Der am 7. Dezember 1879 in der norwegischen Hauptstadt Oslo (bis 1924 Christiania) geborene Gunnar Tolnæs gehörte neben Valdemar Psilander1) (1884 – 1917), Olaf Fönss1) (1882 – 1949) und Viggo Larsen1) (1880 – 1957) sowie der legendären Asta Nielsen1) (1881 – 1972) zu den großen nordischen Stummfilmstars, stand überwiegend in Dänemark vor der Kamera. Bevor sich Tolnæs dem neuen Medium Kinematografie zuwandte, hatte er nach seinem Schulabschluss Rechtswissenschaften studiert, dann die Universität mit einem Staatsexamen in Medizin verlassen.
Er entschied sich nun jedoch für eine künstlerische Laufbahn und trat seit 1906 als Schauspieler an verschiedenen Theaterbühnen in Erscheinung, zwischen 1908 und 1916 gehörte er als Ensemble-Mitglied zum berühmten Osloer "Nationaltheater" (Nationaltheatret). 1913 wurde er von der in Stockholm ansässigen schwedischen Filmfirma "Svenska Biografteatern AB" für den Film verpflichtet und gab sein Leinwanddebüt in Victor Sjöströms Streifen "Halbblut" (1913, Halvblod). Rasch etablierte sich der gutaussehende Schauspieler als gefragter Mime und stieg zum Star der Stummfilmszene auf. 1915 holte ihn Ole Olsen2) nach Dänemark an seine Kopenhagener "Nordisk Film"2), die ihn neben Valdemar Psilander in den Dramen jener Ära zu ihrem wichtigsten "Zugpferd" auf baute.
 
Gunnar Tolnæs verkörperte meist den Typus des edelmütigen und elegant-kultivierten Mannes in Frack uns Zylinder, mimte ausdrucksstark, aus heutiger Sicht theatralisch mal abenteuerliche, mal mysteriöse Herren und zeigte sich auch als findiger Detektiv. Er überzeugte als Doktor Voluntas in Robert Dinesens freien "Faust"-Adaption "Dämons Triumphe" 1915, Doctor X) ebenso wie als charmanter Detektiv Jurian Fox in Holger-Madsens "Der Seelenverkäufer" (1916, Sjæletyven). Furore machte er mit der Figur des edlen indischen Prinzen im ersten Teil des von Robert Dinesen in Szene gesetzten orientalischen Melodrams "Die Lieblingsfrau des Maharadscha"2) (1917, Maharadjahens yndlingshustru) mit Lilly Jacobsson (1893 – 1979) als Partnerin. Aufgrund des ungeheuren Erfolgs an den Kinokassen setzte Regisseur August Blom die Geschichte 1919 mit einem zweiten Teil fort, auch die deutsche "Projektions-AG Union" (PAGU) nahm sich des exotisch-erotischen Stoffs an und beauftragte Max Mack2) mit der Verfilmung eines dritten Teils (Drehbuch: Marie-Luise Droop2)/Adolf Droop), in dem Tolnæs Ende Januar 1921 in "Die Lieblingsfrau des Maharadscha"3) erneut als Held Narada, Maharadscha von Odhapur, auftrat, in den sich die schöne Tänzerin Ellen Esmond (Aud Egede Nissen) verliebt. "Mutig reist sie ihm nach, fällt aber dem abgrundtief bösen Bruder (Fritz Kortner) des Maharadschas in die Hände. Wie an jedem Fürstenhof gibt es auch in Indien vor allem männliche Intrigen, die entweder durch Gewalt, ein Rudel Löwen oder durch die Hingabe der Lieblingssklavin des Maharadschas aufgelöst werden. Schließlich erkennt auch er die Liebe der fremden Frau, die bereit war, für ihn zu sterben." notiert www.filmblatt.de. 1926 entstand in Dänemark unter der Regie von A. W. Sandberg2) noch eine weitere Fortsetzung von "Die Lieblingsfrau des Maharadscha", die jedoch bei weitem nicht die Zuschauerakzeptanz wie seine Vorgänger erreichte.
 
Bis Ende der 1920er Jahre tauchte der stets soigniert wirkende Gunnar Tolnæs sowohl in dänischen als auch deutschen Produktionen auf, zum Kassenschlager geriet unter anderem Holger-Madsens früher, pazifistisch angehauchter Science-Fiction-Streifen "Das Himmelsschiff"2) (1918, Himmelskibet), in dem er den interplanetarischen Kapitän Avanti Planetaros mimte, der mit seinem propellerbetriebenen Raumschiff "Excelsior" samt Besatzung eine Expedition zum Mars antritt; in weiteren Rollen sah man unter anderem Nils Asther1) (1897 – 1981) als Marsianer und einmal mehr Lilly Jacobson als Marya, Tochter des Weisheitsfürsten (Philip Bech). Mit A. W. Sandberg drehte Tolnæs unter anderem "Die Bettelprinzessin" (1920, Stodderprinsessen) und war Partner des dänischen Stummfilmstars Clara Wieth2) (= Clara Pontoppidan), auch die Charles Dickens-Adaption "Kleine Dorrit" (1924, Lille Dorrit) mit Karina Bell (1898 – 1979) als Titelheldin war von Sandberg auf die Leinwand gebannt worden; hier spielte Tolnæs den gutherzigen Anwalt Arthur Clennam, der die arme junge Näherin Dorrit kennenlernt und dabei ein dunkles Familiengeheimnis entdeckt.
In Deutschland entstand unter der Regie von Paul Ludwig Stein das Melodram "Sturmflut des Lebens"3) (1921) mit Charlotte Ander als Partnerin, erzählt wird die Geschichte des erfolgreichen Arztes Prof. Dr. Sanden (Tolnæs), der nach tragische Irrungen und Wirrungen Frieden bei seiner Familie findet. Als Graf, der mit Carola Toelle eine Liebschaft beginnt, tauchte er in Artur Retzbachs Drama "Die Flucht in die Ehe" (1921, auch "Der große Flirt) auf, präsentierte sich in Wilhelm Dieterles "Geschlecht in Fesseln"2) (1928) mit dem Untertitel "Die Sexualnot der Strafgefangenen" als Fabrikant Rudolf Steinau, der in der Untersuchungshaft auf den wegen Totschlags zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilten, arbeitslosen Ingenieur Franz Sommer (Wilhelm Dieterle) trifft. Er verspricht ihm, sich nach eigener Freilassung um dessen Ehefrau Helene (Mary Johnson) zu kümmern, beginnt schließlich eine Liebesbeziehung mit der jungen Frau. Helene liebt ihren Mann, doch in einer schwachen Stunde gibt sie Steinaus Liebeswerben nach. Der Unternehmer möchte, dass sie sich scheiden lässt, muss aber feststellen, dass Helene seine Zuneigung nicht erwidert. Sommer erliegt im Gefängnis dem jungen, homosexuellen Mitgefangenen Alfred (Hans Heinrich von Twardowski), der ebenso schuldbewusst wie er die Strafanstalt verlässt. Als Sommer seiner Frau gegenübersteht, erkennen beide, dass sie sich noch lieben, doch die Verfehlungen stehen zwischen ihnen. Verzweifelt begehen sie Selbstmord. Eine Zeitungsnotiz berichtet von der Tragödie zweier Menschen, die durch das Gesetz aneinander schuldig wurden.4)
 
Seinen letzten Film drehte Gunnar Tolnæs in Deutschland und wirkte mit einem kleineren Part in der einzigen Regie-Arbeit des Leinwandstars Olga Tschechowa1) mit. "Der Narr seiner Liebe" (1929) hieß der von der Kritik wohlwollend aufgenommene Film, in dem Tschechowas Ex-Mann Michael Tschechow2) die Hauptrolle spielte. Danach, bzw. mit Anbruch des Tonfilm-Zeitalters, war seine Karriere als Leinwanddarsteller beendet.
Gunnar Tolnæs ging nun endgültig in sein Heimatland zurück, widmete sich die nächsten zehn Jahre ausschließlich seiner Arbeit am Theater. "Erfolg hatte er dort vor allem in Ibsen-Stücken, aber auch als chevaleresker Gentleman und Liebhaber in Operetten und Komödien." notiert Wikipedia.
 
Der einstige Stummfilmstar Gunnar Tolnæs starb – rund vier Wochen vor seinem 61. Geburtstag – am 9. November 1940 in seiner Geburtsstadt Oslo; seine letzte Ruhe fand er auf dem dortigen "Westlichen Friedhof" (Vestre gravlund).
Von Marie Louise Droop stammt das 1920 veröffentlichte Buch "Gunnar Tolnaes: Aus seinem Leben und Wirken".
Quellen: Wikipedia, www.cyranos.ch
Fotos bei www.virtual-history.com
Link: 1) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 2) Wikipedia, 3) Murnau Stiftung
4) Quelle: www.difarchiv.deutsches-filminstitut.de
Filme
Filmografie bei der Internet Movie Database sowie
www.earlycinema.uni-koeln.de
(Link: Wikipedia, Murnau Stiftung, Kurzportrait innerhalb dieser HP)
Filme in Schweden
  • 1913: Halbblut (Halvblod)
  • 1913: Bröderna (Kurzfilm)
  • 1914: Ein Kind der Straße (Gatans barn)
  • 1914: Gewonnene Liebe – Verlorene Ehre (När konstnärer älska)
  • 1915: En av de många
  • 1925: Ihre kleine Majestät (Hennes lilla majestät)
Filme in Dänemark (→ Danish Film Institute)
  • 1915: Dämons Triumphe (Doctor X; basierend auf "Faust")
  • 1916: Sterbende Gluten (Lyset og livet)
  • 1916: Der Seelenverkäufer (Sjæletyven)
  • 1917: Der Mann ohne Gnade (Den Retfærdiges Hustru)
  • 1917: Meister Spitzbube (Den mystiske Tjener)
  • 1917: Das Geheimnis des "Gebirgshofes" (Fjeldpigen)
  • 1917: Der Narr seiner Liebe (Pjerrot)
  • 1917: Die Lieblingsfrau des Maharadscha
    (Maharadjahens yndlingshustru, Teil 1)
  • 1917: Die Spur der ersten Liebe (Livets Gøglespil)
  • 1918: Söhne des Volkes (Folkets ven)
  • 1918: Manneswille (Mands vilje)
  • 1918: Das Himmelsschiff (Himmelskibet)
  • 1919: Ihr Held (Hendes Helt / Vogt dig for dine Venner)
  • 1919: Die Lieblingsfrau des Maharadscha
    (Maharadjahens yndlingshustru, Teil 2)
Noch: Filme in Dänemark
  • 1919: Lykkalandet
  • 1920: Die Bettelprinzessin (Stodderprinsessen)
  • 1920: Der Liebling der Götter (Gudernes yndling)
  • 1921: Im Rausche der Nacht (Prometheus I–II))
  • 1921: Das Rätsel der Nacht (Kan disse Øjne lyve?)
  • 1922: Der Pfarrer zu Vejlby (Præsten i Vejlby; → Danish Film Institute)
  • 1922: Hans Gode Genius
  • 1923: Die Insel der Erfüllung (Kærligheds-Øen)
  • 1923: Das Wiener Kind (Wienerbarnet)
  • 1924: Fräulein Sherlock Holmes (Min Ven privatdetektiven)
  • 1924: Kleine Dorrit (Lille Dorrit)
  • 1926: Die Lieblingsfrau des Maharadscha
    (Maharadjahens yndlingshustru, Teil 4)
  • 1926: Das verlorene Glück (Det sovende Hus)
Filme in Deutschland
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