Wladimir Sokoloff (in den USA Vladimir Sokoloff) wurde am 25. oder 26. Dezember 1889 als Wladimir Nikolajewitsch Sokolow in der russischen Hauptstadt Moskau geboren. Aufgewachsen in einer deutschen Familie, besuchte er nach dem Schulabschluss die Moskauer Universität, belegte die Fächer Literatur- und Philosophie. Dann entschied er sich für eine künstlerische Laufbahn, ließ sich an der Theaterschule des Moskauer "Künstlertheaters" ("Tschechow-Kunsttheater"1)) unter anderem von dessen Mitbegründer Konstantin Sergejewitsch Stanislawski1) und dem Schauspieler Iwan Michailowitsch Moskwin (1874 – 1946) unterrichten.
1913 erhielt Sokoloff am "Künstlertheater" erste kleine Rollen, wechselte anschließend an das von Alexander Jakowlewitsch Tairow1) begründete bzw. geleitete "Kammertheater", wo er rund zehn Jahre lang als Schauspieler und Regieassistent wirkte. Prägenden Einfluss auf ihn hatte der Kontakt mit der Theatergruppe um die japanische Schauspielerin und Tänzerin Ōta Hisa1) ("Madame Hanako") in Moskau und seine Freundschaft mit der Ausdruckstänzerin Isadora Duncan1). Zu seinen herausragenden Interpretationen gehörte die Titelrolle in Beaumarchais' Komödie "La folle journée ou Le mariage de Figaro" (Der verrückte Tag oder Figaros Hochzeit) sowie der Vater Don Bolero in der Operette "Giroflé-Girofla"1) von Alexandre Charles Lecocq. Mit letztgenannter Figur glänzte er auch 1923 während eines Gastspiels in Berlin, "Wie Herr Sokolow (!) seinen Körper aus der grotesken Tanzbewegung nicht wieder in die Ruhe bringen kann, wie immer noch ein Glied seines Körpers tanzt, das er festhalten muß, wie schließlich nur ein Bein, dann der Fuß und zuletzt sogar noch der ausgezogene Schuh tanzt – das war ein überwältigendes Beispiel für eine Schauspielkunst, die gerade aus der Gebundenheit des Rhythmus die letzte Lösung und phantastische Freiheit gewinnt." würdigte der bedeutende Theaterkritiker Herbert Ihering1) (BBC 19.04.1923) Sokoloffs schauspielerische Leistung.**) Auch in Eugène Scribes Drama "Adrienne Lecouvreur" über die bedeutendste französische Schauspielerin ihrer Zeit Adrienne Couvreur1), genannt Lecouvreur, wusste der Mime als Lecouvreurs Mentor und heimlicher Verehrer Michonnet das Berliner Publikum zu begeistern.
  
Sokoloff blieb in Deutschland, erhielt aufgrund seiner deutschen Sprachkenntnisse Engagements an verschiedenen Bühnen sowohl in Berlin als auch in Wien ("Theater in der Josefstadt") und wurde schließlich 1926 von Max Reinhardt1) (1873 – 1943) verpflichtet. Bei Reinhardt gab er seinen Einstand in der Uraufführung (01.06.1927) des Stücks "Peripherie" ("Periférie") des tschechischen Autors František Langer1), "einer dramatischen Moritat aus der Prager Vorstadt mit starker poetischer Ausstrahlung." wie bei Wikipedia zu lesen ist. Sokoloff feierte unter anderem Erfolge als Robespierre in Georg Büchners Drama "Dantons Tod" und als Hofnarr Puck in Shakespeares Komödie "Ein Sommernachtstraum", mit dem er auch im November/Dezember 1927 im Rahmen eines Gastspiels am New Yorker "Century Theatre" zu brillieren wusste. Weitere zentrale Nebenrollen gestaltete der Russe beispielsweise in Karl Gustav Vollmoellers "Das Mirakel"1), Hugo von Hofmannsthals "Jedermann", Goldonis "Ein Diener zweier Herren", Schillers "Kabale und Liebe", Tolstois "Der lebende Leichnam" und Ibsens "Gespenster".
 
Der Schauspieler "mit dem wuchtigen Charakterkopf, der riesigen Nase, dem breiten Mund, den markanten, slawischen Gesichtszügen mit den tief ins Gesicht eingegrabenen Falten"*) erhielt schon bald prägnante Nebenrollen in stummen Filmproduktionen, mimte "vorzugsweise Russen und andere Slawen. Oft agierte Wladimir Sokoloff als skurriler, verschmitzt-listiger Außenseiter"*), in deren "Witz und Gewitztheit eine Spur Melancholie mitschwingt." wie CineGraph**) notiert. Sein Leinwanddebüt gab er als Lumpensammler in Berthold Viertels, heute als verschollen geltendem Streifen "K 13 513. Die Abenteuer eines Zehnmarkscheines"1) (1926). Georg Wilhelm Pabst besetzte ihn als Zacharkiewicz, hilfreich-verschmitzter Sowjet-Kommissar und Freund des bolschewistischen Agenten Andrej (Uno Henning) in seiner Literaturadaption "Die Liebe der Jeanne Ney"1) (1927), Maurice Tourneur als "anständigen" Schiffskoch Grischa, der zusammen mit dem jungen Amerikaner T. W. Cheyne (Robin Irvine) die abgestürzte Ozeanfliegerin Ethel Marley (Marlene Dietrich) in dem 121-minütigen abenteuerlichen Streifen "Das Schiff der verlorenen Menschen"2) (1929) vor der rauen Besatzung eines Schmugglerschiffes beschützt. Einen letzten stummen Part hatte er als Clown Julius in Karl Grunes Zuckmayer-Verfilmung "Katharina Knie"2) (1929) mit Carmen Boni als Titelheldin und Eugen Klöpfer als deren Vater bzw. alter Seiltänzer Knie.
Im Tonfilm blieb Sokoloff ein viel beschäftigter Leinwanddarsteller und wurde weiterhin von namhaften Regisseuren mit Aufgaben betraut. So zeichnete er unter anderem in G. W. Pabsts Antikriegsfilm "Westfront 1918"1) (1930) den Proviantmeister, in Robert Siodmaks Tonfilm-Debüt, dem Berliner Milieustück "Abschied"1) (1930), neben den Protagonisten Brigitte Horney und Aribert Mog den "schnurrigen Schnorrer" Baron. Als Boris Jussupoff tauchte er in dem von Hanns Schwarz mit Emil Jannings, Renate Müller, Olga Tschechowa und Hans Moser hochkarätig besetzten musikalischen Komödie "Liebling der Götter"3) (1930) auf, spielte in Gustav Ucickys Historienfilm "Das Flötenkonzert von Sans-souci"1) (1930) neben Otto Gebühr als Friedrich II. von Preußen den russischen Gesandten in Potsdam.
Als Georg Wilhelm Pabst Brechts "Die Dreigroschenoper"1) (1931) mit Rudolf Forster (Mackie Messer) und Carola Neher (Polly) auf die Leinwand bannte, zeigte sich Sokoloff als Gefängniswärter, in dem Antikriegsfilm "Niemandsland"1) (1931; Regie: Victor Trivas) gab er als Partner von Ernst Busch "ein eindringliches Porträt eines in der Schlacht taubstumm gewordenen Schneiders ab."**) Eine neuerliche Zusammenarbeit mit Pabst ergab sich mit dem Abenteuer "Die Herrin von Atlantis"1) (1932), basierend auf dem Roman "Die letzte Königin von Atlantis" (OT: "L'atlantide) von Pierre Benoît. Hier erregte er an der Seite von Brigitte Helm als der schönen, unnahbaren Antinea mit der Rolle des zynisch-schmierigen Lebemanns und "Herrn der Schattenwelt", dem Franzosen russischer Abstammung Hetman de Jaromir Aufsehen; diese Figur verkörperte er auch in der französischsprachigen Version "L'Atlantide".
 
Die sogenannte Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 erlebte Sokoloff in Paris und beschloss, nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren. In Frankreich war er weiterhin für den Film tätig, drehte beispielsweise mit Victor Trivas das romantische Melodram "Dans les rues" (1933), mit Pabst das Drama "Du haut en bas" (1933) oder mit Arthur Robison und André Beucler die Komödie "Le secret des Woronzeff"3) (1934), spielte in dieser französischen Version von "Fürst Woronzeff"2) den Sekretär Petroff (in der deutschen Version dargestellt von Willy Birgel). Als Polizeichef agierte er in Anatole Litvaks "Mayerling"-Drama (1936) mit Charles Boyer als österreichischem Kronprinz Rudolf und Danielle Darrieux als dessen Geliebte Marie Vetsera. Seinen letzten Film in Frankreich drehte Sokoloff mit Regisseur Jean Renoir, der ihn in seiner Maxim Gorki-Adaption "Nachtasyl" (1936, Las bas-fonds) an der Seite von Jean Gabin (Waska Pepel) als Herbergswirt Kostylew besetzte.
  
Danach kehrte Sokoloff Europa den Rücken und ließ sich im Januar 1937 in den USA nieder. Rasch konnte er als Filmschauspieler mit mittleren und kleinen Rollen in Hollywood Fuß fassen, spielte als Maler Paul Cézanne in Wilhelm Dieterles Biopic "Das Leben des Emile Zola"1) (1937, The Life of Emile Zola) neben Protagonist Paul Muni erstmals einen Part in einer US-amerikanischen Produktion. Der Mann mit dem "Fuchsgesicht", so der Medienwissenschaftler Rudolf Arnheim1), zeigte sich nun unter dem Namen Vladimir Sokoloff in den kommenden Jahren in etlichen Hollywood-Klassikern, etwa als Araber Hyder Khan in dem Bob Hope/Bing Crosby-Abenteuer "Der Weg nach Marokko"1) (1940, Road to Morocco), als in sich gekehrter, sanftmütiger Republik-Kämpfer Anselmo und Begleiter Robert Jordans (Gary Cooper) in Sam Woods Oscar-nominierten Hemingway-Verfilmung "Wem die Stunde schlägt"1) (1943, For Whom the Bell Tolls) oder als Atomwissenschaftler Dr. Polda in Fritz Langs spannendem Spionagedrama "Im Geheimdienst"1) (1946, Cloak and Dagger). Wann immer es einen fremdländischen Typus zu besetzen galt, griff man auf den wandlungsfähigen Sokoloff zurück, er mimte beispielsweise einen griechischen Priester in der Komödie "Mr. Lucky" (1943) mit Cary Grant und Laraine Day, einen Chinesen in den Film noir "Opium" (1948, To the Ends of the Earth) und "Macao" (1952), den Türken Aziz Rakim in dem Errol Flynn-Abenteuer "Istanbul" (1957), einen alten mexikanischen Bauern in dem Kult-Western "Die glorreichen Sieben"1) (1960, The Magnificent Seven) und sogar einen Deutschen in dem Trash-Streifen "The Monster from Green Hell" (1957); insgesamt verkörperte er im Laufe seiner Karriere Menschen aus 35 verschiedenen Nationen.
 
Seine letzten Arbeiten für das Kino waren das Abenteuer "Flucht aus Zahrain"1) (1962, Escape from Zahrain) sowie das monumentale Spektakel "Taras Bulba"1) (1962) mit Yul Brynner, Tony Curtis und Christine Kaufmann, wo er als der alte Kosak Stepan in Erscheinung trat.
Seit Mitte der 1950er Jahre übernahm Sokoloff zudem Episodenrollen in zahlreichen populären TV-Serien, etwa in "Maverick", "Westlich von Santa Fé" (The Rifleman), "Die Unbestechlichen" (The Untouchables), "Checkmate" oder "Unglaubliche Geschichten" (Twilight Zone). "Trotz seiner intensiven Beschäftigung beim amerikanischen Kino- und zuletzt (ab 1956) auch beim Fernsehfilm trat Wladimir Sokoloff in den USA weiterhin gelegentlich am Theater auf. So konnte man ihn u.a. in "Dantons Tod" (1938), "The Flowers of Virtue" (1942), "Schuld und Sühne" (1947), "Die Irre von Chaillot" (1949) und in "Power of Darkness" (1959) sehen." schreibt Kay Weniger.*)

Wladimir Sokoloff erlag am 14. (oder 15.) Februar 1962 im Alter von 72 Jahren in West Hollywood ( Kalifornien) den Folgen eines Schlaganfalls; seine letzte Ruhestätte fand der Schauspieler auf dem "Hollywood Forever Cemetery"1) (Abbey of the Psalms/Sanctuary of Light, Crypt 5245).
Wladimir Sokoloff besaß seit 27. August 1943 die amerikanische Staatsbürgerschaft und war seit 1948 verwitwet; die Ehe mit Elizabeth Alexanderoff blieb kinderlos.

Quellen (unter anderem)*): Wikipedia, www.cyranos.ch sowie
CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film, LG 3**)
Fotos bei www.virtual-history.com
*) Kay Weniger: Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben … Lexikon der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden 1933 bis 1945. Eine Gesamtübersicht. (ACABUS Verlag, Hamburg 2011, S. 464–466)
**) CineGraph LG 3
Link: 1) Wikipedia, 2) filmportal.de, 3) Murnau Stiftung
Kinofilme
Filmografie bei der Internet Movie Database
(Link: Wikipedia (deutsch/englisch), filmportal.de, Murnau Stiftung, prisma.de)
In Deutschland/Österreich In Frankreich

*) deutsche Produktion, in Frankreich gedreht; Rolle in der französischen Version

In den USA
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