Oskar Werner
Oskar Werner wurde am 13. November 1922 in Wien-Gumpendorf als Oskar Josef Bschließmayer und Sohn eines Versicherungsangestellten geboren; seine Eltern ließen sich scheiden, als er sechs Jahre alt war. Werner blieb bei seiner Mutter, die in einer Hutfabrik arbeitete und besuchte die Realschule bis zur Oberprima. Von Jugend an war er für das Theater begeistert, besuchte aber zuerst ein Technikum, bevor er sich für den Schauspielberuf entschied und Unterricht bei dem Burgschauspieler Professor Helmuth Krauss nahm.
Schon als Schüler hatte er in der Hörspielreihe "Das ist mein Wien" den Mozart unter der Regie von Lothar Müthel1) (1896 – 1964) gesprochen, 1940 kam er gleich nach der Schule zum Arbeitsdienst, war anschließend ab 1941 als Soldat die meiste Zeit in Wien stationiert und für die Bühne beurlaubt. 1941 hatte ihn Intendant Lothar Müthel an das Wiener "Burgtheater" berufen, dem Werner (1946 hatte er seinen Namen geändert) dann mit kleinen Unterbrechungen zunächst bis 1949 angehörte. Er trat in jenen Jahren in klassischen und modernen Stücken in etwa 50 Bühnenrollen auf. 1944 wurde er noch einmal zu einem Offizierslehrgang eingezogen, doch nach zwei Monaten wieder als ungeeignet entlassen; bei einem amerikanischen Luftangriff trug er eine Verletzung davon. Ende 1944 flüchtete der Pazifist mit seiner "halbjüdischen" und zwölf Jahre älteren Frau, der Kammerschauspielerin Elisabeth Kallina1) (1910 – 2004), die er im gleichen Jahr am 31. Mai geheiratet hatte, und der grade geborenen gemeinsamen Tochter Eleonore in die Umgebung von Wien, wo sich das Paar bis Kriegsende versteckt hielt. Trotz späterer Scheidung blieben beide bis zu Oskar Werners Tod freundschaftlich verbunden.  
Nach Kriegsende nahm Werner die Arbeit am "Burgtheater" wieder auf, hatte 1947 außerdem Engagements am Wiener "Raimund-Theater", bei den Salzburger Festspielen und am Wiener "Volkstheater". Ab 1950 gehörte er dem Wiener "Theater in der Josefstadt" an, von 1952 bis 1954 trat er am Schauspielhaus Zürich auf; ab 1955 wirkte er dann vor allem wieder am Wiener "Burgtheater". Einige seiner wichtigsten Bühnenrollen waren 1946 der Marquis Clitandre in Molières "Der Menschenfeind", der Leporello in Calderón de la Barcas "Über allen Zauber Liebe", 1948 der Fliegeroffizier Hartmann in Zuckmayers "Des Teufels General", der Bürgersohn Brackenburg in Goethes "Egmont" und 1951 der Louis Creveaux in "Der Gesang im Feuerofen", eine Rolle, die Zuckmayer ihm auf den Leib geschrieben hatte.
 
1947 entdeckte Karl Hartl den jungen Künstler endgültig für den Film. Bereits Ende der 1930er Jahre hatte Werner Komparsenrollen in einigen Leinwandproduktionen übernommen, mit dem Paula-Wessely-Film "Der Engel mit der Posaune"1) (1948) startete der Theatermime nun auch eine beachtliche Filmkarriere. An der Seite von Ewald Balser als Beethoven stand er für das Biopic "Eroica"1) (1949) als Beethovens Neffe Karl vor der Kamera, 1951 sah man ihn unter der Regie von Karl Hartl in der britisch-österreichischen Produktion "Entführung ins Glück" (Wonder Kid). 1950 hatte Werner mit der "20th Century Fox" in Hollywood" einen Vertrag abgeschlossen, nach der Darstellung des Obergefreiten "Happy" in Anatole Litvaks Kriegsdrama "Entscheidung vor Morgengrauen" (1951, Decision Before Dawn) geriet der Name Oskar Werner auch in Amerika zum Begriff; den ursprünglich siebenjährigen Vertrag mit Hollywood löste er allerdings kurze Zeit später wegen "künstlerischer Bevormundung" wieder auf. In Frankreich drehte er unter der Regie von René Chanas "Ein Lächeln im Sturm" (1951, Un sourire dans la tempete), weitere Filme aus diesen Jahren waren "Ruf aus dem Äther" (1950), "Das gestohlene Jahr" (1950), "Lola Montez"1) (1955), "Der letzte Akt"1) (1955), "Reich mir die Hand, mein Leben"1) (1955) sowie das TV-Drama "Ein gewisser Judas" (1958), welches er unter dem Pseudonym Erasmus Nothnagel selbst inszenierte.
 
Werner galt in den 1950er Jahren als einer der besten Liebhaber-Darsteller, später konzentrierte er sich auf die Interpretation sensibler und widersprüchlicher Charaktere, oft mit neurotischem Einschlag. Auch auf der Bühne feierte er in jenen Jahren seine größten Triumphe, beispielsweise als Shakespearescher"Hamlet" und als Kleistscher "Prinz von Homburg", aber auch als Kinderkönig in "Der Turm" von Hugo von Hofmannsthal. Als Schiller-Interpret  brillierte Werner mit der Titelrolle in "Don Karlos", als Ferdinand in "Kabale und Liebe", beeindruckte als St. Just in Büchners "Dantons Tod", in verschiedenen Shakespeare-Dramen, in Cocteaus "Bacchus" und in Shaws "Candida". 1958 führte ihn eine Tournee als "Hamlet" durch ganz Westdeutschland, 1959/60 ging das von ihm begründete "Oskar-Werner-Ensemble" mit "Weh dem, der lügt" und "Kabale und Liebe" auf Gastspielreisen. Erfolge feierte er dann wieder 1960 als Künstler Osvald in Ibsens Familiendrama "Gespenster" sowie als Titelheld in Goethes "Torquato Tasso", auch im Fernsehen war Werner 1964 in dieser Rolle zu erleben → Liste der Theaterrollen bei Wikipedia.
 
Nachdem Werner sich 1960 mit der Wiener Leitung des "Burgtheaters" überworfen hatte, trat er acht Jahre lang nicht mehr in Österreich auf. Erst Ende 1968 spielte er wieder den "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen. Sein Salzburger "Hamlet" markierte 1970 eine Wende, deutete einen physischen Absturz an.
Ebenfalls noch in den 1960er Jahren gelangen ihm im internationalen Kinoproduktionen Meisterleistungen. 1962 sah man ihn als Partner von Jeanne Moreau in Truffauts berühmt gewordenen Film "Jules und Jim"1) (Jules et Jim). Für seine Darstellung des Schiffsarztes Dr. Schumann in Stanley Kramers hochkarätig besetztem, preisgekröntem Drama "Das Narrenschiff"1) (1964, Ship of Fools) wurde er mit dem "New Yorker Kritikerpreis", einer Oscar- und einer "Golden Globe"-Nominierung sowie einem französischen Filmpreis ausgezeichnet. Er soll über seine Rolle als Schiffsarzt in diesem Film gesagt haben: "Sie ist zwar nicht allzu groß, kommt aber meinem Charakter ungemein entgegen. Ich weiß, was Melancholie ist." Für seine Verkörperung des ehrgeizigen Kommunisten Fiedler und Gegenspielers von Richard Burton in dem Spionagethriller "Der Spion, der aus der Kälte kam"1) (1965, The Spy Who Came In from the Cold), von Martin Ritt nach dem Bestseller von John le Carré in Szene gesetzt, wurde Werner mit dem "Golden Globe" belohnt. Ein weiterer Film, mit dem sich der charismatische Schauspieler auf der Leinwand unsterblich machte, war die Figur des Feuerwehrmannes Montag in François Truffauts pessimistischer Utopie "Fahrenheit 451"1) (1966). Mit Kevin Billington drehte er das Drama "Zwischenspiel" (1968, Interlude) und mimte einen verliebten Dirigenten, Michael Anderson besetzte ihn als zweifelnden Geistlichen David Telemond in "In den Schuhen des Fischers"1) (1968, The Shoes of the Fisherman) neben Antony Quinn in der Hauptrolle des Kiril Lakota, der vom einfachen Priester zum Papst aufsteigt. Letztmalig zeigte sich Werner in Stuart Rosenbergs "Reise der Verdammten"1) (1976, Voyage of the Damned) auf der Leinwand.
 
Seit Anfang der 1970er Jahre hatte sich der eigenwillige Schauspieler nur noch selten aus seinem Refugium in Triesen (Liechtenstein) fortbewegt. Er liebte die Einsamkeit in seinem Triesner Haus und schätzte es, zusammen mit seinen rund 5000 Büchern in vollkommener Anonymität zu leben. An der Pforte zu seinem Grundstück hing ein Schild mit der Aufschrift: "Gewähret dass ich ersuche, bitte keine unangemeldeten Besuche!"2) Sporadisch unternahm er ausgedehnte und gut besuchte Rezitationstourneen, die ihn durch die deutschsprachigen Länder und die USA führten. Alkoholprobleme und Depressionen kennzeichneten seine letzten Lebensjahre, 1983 versuchte er mit einem eigenen "Wachau-Festival" in Krems ein Comeback, doch geriet dieses private Festival zu eine Katastrophe. Zur Premiere des "Prinzen von Homburg" verließ nach der Pause die Hälfte des Publikums den Saal. Auch Lesungen arteten zur Publikumsbeschimpfung aus, eine geplante Aufführung des "Julius Caesar" am Wiener "Burgtheater" platzte als Folge des Wachauer Debakels.
Ein Jahr später starb der als schwierig und exzentrisch geltende Oskar Werner am 23. Oktober 1984 einsam und allein in einem Hotel Marburg an der Lahn wenige Wochen vor seinem 62. Geburtstag an Herzversagen, kurz vor Beginn einer Rezitationstournee durch Deutschland; er hatte in Marburg die Dichterlesung vorbereitet. In seinem Testament verfügte Werner, obwohl er ein hundertprozentiger Wiener war, sein Begräbnis in Liechtenstein – das ihm von der Stadt Wien angebotene Ehrengrab hatte er schon zu Lebzeiten abgelehnt → Fotos der inzwischen nicht mehr existenten Grabstelle auf dem Friedhof in Triesen (Liechtenstein) bei www.knerger.de, eine Erinnerungstafel befindet sich an der Friedhofsmauer → Wikimedia Commons.
   
Der sensible und leidenschaftliche Charakterdarsteller war seit 1954 in zweiter Ehe mit Anne Power, der Stieftochter des Hollywood-Stars Tyrone Power, verheiratet. Aus einer späteren Beziehung mit dem US-amerikanischen Fotomodell Diane Anderson (Tochter der Schauspielerin Joan Bennett1)) stammt der 1966 geborene Sohn Felix Florian Werner, der in den USA als Independent-Produzent tätig ist. Zwischen 1970 und 1979 war die Schauspielerin Antje Weisgerber2) (1922 – 2004) seine Lebensgefährtin, die sich ihm zuliebe gänzlich aus ihrem Beruf zurückzog. Die Liebe zerbrach aufgrund Werners zunehmender Alkoholsucht und manischer Depressivität.
Im November 2002 wäre der international berühmte österreichische Theater- und Filmschauspieler Oskar Werner 80 Jahre alt geworden. Das Wiener Theatermuseum ehrte den Künstler mit einer Retrospektive, von Ulrike Dembski und Christiane Mühlegger-Henhapel erschien aus diesem Anlass das Begleitbuch "Oskar Werner. 'Welch einen sonderbaren Traum träumt ich'".
Von dem Schauspieler und Autor Michael Degen2) kam Anfang März 2015 das Buch "Der traurige Prinz" mit dem Untertitel "Roman einer wahren Begegnung" auf den Markt. Packend erzählt Degen von seinem Zusammentreffen mit dem berühmten, tragisch endenden Ausnahmeschauspieler Anfang der 1980er Jahre in Liechtenstein. "Degen gastierte mit dem Münchner "Residenztheater" als Jean in einer Ingmar Bergman-Inszenierung von "Fräulein Julie". Oskar Werner besuchte die Vorstellung, weil er Degen für sein "Wachau Festival" verpflichten wollte. Werner lädt den zehn Jahre jüngeren Kollegen in sein Haus ein, sie erzählen sich ihr Leben, soweit Degen zu Wort kommt, streiten, besaufen sich eine Nacht lang mit "Grünem Veltliner" von Willy Bründlmayer."4) Bei der "Deutschen Welle" kann man lesen: "Der traurige Prinz" ist ein Buch über einen Menschen in der Lebenskrise, der seinem Absturz in Zeitlupe zuschaut, aber nichts mehr tun kann. Und irgendwann auch nicht mehr will. Dem Schauspieler-Kollegen Michael Degen hat Oskar Werner einen erschütternden Einblick in die Abgründe seiner Psyche gewährt. Nur ein Jahr nach der Begegnung der beiden Männer erlag er einem Herzinfarkt – während einer Theatertournee durch die deutsche Provinz."

In frühen Jahren war Werner von fast mädchenhafter Zartheit, mit einem Kopf wie ein blonder Boticelli-Engel, war die geniale Ausnahmegestalt des Nachkriegs-Schauspiels. Der brillante Darsteller mit der kapriziösen Sprechtechnik fiel immer "aus der Rolle", war jedoch dabei komödiantisch lebendig, wandlungsfähig und charmant, ein jugendlicher Liebhaber mit schwierigem Charakter. Später spielte er oft den Vergrübelten, Leidenden, im Theater den "Prinz von Homburg", auf der Leinwand den Beethoven-Neffen Karl wie in "Eroica".3)
Oskar Werner ist der wohl berühmteste Schauspieler Österreichs und wird allgemein als Genie betrachtet. Sein Freund Spencer Tracy hielt ihn für den besten Schauspieler der Welt. Der blonde, attraktive, stets jugendlich wirkende Werner war durch sein Aussehen, seine Intelligenz und sein Charisma der geborene Filmdarsteller. Berühmt wurde seine fast hypnotische Stimme, die mit ihrer sanften, poetischen Modulation und der charakteristischen Wiener Sprachfärbung noch heute eine besondere Faszination ausstrahlt. Diese kommt gerade auch in den Hörpielproduktionen zur Geltung, in denen er als Sprecher mitwirkte.5) 

Siehe auch: www.prisma.de, Wikipedia, www.wien.gv.at sowie
den kurzen Nachruf bei www.spiegel.de
Link: 1) Wikipedia, 2) Kurzportrait innerhalb dieser HP
Quelle:
3) "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf Heinzelmeier/Berndt Schulz (Ausgabe 2000, S. 387)
4) www.nachtkritik.de
5) Wikipedia
Jules und Jim
Originaltitel: Jules et Jim
Liebesfilm, Frankreich 1961
Regie: François Truffaut
Drehbuch: François Truffaut, Jean Gruault
nach dem gleichnamigen Roman von Henri-Pierre Roché
Musik: Georges Delerue
Kamera: Raoul Coutard
Darsteller:
Jeanne Moreau: Catherine, Oskar Werner: Jules,
Henri Serre: Jim, Marie Dubois: Thérèse,
Sabine Haudepin: Sabine, Vanna Urbino: Gilberte,
Boris Bassiak: Albert, Anny Nelson: Lucie
(Link: Wikipedia, Kurzportrait innerhalb dieser HP)
 
Die Geschichte einer ungewöhnlichen Dreierbeziehung. Paris zu Beginn unseres Jahrhunderts: Zwei Freunde, der Deutsche Jules (Oskar Werner) und der Franzose Jim (Henri Serre), verlieben sich in die faszinierende, unberechenbare Cathérine (Jeanne Moreau). Sie entscheidet sich zunächst für Jules und heiratet ihn. Doch fünf Jahre später, nach dem Ersten Weltkrieg, kehrt Jim zu den beiden Freunden zurück … die Liebe kann die Freundschaft zwischen Jules und Jim nicht aufwiegen.

Ein Meisterwerk der Filmgeschichte, von Star-Regisseur François Truffaut inszeniert und mit historischen Aufnahmen des Pariser Stadtlebens vor dem Zweiten Weltkrieg garniert. In dieser melancholisch-heiteren Dreiecksgeschichte, die viele Kritiker für seinen besten Film halten, spielt Oskar Werner, der fünf Jahre später in "Fahrenheit 451" erneut mit Truffaut zusammenarbeitete, den jungen Deutschen Jules, die französische Filmdiva Jeanne Moreau ist als das Objekt der Begierde der beiden Freunde zu sehen. Truffaut über Jeanne Moreau und Oskar Werner: "Wenn man das Glück hat, mit solchen Menschen zu arbeiten, kann das Resultat auf der Leinwand gar nicht banal sein."

Filmkritiken
Lexikon des internationalen Films: Die tödlich endende Geschichte ihrer Liebe zu dritt schildert Truffauts Film mit eminentem Fingerspitzengefühl für die Zwischentöne des Menschlich-Seelischen ebenso wie des Filmisch-Optischen. Zum ästhetischen Genuss tragen auch die sensible Kameraführung und der fließende Schnitt bei. Enttäuschend fiel die deutsche Verleihsynchronisation aus; sie hat die leichtfüßige Ironie des Originals in betulichen Ernst verwandelt.
Neue Zürcher Zeitung: Diese ungewöhnliche Geschichte einer Liebe zu dritt hat Truffaut fern von jeder Frivolität, jedem falschen Beigeschmack inszeniert.

Quelle: Dirk Jasper FilmLexikon
Siehe auch Wikipedia, www.prisma.de

Fahrenheit 451
Großbritannien, 1966
Genre: Science Fiction
Regie: François Truffaut
Drehbuch: Jean-Louis Richard, François Truffaut
nach dem gleichnamigen Roman von Ray Bradbury
Musik: Bernard Herrmann
Kamera: Nicolas Roeg
Darsteller:
Oskar Werner: Guy Montag, Julie Christie: Clarisse/Linda Montag,
Cyril Cusack: Der Captain, Anton Diffring: Fabian,
Jeremy Spenser: Mann mit dem Apfel, Bee Duffell: Alte Dame mit Büchern,
Alex Scott: Buchmensch: "Das Journal des Henry Brulard"
(Link: Wikipedia, Kurzportrait innerhalb dieser HP)
  
In einer
Welt der Zukunft, die nirgendwo zeitlich oder örtlich festgelegt wird, legt der Feuerwehrmann Montag Feuer, statt Feuer zu löschen. Er verbrennt Bücher, denn in dieser Gesellschaft ist es verboten, Bücher zu lesen und zu besitzen. Als er eines Tages trotz Warnung seines Vorgesetzten selbst der Faszination des Lesens unterliegt, wird er verraten und flieht in die Wälder, wo Büchermenschen leben, die ihre Lieblingsbücher auswendig gelernt haben, um sie der Nachwelt zu erhalten.

François Truffauts erster Farbfilm bezeichnet im Titel den Angelpunkt seiner Geschichte: Bei 451 Grad Fahrenheit beginnt Papier zu brennen. Er zeigt eine total entpersönlichte Science-Fiction-Welt, in der Kommunikation völlig technisiert ist und das Fernsehen als wichtigster Agent einer anonymen Staatsmacht fungiert, in der aber auch eine kleine Anzahl von Leuten Sensibilität entwickelt. "Selbst mit geschlossenen Augen könnte ich ihren Beruf erraten", sagt Clarisse, das Mädchen, das Bücher liebt, als sie den Feuerwehrmann Montag trifft. Kein Wunder: Montag riecht nach Kerosin wie ein Metzger nach Blut. Angesichts anonymer Manipulation und Bedrohung kann auch der Held nur anonym bleiben: ein Anti-Held, mit dem man sich nicht mehr identifizieren kann. Montags Beziehungen zu anderen Menschen sind total versachlicht, im Beruf auf das Vernichten, im privaten Leben auf kommunikative Kurzformeln. Unmenschlichkeit zeigt sich in dieser Ordnung weniger im Verbot der Kommunikation als in der Bereitwilligkeit der Betroffenen, Verbote zu akzeptieren.

In "Fahrenheit 451" gibt es nur wenige Menschen, die eigene Initiative zeigen: Clarisse, die zum aktiven Widerstand entschlossen ist, und besonders die alte Frau, die sich mit ihren Büchern verbrennen lässt, weil sie so sterben will, wie sie gelebt hat. Mit ihr verbrennen jene Bücher, die als anerkannter Kulturbesitz seit Generationen überkommen sind, sterben Balzac ebenso wie die "Cahiers du Cinéma". Die Bücher, um die es hier geht, bleiben nicht Objekte. Sie bestimmen das Verhalten von Menschen. Schon deshalb erfasst die Kamera sie nicht im Anschnitt, sondern total. Truffaut hat dazu in seinem Tagebuch von den Dreharbeiten notiert: "Die Bücher sind hier Personen, und sie auf ihrem Weg abzuschneiden, käme auf das gleiche heraus, wie wenn man den Kopf eines Schauspielers außerhalb des Filmausschnittes ließe."
Oskar Werner überzeugt in der Rolle des Feuerwehrmanns Montag, der seine Liebe zu den Büchern entdeckt, die er eigentlich verbrennen soll. An Werners Seite agiert Julie Christie, die hier in einer Doppelrolle zu sehen ist: als Montags debile Ehefrau Linda und als Clarisse, die Montags Läuterung einleitet. Für die gelungenen Kamerafahrten zeichnet der spätere Regisseur Nicolas Roeg verantwortlich.

Quelle: www.mynetcologne.de
Siehe auch Wikipedia, www.prisma.de

  

Kinofilme
Filmografie bei der Internet Movie Database
(Link: filmportal.de, Wikipedia)
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