Hans Marr: Urheber des Fotos: Franz Xaver Setzer (1886–1939); Quelle: www.cyranos.ch Hans (auch Hanns) Marr erblickte am 22. Juli 1878 als Johann Julius Richter im niederschlesischen, damals zum Deutschen Reich gehörenden Breslau (heute Wrocław, Polen) das Licht der Welt. Zunächst begann er ein Studium der Kunstgeschichte, entschied sich dann jedoch für die Schauspielerei. Nach entsprechendem Unterricht gab er 1897 am "Königlichen Schauspielhaus" in Berlin sein Bühnedebüt. Im darauffolgenden Jahr wechselte er für zwei Spielzeiten nach Görlitz, trat dann 1900 ein Engagement in Breslau an und kam 1901 nach Graz, wo er als Horatio in Shakespeares "Hamlet"1) seinen Einstand gab und für zwei Jahre im Fach des jugendlichen Helden Erfolge feierte. Ludwig Eisenberg1) (1885 – 1910) schreibt in seinem 1903 publizierten Lexikon*): "Er vertritt daselbst das Fach der Heldenliebhaber und erweist seine Begabung namentlich in modernen Rollen. Von denselben seien als besonders charakteristische Leistungen genannt: Barend in "Hoffnung"a), Heffterdingk in "Heimat"b), Rudorff in "Rosenmontag"c). Auch seine Darbietungen in der Klassik zeigen den verläßlichen Schauspieler, wie z. B. sein Beaumarchais in "Clavigo"1). Marr lacht die Sonne eines reichen Talents, das sich mit einem klangvollen Organ und einer jugendlichen Erscheinung paart. Er ist eine ursprüngliche Natur, die nicht viel herumbosselt und auch ohne Mache meist ins Schwarze trifft."
 
Anmerkung: gemeint ist
a) das Stück "Die Hoffnung" (1900, Op hoop van zegen) des Niederländers Herman Heijermans2) der Jüngere (1864 – 1924)
b) das Schauspiel "Heimat" (1893) von Hermann Sudermann1) (1857 – 1928)
c) die Offizierstragödie "Rosenmontag" (1900)  von Otto Erich Hartleben1) (1864 – 1905)
  
Urheber des Fotos: Franz Xaver Setzer1) (1886–1939);
Quelle: www.cyranos.ch; Angaben zur Lizenz siehe hier
Nach einer Verpflichtung in Köln (1904) wirkte Marr ab 1905 unter der Intendanz von Otto Brahm1) am Berliner "Lessingtheater" und zählte bald zu den Vertretern des aufkommenden Naturalismus. Das "Deutsche Künstlertheater"1) in Berlin (1913) blieb ein Intermezzo, 1914 folgte er einem Ruf Hugo Thimigs3) an das Wiener "Burgtheater", dem er abgesehen von der Zeit zwischen 1919 und 1924 bis zu seinem Tod angehörte und in zahlreichen Haupt- und Nebenrollen seine schauspielerische Kunst unter Beweis stellte. Zwischen 1919 und 1924 war Marr an verschiedenen Berliner Bühnen sowie am "Deutschen Volkstheater" in Wien tätig. Zu den Lieblingsrollen des stattlichen Mimen zählten am "Burgtheater" die Dramen von Henrik Ibsen1), Hermann Sudermann sowie seines Freundes Gerhart Hauptmann1), er glänzte aber auch als Graf von Kent in der Shakespeare-Tragödie "König Lear"1).
 
Seit Anfang der 1910er Jahre engagierte sich Marr im Film und übernahm auch hier Charakterrollen. Sein Leinwanddebüt gab er neben Henny Porten und Harry Liedtke als Geschäftsmann Johannes Hartwig in dem stummen Drama "Eva"1) (1913), es folgte die Figur des smarten und betuchten Grafen Ratzikow in dem Streifen "Statistinnen des Lebens"1) (1913). Nach rund vierjähriger Pause trat Marr dann für den Detektivschwank "Mir kommt keiner aus"1) (1917) wieder vor die Kamera, um dann ab 1919 regelmäßig Aufgaben in Stummfilmproduktionen zu übernehmen. So zeigte er sich beispielsweise an der Seite von Paul Wegener und Asta Nielsen in dem Drama "Steuermann Holk"1) (1920), mimte für Fritz Lang die Doppelrolle der ungleichen Zwillingsbrüder Georg und John Vanderheit in der ebenfalls dramatischen Geschichte "Das wandernde Bild"1) (1921). Einen nachhaltigen Eindruck hinterließ Marr auch außerhalb Deutschlands mit der Titelrolle in der freien Schiller-Adaption "Wilhelm Tell"1) (1923), gedreht von Rudolf Walther-Fein1) und Rudolf Dworsky1), langjähriger technischer Leiter von Max Reinhardts Berliner Theaterproduktionen und -inszenierungen. So notierte unter anderem "Variety"1) (20.05.1925): "…der Tell-Charakter ist bezwingend in seiner Statur, noch dazu von einem Schauspieler der ersten Garnitur." Das "Lexikon des internationalen Films" meint: "Schillers Drama in einer Stummfilmversion, fertiggestellt von engen Mitarbeitern des Theatermannes Max Reinhardt, die den Stoff mit eigenen Zutaten – Gessler als Zentralfigur ŕ la Mephisto – auffüllen. Die Musik wurde neu vom Sinfonieorchester Basel eingespielt. Eine respektable Adaption von inszenatorischer und ausstatterischer Sorgfalt, in den Hauptrollen hervorragend gespielt." In Hervé Dumonts1) "Die Geschichte des Schweizer Films"4) heißt es: "Von April bis Mai 1923 verursacht … die Berliner Aafa … mit ihrem "Wilhelm Tell" einigen Aufruhr in der … Schweizer Presse. Dabei gibt es nichts zu bemäkeln: das Thema ist von Mitarbeitern von Max Reinhardt … mit einer Sorgfalt bearbeitet worden, die Respekt verlangt. Tell und Gessler werden gar so überzeugend verkörpert, dass die Schauspieler Hans Marr und Conrad Veidt dieselben Rollen im deutsch-schweizerischen "Wilhelm Tell" von 1933 wieder innehaben werden."
 
Eine prägnante Rolle, die des Mose1), verkörperte Marr in Michael Kertesz' (= Michael Curtiz) Monumentalfilm "Die Sklavenkönigin"1) (1924), als Vorlage diente Sir Henry Rider Haggards1) Roman "The Moon of Israel", welcher wiederum auf der biblischen Geschichte vom Auszug aus Ägypten basiert. Die weibliche Hauptrolle des jüdischen Sklavenmädchens Merapi, das sich in den Pharaonensohn Prinz Seti (Adelqui Migliar) verliebt, spielte Kertesz-Ehefrau María Corda3). Bis Ende der 1920er Jahre folgte stumme Produktionen wie Friedrich Fehérs Literaturadaption "Ssanin"1) (1924) oder Max Neufelds Drama "Die Strecke"5) (1927). Neufelds heitere Geschichte "Das weiße Paradies"5) (1929) mit der Rolle des Vaters der weiblichen Protagonistin Eva (Hilde Jennings) war zugleich Marrs letzte Arbeit für den Stummfilm.
Den Übergang zum Tonfilm schaffte der sprachgewandte Theaterschauspieler problemlos. So mimte er beispielsweise den Graf von Gülsbach in der ganz auf Volksschauspielerin Hansi Niese3) – in einer Doppelrolle als Waschfrau und Fürstin – zugeschnittenen Komödie "Purpur und Waschblau" (1931, → film.at), mit Hansi Niese spielte er auch in Friedrich Zelniks turbulenten Geschichte "Ein süßes Geheimnis"6) (1932) und gab deren Ehemann Professor Hugo Aichinger. In Paul Fejos' bittersüßen Liebesgeschichte "Sonnenstrahl"7) (1933) zeigte er sich als Priester, in Wilhelm Thieles Franz Lehár-Adaption "Großfürstin Alexandra" (1933) mit der gefeierten Sopranistin Maria Jeritza3) in der Titelrolle als Großfürst Konstantin und in "Der Musikant von Eisenstadt" (1934), einem von Alfred Deutsch-German1) gedrehten Biopic über den Komponisten Joseph Haydn1), an der Seite des Hauptdarstellers Kurt Lessen1)  als Fürst Esterházy, dessen Orchester und Oper Haydn leitete.
Seit der Welturaufführung am 12. Januar 1934 im Berliner "UFA-Palast am Zoo" war Hans Marr mit der neuerlichen Gestaltung des legendären Schweizer Freiheitskämpfers in dem von Heinz Paul inszenierten Film "Wilhelm Tell – Das Freiheitsdrama eines Volkes"1) wieder in aller Munde – wie schon 1923 trat als Reichsvogt Gessler Conrad Veidt in Erscheinung, den man extra für dieses Remake nach Deutschland geholt hatte; Veidt war 1932 seiner jüdischen Ehefrau zwecks Erfüllung eines Filmvertrags nach London gegangen. Wiens "Neue Freie Presse"1) notierte drei Tage nach der Wiener Premiere in ihrer Ausgabe vom 15. Juni 1934 (→ online bei ANNO1)) unter anderem ": Unter Heinz Pauls Regie nimmt die Darstellung wie das im Dialog dürftige Buch die Richtung zum Heroischen. Scharfe, schnittige Gesichter, auf Trotz, Haß und Sieg gestellt, unter denen eines besonders in Güte hervorleuchtet: Hans Marr als Tell. Er verbindet, dieser warmherzige Menschenbildner, hier das scheinbar Heterogenste, männliche Tatkraft mit kindlicher Güte." und in der "Österreichischen Film-Zeitung" (16.06.1934) hieß es: "Hans Marr als Wilhelm Tell und Conrad Veidt als Geßler verkörpern mit eindringlicher Kunst die zwei überragenden Figuren des Films." → online bei ANNO. Der Film, der im englischsprachigen Raum als "The Legend of William Tell" und in der Schweiz als "Guillaume Tell" vermarktet wurde, geriet trotz der für die Protagonisten positiven Kritiken zum kommerziellen Misserfolg.
 → siehe Besprechung zu "Wilhelm Tell" in "Filmwelt" (Nr. 3) vom 21. Januar 1934: Seite 4 und Seite 5 sowie einige Fotos bei www.virtual-history.
 
Mit dem vom "Filmlexikon" als "sentimentaler Heimatfilm" eingestuften Geschichte "Das unsterbliche Lied" (1934) versuchte sich Hans Marr einmalig als Filmregisseur und Schauspieler in Personalunion und thematisierte die Entstehungsgeschichte des Weihnachtsliedes "Stille Nacht, heilige Nacht" – verknüpft mit einer dörflichen Liebesgeschichte.8) Anschließend war Hans Marr für längere Zeit nicht auf der Leinwand präsent, erst in dem als "Wiener Volksstück" etikettiertes Lustspiel "Das Glück wohnt nebenan"7) (1939) ließ er sich mit einer Nebenrolle wieder blicken, um dann seine filmische Karriere vorerst zu beenden. Lediglich in dem von Hans Thimig in Szene gesetzten Streifen "Gottes Engel sind überall" (1948), unter anderem mit Attila Hörbiger als österreichischem Soldaten Joschi Weidinger, der in den letzten Tages des Zweiten Weltkrieges desertiert ist, und Heiki Eis als sechsjährigem herumirrendem Jungen Florian, übernahm er noch einmal eine kleine Aufgabe vor der Kamera → damals-im-kino.stoer.de.
 
Der zum "Kammerschauspieler" ernannte Hans Marr starb am 30. März 1949 im Alter von 70 Jahren in der österreichischen Hauptstadt Wien; die letzte Ruhe fand er auf dem dortigen Zentralfriedhof.
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Quelle (unter anderem*)): Wikipedia sowie
Österreichische Biographische Lexikon 1815–1950 → online (PDF) S. 128 / S. 129 
Siehe auch www.wien.gv.at, www.cyranos.ch
*) Ludwig Eisenberg: Großes biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert (Verlag von Paul List, Leipzig 1903); Digitalisiert: Hans Marr: S. 644
Link: 1) Wikipedia (deutsch), 2) Wikipedia (englisch), 3) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 5) stummfilm.at, 6) Murnau Stiftung, 7) filmportal.de
4) Hervé Dumont: Die Geschichte des Schweizer Films. Spielfilme 1896–1965 (Lausanne 1987. S. 61)
8) Filmlexikon
Lizenz Foto Hans Marr: Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Das gilt in der EU und solchen Ländern, in denen das Urheberrecht 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers erlischt.
Filme
Filmografie bei der Internet Movie Database sowie filmportal.de
(Link: Wikipedia, Murnau Stiftung, filmportal.de, stummfilm.at)
Stummfilme Tonfilme *) Es ist nicht ganz klar, ob es sich um einen Tonfilm handelt.
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