Mathias Wieman wurde am 23. Juni 1902 als Mathias Carl Heinrich Franz Wieman und Sohn eines Gerichtsassessors in Osnabrück geboren. Er verbrachte die ersten vier Lebensjahre in Wiesbaden, wuchs dann – bedingt durch die Wiederverheiratung seiner Mutter mit einem Kunsthistoriker und Museumsdirektor – in Berlin auf. Dort besuchte er später das "Schiller-Gymnasium", wurde gegen Ende des 1. Weltkrieges zum Hilfsdienst eingezogen und arbeitete als Brief- und Telegrammbote. Nach Kriegsende machte er 1920 sein Abitur, studierte zunächst vier Semester Kunstgeschichte und Philosophie an der Berliner Universität, entschied sich dann aber für die Schauspielerei.

Mathias Wieman als Richter
in "Der Sittlichkeitsverbrecher" (1963; Teil "Der Fall Stefan")
Quelle/Link: cyranos.ch bzw. Archiv "Praesens-Film AG" Zürich",
mit freundlicher Genehmigung von Peter Gassmann (Praesens-Film AG, Zürich)
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Mathias Wieman als Richter in "Der Sittlichkeitsverbrecher" (1963; Teil "Der Fall Stefan"); Quelle/Link: cyranos.ch bzw. Archiv "Praesens-Film AG" Zürich", mit freundlicher Genehmigung von Peter Gassmann (Praesens-Film AG, Zürich); Copyright Praesens-Film AG
Er besuchte drei Monate lang die Schauspielschule des "Deutschen Theaters" in Berlin, brach dann jedoch die Ausbildung ab. 1922 schloss er sich der "Holtorf-Truppe", einer von Hans Holtorf1) (1899 – 1984) zwei Jahre zuvor gegründeten Theaterkompanie an, zog mit dieser Holsteiner Wanderbühne durch die Provinz und sammelte so erste Erfahrungen als Schauspieler. Zwischendurch nahm er noch ein Halbes Jahr lang Unterricht bei dem Regisseur des "Lessing-Theaters" Hubert Heinrich und wurde dann 1924 von Max Reinhardt1) (1873 – 1943) an das "Deutsche Theater" in Berlin verpflichtet; sein Bühnendebüt gab er in den dortigen Kammerspielen als Moritz Stiefel in Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen". Bis 1929 stand Wieman dann unter anderem als Richard v. Poulengey in Shaws "Heiliger Johanna" neben Elisabeth Bergner und Rudolf Forster auf der Bühne, er gab den Rodrigo in Shakespeares "Othello", spielte in Pirandellos "Sechs Personen suchen einen Autor" oder verkörperte den Arnold Kramer in Gerhard Hauptmanns "Michael Kramer". 1926 heiratete der junge Schauspieler seine österreichische Kollegin Erika Meingast1) (1901 – 1972 und beide gingen drei Jahre später an das Berliner "Deutsche Künstler-Theater".

Bereits 1925 erschien Wieman erstmals in Martin Bergers Stummfilm "Freies Volk" in der Rolle des Volksschullehrer Rönneburg neben Camilla Spira und Albert Florath auf der Leinwand in Erscheinung. Es folgten weitere Rollen in Stummfilmen wie "Der fidele Bauer"2), "Mata-Hari, die rote Tänzerin" oder dem Historien-Zweiteiler "Königin Luise"1), wo er an der Seite von Mady Christians als deren späterer Ehemann bzw. preußischer König Friedrich Wilhelm III.1) überzeugte. Doch erst im Tonfilm konnte Wieman – nicht zuletzt wegen seiner markanten und sonoren Stimme – seine schauspielerischen Fähigkeiten voll entfalten. Zunächst wurde er noch als jugendlicher, unverstandener Außenseiter besetzt, wie z. B. 1931 als Titelheld Marius in Alexander Kordas "Zum Goldenen Anker", der deutschsprachigen Filmadaption von Marcel Pagnols "Marius" oder 1934 als Deichgraf Hauke Haien in Hans Deppes freien Filmversion von Theodor Storms Novelle "Der Schimmelreiter"1), wo Wieman eindrucksvoll den Kleinbauern-Sohn Hauke Haien neben Marianne Hoppe (Elke, Tochter des Deichgrafen Tede Volkerts) spielte.
Außer in Verwechslungskomödien wie 1933 in Carl Lamacs "Das verliebte Hotel" oder Wolfgang Liebeneiners "Das andere Ich"2) (1941), worin er die Rolle des Juniorchefs übernahm, verkörperte Wieman meist edel-ernste Ärzte, Offiziere oder Künstler in Melodramen, Berg- oder Soldatenfilmen. So sah man ihn beispielsweise 1932 als Maler Vigo in Leni Riefenstahls Regiedebüt "Das Blaue Licht"1) an der Seite der Regisseurin, mit der er bereits 1930 das später nachvertonte Bergdrama "Stürme über dem Montblanc"1) gedreht hatte. Bei Werner Hochbaums "Vorstadtvarieté" agierte er 1934 neben Luise Ullrich als Bauzeichner Josef Kernthaler, der zum Militär einrücken muss und in dem Drama "Die ewige Maske"1) (1935) beeindruckte er auch das internationale Filmpublikum in der Rolle des jungen, idealistischen Arztes Dumartin, einem Individuum, das sich gegen den propagandistischen Strom auflehnt. Der Film gewann 1937 den "American National Board of Review Award" als "Bester ausländischer Film" und Wieman erhielt den Preis als "Bester Darsteller".

In den NS-Propagandafilmen unter der Regie von Karl Ritter wandelte Wieman sich zum "pathetischen Nationalisten": 1937 wurde Wieman, der im gleichen Jahr zum "Staatsschauspieler" ernannt worden war, von Reichspropagandaminister Goebbels in dem Film "Patrioten"2) zum Partner von dessen Geliebten, der Schauspielerin Lída Baarová, "bestellt", anschließend drehte er mit Heinrich George und Willy Birgel "Unternehmen Michael"1), einen Streifen, den die Wehrmacht zunächst ablehnte, weil dieser das sinnlose Sterben von Soldaten propagierte; Wieman war am Drehbuch beteiligt. Der bereits 1939 gedrehte Ritter-Film "Kadetten"1), in dem Wieman den Rittmeister von Tzülow mimte, gelangte erst 1941 wegen seiner antirussischen Tendenz nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion zur Aufführung. Der Streifen wurde später von den Alliierten Militärbehörden verboten und zählt ebenso wie "Unternehmen Michael" zu den "Vorbehaltsfilmen"1).
1938 drehte Wieman unter der Regie von Erich Waschneck zusammen mit Brigitte Horney in der Titelrolle den Liebesfilm "Anna Favetti"2), eine Filmadaption des Romans "Licht im dunklen Haus" von Walter von Hollander, der die Spätfolgen eines Krieges plastisch schildert.
In den 1940er Jahren sah man den Schauspieler unter anderem neben Paul Hartmann als Dr. Lang in Wolfgang Liebeneiners "Ich klage an"1) (1941), einem Streifen der aktive Sterbehilfe propagierte und nach 1945 ebenfalls von den Alliierten verboten wurde bzw. ebenfalls zu den "Vorbehaltsfilmen" gehört. Zu Wiemans weiteren Produktionen bis Kriegsende zählt das Melodram "Man rede mir nicht von Liebe"2) (1943) mit Heidemarie Hatheyer, ebenfalls 1943 zeigte er sich als Reichsritter Ulrich von Hutten1) neben Protagonist Werner Krauß in Georg Wilhelm Pabsts Historiendrama "Paracelsus"1), 1944 war Wiemann in dem Biopic "Träumerei"1) der zwischen Genie und Wahnsinn agierende Komponist Robert Schuman1) und hatte Hilde Krahl als Clara Wieck1) zur Partnerin. Die noch 1945 gedrehte Komödie "Wie sagen wir es unseren Kindern?"2) gelangte erst am 21. Dezember 1949 in die Lichtspielhäuser.
 
Wieman, der wegen seiner Tätigkeit während des "Dritten Reiches" und seiner Beziehungen zu den Nazi-Größen nicht ganz unumstritten war, organisierte nach Kriegsende Lesungen mit Texten deutscher Dichter in Kriegsgefangenen- und Flüchtlingslagern, unternahm Rezitationsabende in ganz Deutschland und wurde mit seiner unverwechselbaren Stimme überaus beliebt. Außerdem arbeitete beim Rundfunk, wo er beispielsweise Sonntags mit "Die Geschichten der Bibel" zu hören war, Texte von Grimm, Andersen, Hölderlin und Saint-Exupery sprach oder beispielsweise im NDR mit "Goethe erzählt sein Leben" oder Hemmingways "Der alte Mann und das Meer" über den Äther ging.
1950 zog der Schauspieler mit seiner Frau nach Stuttgart und gehörte zum Ensemble des dortigen Staatstheaters, stand später unter anderem wieder in Berlin, Hamburg sowie Zürich auf der Bühne, wo er auch zuletzt lebte. Besondere Freude bereitete ihm 1961 eine Deutschlandtournee mit Jean Anouils "General Quiotte", 1962 interpretierte er den Grafen Piccolomini in einer Inszenierung des "Wallenstein" bei den Ruhrfestspielen.

Im Nachkriegsfilm konnte Wieman ab 1950 wieder Fuß fassen und wurde sowohl in nachhallenden großen Hauptrollen als auch profilierten Nebenrollen besetzt – wohl nicht zuletzt weil er sich von seinem leicht pathetisch wirkenden Stil losgesagt hatte. So gab er beispielsweise 1953 den Dr. Alfred Nobel1) in der Filmbiografie über die österreichische Pazifistin, Friedensforscherin und erste Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner1), gespielt von Hilde Krahl, mit dem Titel "Herz der Welt"1). An der Seite von Dieter Borsche und Ruth Leuwerik zeigte er sich als Dr. Überbein in Harald Brauns Thomas Mann-Adaption "Königliche Hoheit"1) oder spielte 1954 den väterlich-weisen und gütige Staatspräsidenten Tolemainen in der ebenfalls von Harald Braun inszenierten Stefan Zweig-Verfilmung "Der letzte Sommer"1), neben Hardy Krüger und Liselotte Pulver.
Zusammen mit Ingrid Bergmann sah man ihn im gleichen Jahr gefühlvoll und berechnend in Roberto Rossellinis Melodram "Angst"3) (La paura), frei nach der Novelle von Stefan Zweig, worin er als Wissenschaftler Professor Albert Wagner seine Frau Irene unter massiven psychischen Druck setzt, um sie zum Eingeständnis eines Seitensprunges zu bewegen. Als Studienrat in Ulrich Erfurths "Reifende Jugend" (1955), einem Remake des gleichnamigen Themas1) aus dem Jahre 1933, wurde seine würdige Autorität durch eine Affäre mit einer Schülerin gebrochen. Zu Wiemans letzten Kino-Arbeiten in den 1950er Jahren zählt die Friedrich Forster-Verfilmung "Robinson soll nicht sterben"1) (1957), wo er sich als König Georg II. präsentierte, und der Heimatfilm "Wetterleuchten um Maria"1) (1957) mit der Figur eines Pfarrers.
Wieman vermittelte im Film einen typisch norddeutschen Menschenschlag, der durch sein schwerblütiges, grüblerisches, teilweise unnachgiebiges Wesen geprägt war. Von der Spieltechnik her ein analytischer Schauspieler, vermochte Wieman besonders überzeugend Romantiker und Idealisten zu gestalten, die bisweilen zu einer emotionalen oder intellektuellen Verbissenheit neigen.4)
Das "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars"5) notiert unter anderem: "Er begann mit der Darstellung unbotmäßiger Jugendlicher und einsamer Spätpubertierender, denen die Umwelt ablehnend gegenüber tritt. Unter der Regie von Karl Ritter wandelte er sich zum pathetischen Nationalisten, der an "männliche Werte" glaubt, die er eigensinnig interpretiert, und zum salbungsvoll verinnerlichten Propheten "deutscher Tugenden". Sein Verhängnis war seine Stimme, die aus tiefsten Tiefen zu kommen schien. Wenn er sich auf sie verließ, rutschte er ab ins Gefährlich-Sentimentale. Tat er dies nicht, blieb er einer der besten und sensibelsten Darsteller, die der deutsche Film je hatte."

Bis kurz vor seinem Tod stand Wieman auf der Bühne, seinen letzten Auftritt hatte er am 19. November 1969 als Pastor Manders in Henrik Ibsens "Gespenster" im Hamburger "Thalia Theater". Nur wenig später erlag der große Charakterdarsteller Mathias Wieman am 3. Dezember 1969 in Zürich mit 67 Jahren nach einer Operation seinem Krebsleiden. Die Urne mit seinen sterblichen Überresten wurde später nach dem Tod seiner Frau Erika im Jahre 1972 in die Familiengruft auf dem 4. Osnabrücker Johannesfriedhof überführt → Foto der Grabstelle bei Wikimedia Commons bzw. knerger.de.
Der 1937 zum "Staatsschauspieler" ernannte Wiemann erhielt 1958 mit der "Justus-Möser-Medaille"1)
die neben der Ehrenbürgerwürde höchste Auszeichnung der Stadt Osnabrück. Die Auszeichnung würde ihm während eines Gastspiels mit dem Schauspiel "Zeitgrenze" am 19. Februar 1958 auf der Bühne des Osnabrücker Theaters verliehen. 1965 konnte er einen "Bambi"1) entgegennehmen.

Umfangreiche Informationen und Bildmaterial findet man auf der Website www.dieterleitner.de.
Siehe auch Wikipedia, www.cyranos.ch, tls.theaterwissenschaft.ch
Fotos bei film.virtual-history.com
Link: 1) Wikipedia, 2) Murnau Stiftung
Quellen:
Textbausteine des Kurzportraits aus: "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf Heinzelmeier/Berndt Schulz sowie aus dem Material von Dieter Svensson
4) "Reclams deutsches Filmlexikon 1984"
5) "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf Heinzelmeier/Berndt Schulz (Ausgabe 2000, S. 392)
Filme
Filmografie bei der Internet Movie Database
(Link: Murnau Stiftung, Wikipedia, filmportal.de, cyranos.ch)
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