Lino Ventura
Lino Ventura wurde am 14. Juli 1919 als Angiolino Giuseppe Pasquale Ventura im italienischen Parma geboren. Bereits mit zehn Jahren zog er mit seinen Eltern Giovanni Ventura und Luisa Borrini nach Frankreich, absolvierte dort später eine Mechanikerlehre und arbeitete dann eine kurze Zeit in diesem Beruf; daneben betätigte er sich in allerlei Gelegenheitsjobs wie Hoteljunge, Handelsvertreter und Büroangestellter. 1950 errang er unter dem Namen Lino Borrini den Titel als Europameister im Freistilringen und war Veranstalter von Catchturnieren, musste dann aber wegen einer Sportverletzung seine Karriere als Profisportler beenden. Durch Jean Gabin1) (1904 – 1976) ermuntert, kam Ventura dann zum Film und erhielt eine erste winzige Rolle als Leibwächter Angelo in Jacques Beckers Gangsterstreifen "Touchez pas au grisbi"2) (1953, Wenn es Nacht wird in Paris) neben Jean Gabin und Jeanne Moreau. In den folgenden Jahren spielte Ventura – meist im Schatten Jean Gabins – Nebenrollen als hartgesottener Gangster in französischen und italienischen Produktionen.

Seine ersten größeren Auftritt bekam Ventura 1960 von Claude Sautet, wo er sich in dem Krimi "Classe tous risques"2) (Der Panther wird gehetzt) mit Jean-Paul Belmondo die Hauptrolle teilte. Bald schon avancierte Ventura mit Charakterrollen zum Nachfolger von Jean Gabin und drehte erfolgreiche Filme mit führenden europäischen Regisseuren. Unter ihnen ist der Franzose Louis Malle zu nennen, mit dem er den vielbeachteten Krimi "Ascenseur pour l'échafaud"2) (1957, Fahrstuhl zum Schafott) drehte. Der italienische Starregisseur Vittorio De Sica beispielsweise gab ihm die Rolle von Giovannas Vater in der Satire "Il giudizio universale2) (1961, Das Jüngste Gericht findet nicht statt), für den Spanier Carlos Saura mimte er den El Lutos in "Llanto por un bandido"2) (1964, Cordoba) und für Henri Verneuil stand er als Inspektor Le Goff neben Jean Gabin und Alain Delon in dessen Meisterwerk "Le clan des siciliens"2) (1969, Der Clan der Sizilianer) vor der Kamera.
Ventura avancierte nicht nur in Frankreich und Italien zum Star, den ersten großen internationalen Erfolg verzeichnete er 1966 mit der Rolle des Gangsters Gustave 'Gu' Minda in Jean-Pierre Melvilles kühl inszeniertem, inzwischen zum Klassiker gewordenen Thriller "Le deuxième souffle" (Der zweite Atem). Zu seinen besten Arbeiten gehörte dann wohl der ebenfalls von Melville gedrehte Kriegs- bzw. Agentenfilm "L'armée des ombres" (1969, Armee im Schatten) mit Ventura als Anführer der Résistance Philippe Gerbier. Über die die düstere Adaption des gleichnamigen Romans von Joseph Kessel2) notiert das "Lexikon des internationalen Films": "Distanzierte, sachliche und unpathetische Schilderung der zermürbenden und selbstzerstörerischen Aktionen einer französischen Widerstandsgruppe im Zweiten Weltkrieg. Durch Verzicht auf alles Reißerische und durch hervorragende schauspielerische Leistungen erreicht der Film eine außergewöhnliche Intensität, ohne dass die innere Spannung nachlässt". 
Ein weiterer Höhepunkt in Venturas Karriere war 1973 seine Rolle des charmanten Ganoven Simon in Claude Lelouchs unterhaltsamen Gauner- und Liebeskomödie "La bonne année" (Ein glückliches Jahr), für die er in San Sebastián eine Auszeichnung erhielt → Filminfo bei dieterwunderlich.de. Dazwischen und in den folgenden Jahren drehte der Schauspieler zahlreiche, international erfolgreiche Kinofilme. Er war 1973 beeindruckend und köstlich zugleich als genervter, wortkarger Profikiller Ralf Milan in der grotesken Geschichte "L'emmerdeur2) (Die Filzlaus) an der Seite von Jacques Brel als geschwätzigem Selbstmordkandidaten. 1974 mimte er den sorgenvollen Vater Jean Doulean in der Tragikomödie "La gifle"3) (Die Ohrfeige), ein Jahr später war er der unbequem-unbestechliche Gesetzeshüter Verjeat in der turbulenten Action-Story "Adieu, poulet"2) (1975, Adieu, Bulle). 1976 agierte er als Inspektor Amerigo Rogas in dem Polit-Thriller "Cadaveri eccellenti"2) (Die Macht und ihr Preis) und 1978 als verzweifelter Vater in einem weiteren Thriller, "L'homme en colère"3) (Ein Mann in Wut). In dem Agentenstreifen "Espion, lève-toi"2) (Der Maulwurf) zeigte sich Ventura 1981 brillant als der reaktivierte Spion wider Willen neben Michel Piccoli und im gleichen Jahr als der hartnäckige Kripo-Beamte Antoine Gallien in dem kammerspielartigen Krimi "Garde à vue"2) (Das Verhör) neben einem nicht weniger phantastischen Michel Serrault. Nach der Abenteuerkomödie "Le ruffian"2) (1983, Der Rammbock) agierte Ventura in einem seiner letzten Filme – "Cento giorni a Palermo"2) (1984, Die 100 Tage von Palermo) – als verbissener Mafia-Gegner General Carlo Dalla Chiesa.

Lino Ventura verkörperte zumeist mit äußerst sparsamen Mitteln in seinen Filmen den harten, aber zutiefst menschlichen Typus, der verschlossen wirkt, sich aber durch kleine Gesten und sehr deutliche Handlungen mitteilt und damit eine ungeheure Leinwandpräsenz erreichte. Seine Charaktere traten in der Regel wortkarg und mürrisch auf, handelten aber intelligent und entschlossen. Venturas Figuren umgab eine Aura der Melancholie, hinter deren ruppiger Schale der Zuschauer nichtsdestoweniger ihre Menschlichkeit und Sensibilität erahnen konnte. Ventura bereicherte seine Rollen durch subtilen Humor, indem er beispielsweise die Rolle des notorischen Griesgrams gezielt auf die Spitze trieb. Der Darsteller mit dem markanten Charakterkopf vertrat in altmodischer Weise eine unbeirrbare Moral und drückte sich dabei weniger durch Worte als durch Handlungen und Gesten aus. Er war in der Lage, während eines Films zunächst als wortkarger Muffel aufzutreten, um dann in einer einzigen Szene mit großer Präzision eine gehörige Portion Emotionalität zu offenbaren.4)

Obwohl sich der Schauspieler zeitlebens dem Starrummel entzog, war er dennoch bis zu seinem Tod der Publikumsliebling in Frankreich und gehörte zu den Spitzenstars des Landes. Hierzu mögen sein unspektakuläres Auftreten und sein soziales Engagement – besonders für geistig behinderte Kinder – beigetragen haben. Ob als Bulle oder Ganove, in über 80 Filmen stand Ventura im Verlaufe seiner Karriere vor der Kamera und avancierte zum "Bogart" des französischen Films.
Im Alter von 68 Jahren starb der vierfache Vater am 22. Oktober 1987 in seinem Haus in Saint-Cloud in, in der Nähe von Paris, an den Folgen eines Herzinfarktes. Anlässlich der Beisetzung folgten seinem Sarg Tausende durch die Straßen von Paris, die letzte Ruhe fand er auf dem Friedhof von Val-Saint-Germain nahe Paris → Foto der Grabstelle bei Wikimedia Commons.
Seit 1949 war der Schauspieler glücklich mit Odette Lecomte verheiratet, führte im Gegensatz zu anderen Kollegen eine Ehe ohne Schlagzeilen und schottete sein Privatleben vor der Öffentlichkeit streng ab. Aus der Verbindung stammen die Kinder Laurent, Mylene, Linda und Clelia. Veranlasst durch die schwere Behinderung der jüngsten Tochter Linda, gründete Ventura 1966 die Stiftung "Perce-Neige" (Schneeglöckchen), deren Ziel es ist, Spenden zur Einrichtung von Behindertenheimen zu sammeln.
Venturas Witwe Odette veröffentlichte mit "Lino" eine Biografie über ihren Mann, die 1993 in Deutschland unter dem Titel "Lino: Das Leben des Lino Ventura" publiziert wurde.  

Textbausteine des Kurzportraits von www.prisma.de
Siehe auch Wikipedia, www.whoswho.de, www.cyranos.ch
Link: 1) Kurportrait innerhalb dieser HP, 2) Wikipedia, 3) prisma.de
4) Quelle Wikipedia (abgerufen 01.08.2011)
Kinofilme (Auszug)
Filmografie bei der Internet Movie Database
(Link: Wikipedia, in Klammern:  prisma.de)
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