Margarete (auch Margarethe) Kupfer erblickte am 10. April 18811) als Margarete Kupferschmid im schlesischen Freystadt (heute Kozuchów, Polen) das Licht der Welt. Sie wurde in eine Künstlerfamilie hineingeboren – ihr Vater war Wilhelm Kupfer (1857 – ?), Regisseur, Charakterdarsteller und späterer Spielleiter des privaten Berliner "Urania-Theaters".*) Nach dem Besuch einer Höheren Töchterschule ließ sie sich laut "Glenzdorfs Internationales Film-Lexikon" von den Eltern zur Schauspielerin ausbilden, Wilhelm Koschs "Deutsches Theater-Lexikon" dagegen gibt an, sie habe eine Ausbildung bei Gustav Lindemann2) erfahren und Wikipedia bezieht sich auf die Information im "Lexikon der DDR-Stars"***), sie habe "ohne jegliche Schauspielausbildung" Ende des 19. Jahrhunderts ihr Bühnendebüt gegeben. Sie unternahm eine Tournee durch Deutschland und die Niederlande mit dem von Dr. Carl Heine (1861 – 1927), Direktor der Literarischen Gesellschaft in Leipzig (1895–1898), im Herbst 1897 gegründeten "Ibsen-Theater" und begann so ihre Karriere als Schauspielerin.3)

Margarete Kupfer fotografiert von Wilhelm Willinger2) (1879 – 1943)
Quelle: www.cyranos.ch; Angaben zur Lizenz siehe hier

Margarete Kupfer fotografiert von Wilhelm Willinger (1879 – 1943); Quelle: www.cyranos.ch
Zwischen 1900 und 1902 trat sie in New York am deutschsprachigen "Irving Place Theatre" auf, nach einem Engagement am Bremer Stadttheater (1902–1904) gehörte Margarete Kupfer ab 1907 unter der Intendanz von Max Reinhardt2) zum Ensemble des "Deutschen Theaters" in Berlin, dem sie bis 1925 verbunden blieb. So stand sie beispielsweise 1919 in Reinhardts neuerlichen Wedekind-Inszenierung von "Die Büchse der Pandora" neben Gertrud Eysoldt (Lulu) und Werner Krauss (Schigolch) als Magdelone auf dem Spielplan oder gestaltete 1924 in dem Wedekind Drama "Frühlings Erwachen" die Mutter des Melchior Gabor (Hans Brausewetter) – Mathias Wieman interpretierte den Moritz Stiefel.
Margarete Kupfer entsprach äußerlich kaum dem gängigen Schönheitsideal, machte jedoch mit einer ureigenen Ausstrahlung auf sich aufmerksam. So vermerkt der Schriftsteller Erich Mühsam2) in seinem Tagebuch am 29. Juli 1911: "Mir gegenüber saß Margarete Kupfer, eine Dame von keineswegs berauschender Schönheit. Ihr geiler Mund hat etwas vom Schweinerüssel, die Augen etwas Fischartiges – und trotzdem ist die Person reizvoll."4)
  
In den 1930er Jahren spielte sie unter anderem am Berliner "Theater am Schiffbauerdamm", wo sie beispielsweise um 1932 in der Komödie "Tratsch" (Regie: Hans Schweikart) von Noël Coward an der Seite von Maria Paudler, Hans Schweikart und Rudolf Platte das Publikum erfreute.
Nach Ende des 2. Weltkrieges wirkte die Mimin, welche zu den beliebten Volksschauspielerinnen der Hauptstadt gehörte, am "Theater am Kurfürstendamm" sowie erneut am "Theater am Schiffbauerdamm", wo man sie beispielsweise als tapfere Kommunisten-Mutter in dem Schauspiel "Der Fall Paul Eszterag" (1950; Regie: Fritz Wisten) des Ungarn Sándor (Alexander) Gergely neben Peter Schorn (= Vater von Christine Schorn2)) in der Titelrolle erlebte. Die Schriftstellerin Hedda Zinner beschreibt sie als "ganzen, in sich geschlossenen Menschen mit viel Humor und Güte, besessen von seiner Lebensaufgabe, dem Theater. notiert Volker Wachter bei defa-sternstunden.de.
1952 wurde sie für ihre "lebenswahre, auf den besten Traditionen des deutschen Theaters fußende und von echtem Kollektivgeist getragene Darstellungskunst" mit dem "Nationalpreis der DDR" geehrt.***)
 
Schon früh wandte sich Margarete Kupfer dem neuen Medium Kinematografie zu und hinterließ mit mehr als 170 stummen Produktionen sowie knapp 80 Tonfilmen eine beeindruckende Filmografie. Einen ersten Leinwandauftritt hatte sie in Robert Wienes Streifen "Die Konservenbraut"5) (1915), stand in den nachfolgenden Jahren meist mit prägnanten Nebenrollen sowie vereinzelt auch mit Hauptrollen vor der Kamera. Von legendären Filmemachern wie Max Mack, Ernst Lubitsch, Paul Leni, Otto Rippert oder Friedrich Wilhelm Murnau in den Melodramen, Abenteuern und Lustspielen jener Ära besetzt, zeigte sie sich anfangs als Salondame, wuchs dann aufgrund des Alters zunehmend in das Fach der Ehefrau, Mutter oder Tante hinein. Sie deckte die ganze Palette der unverzichtbaren Chargenrollen ab, wusste als Dame adligen Geblüts ebenso zu überzeugen wie als Gouvernante, Zimmerwirtin oder Dienstmädchen.
Sie spielte in Produktionen, die heute zu den Klassikern des Stummfilm-Genres zählen, etwa die Wirtin der Titelheldin (Pola Negri) in Ernst Lubitschs "Carmen"2) (1918), der sie auch mit der Rolle der Gouvernante von Ossi Oswalda in dem Lustspiel "Ich möchte kein Mann sein"2) (1918) sowie mit der Figur der "Alten" in seinem monumentalem, filmischem Meiserwerk "Sumurun"2) (1920) betraute. Weitere von Ernst Lubitsch gedrehte Filme, in denen sich Margarete Kupfer zeigte, waren "Wenn vier dasselbe tun"2) (1917), "Der Fall Rosentopf"2) (1918) und "Die Augen der Mumie Ma"2) (1918). Sie agierte in Friedrich Wilhelm Murnaus heute als verschollen geltenden "Dr. Jekyll und Mr. Hyde"-Adaption "
Der Januskopf"2) (1920) mit dem Untertitel "Eine Tragödie am Rande der Wirklichkeit", für Otto Rippert war sie die Mutter der "Gräfin Walewska"5) (1920) in dem gleichnamigem Melodram mit Hella Moja. Als Manfred Noa das Lessing-Schauspiel "Nathan der Weise"2) (1922) mit Werner Krauss in der Titelrolle auf die stumme Leinwand bannte, besetzte er Margarete Kupfer mit der Figur der Erzieherin Rechas (Bella Muzsnay).  
Es folgten zahllose weitere stumme Geschichten, den Übergang zum Tonfilm schaffte Margarete Kupfer aufgrund ihrer Bühnenerfahrung problemlos. Auch hier blieb die inzwischen etwas füllig gewordene Schauspielerin ihrem Image treu, mimte "behäbige und resolute Zimmervermieterinnen, Köchinnen und Portiersfrauen, Arbeiterfrauen aller Schattierungen, gute und schlechte, aufbrausende und sanftmütige, arglose und listige."6), bediente in den letzten Jahren vermehrt den Typus der komischen Alten.

 
Sie gab beispielsweise eine herrliche Wäscherin Mutter Gohlke ab, die in Eugen Thieles heiteren Alltagsgeschichte "Drei von der Stempelstelle"7) (1932) die zwei Arbeitslosen Fritz (Fritz Kampers) und Arthur (Paul Kemp) als Untermieter aufgenommen hat. Beide haben, ebenso wie ihr dritter Kumpan Max (Adolf Wohlbrück), ein Auge auf Tochter Else (Evelyn Holt) geworfen … An der Seite von Heinz Rühmann, dessen verzweifelte Mutter sie bereits in dem stummen Melodram "Das deutsche Mutterherz"7) (1926; Regie: Géza von Bolváry) verkörpert hatte, tauchte sie einmal mehr als Mutter in Alfred Zeislers Sportlerstreifen "Strich durch die Rechnung"5) (1932) auf, mimte Rühmanns Tante bzw. die Drehorgelverleiherin Knifke in Carl Froelichs Lustspiel "Die Umwege des schönen Karl"2) (1937).
Als gestandene Ehefrau des alten Droschkenkutschers Pietsch (Wilhelm Paul Krüger) kam sie in dem Berliner Volksstück "Das Veilchen vom Potsdamer Platz"2) (1936, Regie: J. A. Hübler-Kahla) daher, gab die Tante der jungen Lene (Rotraut Richter) und deren Bruder Albert (Aribert Mog) in "Der nackte Spatz" (1938; Regie: Albert Hörrmann). Erzählt wird die Geschichte der eigentlich bodenständigen Frau Holzapfel (Kupfer), die in Erwartung einer großen Geldsumme in einen Kaufrausch verfällt. Doch der angebliche Ankauf ihres Häuschens zerschlägt sich …. Weitere Produktionen bis Kriegsende waren beispielsweise das Abenteuer "Die drei Codonas"5) (1940), der Schwank "Krach im Vorderhaus"5) (1941) oder die Komödie "Vier Treppen rechts"4) (1944), die allerdings erst am 21. Juli 1950 zur Uraufführung gelangte.
 
Im deutschen Nachkriegsfilm griff man bedauerlicherweise kaum auf das schauspielerische Potential von Margarete Kupfer zurück. Für die ostdeutsche DEFA übernahm sie in zwei Produktionen Aufgaben: In Hans Deppes heiteren Geschichte "Kein Platz für Liebe" (1947) sah man sie als resolute Gemüsehändlerin Frau Kruse, in dem von Erich Freund in Szene gesetzten Krimi "Zugverkehr unregelmäßig"2) (1951) präsentierte sie sich als Muttchen Kühn – dies war zugleich ihre letzte Arbeit vor der Kamera.
Margarete Kupfer, die sich in ihrer über 50-jährigen Karriere sowohl auf der Bühne als auch im Film einen Namen als große Menschendarstellerin gemacht hatte, ist heute nahezu in Vergessenheit geraten. Sie starb nach kurzer Krankheit am 11. Mai 1953 in Berlin; legt man das Geburtsjahr 1881 zugrunde, wurde sie 72 Jahre alt.
Quellen (unter anderem)*) **) ***): Wikipedia, www.cyranos.ch
Foto bei www.virtual-history.com
*) Wilhelm Koschs "Deutsches Theater-Lexikon". Zweiter Band, (Verlag Ferd. Kleinmayr, Klagenfurt und Wien 1960)
**) Glenzdorfs Internationales Film-Lexikon (1961)
***) F.-B. Habel & Volker Wachter: Lexikon der DDR-Stars (Schwarzkopf & Schwarzkopf, 1999, S. 191)
1) Geburtsjahr laut Wikipedia, IMDb, filmportal.de; Kay Weniger " Das große Personenlexikon des Films" und "Glenzdorfs Internationales Film-Lexikon" geben als Geburtsjahr 1884 an.
Link: 2) Wikipedia, 5) Murnau Stiftung, 7) filmportal.de
3) vergl.: Vom Schreibtisch und aus der Werkstatt: Mein Ibsen-Theater. Erinnerungen von Carl Heine bei ibsen.nb.no (Velhagen & Klasings Monatshefte, Bielefeld/Leipzig, 1925/1926 (40. Jg., 1. Bd., S. 423–428))
4) vergl.: Erich Mühsam: Tagebücher VI, 29. Juli – 17. Oktober 1911 (S. 724 – 867) bei www.muehsam-tagebuch.de
6) Volker Wachter bei defa-sternstunden.de (Seite nicht mehr abrufbar)
Lizenz Foto Margarete Kupfer (Urheber: Wilhelm Willinger): Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.
Filme
Filmografie bei der Internet Movie Database sowie
einige Stummfilme bei www.earlycinema.uni-koeln.de
(Link: Murnau Stiftung, Wikipedia (deutsch/englisch), filmportal.de, prisma.de)
Stummfilme Noch: Stummfilme
  • 1926: Familie Schimeck – Wiener Herzen
  • 1926: Die Wacht am Rhein / Aus des Rheinlands Schicksalstagen
  • 1926: Menschen untereinander
  • 1926: Qualen der Nacht
  • 1926: Der Provinzonkel
  • 1926: Parkettsessel 47
  • 1926: Heimliche Sünder
  • 1926: Das deutsche Mutterherz
  • 1926: Jagd auf Menschen
  • 1926: Die Unehelichen
  • 1926: Der Liebe Lust und Leid / Kellerkavaliere
  • 1926: Gräfin Plättmamsell
  • 1926: Gern hab' ich die Frauen geküsst
  • 1927: Was weißt du von der Liebe?
  • 1927: Die Villa im Tiergarten
  • 1927: Faschingszauber
  • 1927: Das war in Heidelberg in blauer Sommernacht
  • 1927: Der Soldat der Marie
  • 1927: Die Insel der verbotenen Küsse
  • 1927: Klettermaxe
  • 1927: Durchlaucht Radieschen
  • 1927: Die heilige Lüge
  • 1927: Funkzauber
     Ein Volksstück von der Liebe und des Rundfunks Wellen
  • 1927: Liebesreigen / Der Kämpfer
  • 1927: Das Erwachen des Weibes
  • 1927: Wochenendzauber
  • 1927: Die Liebe der Jeanne Ney
  • 1927: Eins + Eins = Drei / Ehe man Ehemann wird (→ stummfilm.at)
  • 1928: Dragonerliebchen / Das Smoking-Girl
  • 1928: Almenrausch und Edelweiß
  • 1928: Eva in Seide
  • 1928: Zuflucht
  • 1928: Saxophon-Susi
  • 1928: Lemkes sel. Witwe
  • 1928: Heut' war ich bei der Frieda
  • 1928: Was ist los mit Nanette?
  • 1929: Aus dem Tagebuch eines Junggesellen
  • 1929: Das närrische Glück
  • 1929: Der Sittenrichter / § 218. Eine wahre Begebenheit
  • 1929: Midstream
  • 1929: Jenseits der Straße – Eine Tragödie des Alltags
  • 1929: Frau im Mond (→ Murnau Stiftung)
  • 1930: Alimente
  • 1930: O Mädchen, mein Mädchen, wie lieb' ich Dich!
Tonfilme
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