Lilly Flohr vor 1929; Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder (1888 – 1929); Quelle: www.cyranos.ch Die Sängerin und Schauspielerin Lilly Flohr wurde am 15. November 1903 als Elisabeth Günsburger in der österreichischen Hauptstadt Wien geboren. In einer künstlerischen Familie aufgewachsen – ihr Vater war nach eigenen Angaben*) Maler, Sänger, Musiker und, Schauspieler – stand Tochter Lilly schon mit acht Jahren auf der Bühne, trat am Wiener "Raimund-Theater" in Kinderrollen, später als 14-Jährige als Soubrette auf. Ab Mitte der 1910er Jahre machte sie in Berlin von sich reden, trat zur Spielzeit 1915/16 an "Montis Operettentheater", dem späteren "Theater am Schiffbauerdamm" auf, 1917 bis 1919 wirkte sie am "Berliner Theater", wo sie unter anderem mit der Titelrolle in der Uraufführung (21.02.1917) von Walter Kollos Operette "Die tolle Komtess" begeisterte und ein Jahr später auch in der Uraufführung (09.02.1918) von Kollos Operette "Blitzblaues Blut" Erfolge feierte. Seit der Premiere am 8. Oktober 1920 trat sie in " Total manoli", der ersten Kabarettrevue des "Nelson-Theaters" auf, die mit dem Kabarettisten Fritz Grünbaum1), der zudem zusammen mit Paul Morgan1) die Texte beisteuerte, und der Tänzerin Anita Berber1) am Kurfürstendamm 217 großen Zulauf fand. Rudolf Nelsons2) legendäre Show war nach einem Tucholsky-Gedicht entstanden ("Die meisten Menschen haben heut ein kleines Rad. Total Manoli! Total Manoli!"…). "Manoli" bedeutete im Berliner Sprachgebrauch so viel wie "verrückt", war zudem der Name einer deutschen Zigarettenfabrik2).
Ende der 1910er Jahre zog es das attraktive junge Mädchen zum Film, zwischen 1918 und 1928 trat sie in rund dreißig stummen Produktionen in Erscheinung.
  
Foto: Lilly Flohr vor 1929
Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder2) (1888 – 1929)
Quelle: www.cyranos.ch; Angaben zur Lizenz siehe hier
Sie selbst war mit der Arbeit am Theater unzufrieden geworden und erzählte in einem Interview: "Aber leider lernte ich auch früh auf diese Weise die Kehrseite der Medaille kennen.  – Denn die schönste Kunstbegeisterung verfliegt, wenn man zwei- oder dreihundertmal dieselbe Rolle spielen muß und doch das Zeug in sich fühlt, mehr geben zu können, als von einem verlangt wird. Was lag da näher, als der Gedanke an den Film? Da kann man in jeder Saison acht bis zehn verschiedene Rollen spielen; man kann alles zeigen, was man in sich hat und was man gestalten kann: Schmerz, Freude, Trauer, Frohsinn, Liebe, Wut, Haß. So trieb es mich zum Film. Ich habe immer mit großem Interesse die Antworten verfolgt, die bekannte Künstler auf die oft gestellte Frage gegeben haben, ob sie über oder in ihrer Rolle stehen, und mich immer gewundert, wenn einzelne ganz große Künstler erklärten, sie ständen über ihren Rollen – ich stehe jedenfalls mit meinen beiden Beinen mittendrin, aber nicht nur mit den Beinen, mit Kopf, Herz, kurz mit meinem ganzen Empfinden."*) 
Anfangs mit kleineren Rollen bedacht, wurden die Aufgaben bald umfangreicher, ihren größten filmischen Erfolg feierte sie wohl mit der Titelrolle bzw. der Figur der Ella Schulze in dem dreiteiligen, proletarischen Rührstück "Das Mädchen aus der Ackerstraße" (1920/21), gedreht nach dem gleichnamigen Buch mit dem Untertitel "Ein Sittenbild aus Groß-Berlin" bzw. den Fortsetzungen von Ernst Friedrich ((Pseudonym von Hermann Fleischack). Den 1. Teil "Ein Drama aus der Großstadt"3) (1920) hatte Reinhold Schünzel1) (auch mit sich selbst) in Szene gesetzt, Teil 23) (1920) wurde von Werner Funck4) (1881 – 1951) gedreht, Teil 3 "Wie das Mädchen aus der Ackerstraße die Heimat fand"3) (1921) nach eigenem Drehbuch von Martin Hartwig.
"Das Mädchen aus der Ackerstraße" gehörte zu den ersten Produktionen, die aufgrund des neuen "Reichslichtspielgesetzes" vom 12. Mai 1920 verboten wurden. "Wenn hier auch ein ernstes Problem der Großstadt erörtert wird, so geschieht das in einer derart schwülen Atmosphäre von Sinnlichkeit und Sensation, dass eine erzieherische Wirkung ausgeschlossen ist." so die Zensoren.5)
   
Lilly Flohr …
Lilly Flohr als junges Schulmädchen gekleidet (Inventarnummer 204343-D); Foto mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Nationalbibliothek1) (ÖNB); Urheber: Atelier Madame d'Ora (1881–1963); Datierung: 05.06.1919; Copyright ÖNB/Wien, Bildarchiv Lilly Flohr mit pelzverbrämtem Umhang und Hut (Inventarnummer 204342-D); Foto mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Nationalbibliothek1) (ÖNB); Urheber: Atelier Madame d'Ora (1881–1963); Datierung: 05.06.1919; Copyright ÖNB/Wien, Bildarchiv in einem Pelzmantel und einem Hut ohne Krempe (Inventarnummer 204341-D); Foto mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Nationalbibliothek1) (ÖNB); Urheber: Atelier Madame d'Ora (1881–1963); Datierung: 05.06.1919; Copyright ÖNB/Wien, Bildarchiv
als junges Schulmädchen gekleidet
Inventarnummer 204343-D
mit pelzverbrämtem Umhang und Hut
Inventarnummer 204342-D
in einem Pelzmantel und einem Hut ohne Krempe
Inventarnummer 204341-D
Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Nationalbibliothek1) (ÖNB)
Urheber: Atelier Madame d'Ora5) (1881–1963); Datierung: 05.06.1919
© ÖNB/Wien, Bildarchiv
  
Es schlossen sich weitere, damals erfolgreiche Streifen an, beispielsweise Richard Oswalds Krimi "Das Haus in der Dragonerstrasse" (1921), wo sie zusammen mit Werner Krauss vor der Kamera stand und dessen Schwester mimte. Als Arsen von Cserépy die ersten beiden "Fridericus Rex"-Teile2) "Sturm und Drang" und "Vater und Sohn" (1922) mit Albert Steinrück als König Friedrich Wilhelm I.2) und Otto Gebühr als dessen Sohn König Friedrich II.2) drehte, gehörte auch Lilly Flohr als Frau von Morien zur Besetzung. Mit Regisseur Wolfgang Neff drehte sie die Komödie "Die Kleine aus der Konfektion" (1925) und spielte einmal mehr mit Reinhold Schünzel. Bis Ende der 1920er Jahre trat die Schauspielerin dann nur noch in drei Stummfilmproduktionen auf, ihre Leinwandkarriere endete mit Beginn der Tonfilm-Ära. 
Zwischen all den filmischen Aktivitäten übernahm sie regelmäßig Bühnenangebote, belegt ist Anfang Januar 1921 ihr Auftritt im Berliner "Neuen Operettenhaus" in der Operette "Yu-Shi tanzt…!" mit der Musik von Ralph Benatzky, wo sie das "süße" Geisha-Mädchen Yushi darstellte, aber bei den Kritikern nicht durchweg gut ankam. Lilly Flohr spielte im Verlaufe der Jahre an den verschiedensten Berliner Bühnen, beispielsweise an der Kleinkunstbühne "Potpourri" im Künstlerhaus (1921/22), am "Deutschen Theater" (1924/25), am "Residenz-Theater" (1926/27) oder am " Theater des Westens" (1928/29). Mit Beginn der 1930er Jahre trat sie am "Metropol-Theater"2) und am "Neuen Theater am Zoo"2) sowie an verschiedenen berühmten Varieté-Bühnen in Erscheinung, beispielsweise in der "Scala"2) und im "Wintergarten"2) sowie an Kurt Robitscheks "Kabarett der Komiker"2). Daneben unternahm sie Gastspielreisen im In- und Ausland, gestaltete am Theater unter anderem die Titelrolle in Strindbergs "Fräulein Julie"2) oder die Polly in der Brecht/Weill'schen "Die Dreigroschenoper"2).
Die vielseitige Künstlerin mit jüdischen Wurzeln wurde Mitte der 1930er Jahre von den Nationalsozialisten mit einem Auftrittsverbot belegt und aus der "Reichstheaterkammer"2) ausgeschlossen. Im Februar 1934 gehörte sie zu den Mitwirkenden des vom Berliner "Jüdischen Kulturbunds"2) aufgeführten Programms "Tingel-Tangel", einen ihrer letzten Auftritte in Deutschland hatte sie im Juli 1938 beim "Jüdischen Kulturbund" in Köln mit Chansons u. Couplets.
 
1939 emigrierte Lilly Flohr wie viele ihrer Landsleute nach Shanghai, zwischen 1938 und 1941 gingen ca. 18.000 Juden aus Deutschland und Österreich in die chinesische Metropole. Weil hier kein Visum benötigt wurde, war es der letzte Zufluchtsort vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. In Shanghai galt Lilly Flohr als eine der profiliertesten Kabarettistinnen, Chansonnieren und Schauspielerinnen, bildete mit anderen deutschen und österreichischen Emigranten eine Gemeinschaft und verzeichnete sowohl auf der Operetten- wie auch auf der Theaterbühne beachtliche Erfolge.**) So brillierte sie beispielsweise im Dezember 1943 in Leo Falls Operette "Die geschiedene Frau", eine ihrer Glanzrollen war im Februar 1946 die "Nina" in Bruno Franks gleichnamigen Komödie. Nach dem Krieg sah man sie im Mai 1946 in Johann Nestroys Posse mit Gesang "Der Zerrissene"2) und einmal mehr als Polly in "Die Dreigroschenoper" sowie im September 1946 in dem von Rudolf Bernauer2) und Rudolf Österreicher2) geschriebenen Lustspiel "Der Garten Eden" mit dem Untertitel "Vier Kapitel aus dem Leben eines "unanständigen" Mädchens" – jeweils in Inszenierungen von Robert Weiss-Cyla. Danach bzw. in den 1940er Jahren verließ Lilly Flohr China und ging aus ungeklärten Gründen nach Australien – nach Europa kehrte sie nie mehr zurück. 
Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie als Lily Flohr im australischen Bundesstaat New South Wales, wie aus einer Wählerliste aus dem Jahre 1963 mit der Berufsbezeichnung "Schauspielerin" hervorgeht; die letzten Einträge datieren aus den Jahren 1968 bzw. 1977, wo sie dann mit dem Beruf "Hausfrau" vermerkt ist. Verstorben sein soll sie am 7. Juli 1978 und im "Northern Suburbs Memorial Gardens" in North Ryde, einem Vorort von Sydney (New South Wales), die letzte Ruhe gefunden haben → www.heavenaddress.com. Das dort angegebene Alter von 84 Jahren deckt sich mit dem vereinzelt ausgewiesenen Geburtsdatum "15.10.1893" → www.lexm.uni-hamburg.de.
Quellen (unter anderem*) **)): www.cyranos.ch sowie
Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933 – 1945 ***)

Fotos bei www.virtual-history.com
*) sophie.byu.edu bzw. "Die Frau im Film" (Zürich, ca. 1919)
**) www.e-archiv.li (Liechtensteinisches Landesarchiv, PDF-Dokument)
***) Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933 – 1945; Herausgeber: Frithjof Trapp, Werner Mittenzwei, Henning Rischbieter, Hansjörg Schneider; Band 2: Biographisches Lexikon der Theaterkünstler von Frithjof Trapp, Bärbel Schrader, Dieter Wenk, Ingrid Maaß (Teil 1, A–K; K G Saur, München 1999, S. 256/257)
Link: 1) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 2) Wikipedia, 3) filmportal.de, 4) www.cyranos.ch,
Quelle: 5) www.deutschlandfunk.de
Lizenz Foto Lilly Flohr (Urheber Alexander Binder): Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.
     
Filme
Filmografie bei der Internet Movie Database sowie filmportal.de
(Link: filmportal.de, Wikipedia)
  • 1918: Die Erbin
  • 1918: Ein Lied von Haß und Liebe
  • 1919: Der Mann ohne Gedächtnis
  • 1920: Kinder der Straße
  • 1920: Killemann hat 'nen Klaps
  • 1920: Doktor Klaus
  • 1920: Lottchens Heirat
  • 1920: Der Vorstadt Caruso
  • 1920: Der lustige Witwer (als Grete Flohr)
  • 1920/21: Das Mädchen aus der Ackerstraße
  • 1921: Ein Tag auf dem Mars
  • 1921: Das Haus in der Dragonerstrasse
  • 1921: Aus dem Schwarzbuch eines Polizeikommissars (Episodenfilm)
    • 1. Teil: Loge Nr. 11
    • 2. Teil: Verbrechen aus Leidenschaft
  • 1921: Die kleine Midinette / Erlauschtes aus der Konfektion
  • 1922: Brudermord
  • 1922: Fridericus Rex (4 Teile)
  • 1922: Das Diadem der Zarin
  • 1922: Die Strandnixe
  • 1922: Knoppchen und seine Schwiegermutter (Kurzfilm)
  • 1922: Se. Exzellenz der Revisor
  • 1922: Schande
  • 1922: Die Macht einer Frau
  • 1922: Hotel zum goldenen Engel
  • 1925: Die Kleine aus der Konfektion. Großstadtkavaliere
  • 1925: Reveille, das große Wecken
  • 1927: Lia
  • 1928: Kinder der Straße
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