Wolfgang Neuss (Hans Otto Wolfgang Neuss) wurde am 3. Dezember 1923 als Sohn eines ehemaligen Fliegeroffiziers in Breslau geboren. Nach dem Besuch der Volksschule war er zunächst Landwirtschaftsgehilfe, machte dann eine Lehre als Schlachter. Mit 15 Jahren ging er nach Berlin, um Clown zu werden, wurde dort aufgegriffen und in eine Jugendverwahranstalt eingeliefert. Während des 2. Weltkrieges anfangs als Straßenbauer zum Arbeitsdienst verpflichtet, kam dann 1940 die Einberufung als Soldat, Neuss wurde an die Ostfront geschickt, wo er mehrfach verwundet wurde. Bereits während seiner Zeit im Lazarett unterhielt er als Komiker seine Mitverwundeten, parodierte und erzählte Witze.
Kurz vor Kriegsende gelang Neuss mit einem Schiff die Flucht nach Kopenhagen, anschließend wurde er in ein Internierungslager nach Flensburg gebracht, wo er bunte Abende organisierte. Später gründete er ein Kabarett, zog mit seinem Programm "Lachkalorien" quer durch Deutschland und erhielt erste Engagements auf Profi-Bühnen; während dieser Zeit machte er 1949 auch die Bekanntschaft von Wolfgang Müller1) (1922 – 1960), mit dem er in den folgenden Jahren gemeinsam auftrat.

Foto (auch Hintergrund) mit freundlicher Genehmigung von
Conträr Musik (www.contraermusik.de)
Das Copyright liegt bei Conträr Musik – Neuss-Wixell

Wolfgang Neuss; Copyright: Conträr Musik - Neuss-Wixell
1950 ging Neuss nach Berlin, wurde mit Müller für das Kabarett "Die Bonbonniere" engagiert, wo er u. a. mit Ursula Herking2) auf der Bühne stand. Ein Jahr später trat er "als Mann mit der Pauke" öffentlich auf, schloss sich 1952 dem Kabarett "Die Stachelschweine" an, wo er Regie führte, Stücke schrieb und selbst auf der Bühne stand. Er spielte Theater, machte mit Müller Radio-Kabarett und das komische Tandem Neuss/Müller erhielt auch erste Rollen beim Film. Erstmals sah man Neuss 1950 als Gauner Uwe in Otto Wernickes Streifen "Wer fuhr den grauen Ford?"1) auf der Leinwand. Bis Ende der 1950er Jahre mimten beide die verschiedensten Chargenrollen beim Film und machten sich als "Dick und Doof auf intellektueller Ebene", wie die FAZ es einmal bezeichnete, einen Namen.
CD-Cover "Ach das könnte schön sein";  Copyright: Conträr Musik - Neuss-Wixell Der Durchbruch auf der Leinwand kam 1955 nach dem gemeinsamen Bühnenauftritt in dem Musical "Kiss me Kate"; der Song "Schlag nach bei Shakespeare" wurde zum Publikums-Hit und das Gespann Neuss/Müller erhielt zahlreiche Film-Angebote. 1958 traten sie als Räuberduo in "Das Wirtshaus im Spessart1) nach dem Roman von Wilhelm Hauff auf und ihr Song "Ach das könnte schön sein…" wurde wiederum ein großer Erfolg. Diese und andere schönen Evergreens findet man auf der 1998 bei "Conträr Musik" erschienenen CD "Ach das könnte schön sein".
 
CD-Cover mit freundlicher Genehmigung von Conträr Musik (www.contraermusik.de)
Das Copyright liegt bei Conträr Musik – Neuss-Wixell
Diskographie zu Wolfgang Neuss ebenfalls bei www.contraermusik.de
Ein Jahr später plante Neuss einen eigenen Film zum Thema "deutsche Vergangenheitsbewältigung": "Wir Kellerkinder"1), die Geschichte eines HJ-Trommlers, der in seinem Keller zuerst einen Kommunisten vor den Nazis und später seinen Vater vor der Entnazifizierung versteckt, kam 1960 unter der Regie von Jochen Wiedermann mit Karin Baal als Mädchen Nenne und Wolfgang Neuss als "Macke Prinz" in die bundesdeutschen Kinos. Von Presse und Publikum wurde das Stück wegen des kritischen Umgangs mit der Entwicklung in Deutschland nicht grade begeistert aufgenommen; aus diesem Film stammt das bekannte "Lied vom Wirtschaftswunder".
Im gleichen Jahr war Wolfgang Müller im April bei einem Flugzeugabsturz in der Schweiz ums Leben gekommen. Der letzte gemeinsame Film "Als geheilt entlassen" war kurz vorher fertiggestellt worden. Neuss machte alleine weiter, trat mit Solo-Programmen auf und war bis Ende der 1960er Jahre in verschiedensten Filmen auf der Leinwand und im Fernsehen zu sehen – wenn auch nicht mehr so erfolgreich wie mit seinem ehemaligen Partner Wolfgang Müller.

Zum Eklat kam es 1962: In einer Annonce für seinen Film "Genosse Münchhausen" riet er dem Kinopublikum, lieber ins Kino zu gehen, statt den TV-Durbridge "Das Halstuch"2) anzusehen – und verriet den Mörder. Der Tipp löste damals ein gewaltiges Echo aus, das bis zu Morddrohungen reichte.
Wolfgang Neuss (3. v. l.) bei der Verleihung des "Berliner Kunstpreises für Film und Fernsehen" (1964); von links nach rechts: Prof. Hans Chemin-Petit (Berliner Kunstpreis für Musik), Willian Dooley, Bariton (Preis "Junge Generation" für Darstellende Kunst), Wolfgang Neuss ("Berliner Kunstpreis" für Film und Fernsehen), Rolf Henniges, Staatsschauspieler ("Berliner Kunstpreis" für Darstellende Kunst), Peter Lilienthal, Regisseur (Preis "Junge Generation" für Film und Fernsehen), Lothar Koch, Solo-Oboist (Preis "Junge Generation" für Musik), Werner Dittmann, Senatsbaudirektor, Architekt; Quelle: Deutsches Bundesarchiv, Digitale Bilddatenbank, B 145 Bild-P086980; Fotograf: Unbekannt / Datierung: 18.3.1964 / Lizenz CC-BY-SA 3.0.

1963 kam Neuss mit seinem Soloprogramm "Das jüngste Gerücht" heraus, welches über zwei Jahre erfolgreich lief und den Kabarettisten zu "Deutschlands Nr. 1" machte; 1964 erhielt er für seine Ein-Mann-Show" den "Berliner Kunstpreis" sowie den "Preis der Schallplattenkritik".
 
 
Foto: Wolfgang Neuss (3. v. l.) am 18.3.1964 bei der Verleihung des "Berliner Kunstpreises für Film und Fernsehen" (1964); von links nach rechts: Prof. Hans Chemin-Petit1) (Berliner Kunstpreis für Musik), Willian Dooley, Bariton (Preis "Junge Generation" für Darstellende Kunst), Wolfgang Neuss ("Berliner Kunstpreis" für Film und Fernsehen), Rolf Henniges, Staatsschauspieler ("Berliner Kunstpreis" für Darstellende Kunst), Peter Lilienthal1), Regisseur (Preis "Junge Generation" für Film und Fernsehen), Lothar Koch1), Solo-Oboist (Preis "Junge Generation" für Musik), Werner Dittmann, Senatsbaudirektor, Architekt
 
Quelle: Deutsches Bundesarchiv, Digitale Bilddatenbank, B 145 Bild-P086980;
Fotograf: Unbekannt / Datierung: 18.3.1964 / Lizenz CC-BY-SA 3.0.
Genehmigung des Bundesarchivs zur Veröffentlichung innerhalb dieser Webpräsenz wurde am 11.10.2010 erteilt.
Originalfoto und Beschreibung:
Deutsches Bundesarchiv B 145 Bild-P086980 bzw. Wikimedia Commons

Die folgenden Jahre des Künstlers waren dann von seinem politischen Engagement für die SPD, aber auch von Drogenkonsum und Schlagzeilen wegen spektakulärer Auftritte geprägt. Er bekannte sich zur außerparlamentarischen Opposition, nahm an "Sit-Ins" und politischen Aktionen der linken Szene teil, geriet mit Politikern und Medienverantwortlichen in Konflikt und wurde zum "Medienschreck", als er sich im Vietnamkrieg auf die "falsche" Seite stellte. Trotz Boykotts der Presse waren seine Programm jedoch stets ausverkauft.
Ende September 1966 reagierte das Publikum auf die Premiere des neuen Solo-Programms "Neuss Testament" ambivalent, es reichte von frenetischer Begeisterung bis hin zu Verrissen in der Presse. 1967 kam er mit seinem dritten Soloprogramm "Asyl im Domizil" heraus, 1969 war er letztmalig in Zadek's Fernsehinszenierung "Rotmord" als Erich Mühsam auf dem Bildschirm zu sehen; anschließend unternahm er eine Reise nach Chile, kehrte Anfang Mai nach Deutschland zurück, wurde bei der Wiedereinreise am Flugplatz Santiago verhaftet und als "Volksaufwiegler" abgeschoben.
In den 70er Jahren hörte man kaum etwas von dem reaktionären Wolfgang Neuss, er hatte sich von der Kabarett-Bühne zurückgezogen. Erst 1979 machte er wieder Schlagzeilen, wenn auch nicht als Künstler: Wegen Haschisch- und LSD-Besitzes wurde er zu acht Monaten Gefängnis verurteilt.
Zu Beginn der 1980er Jahre feierte Neuss dann ein Comeback auf allen Fernsehkanälen, schrieb für Zeitungen und filmte wieder; so trat er für die Kinosatire "Is was Kanzler" als Annemarie Renger auf. Sein legendärer TV-Talk mit Richard von Weizsäcker in "Leute" wurde vom "Stern" als "Fernsehshow des Jahres" gefeiert und Volker Kühn produzierte für den WDR das erste Neuss-Solo nach 10 Jahren, für das Neuss den "Deutschen Kleinkunstpreis" erhielt. Die Bilder eines zahnlosen Spät-Hippie gingen durch die Medien und zumindest in Berlin wurde Neuss zu einer lebenden Legende. Er brachte bis 1987 im "Stern" wöchentlich seine Sprüche unter, veröffentlichte weitere Schallplatten, geriet dann erneut wegen Haschisch-Besitz und einer Verurteilung zu eineinhalb Jahren Gefängnis auf Bewährung in die Schlagzeilen.
 

Foto: © Werner Bethsold1)
Das Foto entstand 1984 während einer Hörspielproduktion.

Wolfgang Neuss; Copyright Werner Bethsold
1988 feierte Neuss seinen 65. Geburtstag und verabschiedete sich mit seinem letzten Auftritt endgültig von der Bühne. Ein Jahr später drehte das Fernsehen eine Dokumentation über ihn, wenige Tage später starb "Der Mann mit der Pauke" am 5. Mai 1989 in seiner Charlottenburger Wohnung; er wurde am 19. Mai auf eigenen Wunsch auf dem Berliner Waldfriedhof Zehlendorf an der Seite seines langjährigen Kabarett-Partners Wolfgang Müller beigesetzt → Foto der Grabstelle bei knerger.de
Der Schauspieler und Kabarettist Wolfgang Neuss war verheiratet und hinterließ laut Wikipedia3) Tochter Harriet (genannt Jette) Wixell4) aus seiner 1962 geschlossenen Ehe mit der Schwedin Margareta Henriksson, die er seit 1958 kannte. Auch die Fotografin Gisela Groenewold, seine langjährige Lebensgefährtin, die ihn 1969 auf eine Südamerikareise begleitete, trennte sich später von ihm, überließ ihm aber die Wohnung in Berlin-Charlottenburg.3)
 
Von Gaston Salvatore erschien 1974 eine Biografie unter dem Titel "Wolfgang Neuss – Ein faltenreiches Kind. Die Geschichte des Mannes mit der Pauke", 1981 publizierte sein Freund und literarischer Nachlassverwalter Volker Kühn "Das Wolfgang Neuss Buch". Von Rüdiger Daniel und Vera Bogdahn entstand das filmische Porträt zum 20. Todestag (5. Mai 2009) mit dem Titel "Das Neuss Testament"5). filmportal.de notiert: "Basierend auf Neuss′ zum Teil unveröffentlichten letzten Aufnahmen, die dieser drei Tage vor seinem Tod seinem Freund Rüdiger Daniel6) hinterlassen hat, gestaltet der Film ein Porträt des legendären Querkopfs und Freigeistes. Neben historischen Aufnahmen kommen auch Angehörige Zeitzeugen, Wegbegleiter und Sympathisanten wie Richard von Weizsäcker zu Wort." → www.tagesspiegel.de
Das "Wolfgang-Neuss-Archiv" befindet sich in Berlin im Archiv der "Akademie der Künste" → www.adk.de.

Textbausteine des Kurzportraits aus:
"Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf  Heinzelmeier/Berndt Schulz (Ausgabe 2000, S. 260/61)
Siehe auch Wikipedia, www.contraermusik.de, filmportal.de, www.deutsches-filmhaus.de
Link: 1) Wikipedia, 2) Kurzportrait bzw. Beschreibung innerhalb dieser HP, 5) prisma.de, 6) filmportal.de
3) Quelle; Wikipedia (abgerufen 02.04.2015) mit dem Verweis auf 4) wolfgangneuss.de
    
Kinofilme (Auszug)
Filmografie bei der Internet Movie Database
(Link: Wikipedia, filmportal.de)
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