Der Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor Henry Stuart erblickte am 1. Februar 1885 als Court Henry Eduard Hess in Kairo (Ägypten) das Licht der Welt. Der Sohn eines britischen Kolonialbeamten kam kurz vor 1900 zurück nach Großbritannien, verbrachte seine Jugend jedoch überwiegend in Paris. Den Wunsch seines Vaters, eine Diplomatenlaufbahn einzuschlagen, hatte er verworfen, plante zunächst Kunstmaler zu werden und ließ sich in München an der "Kunstakademie" entsprechend ausbilden. Kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges ging er in die österreichische Hauptstadt Wien und kam dort erstmals mit der Filmszene in Kontakt. Die Kriegsjahre verbrachte er in Großbritannien, kehrte dann nach Deutschland zurück und startete Anfang der 1920er Jahre eine Karriere im Stummfilm. Sein Leinwanddebüt gab er mit einem kleineren Part in der Komödie "Ein Glas Wasser"1) (1923), von Ludwig Berger gedreht nach dem gleichnamigen Lustspiel von Eugéne Scribe mit Mady Christians in der weiblichen Hauptrolle der Königin Anna von England, Rudolf Rittner als deren Erzfeind Lord Bolingbroke und Hans Brausewetter als jungem Offizier und Herzensbrecher. "Seit dieser Zeit habe ich mich ganz dem Film gewidmet und mir die Malerei als Erholung in meinen Mußestunden aufgehoben." ließ er später sein Publikum wissen. "Mich reizt am Film besonders die Möglichkeit, menschliche Charaktere psychologisch zu gestalten. Es ist mein Ehrgeiz, in allen von mir verkörperten Charakteren mit möglichst sparsamen mimischen Hilfsmitteln jede verborgene menschliche Eigenheit zum Ausdruck zu bringen. Ich liebe es vor allem, gütige Charaktere zu spielen, die die Sympathie des Zuschauers erwecken und diesem einen angenehmen Eindruck hinterlassen. Ich halte es für eine wesentliche Aufgabe der gesamten Kunst, den Menschen nur Schönes und Angenehmes zu geben, und möchte in diesem Sinne durch meine Arbeit meinen Teil dazu beitragen."*)  
  
Schon in seinem zweiten Film, Berthold Viertels "phantastischen" Geschichte "Die Perücke"2) (1925) mit Otto Gebühr in der Doppelrolle des alten glatzköpfigen Querulin bzw. Fürsten, bekam er als Liebhaber von Jenny Hasselqvist (Fürstin) eine tragende Rolle. Auch in den weiteren stummen Produktionen wurde der blendend aussehende Schauspieler meist als nobler Liebhaber oder perfekter Gentleman besetzt.
So mimte er in Georg Wilhelm Pabsts Meisterwerk "Die freudlose Gasse"3) (1925), einem Querschnitt menschlicher Schicksale im Wien der Inflationszeit nach dem Roman von Hugo Bettauer3), den schillernden Bankbeamten und Frauenverführer Egon Stirner, der als vermeintlicher Mörder an der reichen Frau Lia Leid (Tamara Tolstoi) in das Visier der Polizei gerät – das in Stirner verliebte Straßenmädchen Mizzi (Asta Nielsen) hat jedoch die vermeintliche Konkurrentin ermordet.
Henry Stuart zeigte sich mit Hauptrollen in Filmen wie dem Henny Porten-Streifen "Das Abenteuer der Sybille Brant" (1925; Regie: Carl Froehlich), dem Drama "Der Mann im Feuer"4) (1926; Regie: Erich Waschneck) oder "Die Straße des Vergessens" (1926; Regie: Heinz Paul), wo er sich an der Seite von Hella Moja als Kapitän der spanischen Armee präsentierte. In Manfred Noas Kriegs-Melodram "Die versunkene Flotte" (1926) nach dem gleichnamigen Roman von Kapitänleutnant a.D. Helmut Lorenz über die Skagerrakschlacht3) schlüpfte er in die Uniform des britischen Marineoffiziers bzw. Kommandanten Dick Norton, der heimlich in die Ehefrau (Gräfin Agnes Esterházy) seines besten Freundes, dem deutschen Korvettenkapitän Barnow (Bernhard Goetzke), verliebt ist; in weiteren Rollen sah man unter anderem Nils Asther als Torpedo-Offizier Günther Adenried und Hans Albers als Oberheizer Tim Kreuger → Inhaltsangabe zum Film (in englisch) beim "British Film Institute". Stuarts bemerkenswerteste Rolle war wohl die des Interpol-Inspektors Tom Wilkins bzw. "Mann der tausend Verkleidungen und Masken" in Rolf Randolfs Krimis "Der Bettler vom Kölner Dom"3) (1927). Die Detektiv-Story mit Carl de Vogt5) in der Titelrolle wartete mit Action- und Abenteuereinlagen auf: "Der Bettler vom Kölner Dom" bietet ein charmantes Spiel mit dem Genre, welches im Film mit seinen maskierten Schurken und verkleideten Ermittlern ironisiert wird. Niemand ist der, der er zu sein vorgibt." notiert unter anderem www.arte.tv. Eine digital restaurierte Fassung dieses rasanten Stummfilms ist inzwischen im Handel erhältlich → www.edition-filmmuseum.com sowie www.koeln-im-film.de.
Zu seinen letzten Arbeiten vor der Stummfilm-Kamera zählt das Drama "Skandal in Baden-Baden"4) (1928; Regie: Erich Waschneck), wo er sich an der Seite von Brigitte Helm und Ernst Stahl-Nachbaur als eleganter Baron Egon von Halden präsentierte, und der Kostümstreifen "Der Günstling von Schönbrunn" (1929) mit der Figur des Kaisers Franz. Letztgenannter, von Erich Waschneck und Max Reichmann realisierter Film, war bereits mit Ton-Sequenzen gedreht worden, Frauenschwarm Iván Petrovich trat als Oberst Trenck und Lil Dagover als Kaiserin Maria Theresia auf. Zwischendurch zog es Henry Stuart nach Indien, wo er als Darsteller und Regisseur in Personalunion das Jugend-Abenteuer "Der Ring der Bajadere" (1929) drehte sowie die Dokumentarfilme "Nuri, der Elefant" (1929) und "Der Maharadschah von Mysore hat Geburtstag" (1929) in Szene setzte.
 
Im Tonfilm blieb Henry Stuart – vermutlich aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse – weitgehend beschäftigungslos, erst in Max W. Kimmichs propagandistisch gefärbten Literaturadaption "Germanin – Die Geschichte einer kolonialen Tat"3) (1943) nach dem gleichnamigen, 1938 erschienen Roman von Hellmuth Unger, erhielt er als britischer Diplomat Sir Edward Craigh eine kleine Aufgabe. Der Film war eine gezielte Werbeaktion für die "Bayer AG", thematisiert wird die Entwicklung eines Mittels gegen die Schlafkrankheit, das zunächst "Bayer 205" und später "Germanin" genannt wurde. Letztmalig stand er für Josef von Bákys starbesetztes, opulent gedrehtes Abenteuer "Münchhausen"3) (1943), dem dritten abendfüllenden deutschen Farbfilm mit Hans Albers in der Rolle des Lügenbarons, vor der Kamera und übernahm den ebenfalls kleinen Part des Lord Sir Fitzherbert. Als Regisseur versuchte er sich erneut mit dem Kurz-Spielfilm "Zwischen 12 und 2" (1933), brachte mit "Krishna. Abenteuer im indischen Dschungel" (1941) eine Tonfilmfassung von "Der Ring der Bajadere" aus dem Jahre 1929 in die Lichtspielhäuser. Das "Filmlexikon" schreibt hierzu: "Das schlichte Lebensbild eines kleinen indischen Elefantentreibers und seiner Familie. Der Film wurde an Originalschauplätzen mit Laiendarstellern realisiert und versteht es, Jung und Alt auf sympathische Weise anzusprechen." Das Drehbuch stammte von Stuart selbst, bereits bei dem von Henry Lynn inszenierten Drama bzw. der Jiddisch-amerikanischen Produktion "Die Kraft von Leben" (1938, The Power of Life) hatte er als Co-Autor fungiert.
 
Henry Stuart, inzwischen Schweizer Staatsbürger, arbeitete bis zu seinem Tod am Theater, spielte in Berlin (nach Wikipedia) vor allem am "Englischen Theater Deutscher Schauspieler"; darüber hinaus war er für den Rundfunk sowie als Manuskript- und Titelübersetzer tätig. Laut Wikipedia sowie anderen einschlägigen Quellen (IMDb, filmportal.de) starb Henry Stuart im Jahre 1942, ein genaues Todesdatum bzw. ein Ort wird nicht genannt.
Quellen (unter anderem*) ): Wikipedia, www.cyranos.ch
Fotos bei www.virtual-history.com
*) Henry Stuart. In: Dr. Hermann Treuner (Hrsg.): Filmkünstler – Wir über uns selbst (Sybillen Verlag, Berlin, 1928)
Link: 1) Murnau Stiftung, 2) filmportal.de, 3) Wikipedia, 4) Murnau Stiftung, 5) Kurzportrait innerhalb dieser HP
Filme
Filmografie bei der Internet Movie Database
(Link: Murnau Stiftung, filmportal.de, Wikipedia (deutsch/englisch), Filmlexikon)
Stummfilme
  • 1923: Ein Glas Wasser
  • 1925: Die Perücke → www.film.at
  • 1925: Die freudlose Gassewww.prisma.de
  • 1925: Das Abenteuer der Sybille Brant / Um ein Haar
  • 1926: Die Zwei und die Dame
  • 1926: Der Mann im Feuer
  • 1926: Derby. Ein Ausschnitt aus der Welt des Trabersports
  • 1926: Die Straße des Vergessens
  • 1926: Die versunkene Flotte /Die Schlacht am Skagerrak /
    (When Fleet Meets Fleet: A Romance of the Great Battle of Jutland
    = Titel der britischen Export-Fassung / The Wrath of the Seas)
  • 1927: Unter Ausschluss der Öffentlichkeit
  • 1927: Das Mädchen ohne Heimat
  • 1927: Der Bettler vom Kölner Dom
  • 1927: Liebelei
  • 1927: Die Frau mit dem Weltrekord
  • 1927: Wenn Menschen reif zur Liebe werden
Noch: Stummfilme
  • 1928: Schenk mir das Leben / Die Tränen der Ungeborenen
  • 1928: Die geheime Macht
  • 1929: Skandal in Baden-Baden / Die Geliebte Roswolsky's
  • 1929: Der Ring der Bajadere (auch Regie)
  • 1929: Nuri, der Elefant (Dokumentarfilm, nur Regie)
  • 1929: Der Maharadschah von Mysore hat Geburtstag
    (Kurz-Dokumentarfilm, nur Regie)
  • 1929: Der Günstling von Schönbrunn (mit Tonsequenzen)
  • 1930: Das Recht auf Liebe
Tonfilme
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