Franziska GaŠl erblickte am 1. Februar 1903 in der ungarischen Hauptstadt Budapest das Licht der Welt, als Geburtsnamen werden Szidůnia Silberspitz, Franciska Zilverstrich, Fanny Zilveritch, Fanny Silberstein und – laut Kay Weniger*) möglicherweise ein Tarnname – FŠny Galizenstein genannt. Auch über das Geburtsjahr gibt es verschiedene Angaben, so weist filmportal.de 1901, IMDb 1904 aus; das Jahr 1903 ist jedoch laut Kay Weniger*) durch US-amerikanische Originalunterlagen verifiziert.
Als jüngstes und dreizehntes Kind in eine gutbürgerliche jüdische Familie hineingeboren, interessierte sie sich schon früh für die Schauspielerei, ließ sich an der Budapester "Theaterakademie" entsprechend ausbilden. Nach Ende des 1. Weltkrieges avancierte sie als Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin an Bühnen ihrer Geburtsstadt rasch zu einem gefeierten Publikumsliebling, trat unter anderem in Stücken von Ferenc MolnŠr wie in dem Einakter "Orska" oder im heiteren Operetten-Fach auf. "In kürzester Zeit reihte die grazile, schmale Künstlerin mit den grünen Augen Erfolg an Erfolg; mehrere Autoren, darunter auch MolnŠr, schrieben ihr Stücke auf den Leib."*) Den Künstlernamen "GaŠl" hatte sie von einem ihrer ehemaligen Schauspiellehrer übernommen.
Erste Erfahrungen vor der Kamera sammelte sie bereits zu Stummfilmzeiten in ihrer Heimat Anfang der 1920er Jahre, doch erst rund ein Jahrzehnt späte gelang Franziska GaŠl im deutschsprachigen Tonfilm der Durchbruch zum populären Leinwandstar. Joe Pasternak1) (1901 – 1991), Produzent für die europäische Außenstelle der "Universal Studios", holte die temperamentvolle Künstlerin Anfang der 1930er Jahre nach Berlin. Gleich mit ihrem ersten Film, dem von Carl Boese inszenierten Verwechslungslustspiel "Paprika"2) (1932), machte sie als Partnerin von Paul Hörbiger nicht zuletzt aufgrund ihres spitzbübischen Charmes Furore. Das Lied "Ich hab' so was im Blut" erscheint symbolhaft für die mit zahlreichen Attributen wie "reizend, flott, apart" bedachte Ungarin. "Ein Temperament erobert Berlin" titelte die "Lichtbild-Bühne". "Franziska GaŠl ist eine der eigenartigsten, verführerischsten, sinnlichsten Frauen, die wir seit der Entdeckung Marlene Dietrichs im deutschen Film zu sehen bekommen haben. Was sie von der Dietrich, mit der sie den hinreißenden sex appeal gemein hat, unterscheidet, ist der Humor, ist die unbeschwerte Heiterkeit, ist der selbstparodistische Zug ihrer ganzen Darstellungsweise. (…) Wie sie über die Szene geht, wie sie tanzt, springt, Chansons singt, jubelt, kokettiert, trauert, das alles ist absolut einzigartig; das alles macht den Film zu einer Sensation."**)
 
Aufgrund des riesigen Erfolgs schob Carl Boese mit "Gruß und Kuss – Veronika"2) (1933) eine ähnlich gelagerte, unterhaltsame Geschichte nach, in der es nach allerlei Irrungen und Wirrungen erneut mit Paul Hörbiger zum Happy End kam. Ihr gesangliches Talent konnte sie in letztgenannten Streifen im Duett mit Hörbiger erneut unter Beweis stellen und trällerte mit ihm "Die kleinen Mädchen mit dem treuen Blick". In Berlin produzierte Pasternak mit seinen "Zugpferden" GaŠl/Hörbiger noch die Komödie "Skandal in Budapest" (1933; Regie: Gťza von BolvŠry/Stefan Szekely), mit der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde die Situation für den Mann mit jüdischen Wurzeln gefährlich. Als er zunächst nach Österreich, später nach Ungarn ging, folgte ihm Franziska GaŠl, deren Leben in Deutschland – als Jüdin bereits mit Berufsverbot belegt – ebenfalls bedroht war. Unter der Regie von Max Neufeld entstand der ganz auf sie zugeschnittene Streifen "Früchtchen"3) (1934, auch "Csibi, der Fratz), mit Gťza von BolvŠry drehte sie die Geschichte um die Entstehung des "Deutschmeister"-Marsches "Frühjahrsparade"3) (1934) mit dem Untertitel "Ein Film aus Österreich-Ungarns Vergangenheit" – einmal mehr mit Paul Hörbiger, der den gütigen Kaiser Franz Joseph mimte.
Von dem damaligen GaŠl-Ehemann Felix Joachimson1) (= Felix Jackson; 1902 – 1992) stammte das Drehbuch (gemeinsam mit Johann von VŠsŠry) zu der von Hermann Kosterlitz (= Henry Koster) in Szene gesetzten Verwechslungskomödie "Peter, das Mädchen von der Tankstelle"2) (1934). Hier stand sie mit anderen, in Deutschland nicht mehr geduldeten Schauspielern wie Hans Jaray1), Felix Bressart4) und Otto Wallburg4) vor der Kamera; der in Ungarn gedrehte Streifen gelangte in Deutschland nie in die Lichtspielhäuser. Für Kosterlitz war sie auch die "Kleine Mutti"1) (1934) und "Katharina, die Letzte"3) (1935), alles Produktionen, in denen Franziska GaŠl mit ihrem mädchenhaften Charme zu begeistern wusste. Ihre vorerst letzte deutschsprachige Filmrolle spielte sie in der Komödie "Fräulein Lilly"3) (1936); laut film.at waren die Kosten für diesen Film explodiert, sodass keine Versicherungsgesellschaft mehr bereit war, einen Film mit Franziska GaŠl zu übernehmen. Kay Weniger*) schreibt hierzu: … in der Emigrantenproduktion "Fräulein Lilly" des Wiener Produzenten Oskar Glück, spielte die als kapriziös und allürenhaft geltende Mimin eine höchst unglückliche Rolle. Insgesamt drei Regisseure – allesamt aus Deutschland verstoßene Juden – verschliss Franziska GaŠl, weil sie mit dem ersten (Hans Behrendt) nicht arbeiten wollte und der zweite (Max Neufeld) für diese reine Exilantenproduktion seinen Namen nicht herzugeben bereit war. Der dritte Regisseur (Robert Wohlmuth), der wohl den geringsten Anteil am fertigen Film gehabt haben dürfte, avancierte somit zum Aushängeschild. Diese hochnotpeinliche, für mangelnde Solidarität unter Verfolgten jener Jahre nicht eben untypische Posse kommentierte am 25. Juni 1936 die Emigrantenpublikation "Pem's-Privat-Berichte" mit bitteren Worten: "Jetzt tarnt ein Herr Wohlmuth, ein Jude, Herrn Neufeld, einen Halbjuden und Behrendt muß seine Gage einklagen. Dass solche Dinge – Starallüren der GaŠl, Unkollegialität Neufelds und Glücks Verhalten – in der Öffentlichkeit diskutiert werden und so Stimmung gegen den einzigen unabhängigen deutschen Film machen, also neuen Antisemitismus erregen, ist einfach unqualifizierbar."
 
So kam eine Einladung von Regisseur Cecil B. DeMille gerade recht und Franziska GaŠl ging Mitte März 1937 nach Hollywood. DeMille wollte die Ungarin mit seinem Abenteuer um die Schlacht von New Orleans1) "Fräulein Pirat" (1938, The Buccaneer) nun auch in den USA mit einer aufwendigen PR-Aktion zum Star aufbauen. "Franziska GaŠl fand in ihrer ersten amerikanischen Rolle wenige Entwicklungsmöglichkeiten. Die inzwischen in Hollywood erblondete Künstlerin spielt in der ihr drolligen eigenen Art eine mit ungarischem Akzent englisch sprechende junge Holländerin, die der Zufall an Bord eines Piratenschiffes verschlagen hat", rezensiert eine österreichische Tageszeitung ihre Darstellung in "The Buccaneer" (1938; Der Freibeuter von Louisiana). Schon der Rollenname Gretchen ist eine Verniedlichung, die durch Rüschenblusen, Puffärmel aus Taft, hochgesteckte Löckchen, manchmal von einem braven Spitzenhäubchen verdeckt, noch unterstrichen wird.**) Als Partnerin von Fredric March in der Rolle des patriotischen Piraten Jean Lafitte1) hatte sie zwar einen Kassenmagneten an ihrer Seite, doch vor allem aufgrund ihres starken Akzents konnte sich Franziska GaŠl beim Publikum nicht durchsetzen und lediglich einen Achtungserfolg erringen. Sie drehte noch zwei Filme, nach der Cinderella-ähnlichen Komödie "The Girl Downstairs" (1939; Regie: Norman Taurog) und Frank Tuttles vergnüglichen, musikalischen Romanze "Paris Honeymoon" (1939), in der kein geringerer als Bing Crosby ihr Partner war, kam ihre beginnende Leinwandkarriere in Hollywood auch schon wieder zum erliegen. Vor allem "The Girl Downstairs", ein Remake von "Katharina, die Letzte",  fand keinen Zuspruch und wurde von der Kritik als "outrageously silly picture"
**) ("abscheulich alberner Film") verrissen.
Ihr Broadway-DebŁt Anfang Dezember 1939 am New Yorker "Biltmore Theatre" mit der Titelrolle der Mary Brown in dem Stück "The Woman Brown" von Dorothy Cumming war ebenfalls nicht von Erfolg gekrönt, nach nur elf Vorstellungen entschied man sich, das Stück vorzeitig abzusetzen (→ Internet Broadway Database). Die Schauspielerin kehrte nach Ungarn zurück, über diese angesichts des Krieges in Europa waghalsige bis aberwitzige Entscheidung gab GaŠl Jahre später in einem Interview mit der Emigrantenzeitschrift "Aufbau" (Ausgabe vom 16.09.1949, S. 36) zu Protokoll: "Es war wahrscheinlich ein Fehler, dass ich 1941 zu Besuch nach Ungarn gefahren bin; aber Mama war krank, und ich hatte solche Sehnsucht."*)
Aufgrund des Krieges blieb ihr eine erneute Einreise in die USA verwehrt, die Kriegsjahre verbrachte Franziska GaŠl in einem Versteck in Budapest – zahlreiche ihrer Familienmitglieder fielen den Nazi-Schergen zum Opfer. Später, mit Anrücken der "Roten Armee", tauchte sie in einer zerbombten Villa am Plattensee unter.
Nur noch einmal stand sie nach 1945 vor der Kamera, spielte in der österreichisch-ungarischen Produktion unter der Regie von Ńkos RŠthonyi die weibliche Hauptrolle in "Der König streikt" (1946, Renťe XIV.) an der Seite von Theo Lingen, Hans Moser und Johannes Heesters. "Der Film, im mitteleuropäischen, altbacken-verstaubten Klamottenstil der 30er und Kriegsjahre gestaltet, konnte angesichts der Nachkriegswirren und der kommunistischen Machtübernahme in Ungarn nicht mehr fertiggestellt werden." notiert Kay Weniger.*)
  
Nach einem Engagement am Budapester "Lustspiel-Theater" mit dem Stück "Claudia" entschied sich Franziska GaŠl am 23. Mai 1947 für eine erneute Einreise in die USA und ließ sich in New York nieder. Bis auf vereinzelte Bühnenauftritte zog sie sich ins Privatleben zurück, ging auf ausgedehnte Reisen mit ihrem zweiten Ehemann, dem ungarischen Rechtsanwalt Ferenc (Francis) Dajkovich (Heirat: 25.07.1934). Im Grunde verliert sich jedoch ihre Spur, angeblich soll sie ein Geschäft für Kindermoden eröffnet haben. 1953 hatte sie noch einmal für Schlagzeilen gesorgt, wie DER SPIEGEL in seiner Ausgabe vom 18. November 1953 berichtete, setzte sie vor dem Obersten Bundesgericht der USA einen Anspruch auf 17.375 Dollar (72.975 DM) Schadenersatz durch: Zahlen muß New Yorks feudales Waldorf-Astoria-Hotel. Dort hatte die GaŠl fünfzehn Reisekoffer mit Inhalt deponiert, bevor sie 1939 nach Ungarn reiste, wo sie durch den Krieg festgehalten wurde. Als sie 1947 wieder im Waldorf-Astoria vorsprach, bedauerte die Direktion, ihr Gepäck mittlerweile als herrenloses Gut für 193,50 Dollar versteigert zu haben.5)
Nach dem Tod ihres Ehemannes im Jahre 1965 lebte Franziska GaŠl, seit Ende August 1954 im Besitz der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft, unter dem Namen Franciska Dajkovich zurückgezogen in New York; ihre letzten Lebensjahre waren von schwerer Krankheit geprägt. Teilweise gelähmt, von der Öffentlichkeit vergessen und verarmt starb sie am 13. August 19726) im Alter von 69 Jahren in New York City. Ihre letzte Ruhestätte fand die einst gefeierte Theaterschauspielerin und von Kritikern als "der bedeutendste weibliche Komödienstar des deutschsprachigen Films" bezeichnete Ungarin zunächst in einem Armengrab. Ein befreundetes Ehepaar ließ die sterblichen Überreste später exhumieren und in dem "Woodside-Kolumbarium" in Queens beisetzen.
 
Einige ihrer Musiktitel sind bis heute erhalten und auf Tonträgern bzw. YouTube zu hören. So beispielsweise die Schlager "Ach Wie Oft Kommt Die Liebe Unverhofft" aus ihrem Tonfilm-Erfolg "Paprika" (1932), "So viel Fragen kann ein Baby nicht ertragen" aus "Früchtchen" (1933) und "Du passt so gut zu mir wie Zucker zum Kaffee" aus "Katharina, die Letzte" (1936).
In Österreich entstand 2005 von Petrus van der Let und Armin Loacker der rund 90-minütige Dokumentarfilm "Unerwünschtes Kino – Der deutschsprachige Emigrantenfilm 1934–1937": Kurz nach Hitlers Machtübernahme 1933 wurden jüdische Filmschaffende gezwungen, Deutschland zu verlassen. Eine Gruppe von Emigrantinnen und Emigranten konnte sich in Wien und Budapest in einer vom "reichsdeutschen" Markt unabhängigen, deutschsprachigen Filmproduktion betätigen. "Unerwünschtes Kino" basiert zum einen auf Ausschnitten aus Spielfilmen, Wochenschauen und "home-movies", u.a. des Filmregisseurs Hermann Kosterlitz, der als Henry Koster drei Jahrzehnte zu den führenden Regisseuren Hollywoods zählte. Seine 8mm-Filme wurden von der "Academy of Motion Picture Arts and Sciences" erst kürzlich restauriert und sind in dem Dokumentarfilm erstmals zu sehen.7) Neben Franziska GaŠl werden unter anderem auch ihr erster Ehemann, der Produzent und Drehbuchautor Felix Joachimson (= Felix Jackson), der Regisseur Hermann Kosterlitz (=  Henry Koster1)), der Produzent Joe Pasternak, sowie die Schauspieler(in) Otto Wallburg, Hans Jaray, Ernö Verebes4) und Rosy Barsony4) portraitiert → Jüdischen Filmfestival 2013.
Quellen (unter anderem)*): Wikipedia, www.cyranos.ch sowie
FILMBLATT 33 (Frühjahr 2007; Hrsg.: CineGraph Babelsberg e.V.)**)
Fotos bei www.virtual-history.com
   
*) Kay Weniger: "Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben…"; Lexikon der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden 1933 bis 1945 (ACABUS Verlag, Hamburg 2011, S. 177 f)
**) Filmblatt 33 (Hrsg.: CineGraph Babelsberg e.V. (Berlin-Brandenburgisches Centrum für Filmforschung):
Artikel von Brigitte Mayr "Miss Paprika. Die Schauspielerin Franziska GaŠl", mit den Quellen:
  • Brigitte Mayr: Universal's European Monev-Maker. Franziska GaŠl – von Budapest nach Hollywood. In: Erika Wottrich (Red.): "Deutsche Universal. Transatlantische Verleih- und Produktionsstrategien eines Hollywood-Studios in den 20er und 30er Jahren" (München 2001, S. 100–110)
  • Cinť-Service Nr. 31 (21.12.1933)
  • Karl Heinz Wendtland: "Geliebter Kintopp. Sämtliche Spielfilme von 1929–45 (Berlin 1987–1991; hier: Band 1932, Eintrag 129)
  • "Der neue Stern – Franziska GaŠl. Der Star der Deutschen Universal". In: "Der Filmspiegel" (Februar 1933, S. 7)
  • Joe Pasternak: "Darf ein Star Launen haben? Der Fall Franziska GaŠl". In: "Mein Film" (Wien, Nr. 492; Mai 1935, S. 6)
  • HaWa: "Ein Temperament erobert Berlin – Franziska GaŠl in PAPRIKA". In: "Lichtbild-Bühne" (05.11.1932)
  • Christine N. Brinckmann: "Das kleine Mädchen im Film". In: Dies.: "Die anthropomorphe Kamera und andere Schriften zur filmischen Narration" (Zürich 1997, S. 166–181)
  • Richard A. Bermann alias Arnold Höllriegel: "Eine Hollywooder Bilanz". In: Ders.: Hollywood – Wien und zurück. Feuilletons und Reportagen". Hg. von Hans H. Müller und Andreas Stuhlmann (Wien 1999. S. 192)
  • "Mein Film" (Wien, Nr. 596; 28.05.1937)
  • The New York Times (26.01.1937; S. 17)
Link: 1) Wikipedia, 2) filmportal.de, 3) film.at, 4) Kurzportrait innerhalb dieser HP
5) DER SPIEGEL (47/1953)
6) Todesdatum laut Kay Webniger, Wikipedia und filmportal.de; IMDb nennt den 2. Januar 1973. 
7) Quellewww.artechock.de von 3sat
Filme
Filmografie bei der Internet Movie Database
(Link: filmportal.de, Wikipedia (deutsch/englisch), film.at)
Stummfilme
  • 1921: New-York express kŠbel
  • 1921: A Cornevillei harangok
  • 1921: Az egťr (Kurzfilm)
Tonfilme
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