Ursula Herking
Ursula Herking wurde am 28. Januar 1912 als Ursula Natalia Klein und Tochter eines Künstlerehepaares in Dessau geboren. Ihre Mutter war die als "Carmen von Dessau" gefeierte Kammersängerin Lily (auch Lilli) Herking (1881 – 1922), die am 25. Januar 1922 bei einem Brand während der Probe zu  Gustav Raeders Posse "Robert und Bertram" am ehemaligen Dessauer "Herzoglichen Hoftheater" (heute: Anhaltisches Theater) ums Leben kam → www.axel-hausmann.de. Zwei Jahre später verlor sie ihren – in Dessau ebenfalls als Hofschauspieler bekannten – Vater Willy Klein, wuchs in Weimar bei einer Kinderfrau auf.
Nach dem Besuch des dortigen Realgymnasiums ging sie nach Berlin, nahm ab 1928 an der Staatlichen Schauspielschule Unterricht, bestand 1930 bei Leopold Jessner1) (1878 – 1945) die Abschlussprüfung und spielte anschließend an zahlreichen Bühnen; seit 1934 war sie am "Berliner Staatstheater" engagiert. Vor allem als Kabarettistin machte sie sich einen Namen, trat bis zur Schließung im Jahre 1935 in dem von Werner Finck2) (1902 – 1978) und anderen gegründeten Kabarett "Die Katakombe"1) auf, wirkte aber auch an Boulevardbühnen.
Zum Film kam Ursula Herking Anfang der 1930er Jahre und war erstmals in dem kurzen Dokumentarstreifen "Wasser hat Balken" (1933) auf der Leinwand zu sehen. In der Folgezeit übernahm sie kleinere Chargenrollen wie die Nebenrolle des Dienstmädchens Minna in in dem Kurzfilm "Hier irrt Schiller" (1936), sie gab Zofen, Mägde und Sekretärinnen, die sie abwechselnd als einfältige Trampel oder loyale Perlen gestaltete. Besonderer Beliebtheit erfreute sie sich, wenn sie mit Filmpartner Rudolf Platte2) (1904 – 1984) ein komisches Paar mimte, wie beispielsweise 1937 in Georg Jacobys Musikfilm "Gasparone"3). In "Onkel Bräsig" (1936) gab sie beispielsweise eine herrlich tranige Dienstmagd, in "Ein Mann mit Grundsätzen"3) (1943) sah man sie als "Tante Baudensieck", die eine Seemannskneipe betreibt. Eine Hauptrolle hatte sie 1938 neben Ingrid Bergmann in "Die Vier Gesellen"1) als freche, exzentrische und sehr emanzipierte Künstlerin bzw. Zeichnerin Franziska.
 
Während der Kriegsjahre stand Ursula Herking neben ihrer Arbeit für das Theater für verschiedene Kinoproduktionen vor der Kamera, im Herbst 1944 wurde sie in Prag in einer Rüstungsfabrik dienstverpflichtet. Tschechische Arbeiter brachten sie heimlich über die Grenze als sowjetische Truppen in Prag einmarschierten. Auf abenteuerliche Weise trampte sie nach Deggendorf in Bayern, wohin sie schon von Berlin aus ihre Kinder evakuiert hatte. Sie arbeitete bei Bauern, später als Dolmetscherin bei der amerikanischen Militärregierung in Straubing, organisierte dort mit Curd Jürgens ein improvisiertes Theater. Außerordentliche Triumphe feierte sie dann ab 1946 in München in dem von Rudolf Schündler2) (1906 – 1988) gegründeten Kabarett "Die Schaubude"1), zu ihren weiteren Kabarett-Stationen zählen unter anderem "Die Hinterbliebenen" und "Der Rauchfang" in Berlin; außerdem spielte sie dort am "Hebbeltheater" sowie an der "Komödie", 1948 beteiligte sie sich an der Gründung des Theaters "Die Kleine Freiheit"1), gehörte 1956 zur Erstbesetzung des Kabaretts "Die Münchner Lach- und Schießgesellschaft"1). Vor allem dort wurde sie als Kabarettistin an der Seite von Hans Jürgen Diedrich2) (1923 – 2012), Klaus Havenstein2) (1922 – 1998) und Dieter Hildebrandt2), der sie einmal als "kompromisslos, vulkanisch und von grenzenlosem Optimismus" bezeichnete, umjubelt. "Lulatschweib, x-beinig mit Kasperlgesicht" beschrieben die Kritiker ihre Erscheinung, "kess, komisch und ungeniert resolut" waren Adjektive, die ihre Bewunderer fanden.
1959 verließ Ursula Herking die "Die Münchner Lach- und Schießgesellschaft", blieb dem Publikum aber weiterhin als scharfzüngige Kabarettistin erhalten. Sie wirkte unter anderem am Düsseldorfer "Kom(m)ödchen" sowie in Berlin bei den Kabaretts "Der Rauchfang" und "Die Hinterbliebenen".

Seit Kriegsende war die Künstlerin erneut in zahlreichen Kinoproduktionen präsent, wurde nun häufiger mit großen Rollen besetzt, wie 1955 herausragend als Mutter und Ärztin Dr. Behrens in dem Antikriegsfilm "Kinder, Mütter und ein General"1). Daneben holte man sie vor die Kamera, wann immer verschroben-schrullige "Schreckschrauben" gebraucht wurden und ihre Trampel, Heulsusen oder schusseligen Sekretärinnen hatten bei aller Zickigkeit stets einen Schuss Frechheit und Chupze im strahlenden Blick; hinter diesen Figuren stand eine Frau, die Bescheid wusste, die mit Gefühl und Esprit Kleinkunst zum Volksschauspiel werden ließ.4) Die Filmografie von Ursula Herking weist mehr als 120 Filme auf,  letztmalig sah man sie 1965 als Josefa in dem Problemdrama "Mädchen hinter Gittern"1) auf der Leinwand. Verschiedentlich wirkte sie auch bei Fernsehproduktionen mit, etwa als Ruth Edwards in dem Durbridge-Mehrteiler "Tim Frazer"2) (1963) oder mit der Hauptrolle der Viktoria von Proschwitz, die in der Krimiserie "Die Karte mit dem Luchskopf"2) (1963–1965) gemeinsam mit ihrer Nichte Kai Fröhlich (Kai Fischer) die Privatdetektei "Luchs" leitet. Einen ihrer letzten TV-Auftritte hatte sie als Wahrsagerin Madame Silvia in der "Tatort"-Episode "Der Fall Geisterbahn"1) (EA: 12.03.1972).
 
Beim Theater spielte sie an der "Kleinen Freiheit" 1966 die Präsidentin in Jacques Devals "Eine Venus für Milo" und 1967 die June Buckridge in Frank Markus' "Schwester George muß sterben". Beim "Westfälischen Landestheater" in Castrop-Rauxel übernahm sie 1968 die Titelrolle in "Die Mutter" und am "Jungen Theater Hamburg" 1972 in Rolf Hochhuths "Die Hebamme". In Bern verkörperte sie 1973/74 die Winnie in Samuel Becketts "Glückliche Tage". Weitere Auftritte hatte sie an der "Komödie Berlin" und seit Anfang der 1970er Jahre am "Landestheater Tübingen" und am "Ernst-Deutsch-Theater" in Hamburg.5)
Im Jahre 1967 erhielt "die Herking", wie sie inzwischen hieß, den "Schwabinger Kunstpreis"1), 1973 erschien ihr Biografie "Danke für die Blumen".
Seit 27. April 2005 erinnert auf dem Mainzer "Walk of Fame des Kabaretts"1) ein "Stern der Satire" an die legendäre Künstlerin und leidenschaftliche Kabarettistin, in München Ramersdorf-Perlach wurde ihr 1981 der "Ursula-Herking-Weg" gewidmet.

Ursula Herking, die seit 1963 in dritter Ehe mit dem Übersetzer Dr. Ulrich Glass verheiratet war, starb am 17. November 1974 mit 62 Jahren in München an den Folgen eines Herzinfarktes. Sie fand ihre letzte Ruhe zunächst auf dem Münchner Westfriedhof, 2012 wurde die Urne aus dem in München aufgelassenen Grab auf Betreiben ihres Sohnes Christian in das Grab ihrer Eltern auf den Friedhof III in Dessau umgebettet → Foto beider Grabstellen bei knerger.de.
Aus ihrer ersten Ehe (1937 – 1943) mit dem Industriemanager und späteren CSU-Mitbegründer Dr. Johannes Semler1) (1898 – 1973) stammt(e) Tochter Susanne (geb. 1937) sowie Sohn Christian Semler1) (1938 – 2013), der später ein bekannter Journalist wurde. 

Siehe auch Wikipedia, www.cyranos.ch sowie
das Interview (April 1971) bei www.dw.de
Link: 1) Wikipedia, 2) Kurzportrait bzw. Beschreibung innerhalb dieser HP, 3) Murnau Stiftung
Quelle: 4) "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf Heinzelmeier/Berndt Schulz, Ausgabe 2000, S.  156
5) Wikipedia (abgerufen 23.09.2011)
  
Kinofilme (Auszug)
Filmografie bei der Internet Movie Database
(Link: Murnau Stiftung, Wikipedia (deutsch/englisch), filmportal.de)
Um zur Seite der Leinwandstars zurückzukehren, bitte dieses Fenster schließen.
Home: www.steffi-line.de