Die Schauspielerin und Soubrette Trude Berliner erblickte am 28. Februar 19031) als Gertrude Gabriele Berliner in Berlin das Licht der Welt, als genauerer Geburtsort wird das Spandauer Viertel um den Hackeschen Markt genannt. Schon als Kind erhielt sie in ihrer Geburtsstadt eine Ballett- und Tanzausbildung an der von Egon Mangelsdorff sen., Ballettmeister an der "Königlichen Oper" (heute "Staatsoper"), gegründeten Ballettschule in der Bülowstraße am Nollendorfplatz, nahm zudem später auch Gesangsunterricht. Bereits im Alter von acht Jahren war Trude Berliner Mitglied der "Berliner Theaterkinder", mit denen sie unter anderem am "Berliner Theater"2) an der Charlottenstraße, an "Montis Operettentheater" und bei Weihnachtsaufführungen im "Zirkus Busch" auftrat. Eine erste reguläre Rolle erhielt sie als Heinerle in der Operette "Der fidele Bauer" von Leo Fall.
Nach Ende des 1. Weltkrieges bzw. in den 1920er Jahren feierte Trude Berliner an verschiedenen Varieté-Bühnen wie der "Scala" oder dem "Wintergarten" Erfolge als Schauspielerin und Sängerin, ihr komödiantisches Talent konnte sie vor allem in Operetten und Lustspielen unter Beweis stellen. Sie wirkte unter anderem am "Theater am Schiffbauerdamm"2), ehemals betrieben unter dem Namen "Montis Operettentheater" (1912–1916), "Neues Operettenhaus" (ab 1916) bzw. "Neues Operettentheater" (ab 1921), sowie am "Lustspielhaus" in der Friedrichstraße. Tourneen führten sie beispielsweise nach Hamburg, auch in Kopenhagen, Stockholm und Helsinki erfreute sie das Publikum; zudem arbeitete Trude Berliner für den immer beliebter werdenden Hörfunk und war überdies beim Kabarett wie dem "Tingel-Tangel-Theater"2) aktiv.

Trude Berliner vor 1929
Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder2) (1888 – 1929)
Quelle: www.cyranos.ch;
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Trude Berliner vor 1929; Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder (1888 – 1929); Quelle: www.cyranos.ch
Zu einer ihrer letzten großen Auftritte vor der Emigration zählte die Berliner Uraufführung von Paul Abrahams Operette "Ball im Savoy"2) am 23. Dezember 1932 im "Großen Schauspielhaus". Die Operetten-Diva Gitta Alpár3) trat als charmante Madeleine auf, Arthur Schröder3) als deren Ehemann Marquis Aristide de Faublas, Trude Berliner glänzte als argentinische Tänzerin Tangolita; in der Buffo-Rolle des Mustapha Bey bzw. der Soubretten-Rolle der Daisy Darlington erlebte man das singende und tanzende (spätere) Ehepaar Oszkár Dénes2) und Rosy Bársony3).  "Ball im Savoy" war eine der letzten großen Produktionen der Gebrüder Alfred2) und Fritz Rotter2), die bis zum Zusammenbruch des verschachtelten Rotter-Konzerns Mitte Januar 1933 in Berlin mehrere Bühnen betrieben.
 
Bereits als 13-Jährige war Trude Berliner für den Film entdeckt worden und spielte unter der Regie von Max Mack neben Maria Orska und Hugo Flink eine Kinder-Rolle in dem stummen Melodram "Adamants letztes Rennen" (1916). Acht Jahre später stand die hübsche Brünette dann regelmäßig vor der Kamera und startete mit der Figur einer Kammerzofe in Erich Schönfelders Rokoko-Komödie "Der geheime Agent"4) (1924) eine intensive, wenn auch kurze Karriere als Leinwanddarstellerin. Beispielsweise präsentierte sie sich als Tänzerin Cora in "Die Feuertänzerin" (1925; Regie: Robert Dinesen) an der Seite von Alfred Abel und Jenny Jugo, mit Harry Liedtke spielte sie in Max Obals romantischen Komödie "Der moderne Casanova" (1928) und in Victor Jansons Neuauflage von "Die Zirkusprinzessin" (1929). Ihr letzter Stummfilm war Rudolf Meinerts Krimi "Masken"2) (1930), eine Detektivgeschichte aus der "Stuart Webbs"-Reihe mit Karl Ludwig Diehl als smartem Ermittler, wo sie als dessen Gehilfin Mary auftauchte.
Den Übergang zum Tonfilm meisterte Trude Berliner aufgrund ihrer Bühnenerfahrungen problemlos, schon in Rudolf Walther-Feins musikalischem Drama "Dich hab' ich geliebt"2) (1929), dem ersten zu einhundert Prozent in Deutschland gedrehten, abendfüllenden Tonspielfilm, hatte sie neben den Protagonisten Mady Christians, Walter Jankuhn und Hans Stüwe zur Besetzung gehört. In den nachfolgenden Produktionen mimte sie meist kesse, quirlige Mädchen, oft mit berlinerischer Herkunft, konnte zudem in etlichen Streifen ihr gesangliches und tänzerisches Talent unter Beweis stellen. So war sie für Carmine Gallone das neapolitanische Mädchen Carmela bzw. Jugendliebe des Fremdenführers Giovanni (Jan Kiepura), der in der deutsch-britischen Koproduktion "Die singende Stadt"4) (1930) kurzzeitig den Verlockungen der reichen und lebenshungrigen Witwe Claire Landshoff (Brigitte Helm) erliegt. Sie machte als flottes Hafenmädchen Margot in "Ein Mädel von der Reeperbahn"5) (1930; Regie: Karl Anton) von sich reden, dem der mit Hanne (Olga Tschechowa) verheiratete Leuchtturmwärter Uwe Bull (Hans Adalbert Schlettow) verfällt. Auch in Heinz Hilperts Drama "Drei Tage Liebe"5) (1931), der Geschichte des unglücklichen Dienstmädchens Lena (Käthe Dorsch), das sich in den Möbelpacker Franz (Hans Albers) verliebt, erregte Trude Berliner als intrigante Carla bzw. ehemalige Freundin von Franz Aufmerksamkeit. Sie verkörperte verführerische Animierdamen wie in der Komödie "Weekend im Paradies"4) (1931; Regie: Robert Land), attraktive Schauspielerinnen wie in dem turbulenten Lustspiel "Der Hochtourist"4) (1931; Regie: Alfred Zeisler) oder schöne Sängerinnen wie in dem Militärschwank "Der Stolz der 3. Kompanie"2)  (1932; Regie: Fred Sauer) mit Heinz Rühmann in der Titelrolle. Mit Martha Eggerth und Paul Hörbiger stand sie für den Musikstreifen "Kaiserwalzer" (1933); Regie: Friedrich Zelnik) vor der Kamera und gab die Berlinerin Annemarie Schulz, mit der Rolle der Eva in Friedrich Zelniks musikalisch-heiteren Geschichte "Es war einmal ein Musikus"5) (1933), unter anderem mit Viktor de Kowa und Ernst Verebes, verabschiedete sich Trude Berliner vorerst gezwungenermaßen von ihrem Kinopublikum.
 
Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 beendete abrupt die Karriere der jüdischen Künstlerin. Über Prag, Wien und Paris emigrierte sie im Frühjahr 1938 in die Niederlande. Hier engagierte sie sich in einigen Emigranten-Revuen, trat unter anderem in dem von Willy Rosen3) gegründeten Kabarett-Ensemble "Das Theater der Prominenten" auf, dem zeitweise so populäre jüdische, ebenfalls aus Deutschland geflohene Künstler wie Max Ehrlich3), Otto Wallburg3), Kurt Gerron3), Szőke Szakáll3), Siegfried Arno3) oder Oskar Karlweis3) angehörten. Mit der Besetzung der neutralen Niederlande bzw. dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 10. Mai 1940 war das Leben von Trude Berliner massiv gefährdet – sie flüchtete erneut, diesmal über Lissabon in die USA. Als Künstlerin konnte sie dort – wie etliche ihrer emigrierten Kollegen – nicht so recht Fuß fassen. Sie betätigte sich unter anderem in New York im Ensemble der von Ernst Lothar2) und Raoul  Auernheimer2) 1940 gegründeten, kurzlebigen "Österreichischen Bühne" ("The Austrian Theatre") und beim "German Jewish Club", Angebote vom Film beschränkten sich auf winzige Rollen. So stand sie auf der Besetzungsliste von Michael Curtiz' Leinwandklassiker "Casablanca"2) (1942) und tauchte als Baccarat-spielende Frau auf, die den Ober Carl (Szőke Szakáll) fragt, ob Rick (Humphrey Bogart) etwas mit ihr trinken wolle, worauf Carl antwortet: "Madame, he never drinks with customers. Never. I have never seen him". In Jules Dassins Drama "Reunion in France"2) (1942) mit Joan Crawford und John Wayne in den Hauptrollen ergatterte sie den kleinen Part einer Kundin, in dem Anti-Nazi-Streifen "The Strange Death of Adolf Hitler" (1943; Regie: James P. Hogan) den der Frau Reitler. Mit Irving Cummings' Biopic über die in den USA berühmt gewordenen, in Ungarn geborenen tanzenden Zwillinge "Dolly Sisters" (1945, "The Dolly Sisters") mit Betty Grable als Janszieka "Jenny" Dolly und June Haver als Roszika "Rosie" Dolly stand Trude Berliner für ein Jahrzehnt ein letztes Mal vor der Kamera – sie verkörperte eine deutsche Schauspielerin.
 
Nach Ende des 2. Weltkrieges lebte die einst gefeierte Künstlerin unter anderem neun Jahre lang als Verwalterin auf einer dem Schauspieler und Ansager Ray Morgan (1913 – 1975) gehörenden Baumwoll- und Dattelpalmen-Farm in der kalifornischen Wüste nahe der mexikanischen Grenze. Inzwischen war sie in zweiter Ehe mit dem Kunstmaler Max Schoop (1902 – 1984) verheiratet, der aus einer wohlhabenden Zürcher Familie stammte. Der Vater Friedrich Maximilian Schoop (1871 – 1924) arbeitete als renommierter Journalist bzw. Chef-Redakteur bei der "Neuen Zürcher Zeitung", fungierte zudem als Präsident des luxuriösen "Grand Hotel Dolder" – die Eheschließung mit Max Schoop erfolgte um 1939. Dessen Schwestern, die in Zürich geborenen und später ebenfalls vor den Nazis in die USA geflohenen Tänzerinnen bzw. Kabarettistinnen Trudi Schoop2) (1903 – 1999) und Hedi Schoop6) (1906 – 1995), waren somit ihre Schwägerinnen; Schwager Paul Schoop (1909 – 1976) arbeitete als Komponist, unter anderem auch für den Film. Hedi Schoop, zweite Ehefrau des Revue- und Tonfilmkomponisten Friedrich Hollaender2) (1896 – 1976), heiratete 1943 den einstigen, 1937 in die USA emigrierten Filmstar Ernst (Ernö) Verebes3) (1902 – 1971). In Amerika machte sie sich einen Namen als Keramikkünstlerin, "deren Werke als "California Pottery" über mehrere Jahrzehnte zu wertvollen Sammlerstücken wurden."7) Laut Kay Weniger*) soll sich Trude Berliner zeitweise ein Zubrot in der Töpfer-Firma des Ehepaare Schoop/Verebes verdient haben.
 
Seit den beginnenden 1950er Jahren besuchte Trude Berliner einige Male die Bundesrepublik bzw. ihre Geburtstadt Berlin und erhielt ein Angebot, in einer Kinoproduktion mitzuwirken. In dem von Erich Engel mit Viktor de Kowa, Antje Weissgerber und Hans Söhnker in den Hauptrollen inszenierten Melodram "Vor Gott und den Menschen" (1955) übernahm sie einen kleinen Part; Infos zum Film bei Filmlexikon
Die bereits im April 1941 in Deutschland ausgebürgerte Trude Berliner verbrachte den Rest ihres Lebens in den Vereinigten Staaten. Dort starb sie zwei Tage vor ihrem 74. Geburtstag am 26. Februar 1977 in Pacific Beach, einem an der Küste gelegenen Stadtteil von San Diego (Kalifornien); ihre Asche soll in der See verstreut worden sein. Über das Sterbedatum gibt es unterschiedliche Angaben, so weist filmportal.de den 4. November 1982 aus, die überwiegenden Quellen nennen jedoch den 26. Februar 1977.
Der Nachwelt sind verschiedene, von Trude Berliner gesungene Tonfilmschlager auf Schallplatte und neuerdings bei "YouTube" erhalten geblieben. So unter anderem der Song "Für Montag hab ich einen ältern Diplomaten" aus der deutsch-tschechischen bzw. in Prag gedrehten Produktion "Tausend für eine Nacht" (1933; Regie: Max Mack) oder "Für die große Liebe hab ich keine Zeit" aus dem Streifen "Durchlaucht amüsiert sich" (1932), von Conrad Wiene mit Georg Alexander, Lien Deyers und Trude Berliner in den Hauptrollen inszeniert.
Quellen (unter anderem*) **)): Wikipedia, www.cyranos.ch, www.exilarchiv.de sowie
"Filmwelt" Nr. 4 vom 24.01.1932, Seite 10 / Seite 11
Fotos bei www.virtual-history.com
*) Kay Weniger: Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben … Lexikon der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden 1933 bis 1945. Eine Gesamtübersicht. (ACABUS Verlag, Hamburg 2011, S. 99)
**) Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933 – 1945; Herausgeber: Frithjof Trapp, Werner Mittenzwei, Henning Rischbieter, Hansjörg Schneider; Band 2: Biographisches Lexikon der Theaterkünstler von Frithjof Trapp, Bärbel Schrader, Dieter Wenk, Ingrid Maaß (Teil 1, A–K; K G Saur, München 1999)
1) Geburtsdatum laut Wikipedia, IMDb, filmportal.de und Kay Weniger; das "Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters" gibt 1904 als Geburtsjahr an.
Link: 2) Wikipedia, 3) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 4) Murnau Stiftung, 5) filmportal.de, 6) Neue Deutsche Biographie
7) Quelle: Neue Deutsche Biographie
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