Rudolf Fernau wurde am 7. Januar 1898 als Andreas Rudolf Neuberger in München geboren. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, sein Vater war Bauer, bekam jedoch schon in der Volksschule Geigenunterricht, da er Konzertmeister werden wollte. Später nahm er am Münchener Konservatorium ein Musikstudium auf, musste seine Pläne einer Musikerkarriere jedoch wegen eines Überbeins am Handgelenk aufgeben und ließ sich bei Albrecht Steinrück sowie Matthieu Lützenkirchen (1863 – 1924) in Berlin zum Schauspieler ausbilden. Ein erste Bühnenengagement brachten Fernau nach Ingolstadt, dann wechselte er nach Regensburg, wo er als feuriger "Don Carlos"1) brillierte; 1920 kam er nach Hamburg an Erich Ziegels2) Avantgarde-Bühne, wurde in der "Baal"-Uraufführung von Bert Brecht und Leopold Jessner entdeckt und nach Berlin verpflichtet. Dort stand Fernau in den 1920er Jahren am "Deutschen Theater" von Max Reinhardt sowie am "Staatstheater" u. a. mit Heinrich George, Werner Krauß, Elisabeth Bergner und Paula Wessely auf der Bühne.
 

Foto: Rudolf Fernau als alter vergessener Schriftsteller Harry Krahlmann
in dem TV-Drama "Du Land der Liebe" (1974)
Regie: Rolf von Sydow / Drehbuch: Herbert Asmodi
Foto mit freundlicher Genehmigung von SWR Media Services; © SWR

Rudolf Fernau als alter vergessener Schriftsteller Harry Krahlmann in dem TV-Drama "Du Land der Liebe" (1974); Foto mit freundlicher Genehmigung von SWR Media Services; Copyright SWR
In Berlin spielte er zwanzig Jahre lang am Theater und wurde dort 1957 zum "Staatsschauspieler" ernannt; diese Auszeichnung hatte er auch schon 1929 bzw. 1936 in Stuttgart erhalten. Während seiner Theaterkarriere interpretierte Fernau so große Rollen wie Shakespeares "Hamlet"1), Schillers Franz Moor in "Die Räuber"1) oder Goethes "Torquato Tasso"1). 1928/29 trat er auch am "Düsseldorfer Schauspielhaus" bei Louise Dumont1) auf, außerdem war er von 1926 bis 1929 Gast am "Theater in der Josefstadt" in Wien. Ab 1930 wirkte Fernau über zehn Jahre lang am "Staatstheater in Stuttgart", dessen Ensemblemitglied er dann wieder von 1947 bis 1949 war. Danach konnte man den Schauspieler bis 1953 am "Staatstheater" in München erleben, die folgenden 20 Jahre begeisterte er vor allem am "Schloßpark"- und "Schillertheater" in Berlin. In diese Zeit fielen einige seiner weiteren großen Leistungen: So glänzte er beispielsweise als König Philipp in Schillers "Don Carlos", als Kapitän Queeg in der Bühnenfassung von Herman Wouks preisgekröntem Roman "Die Caine war ihr Schicksal" oder als reaktionärer Graf in Carl Sternheims Komödie "Der Kandidat".
DVD-Cover: Dr. Crippen an Bord; Abbildung DVD-Cover mit freundlicher Genehmigung von "Pidax film"

Zum Film kam Fernau Mitte der 1930er Jahre und war erstmals 1936 als Fritz Brockau in dem Krimi "Verräter"3) auf der Leinwand zu sehen. Berühmt wurde er dann drei Jahre später als brutaler Verbrecher Alfred Hübner in Erich Engels "Im Namen des Volkes"3). In der Folge sollte der versierte Bühnendarsteller vom Rollentyp des negativen oder zwielichtigen Helden bzw. Außenseiters nicht mehr loskommen und wurde im Film der 1930er und 1940er Jahre zum profiliertesten Interpreten asozialer, dämonischer und krimineller Charaktere.
Nach seiner eher sympathische Rolle in Helmut Käutners Liebesromanze "Auf Wiedersehn, Franziska"1) (1941) sah man Fernau ein Jahr später als stoisch-mysteriösen Ehegattenmörder in "Dr. Crippen an Bord"3) (1942) – diese Titelrolle war ihm so auf den Leib geschrieben, dass sich der Schauspieler danach vor Heiratsangeboten nicht retten konnte. Fernau zeigte sich beispielsweise als Graf Wengen in Erich Waschnecks Historienstreifen "Die Affäre Roedern"3) (1944), in dem Kriminalfilm "Der stumme Gast"3) nach Theodor Fontanes Novelle "Unterm Birnbaum" verkörpert er 1945 den vulgären Geschäftsmann und Frauenjäger Kampmann, der auf mysteriöse Weise verschwindet.
Er war 1949 der aufgrund von Indizien verurteilte tragische Tropenarzt Dr. Jordan in Engels "Mordprozess Dr. Jordan" (mehr dazu hier), 1954 ein mitleids- und gefühllos reagierender Bankier in dem Drama "Weg in die Vergangenheit" (→ film.at) oder 1963 ein Mitglied der High-Society von zweifelhafter Vergangenheit in dem Wallace-Krimi "Der Würger von Schloss Blackmoor"1).

Abbildung DVD-Cover mit freundlicher Genehmigung von "Pidax film"

Man bediente sich Fernau's schillernder Darstellungskunst in verschiedensten Wallace-Filmen, so mimte er 1961 den Nervenarzt Dr. Tappatt, Leiter einer Irrenanstalt, in "Die Seltsame Gräfin"1), 1961 den zweifelhaften Pfarrer Brietenstein in "Im Stahlnetz des Dr. Mabuse"1), 1962 den nach einem Unfall schrecklich entstellten Professor Erasmus in "Die Unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse"1) oder 1963 den Butler Jerome in "Der Henker von London"1). Im Kino erlebte man ihn zuletzt als Kammergerichtsrat Fromm in der Fallada-Adaption zusammen mit Hildegard Knef und Carl Raddatz in "Jeder stirbt für sich allein"1) (1975) sowie als dubiosen Dr. Schauberg in der Simmel-Verfilmung "Bis zur bitteren Neige"4) (1975).

Parallel zu seiner Film- und Theaterarbeit war Fernau als Synchronsprecher tätig und ab den 1960er Jahren sah man ihn auch vermehrt auf dem Fernsehbildschirm: Er spielte beispielsweise 1962 den Dr. Toll in TV-Fassung des Fallada-Romans "Jeder stirbt für sich allein", man erlebte ihn unter anderem mit Hauptrollen in Rolf von Sydows "Du Land der Liebe" (1974; Drehbuch: Herbert Asmodi) und Eberhard Itzenplitz' Zuckmayer-Adaption "Die Fastnachtsbeichte" (1976); zu seinen letzten Arbeiten zählt der von Ulrich Heising inszenierte TV-Film "Qualverwandtschaften" (1982).
Verräter, Gequälte, Gehetzte und Mörder waren sein Metier und er zählte zu den intelligenten Zynikern und den Finsterlingen – Typen, denen er mit seinem asketischen Körperbau, dem von Falten durchfurchten Charakterkopf und seinen stechenden Augen Leben einhauchte. Der Film nach 1945 vernachlässigte diese interessante Schattenseite seines darstellerischen Wesens und besetzte ihn meist als Rittergutsbesitzer, Staatskanzler, Pfarrer Arzt oder Psychiater, Rollen mit denen Fernau jedoch seine Vielseitig beweisen konnte.5)
  
Rudolf Fernau, der über 60 Jahre lang glücklich mit der Schauspielerin Olga (Oljuschka) von Mahr (1895 – 1985) verheiratet war, starb am 4. November 1985 im Alter von 87 Jahren in München; seine Ehefrau starb nur wenig später am 18. Dezember 1985. Beide fanden ihre letzte Ruhe auf dem Münchener Friedhof im Stadtteil Haidhausen → Foto der Grabstelle bei knerger.de.
Der bekannte Kritiker Friedrich Luft schrieb in einem Nachruf auf den Schauspieler unter anderem: "… Er war ein Nervenspieler. Er konnte mühelos und hochintelligent Unheimlichkeit verbreiten. Er konnte im Bereich der Zwiespältigkeit in so vielen Gangarten des tragischen schauspielerische Klarheit verschaffen. Er war grandios bei Shakespeare wie in einem Nestroy, in modernen Rollen genauso wie in einem prekären Klassiker. Er gehörte für Jahrzehnte zum besten Bestand des deutschen Theaters."
Bereits 1972 hatte der erfolgreiche Charakterschauspieler seine Lebenserinnerungen unter dem Titel "Als Lied begann's. Lebenstagebuch eines Schauspielers" veröffentlicht; als Motto vor seine Autobiografie stellte er den Nestroy-Ausspruch "Das Theater ist ein Himmel, in dem einem höllisch eingeheizt wird. Man muss schon von kräftigen und widerstandsfähigen Eltern abstammen, um es beim Theater auszuhalten."
Aus Anlass seines 80. Geburtstages zeigte das Fernsehen 1978 eine 45-Minuten-Sendung über und mit Fernau unter dem Titel "Lebensspuren". 
Rudolf Fernau erhielt für seine Leistungen 1965 das "Bundesverdienstkreuz Erster Klasse", 1979 das "Filmband in Gold"1) sowie 1983 die "Thomas-Mann-Medaille" und die "Ehrenmedaille der Stadt München".   

Textbausteine des Kurzportraits aus: "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf  Heinzelmeier/Berndt Schulz5)
Siehe auch Wikipedia, www.cyranos.ch, www.kuenstlerkolonie-berlin.de
Fotos bei film.virtual-history.com
Link: 1) Wikipedia, 2) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 3)  Murnau-Stiftung, 4) filmportal.de
5) Quelle:  "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf  Heinzelmeier/Berndt Schulz, Ausgabe 2000, S. 96
  
Kinofilme (Auszug)
Filmografie bei der Internet Movie Database
(Link: Murnau-Stiftung, Wikipedia, filmportal.de)
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