Adele Sandrock wurde am 19. August 1863 (nach anderen Quellen am 19. August 18641)) als Adele Feldern-Förster und jüngste Tochter des ehemaligen Offiziers Eduard Othello Sandrock (1832 – 1897), der später als Kaufmann tätig war, in Rotterdam (Niederlande) geboren; mit ihren sieben Geschwistern wuchs sie in Rotterdam sowie in Berlin auf, wo sie zwischen sie 1875 und 1877 eine Höhere Töchterschule besuchte und die deutsche Sprache erlernte. Von ihrer Mutter, der niederländischen Schauspielerin Nans ten Hagen (1833 – 1917), erhielt sie – ebenso wie ihre ältere Schwester Wilhelmine Sandrock2) (1862 – 1948) – Schauspielunterricht. Zu den weiteren Geschwistern gehörte Bruder Christian Sandrock2) (1865 − 1924), der sich später als Historien- und Portraitmaler bzw. Schriftsteller einen Namen machte.
1878 debütierte die Sandrock am privaten Berliner Vorstadttheater "Urania" in Charlotte Birch-Pfeiffers Lustspiel "Mutter und Sohn", 1880 war sie kurze Zeit am Hoftheater Meiningen engagiert, nach Tourneen kam sie 1885/86 an das "Deutsche Volkstheater" nach Wien, ab 1887 spielte sie am "Deutschen Theater" in Budapest, wurde in jenen Jahren meist als sentimentale Liebhaberin oder Vamp, aber auch heiteren Rollen besetzt. Mit der Figur der "Isabella" in "Der Fall Clémenceau" von Alexandre Dumas und Armand d'Artois gelang der Sandrock 1889 am "Theater an der Wien" der künstlerische Durchbruch. Ab 1889 stand sie für weitere sechs Jahre am "Deutschen Volkstheater" in Wien auf der Bühne, wo sie den Dramatiker Arthur Schnitzler2) (1862 – 1931) kennen lernte, mit dem die damals 29-Jährige ab Herbst 1893 eine enge Liebesbeziehung verband. Während der 15 Monate langen stürmischen Romanze, die bis zum Frühjahr 1895 andauerte, schrieb sie ihm insgesamt 257 Briefe und Telegramme. In seinen Werken "Der Reigen", "Halbzwei" und "Haus Delorme" verwendete Schnitzler seine Erinnerungen an Adele Sandrock. Ihr intimer Briefwechsel erschien in Buchform.3)
Eine weitere Beziehung wird Adele Sandrock auch mit Felix Salten2) (1869 – 1947) nachgesagt, der durch seine rührende Tiergeschichte "Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde" (1923) Weltruhm erlangte.
 

Foto: Adele Sandrock (Rollenbildnis)
Urheber: Rudolf Krziwanek (gestorben 1905)
Quelle: Wikimedia Commons
Dieses Bild ist Teil der Porträtsammlung Friedrich Nicolas Manskopf der
Universitätsbibliothek der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Signatur: S36_F09743; Lizenz zur Veröffentlichung siehe hier

Adele Sandrock (Rollenbildnis); Urheber: Rudolf Krziwanek (gestorben 1905); Quelle: Wikimedia Commons; Dieses Bild ist Teil der Porträtsammlung Friedrich Nicolas Manskopf der Universitätsbibliothek der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Signatur: S36_F09743
Porträt Adele Sandrock; aufgenommen: Neue Photographische Gesellschaft, Berlin; Bildrechte/-herkunft: Meininger Museen: Theatermuseum "Zauberwelt der Kulisse"; Originalfoto sowie weitere Infos bei "Museum digital Thüringen" (www.museum-digital.de) 1895 wechselte Adele Sandrock für drei Jahre an das Wiener "Hofburgtheater"2) (heute "Burgtheater"), an dem zwischen 1884 und 1898 auch ihre Schwester wirkte, eine Europatournee schloss sich an.
Die differenzierte Darstellung tragischer Rollen im klassischen Fach sowie ihr Einfühlungsvermögen in moderne Bühnenfiguren wie in Stücken von Ibsen und Schnitzler, dem sie – ähnlich wie ihrem zeitweiligen Verlobten, dem Schriftsteller Alexander Roda Roda2) (1972 – 1945) – auch als Vorbild für einige Bühnengestalten diente, ließen Adele Sandrock zum Star der Wiener Theaterszene avancieren; siehe auch die Liste der Bühnenrollen bei Wikipedia.
Das Temperament der Schauspielerin, zu deren Freundeskreis legendäre Künstler wie Charlotte Wolter2) (1834 – 1897), Sarah Bernhardt3) (1844 – 1923), Eleonora Duse3) (1858 – 1924), Friedrich Mitterwurzer2) (1844 – 1897) oder Enrico Caruso3) (1873 – 1921) zählten, kam jedoch nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Privatleben (in Skandalen und Vertragsbrüchen) zur Geltung. So verließ Adele Sandrock 1898 mit einem Eklat das "Hofburgtheater" und begab sich auf Tournee, die sie durch große Teile Europas führte. Zwischen 1902 und 1905 wirkte sie wieder in Wien am "Deutschen Volkstheater" und anderen Bühnen, vermochte jedoch ihre Erfolge nicht zu wiederholen. 1905 übersiedelte sie nach Berlin, wo sie bis 1910 an Max Reinhardts "Deutschen Theater" engagiert war; daneben setzte sie auch weiterhin ihre Gastspielreisen fort.
 
 
Foto: Porträt Adele Sandrock
Aufgenommen: Neue Photographische Gesellschaft, Berlin
Mit freundlicher Genehmigung (Bildrechte/-herkunft): Meininger Museen: Theatermuseum "Zauberwelt der Kulisse"
Originalfoto sowie weitere Infos bei "Museum digital Thüringen" (www.museum-digital.de)
Mit ihrem Abgang vom "Hofburgtheater" war ihre Karriere ins Stocken geraten, woran auch Auftritte als Hamlet (1899) und ein Versuch im Gesangsfach als Gounods "Margarethe" (1904) nichts ändern konnten. Ihre Bühneninterpretationen galten inzwischen als antiquiert und zu dramatisch, einen Zugang zu einer moderneren Darstellungsweise gelang ihr nicht vollständig. Erst 1920 wurde Adele Sandrock durch ihre Verkörperung der "Lady Bracknell" in Oscar Wildes "Bunbury" für das Fach der komischen Alten entdeckt und begann damit – immerhin über 50 Jahre alt – ihre zweite Karriere.
 
Beim Film war Adele Sandrock seit Beginn der 10er Jahre des vergangenen Jahrhunderts tätig, hatte in dem stummen Streifen "Marianne, ein Weib aus dem Volk" (1911) neben Henny Porten ihr Leinwanddebüt gegeben und war mit zahlreichen weiteren Filmen in diesem neuen Medium recht erfolgreich. Später feierte sie in einer großen Zahl von Tonfilmen vor allem des leichten Genres durch ihre unnachahmliche Komik Triumphe, die ihr zu bleibendem Ruhm verhalfen. Wo immer eine starrköpfige Schwieger- oder Großmutter zu besetzen war, trat Adele Sandrock auf den Plan. Ihr altmodischer-exaltierter Bühnenstil, der sie ebenso unerträglich machte wie die herrschsüchtigen "Drachen", die sie verkörperte, trug zuweilen Zeichen einer Selbstparodie.
 

Foto: Adele Sandrock als Cameliendame in "Die Kameliendame"2) (La dame aux camélias)
von Alexandre Dumas der Jüngere; aufgenommen vermutlich in Berlin
Mit freundlicher Genehmigung (Bildrechte/-herkunft): Meininger Museen: Theatermuseum "Zauberwelt der Kulisse"
Originalfoto sowie weitere Infos bei "Museum digital Thüringen" (www.museum-digital.de)

Adele Sandrock als Cameliendame in "Die Kameliendame" (La dame aux camélias) von Alexandre Dumas der Jüngere; aufgenommen vermutlich in Berlin; Bildrechte/-herkunft: Meininger Museen: Theatermuseum "Zauberwelt der Kulisse"; Originalfoto sowie weitere Infos bei "Museum digital Thüringen" (www.museum-digital.de)
Adele Sandrock als als Fürstin Alexandra in dem Film "Petersburger Nächte" (1935); Foto mit freundlicher Genehmigung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung In mehr als 100 Rollen prägte die Schauspielerin, von Kritiker als "die letzte Heroine des deutschen Theaters" bezeichnet, das Bild der egozentrischen, ihre Umgebung tyrannisierenden Alten, mimte meist Adlige jedweder Couleur oder sonstige Damen der gehobenen Gesellschaft. Mit ihrem Ernst und ihrem überzogenem Pathos wurde sie in ihren späten Jahren überwiegend von Komödienregisseuren eingesetzt. So besetzte sie etwa Eric Charell als Fürstin in dem Harvey/Fritsch-Klassiker "Der Kongress tanzt"2) (1931), Carl Lamac als Lady Diana Heddingbroke in "Die Tochter des Regiments" (1933, mit Anny Ondra), Reinhold Schünzel als Gräfin Virginia Marenzi in "Die Töchter ihrer Exzellenz"4) (1934) sowie als "göttliche" Juno in "Amphitryon – Aus den Wolken kommt das Glück"2) (1935), die neben der theaterbesessenen Pauline Neuber in Georg Zochs Komödie "Alles hört auf mein Kommando"4) (1934) zu einer ihrer besten filmischen Leistungen gehört. In nachhaltiger Erinnerung ist die Sandrock auch als greise, dominante englische Lady Mavis in Schünzels rasanten Gesellschaftskomödie "Die englische Heirat"2) (1934) an der Seite von Georg Alexander, Renate Müller, Fritz Odemar, Hans Richter und Adolf Wohlbrück geblieben; siehe auch www.film-lexikon.de. Einen ihrer letzten Leinwandauftritte hatte sie als Gräfin Reiffersperg in E.W. Emos musikalischen Romanze "Die Puppenfee" (1936) neben Magda Schneider, Wolf Albach-Retty und Paul Hörbiger sowie als Oberhofdame Fürstin Dolgorucky in dem Historienstreifen "Der Favorit der Kaiserin" (1936) mit Olga Tschechowa als russischer Zarin Elisabeth → filmportal.de.
 
Adele Sandrock als Fürstin Alexandra in dem Film "Petersburger Nächte"*) (1935)
Foto mit freundlicher Genehmigung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
*) Der Link führt zur Filmbeschreibung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
Die große Tragödin des Theaters der Jahrhundertwende wurde im Film zur großen Komikerin. Denn sie konnte in Geste, Ton und Blick ihr tragisches Pathos umkehren. Da sie eine durch und durch wilhelmische Erscheinung war, trat sie als ewige Schwiegermutter, spießige Gattin, kauzige Tante und alter Drachen von despotischem Humor immer wieder im Putz der Jahrhundertwende auf. Die "Alles-hört-auf-mein-Kommando"-Allüren dieses weiblichen Feldwebels wirkten am besten, wenn die Tyrannin ihr Herz nicht verleugnete. Als im Tonfilm auch noch ihr Kürassier-Baß dröhnte, wurde sie zum Inbegriff der preußischen Göttermutter und blieb bis zu ihrem Abtreten die grollende aber gütige Großfürstin des deutschen Films.5)
Adele Sandrock ist bis heute jedem Kino- und Theaterfreund ein Begriff geblieben und steht trotz ihres viel früheren Todes in einer Reihe mit anderen großen Volksschauspielern, wie z. B. Heinz Rühmann oder Hans Moser. Auch verschiedene andere Schauspielerinnen ähnlichen Typs werden oft mit ihr verglichen. So nannte man etwa die vergleichbar exzentrische britische Schauspielerin Margaret Rutherford in Deutschland oft die "englische Adele Sandrock".6)
Adele Sandrock, von vielen als das "Urgestein" des Films der 1920er und 1930er Jahre bezeichnet, war zeitlebens unverheiratet und wohnte in Berlin mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester zusammen. Sie starb am 30. August 1937 im Alter von 73 Jahren in Berlin nach 16-monatigem Krankenlager an den altersbedingten Nachwirkungen eines Unfalls; ihre letzte Ruhe fand sie im Familiengrab auf dem evangelischen Friedhof in Wien-Matzleinsdorf – ihrem letztem Wunsch entsprechend soll sie im Kostüm der "Kameliendame" beigesetzt worden sein → Foto der Grabstelle bei Wikimedia Commons. 1989 wurde in Berlin-Charlottenburg am Haus Leibnizstraße 60, wo die charismatische Mimin zwischen 1905 und 1937 gelebt hatte, eine Gedenktafel enthüllt.
Nachdem diese entwendet und schließlich von der Kriminalpolizei sichergestellt worden war, wurde die Tafel wieder am Haus an der Leibnizstraße angebracht; eine zweite Tafel2) hängt um die Ecke an der Mommsenstraße. (Quelle: www.berlin.de)
In Berlin erinnert auch die "Adele-Sandrock-Straße" im Ortsteil Hellersdorf an die legendäre Künstlerin.

Foto: © www.steffi-line.de

Gedenktafel Adele Sandrock; Copyright steffi-line.de
Am 4. September 1937 fand im Berliner Theater in der Saarlandstraße eine offizielle Trauerfeier statt, nach welcher während der nächsten zwei Tage, im Beisein von Wilhelmine Sandrock, die Überführung des Sarges nach Wien erfolgte. Der aus drei Wagen bestehende Überführungskondukt machte auf seinem Weg von Berlin nach Wien am 6. September 1937 auf dem Hauptplatz von Linz für eine Stunde Station, was die Aufmerksamkeit zahlreicher Passanten hervorrief.
Bei der öffentlichen Aufbahrung in der Kirche des Matzleinsdorfer evangelischen Friedhofs befand sich neben dem Sarg von Adele Sandrock ein zweiter Sarg, der die Gebeine des Vaters, der Mutter sowie der Tante enthielt, die bis zu ihrer Exhumierung in einem Familiengrab bestattet waren. Gemäß letztwilliger Verfügung waren Vater und Mutter (40 bzw. 20 Jahre zuvor verstorben) neben ihrer Tochter Adele in einer von Wilhelmine Sandrock angekauften Gruft beizusetzen.
Am 8. September 1937 fand die geladenen Gästen vorbehaltene Beerdigungsfeier statt. Neben Vertretern des offiziellen Österreich, des Deutschen Reichs und der Niederlande waren aus dem künstlerischen Leben u. a. zugegen: Heinrich George, Heinz Hilpert, Paul Hörbiger, Else Wohlgemuth, E. W. Emo, Otto Tressler, Paul Morgan, Jack Trevor.
Neben den zahllosen Kranzspenden, u. a. von Exkaiser Wilhelm sowie Reichskanzler Hitler, befand sich das von Adeles Schwester gewidmete kreuzgeformte Blumengebinde, verziert mit der Inschrift "Ich war Dir treu bis in den Tod, Deine Dich liebende Schwester Wilhelmine". Die Lage von Adele Sandrocks Grabstelle auf dem evangelischen Friedhof Wien Matzleinsdorf ist beschrieben mit Gruppe 18, Gruft 165.
7)
 
Von Friedrich Rothe stammt das 1997 veröffentlichte Buch "Arthur Schnitzler und Adele Sandrock. Theater über Theater", bereits 1983 war "Adele Sandrock und Arthur Schnitzler. Geschichte einer Liebe in Briefen, Bildern und Dokumenten" erschienen. Von Jutta Ahlemann wurde 1987 "Adele Sandrock. Geschichten eines Lebens" publiziert, ein Jahr später kam von der Autorin "Ich bleibe die große Adele – Die Sandrock. Eine Biographie" auf den Markt.
Textbausteine des Kurzportraits aus "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf Heinzelmeier/Berndt Schulz
Ausgabe 2000, S. 314/15
Siehe auch Wikipedia, www.film-zeit.de, www.cyranos.ch, Archiv "Deutschlandradio Kultur"
Fotos bei der film.virtual-history.com
  
1) Geburtsdatum laut Berliner Gedenktafel (Porzellantafel der KPM) am Haus Leibnizstraße 60, 10629 Berlin, enthüllt am 29.9.1989 (siehe www.berlin.de)
 Link: 2) Wikipedia, 3) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 4) Murnau Stiftung
Quellen: 5) "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf  Heinzelmeier/Berndt Schulz, Ausgabe 2000, S. 315, 6) Wikipedia (abgerufen 04.09.2011),
7) Wikipedia nach: 
Die Ueberführung Adele Sandrocks nach Wien.
In: Neue Freie Presse, Abendblatt, 2. September 1937, S. 8 Mitte bzw.  S. 8 oben rechts
Aufenthalt in Linz.
In: Neue Freie Presse, Morgenblatt, 7. September 1937, S. 8, Mitte rechts
Adele Sandrocks letzte Fahrt. In: Neues Wiener Journal, 9. September 1937, S. 5, links
Die Bestattung Adele Sandrocks. In: Neue Freie Presse, Morgenblatt, 9. September 1937, S. 8
Lizenz Foto Adele Sandrock: Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers. Es ist daher gemeinfrei.
Kinofilme (Auszug)
Filmografie bei der Internet Movie Database
(Link: Murnau Stiftung, filmportal.de, Wikipedia)
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