laut Kay Weniger***) zuletzt unter dem Namen Mathilde Lya Harprecht in Berlin-Charlottenburg lebte, starb dort – kurz vor ihrem 86. Geburtstag – am 3. März 1985; ihre letzte Ruhe fand sie auf dem "Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Friedhof" (Berlin-Westend) in einer Grabstätte, in der bereits 1957 ihr Ehemann Kurt Vespermann beigesetzt worden war → Foto der Grabstelle bei Wikipedia.
Quellen (unter anderem)*) **) ***): Wikipedia, www.cyranos.ch
Foto bei www.virtual-history.com
*) Lia Eibenschütz. In: Dr. Hermann Treuner (Hrsg.): Filmkünstler – Wir über uns selbst (Sybillen Verlag, Berlin, 1928)
**) Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933 – 1945; Herausgeber: Frithjof Trapp, Werner Mittenzwei, Henning Rischbieter, Hansjörg Schneider; Band 2: Biographisches Lexikon der Theaterkünstler von Frithjof Trapp, Bärbel Schrader, Dieter Wenk, Ingrid Maaß (Teil 1, A-K; K G  Saur, München 1999)
***)  Kay Weniger: "Zwischen Bühne und Baracke. Lexikon der verfolgten Theater-, Film- und Musikkünstler 1933 bis 1945" (Metropol, Berlin 2008, S. 103/104)
Link: 1) Wikipedia (englisch), 2) Wikipedia (deutsch), 3) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 4) Murnau Stiftung,  5) prisma.de, 6) fernsehserien.de
Kinofilme (Auszug)
Filmografie bei der Internet Movie Database sowie
einige Stummfilme bei www.earlycinema.uni-koeln.de
(Link: Murnau Stiftung, Wikipedia (deutsch/englisch), prisma.de, filmportal.de)
Stummfilme
  • 1919: Der Tempel der Liebe /Der Liebestempel
  • 1919: der schwarze Meister
  • 1919: Der Sprung ins Dunkle (Stuart Webbs-Film)
  • 1920: Um Ruhm und Frauenglück, Teil 2: Frauenruhm
  • 1920: Der Mann auf der Flasche
  • 1920: Die Legende von der heiligen Simplicia
  • 1920: Der Ochsenkrieg
  • 1920: Der letzte Schuss
  • 1920: Sklaven des 20. Jahrhunderts  / Der Gefangene
  • 1921: Die Verschwörung zu Genua
  • 1921: Die große und die kleine Welt
  • 1921: Nachtbesuch in der Northernbank
  • 1921: Das gestohlene Millionenrezept
  • 1921: Der Leidensweg der Inge Krafft
  • 1921: Das begrabene Ich
  • 1921: Pariserinnen
  • 1921: Der Totenvogel
  • 1922: Wenn die Maske fällt
  • 1922: Der Gouverneur des Todes
  • 1922: Schamlose Seelen oder Ein Mädchenhandel
  • 1922: Der Herr aus dem Zuchthaus
  • 1922: Marie Antoinette – Das Leben einer Königin
  • 1922: Es leuchtet meine Liebe
  • 1922: Nathan der Weise
  • 1923: Nachtstürme
  • 1923: Bob und Mary
  • 1923: Der Kaufmann von Venedig
  • 1923: Der Puppenmacher von Kiang-Ning
  • 1923: Die Madonna am Portal
  • 1923: Die Gasse der Liebe und der Sünde
  • 1924: Der kleine Herzog
  • 1924: Horrido (Dokumentarfilm mit Spielhandlung)
  • 1924: Kaddisch
  • 1924: Frühlingsfluten
Noch: Stummfilme
  • 1924: Die Frau im Feuer
  • 1924: Wetterleuchten
  • 1925: Aschermittwoch
  • 1925: Der erste Stand. Der Großkapitalist (2 Teile)
  • 1925: Luxusweibchen
  • 1925: Wallenstein, 1. Teil - Wallensteins Macht
  • 1925: Die große Gelegenheit. Raub in der Zentralbank
  • 1925: Schicksal
  • 1925: Finale der Liebe
  • 1925: Die Dame aus Berlin
  • 1925: Die große Gelegenheit
  • 1927: Der Sohn der Hagar
  • 1927: Die Apachen von Paris
  • 1928: Die Geliebte seiner Hoheit
  • 1928: Sechzehn Töchter und kein Papa
  • 1928: Der moderne Casanova
  • 1928: Flucht vor Blond
  • 1929: Die keusche Kokotte
Tonfilme
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