Ludwig Hartau fotografiert von Wilhelm Willinger (1879 – 1943); Quelle: www.cyranos.ch Wie etliche seiner Kollegen wandte sich auch der renommierte Theaterschauspieler Ludwig Hartau dem noch jungen Medium Kinematographie zu. Geboren am 19. Februar 1877 im niederschlesischen Trachenberg (heute Żmigród, Polen), stand der bereits 35-Jährige erstmals für das von Emil Justitz in Szene gesetzte Drama "Europäisches Sklavenleben"1) (1912) vor der Kamera. Doch es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis sich Hartau als gefragter Darsteller in der Stummfilmszene etablieren konnte. Sein zweiter Film war Georg Jacobys Streifen "Die Tänzerin"1) (1915), die "Kinematographische Rundschau" vom 22. August 1915 (S. 67) notierte damals: "In einer recht spannenden Handlung werden die Schicksale eines jungen, hübschen Mädchens … erzählt. (…) Diese Handlung ist außerordentlich packend dargestellt. Irrah Bernhard2) [sic!] als Tänzerin und Ludwig Hartau als Direktor der Ballettschule zeigen sich als ganz hervorragende Vertreter der mimischen Darstellungskunst. Ausstattung und Inszenierung (Regisseur Georg Jakoby) ist erstklassig."
In dem propagandistischen Drama "Der Antiquar von Straßburg"1) (1918) verkörperte er die titelgebende Figur, ebenfalls im März 1918 gelangte Richard Oswalds Stummfilm "Das Kainszeichen"1) in die Lichtspielhäuser, in dem Hartau die Hauptrolle des strebsamen Herbert Jensen spielte, der als Mörder seines unmoralischen Bruders Jacob (Ernst Pittschau) angeklagt, aber schließlich freigesprochen wird. Dennoch bleibt an ihm das Kainsmal1) haften – der Verdacht, den eigenen Bruder, wie einst Kain den Abel, ermordet zu haben.
 
Ludwig Hartau fotografiert von Wilhelm Willinger1) (1879 – 1943)
Quelle: www.cyranos.ch; Angaben zur Lizenz siehe hier
Als Edward Gregory, Chef eines großen Handelshauses in China, zeigte er sich in Lupu Picks Sensationsdrama "Mr. Wu"1) (1918), nach etlichen weiteren Haupt- und Nebenrollen in meist Melodramen jener Jahre verkörperte Hartau in Ernst Lubitschs prominent besetztem, meisterlichem Historienfilm "Anna Boleyn"1) (1920) an der Seite von Henny Porten (Anna Boleyn1)) und Emil Jannings (Heinrich VIII.1)) den Herzog von Norfolk1). Unter anderem besetzte ihn Fred Sauer als Kalif in dem orientalischen Märchen "Die 999. Nacht"3) (1920) mit Erna Morena, in Fritz Langs hochdramatischem Krimi "Kämpfende Herzen"1) (1921) tauchte er als wohlhabender Makler Harry Yquem auf. Die "Lichtbild-Bühne" (Nr. 6, 05.02.1921) schrieb unter anderem "Carola Toelle stets ladylike, wirkt als Florence durch feines, nuancenreiches Spiel; Ludwig Hartau gibt ihrem Gatten stärkere persönliche Züge; Anton Edthofer führt die Doppelrolle der Brüder Krafft durch. Auch in den anderen Rollen weist die Besetzung gute Namen auf."
Hochgestellte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte stellte der Schauspieler neben "Anna Boleyn" beispielsweise in der Historien-Geschichte "Johann Baptiste Lingg" (1920) mit dem Untertitel "Unter der Fremdherrschaft der Franzosen" dar und spielte den Kurfürst von Hessen Wilhelm I.1) an der Seite des Protagonisten Carl Auen als badischem Oberstleutnant Johann Baptiste Lingg1). In Rudolf Meinerts Biopic "Marie Antoinette"1) (1922) mit Diana Karenne als Prinzessin Marie Antoinette1), die durch ihre Heirat mit dem französischen Thronfolger und späteren König Ludwig XVI. (Viktor Schwanneke) zunächst Dauphine und später Königin von Frankreich und Navarra wurde, gab er den König Ludwig XV.1), in "Die Tochter Napoleons" (1922) den Napoleon.
Hartaus letzte filmischen Aktivitäten waren Rudolf Walther-Feins Drama "Der Schatz der Gesine Jakobsen" (1923) mit Marija Leiko bzw. der Rolle des Olaf Hinrichsen und die von Max Mack nach einem Roman von Georg Hirschfeld1) gedrehte Literaturadaption "Das schöne Mädel" (1923), wo er neben Hauptdarstellerin Hella Moja als Warenhausbesitzer Rubiner in Erscheinung trat – die Premiere dieser Filme erlebte er nicht mehr. Ebenso konnte mit ihm in der Hauptrolle des russischen Zaren Iwan der Schreckliche1) Hans Steinhoffs Stummfilm "Der falsche Dimitry"1) (1922) nicht mehr realisiert werden, den Part übernahm Alfred Abel5).
 
Ludwig Hartau starb auf dem Höhepunkt seiner schauspielerischen Karriere mit nur 45 Jahren am 24. November 1922 in Berlin; eine Todesursache ist unbekannt.
Die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) schrieb unter anderem anlässlich des Todes: "Im "Theater in der Königgrätzer Straße" hat er als Protagonist, zumal in Strindbergs und Ibsens Dramen, Unvergeßliches geschaffen. Am unvergeßlichsten bleibt sein Offizier im "Traumspiel"1). Wie er da mit beseeltester Stimme, in der alle Seligkeit eines Liebenden nachzitterte, "Victoria!" rief, das wird im Ohre haften, das wird leben, solange einer lebt, der das vernommen."
Neben Strindbergs "Traumspiel" oder "Totentanz" (hier als Festungskommandant Edgar) glänzte er im "Theater in der Königgrätzer Straße" (dem heutigen "Hebbel-Theater") als Ibsen-Interpret unter anderem 1912 und 1915 mit der Figur des Ejlert L
øvborg in dem Drama "Hedda Gabler"1) und 1913 mit der Titelrolle in der Tragödie "Brand"6) – jeweils in Inszenierungen von Rudolf Bernauer1). 1918 gestaltete er Ende Februar unter der Regie von Carl Meinhard1) den greisen Wikinger-Avatar Örnulf in der Bühnenfassung von Ibsens Frühwerk "Die Helden auf Helgeland"6). Bereits Anfang Oktober 1904 hatte er in Berlin am "Neuen Theater" in "Die Kronprätendenten"1) (Regie: Hans Oberländer1)) unter anderem an der Seite von Friedrich Kayßler (Håkon Håkonsson) und Tilla Durieux (Sigrid) den Hofkaplan Sira Viljam gegeben. Erfolge feierte Hartau noch wenige Monate vor seinem frühen Tod Anfang Mai 1922 mit der Titelrolle des Napoleon Bonaparte in Christian Dietrich Grabbes Drama "Napoleon oder Die hundert Tage" am Berliner "Schauspielhaus" in einer Inszenierung von Intendant Leopold Jessner1).
Hartau war nicht nur ein herausragender Theater- und Filmschauspieler, sondern brachte seine Kunst als Dozent dem Schauspielernachwuchs nahe – unter anderem gehörten Ursula Krieg1) (1900 – 1984), Lilli Schoenborn5) (1898 – 1987) und Jenny Schaffer-Bernstein1) (1888 – 1943) zu seinen Schülerinnen. Eine Begegnung mit diesem großartigen Mimen führte übrigens dazu, dass sich Ernst Josef Aufricht1) (1898 – 1971) für den Schauspielerberuf entschied. Er hatte ihn in Berlin in einer Aufführung von Frank Wedekinds Tragödie "Der Erdgeist"1) erlebt, wo Hartau die Figur des Chefredakteurs Dr. Schön gestaltete.
Quelle (unter anderem): Wikipedia
Siehe auch www,cyranos.ch
Link: 1) Wikipedia, 3) filmportal.de, 4) Murnau Stiftung, 5) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 6) gutenberg.spiegel.de
2) Der Text in der "Kinematographischen Rundschau" nennt die die Tänzerin darstellende Schauspielerin "Irrah Bernhard". Da es aber eine solche Künstlerin nie gab, muss es sich um eine Namenskonfusion handeln. Angesichts der Tatsache, dass der Name "Irrah" extrem selten ist, muss es sich um Tatjana Irrah handeln.
Lizenz Foto Ludwig Hartau (Urheber: Wilhelm Willinger): Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.
Filme
Filmografie bei der Internet Movie Database sowie
www.earlycinema.uni-koeln.de, filmportal.de
(Link: Wikipedia, filmportal.de, Murnau Stiftung)
  • 1912: Europäisches Sklavenleben
  • 1915: Die Tänzerin
  • 1915: Der Mann ohne Gedächtnis
  • 1916: Adamants letztes Rennen
  • 1916: Die Sektwette
  • 1917: Wenn Frauen lieben und hassen
  • 1917: Der Fall Dombronowska ("Rat Arnheim"-Reihe)
  • 1918: Der Antiquar von Straßburg
  • 1918: Mr. Wu
  • 1918: Aus Angst
  • 1918: Menschen, die durchs Leben irren
  • 1918: Das Kainszeichen
  • 1918: Die Geschichte eines Spitzentuches
  • 1918: Die Nach Liebe dürsten
  • 1918: Wenn Frauen lieben und hassen
  • 1919: Baccarat
  • 1919: Galeotto, der grosse Kuppler
  • 1919: Der Sohn der Magd. Die Liebe des Bastards
  • 1919: Themis / Gerechtigkeit
  • 1919: Schrecken von Schloss Wood, Teil 2
  • 1920: Anna Boleyn
  • 1920: Die Drei Tänze der Mary Wilford → Wikipedia (englisch)
  • 1920: Hungernde Millionäre
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