Der Pionier aller Filmkomiker
Der am 16. Dezember 1883 als Gabriel-Maximilien Leuvielle im französischen Cavernes bei Saint-Loubès nahe Bordeaux geborene Filmschauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Max Linder gilt als Pionier der Filmkomödie. Nach André Deed1) (1879 – 1940) war er der zweite Starkomiker Frankreichs und der Filmgeschichte, zudem gilt er noch vor Asta Nielsen2) als erster internationaler Filmstar überhaupt. Mit seiner Figur des charmanten Dandy Max war er zu Beginn des 20. Jahrhunderts der typische Frauenheld Frankreichs. Er schied am 31. Oktober/1. November 1925 mit nur 41 Jahren in Paris durch Freitod aus dem Leben. Sein älterer Bruder Maurice Leuvielle (1881 – 1959) war als junger Mann ein bekannter Sportler, spielte in der französischen "Fünfzehner-Rugby"1)-Nationalmannschaft. 

Szenenfoto: Max Linder in dem Film "Seven Years Bad Luck"3) (1921)
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Max Linder in dem von ihm inszenierten Film "Seven Years Bad Luck" (1921); Quelle: Wikipedia bzw. Wikimedia Commons; Urheber: unbekannt; Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.
Was Max Linder von den damaligen Komikern unterschied war sein Stil. Statt vordergründiger Burleske verzichtete er auf übertriebene Mimik und entwickelte die Komik aus der Bewegung heraus. Wie viele Komiker seiner Zeit war auch Linder ein begnadeter Artist, der seine Stunts selber ausführte, wie z. B. sein Tanz auf Telefondrähten in luftiger Höhe. Linder war auch mit einer ungehörigen Portion Neugier ausgestattet. So ließ er es sich nicht nehmen, die Handhabung des eben erfundenen Wasserflugzeugs zu erlernen und in einem seiner Filme einzubauen. Er ging etlichen modischen Sportarten nach und nutzte immer die Gelegenheit, einzelne Szenen in seinen Filmen zu integrieren. Dadurch wurden seine Filme auch eine Art Spiegelbild seiner Zeit, die die neuesten Strömungen in der Gesellschaft aufzeigen. Max Linder, mit bürgerlichem Namen Gabriel-Maximilien Leuvielle, wurde 1883 in Saint-Loubès geboren. Die Eltern waren Winzer und als Kind schwänzte Max die Schule und spielte lieber zwischen den Reben und mit den Weinlesern. Die Kindheit verankerte sich derart in seinem Bewusstsein, dass er sich später als Star sich von seinen Aufenthalten in Moskau, Los Angeles oder Paris stets wieder in sein Heimatdorf zurückzog. Seine Eltern schickten Max aufs Internat nach Bordeaux, doch auch dort widmete er seine Zeit bald anderen Dingen als der Schule. Der Sport war ein Bereich, für den er sich sehr interessierte, doch vor allem das Theater nahm ihn schließlich ganz für sich ein. Ohne das Wissen der Eltern meldete er sich bei einer Theaterschule an. Danach kam die mühsame Jobsuche. Er spielte bei unzähligen Theaterintendanten vor bis er endlich beim Pariser "Théâtre de l’Ambigu-Comique"1) Gehör fand und eine winzige Rolle erhielt. Mit einem Engagement am "Théâtre des Variété" am Montmartre konnte Linder den entscheidenden Schritt für seine zukünftige Karriere unternehmen.
Bei Charles Pathé1) erhielt er 1905 eine erste Chance, einen Film zu drehen. Anfangs war er "nur" Darsteller, der den Anweisungen anderer Regisseure zu folgen hatte, doch schließlich überzeugte er Pathé, dass er sein eigener Autor und Regisseur werden sollte. Er bekam die Gelegenheit und musste fortan die Filme innerhalb eines Tages abdrehen, unter denen vor allem "Les Debuts d'un patineur" (1908, Das Debüt eines Schlittschuhläufers) bemerkenswert ist, weil er hier erstmals den verwirrten Dandy Max als komischen Helden präsentierte. Die Schlittschuhszenen erinnern an einen späteren Charles-Chaplin-Film mit dessen Rollschuheinlagen (1917, Die Rollschuhbahn1)). Als im Vorspann zu seinem Film "Max et la doctoresse" (1909) der Text erschien: "geschrieben von Max Linder und gespielt vom Autor" dürfte dies das erste Mal in der Filmgeschichte gewesen sein, dass im Zusammenhang mit einem filmischen Werk von einem Autor die Rede war.
  
Nach einer Entwicklung durch verschiedenste Figuren fand Linder zu seinem endgültigen Erscheinungsbild mit Zylinder und Anzug. Dadurch wurde aus dem Schauspieler Max Linder eine Komikfigur, die zur ersten unverwechselbaren Figur der Filmgeschichte für das Publikum wurde, wie es später auch Pat & Patachon2), Charles Chaplin2), Harold Lloyd2) oder Laurel & Hardy2) zustande brachten.
Nachdem André Deed nach Italien gegangen war, rückte Linder an seiner Stelle zum Komikerstar der "Pathé" auf. 1910 drehte er eine Komödie pro Woche, sie alle kreisten um den tadellosen Junggesellen Max, der im Luxus lebt und in komische Situationen gerät, weil er hinter einer wohlerzogenen hübschen jungen Dame her ist.
Bald schon unterbrach die erste von mehreren schweren Krankheiten Linders Tätigkeit, und das Publikum wurde unruhig, als der Nachschub an neuen Filmen wie "Max se marie – Max heiratet" (1910) ausblieb. Eine Cholera-Erkrankung in der Kindheit und ein schwerer Unfall bei Dreharbeiten zu einer Rollschuh-Nummer, die ihn fast das Leben gekostet hätte, machten ihm gesundheitlich zu schaffen. Um seine Abwesenheit seinem Publikum verständlich zu machen, erschien Linder in dem Dokumentarfilm "Max dans sa famille" (1911, Max auf dem Wege zur Genesung), in dem er die Gründe seiner Abwesenheit erläuterte. Bald kehrte er jedoch im Triumph auf die Leinwand zurück – etwa mit der vermutlich ersten abendfüllenden Komödie der Filmgeschichte "Max und die Liebe"1) (1913, Le Duel de Max) – und ergänzte seine Filme mit einer Verbeugungstournee durch Europa. Unter anderem trat er auch im berühmten Berliner "Wintergarten"1) auf, der "Börsen-Courier" schrieb unter anderem in seiner Ausgabe (Nr. 565) am 2. Dezember 1912: "Max Linder, der mit Recht der König der Kinoschauspieler genannt wird, ist für die erste Hälfte des Dezember von der Direktion des Wintergartens gewonnen worden. (…) In China und Japan, in Russland und in der Türkei, in Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland versteht man die Sprache Linders, die phänomenale mimische Fähigkeit, das Wort ohne Sprache auszudrücken, die Empfindungen, die Gefühle durch das Spiel der Mienen dem Zuschauer zu vermitteln. Linders Ruhm ist durch die ganze Welt gegangen. Der Mann, der als kleiner Schauspieler die bitterste Not leiden musste, hat in den letzten paar Jahren seit dem Riesenaufschwung des Kinos weit über eine Million verdient. Max Linder ist trotz seines deutschen Namens ein Franzose. In Bordeaux geboren, sollte er nach dem Willen seiner Eltern einen kaufmännischen Beruf wählen, aber der junge Linder wollte das nicht, er fühlte eine so starke Neigung zum Theater in sich, dass er eines Tages umsattelte und erklärte, zur Bühne gehen zu wollen. Er besuchte die Schauspielschule seiner Vaterstadt und wagte nach einem Jahre den Sprung auf die Bretter. (…) Linder ist etwas untersetzt. Er hat ein ausdrucksvolles Gesicht, das zwei feurige Augen sympathisch beleben. Seine sprechenden Gesten, sein hervorragendes schauspielerisches Talent prädestinieren ihn wir keinen zweiten für den Film und wäre der Kino noch nicht da, so müsste er eigens für Max Linder erfunden werden. (…) Es muss reizen, diesen Mann von Angesicht zu Angesicht zu sehen, der wie niemand vor ihm es verstanden hat, dem Kinobild wirkliches Leben einzuhauchen. Wir werden den Vergleich zwischen dem Linder auf dem Film und dem wirklichen Max Linder machen können, denn der Sketch ist die Fortsetzung eines Films, in dem Linder den Helden darstellt." (Quelle: www.earlycinema.uni-koeln.de)
  
1914 war Linder weltberühmt, und bald danach wurde er sein eigener Produzent, der seine Filme nach Meterpreisen an die "Pathé" verkaufte. Sein Erfolg kannte keine Grenzen: ob Spanien, Deutschland, Italien oder Russland, überall wurde Max Linder bei seinen Live-Auftritten in den Hauptstätten begeistert empfangen. In Russland musste die Polizei die Armee zu Hilfe rufen, damit Linder den Moskauer Bahnhof verlassen konnte.
Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde er freiwillig Soldat, kehrte er aber nach einigen Monaten schwer erkrankt zurück. Unglücklicherweise kam Max Linder mit dem berüchtigten Kampfgas in Berührung, was ihm gesundheitlich schwer zu schaffen machte. Das bloße Gerücht von seinem Tod genügte damals, um Frankreich in Trauer zu stürzen. Mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs wurde auch gleichzeitig das Ende der "Belle Epoque" eingeläutet. Eine neue Zeit brach an, der Geschmack und die Gemütsverfassung des Publikums änderte sich.
1916 ging Linder in die USA, wo ihn die "Essanay"1) als Nachfolger Chaplins für acht Filme engagiert hatte. Nur drei wurden jedoch fertiggestellt, bevor er wegen einer Rippenfellentzündung nach Europa zurückkehren musste. Für die Genesung fuhr er an den idyllischen Genfer See.
In Paris drehte Linder "Le petit Cafe – Das kleine Cafe" (1919), bevor er nach Hollywood zurückkehrte, um drei Filme fertig zu stellen, darunter die einfallsreiche Parodie auf den Douglas Fairbanks-Streifen "Die drei Musketiere" (1921, The Three Musketeers) mit dem Titel "Die drei Muskrepiere"1) (1922, The Three Must Get Theres), den Max Linder selbst als seinen besten Film bezeichnete, und "Sieben Jahre Pech" (1921, Seven Years Bad Luck3)), der wegen der Spiegelszene in sämtliche filmische Geschichtsbücher einging. Doch Linders Beschwerden machten sich wieder bemerkbar und er kehrte nach Europa zurück, noch bevor der Film "Die drei Muskrepiere" Premiere feierte. Douglas Fairbanks schrieb ihm ein Telegramm, in dem er Linder darüber informierte, dass der Film einen enormen Erfolg in New York hatte und die Kritiker begeistert waren.
 
1923 verliebte sich Max Linder in die erst 17-jährige Hélène Peters (geb. 1905) und heiratete sie am 3. August 1923, im darauffolgenden Jahr, am 27. Juni 1924, wurde die gemeinsame Tochter Maud Linder1) geboren. 1923 hatte der Star sein eigenes "Max-Linder"-Kino eröffnet, für das Live-Orchester reservierte er einen speziellen Platz im Gebäude, da er schon immer auf die musikalischen Untermalung seiner Filme großen Wert legte. Ebenfalls 1923 drehte er den von Abel Gance mitverfassten "Au secours? – Zu Hilfe/Das Gespensterschloss". In diesem Film spielte er eine tragische Rolle; später untersagte Linder die Aufführung, da er seinen Ruf als Komiker in Gefahr sah. Sein letzter vollendeter Film – "Max, der Zirkuskönig"1) (1924, Le roi du cirque) – entstand in Wien. Für den Film "Der Ritter Barkas" (1925, Chevalier Barkas) kontaktierte Max Linder den damals unbekannten Regisseur René Clair. Doch das Schicksal schlug einen anderen Weg ein, der Film wurde nicht realisiert.
Am 31. Oktober 1925 beging Max Linder auf dem Höhepunkt seines Ruhms rund sechs Wochen vor seinem 42. Geburtstag Selbstmord, nachdem er zuvor seine junge Ehefrau getötet hatte. Beide hatten zuvor starke Dosen von Morphium eingenommen, dann schnitt Linder seiner Frau in einem Pariser Hotel die linke Pulsader auf und anschließend seine eigene. Hélène starb, bevor der herbeigerufene Notarzt helfen konnte, Linder einige Stunden später kurz nach Mitternacht am 1. November 1925 in einem Krankenhaus – zurück blieb die erst 16 Monate alte Tochter Maud, welche bei den Großeltern mütterlicherseits aufwuchs. Beigesetzt wurde Max Linder auf dem katholischen Friedhof seiner Geburtsgemeinde Saint-Loubès → Foto der Grabstelle bei www.findagrave.com bzw. knerger.de. Bereits im Februar 1924 hatte das Paar einen gemeinschaftlichen Suizidversuch durch Gift unternommen, konnte aber gerettet werden.
Bis heute vermag Niemand nachzuvollziehen, was der wirkliche Grund für diese Tat war, seine krankhaft gewordene Eifersucht oder sein schlechter werdender Gesundheitszustand – Linder litt an einer Nervenschwäche (Neurasthenie1)) und fühlte sich häufig deprimiert. Die Schlagzeilen der Zeitungen waren geprägt von seinem Ableben: "Max Linder und seine Frau öffnen sich die Pulsadern: Beide sterben" oder "Tragisches Ende eines Starkomikers – angeblicher Doppelselbstmord".

Linders Einfluss auf die Entwicklung der Filmkomödie ist von vielen, darunter keinem Geringeren als Charles Chaplin (dessen ersten Filme auf eine Kopie der Max-Linder-Figur schließen lassen), anerkannt worden. Die meisten seiner Filme gelten als verschollen, von den ursprünglich 500 Streifen wurden bis heute nur 105 wiederentdeckt, manchmal in sehr schlechtem Zustand. Tochter Maud Linder drehte zwei Dokumentarfilme über ihren Vater, die auf diversen Filmfestspielen große Beachtung fanden. 1963 entstand "In Gesellschaft Max Linders" (En compagnie de Max Linder), der mit dem "Étoile de Cristal"1) als "Bester Film" ausgezeichnet wurde, anlässlich des 100. Geburtstags ihres Vaters veröffentlichte sie 1983 das filmische Porträt "Der Mann mit dem Seidenhut" (L'homme au chapeau de soie).
Obwohl der Meister des Slapsticks Linder für die Filmkomödie eine äußerst große und bis heute unterschätzte Rolle gespielt hat, war er bis in die 1960er Jahre fast in Vergessenheit geraten. Die frühen Filmauftritte von Charlie Chaplin, der seinem Lehrmeister auf ein Foto schrieb: "Dem einzigartigen Max, dem großen Meister – Sein Schüler Charles Chaplin", sind stilistisch deutlich von Linder beeinflusst.
Text (überwiegend) mit freundlicher Genehmigung von www.cyranos.ch sowie
einige Textpassagen von Wikipedia; siehe auch die Fanpage www.maxlinder.de
Filmografie bei der Internet Movie Database
Fotos bei
www.virtual-history.com
Link: 1) Wikipedia (deutsch), 2) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 3) Wikipedia (englisch)
Lizenz
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