Der Sänger, Schauspieler, Regisseur und Theaterleiter Willi Schur wurde am 22. August 1888 in Breslau (heute Polen) geboren; über den familiären Hintergrund ist nichts bekannt. Schon früh fühlte er sich zur Bühne hingezogen, ein erstes Engagement erhielt der 18-Jährige als jugendlicher Komiker 1906 am "Königlichen Schauspielhaus" in Potsdam. Weitere Stationen wurden die Stadttheater in Bromberg (1908; heute Bydgoszcz, Polen) und in Neisse (1910–1912; heute Nysa, Polen), wo er auch erstmals Stücke inszenierte. Danach wechselt Schur für ein Jahr nach Oldenburg an das "Großherzogliche Hoftheater", ging dann 1913 für eine Spielzeit nach Bremen. Bis Mitte der 1920er Jahre hielt es den Künstler nicht lange an einem Ort, so fungierte er 1914/15 als Direktor und Oberspielleiter des Kurtheaters in Bad Kösen (Sachsen-Anhalt), parallel dazu leitete er das Stadttheater in Wilhelmshaven. 1916 berief man ihn zum Direktor und Oberspielleiter an das "Thalia-Theater" in Chemnitz, 1917 als Regisseur und Darsteller an das Stadttheater in Nürnberg, wo er auch als Sänger in Operetten auftrat. Es folgten das Stadttheater Halle/Saale (1918), drei Jahre später übernahm er dort – zusammen mit dem "Reichshallentheater" in Erfurt – die Direktion des "Walhalla"-Operettentheaters (ehemaliges "Steintor-Varieté"1)). Als das "Walhalla-Theater" 1922 von dem neuen Besitzer als Kino und Ringkampfarena genutzt wurde, gab Schur die Leitung auf, ging 1924 als Direktor an das "Moderne Theater", welches nach einem Umbau 1925 zur den damals modernsten und elegantesten Vergnügungsstätte der Stadt Halle zählte und Varieté sowie Revuen mit künstlerischem Anspruch darbot. 1926 zog es Willi Schur in die Metropole Berlin, hier wirkte er an verschiedenen Bühnen, zunächst am "Residenztheater", zwischen 1928 und 1931 am "Theater des Westens" und gelegentlich an der "Volksbühne" sowie ab 1932 am "Theater am Schiffbauerdamm".
 
Mitte der 1930er Jahre gab Schur seine Arbeit für das Theater zugunsten des Films fast vollständig auf. Bereits zu Stummfilmzeiten hatte er sich in dem Detektiv-Streifen "Die Banditen von Asnieres" (1920) neben Max Landa mit einer kleinen Rolle als Leinwanddarsteller versucht, doch erst im Tonfilm-Zeitalter arrivierte er zu einem vielbeschäftigten Nebendarsteller. Seit seinem Tonfilmdebüt mit dem Part des schlitzohrigen Tagediebs Jacob in Erich Engels Depressions-Komödie "Wer nimmt die Liebe ernst…"2) (1931) mit Jenny Jugo und Max Hansen stand der nicht gerade als Beau geltende Schauspieler unermüdlich vor der Kamera. "Ein Kerl mit einer wirklichen Verbrechervisage, dessen Derbheit zu dem zierlichen Hansen in merkwürdigem Widerspruch steht." notierte damals "Der Film" (03.10.1931).*) Festgelegt auf Ganoven- und Außenseiterrollen, gehörte Schur neben Protagonist Heinrich George zur Besetzung von Phil Jutzis ersten Verfilmung des berühmten Döblin-Romans "Berlin – Alexanderplatz"1) (1931) und zur Schauspielerriege von Richard Oswald Zuckmayer-Adaption "Der Hauptmann von Köpenick"1) (1931) mit Max Adalbert als Schuster Wilhelm Voigt, wo er dessen Kumpan Kalle mimte. "Zu seinem Fach zählen Kleinbürgerporträts wie der Zeltkolonist Otto in Slátan Dudows "Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?"1) (1932), der auf der Hochzeitsfeier zuerst genüßlich, dann bis zur Besinnungslosigkeit zecht, nachdenkliche Proletarier wie der Vorarbeiter Pitt in Karl Hartls Science-Fiction "Gold"1) (1934), der mit Hans Albers über die Gefahren künstlicher Edelmetallproduktion philosophiert und der Steiger Schumacher in Harry Piels "Der Herr der Welt"3) (1934), der nach einem Grubenunglück über den Sinn seines Lebens sinniert. Seinen Ganoven- und Landstreichertyp erweitert Schur um skurrile Figuren wie den bärbeißigen Piratenkapitän Malossol mit Seebär-Bart und schwarzer Augenbinde in "Die Finanzen des Großherzogs"4) (1934); gefährliche, schneidige Typen zeichnet er in der deutsch-tschechischen Co-Produktion "Das Gässchen zum Paradies"4) (1936) als tyrannischer, kinderquälender Jahrmarktsbudenbesitzer Gustav und in Piels Kriminalfilm "Sein bester Freund"4) (1937) als Raubmörder Kruppack, aus dem die Polizei bei einem Verhör kein Wort herausbekommt. Auch seinen mitunter sehr kleinen Rollen – einem Clochard in "Der träumende Mund"4) (1932), einem Kneipenwirt in "Ave Maria"4) (1936), einem Streckenwärter in "Der Mann, der Sherlock Holmes war"1) (1937) – verleiht er Profil und Pointen." schreibt CineGraph.*)
  
Welch darstellerisches Potential in ihm steckte, konnte Willi Schur mit der Rolle des heruntergekommenen Sargtischlers Hackelberg bzw. Vater der Dienstmagd Regine (Brigitte Horney) in Fritz Peter Buchs dramatischen Sudermann-Verfilmung "Der Katzensteg"4) (1938) unter Beweis stellen. Meist wurde seine Möglichkeiten jedoch kaum genutzt, zu oft musste er das Klischee des Unsympaths bedienen. Lediglich in wenigen Produktionen konnte er diesem Image entfliehen, beispielsweise als Diener des Lords Arthur Cavershoots (Curt Goetz) in "Napoleon ist an allem schuld"1) (1938), einer gesellschaftskritischen Satire aus der Feder und unter der Regie von Curt Goetz. "Als schwarzgelockter, dunkelhäutiger arabischer Diener des Napoleonforschers Lord Cavershoot ist Schur leicht, behutsam, vornehm, graziös, distinguiert, und in einer kurzen Tanznummer kann er demonstrieren, daß er noch immer über die Agilität seiner Operettenzeit verfügt."*) In dem kuriosen Abenteuer "Der unmögliche Herr Pitt"2) (1938) von und mit Harry Piel war er als Tim dessen Kumpan und schlüpfte in die unterschiedlichsten Masken – Fischhändler, Sträfling, Schiffbrüchiger, Hochstapler, Villenbesitzer – meisterte diese Aufgabe "vital, sympathisch und mit Humor".*)
Zudem erfreute Willi Schur das Publikum in etlichen kurzen, meist witzigen Spielfilmen, die im Vorprogramm gezeigt wurden. Auch hier deckte er die ganze Palette der Chargenrollen ab, sei es als Einbrecher in "Der große Preis von Europa"2) (1935) oder als Landstreicher in "Die Holzauktion"2) (1937). Zwei Mal setzte er mit "Wie du mir – so ich dir" (1935) und "Nach dem Klingeln – Bitte drücken" (1935) selbst Kurzfilme in Szene.
 
Willi Schur, der trotz seiner umfänglichen Filmografie von über 100 Produktionen heute in Vergessenheit geraten ist, starb nach langer Krankheit am 1. November 1940 mit nur 52 Jahren in seinem Haus in Berlin-Teltow. Seine letzte Ruhe fand der Künstler auf dem "Wilmersdorfer Waldfriedhof Stahnsdorf" → Foto der Grabstelle bei knerger.de.
Quellen: Wikipedia, www.cyranos.ch sowie
CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film, LG 12*)
Fotos bei www.virtual-history.com
*) CineGraph LG 12
Link: 1) Wikipedia, 2) Murnau Stiftung, 3) filmportal.de
Filme
Filmografie bei der Internet Movie Database
(Link: Murnau Stiftung, Wikipedia, filmportal.de)
Stummfilm
  • 1920: Die Banditen von Asnieres
Tonfilme
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