Fritz Muliar 01; Foto freundlicherweise von der Kulturvermittlung "Culture Mediation International"  (www.rauscher-kultur.at) zur Verfügung gestellt Fritz Muliar wurde am 12. Dezember 1919 als Friedrich Ludwig Stand bzw. unehelicher Sohn eines russisch-jüdischen Vaters in der österreichischen Hauptstadt Wien geboren. Sein leiblicher Vater Maximilian Wechselbaum war ein Tiroler k.u.k. Offizier, der sich um seinen Sohn nicht kümmerte und später Nationalsozialist wurde. Muliars Mutter Leopoldine Stand dagegen, die als Sekretärin bei der Oesterreichischen Kontrollbank arbeitete, war eine überzeugte Sozialdemokratin. 1924 lernte sie den russisch-jüdischen Juwelier Mischa Muliar kennen und heiratete ihn. Fritz Muliars familiärer Hintergrund war damit multikulturell geprägt: Seine Großeltern waren erzkatholisch und deutschnationaler Gesinnung, seine Mutter eine engagierte Linke und sein Stiefvater Jude.1)
Nach der Schule, die er 16-jährig beendete, absolvierte Muliar eine Ausbildung am Wiener Konservatorium, machte anschließend ab Mitte der 1930er Jahre erste Erfahrungen als Schauspieler an Kleinkunstbühnen wie dem Wiener "Stella Kadmon" oder dem "Simpl". Nach dem 2. Weltkrieg, den er aktiv als Frontsoldat sowie in späterer Kriegsgefangenschaft erlebt hatte, setzte er seine unterbrochene Tätigkeit beim Kabarett "Simpl" fort, kam später an das Grazer Landestheater, zwischen 1947 und 1952 an das Wiener "Raimundtheater" sowie zwischen 1961 und 1974 an das "Theater in der Josefstadt".
 

 Foto freundlicherweise von der Kulturvermittlung "Culture Mediation International"
 (www.rauscher-kultur.at) zur Verfügung gestellt.
Seit 1974 gehörte Muliar zum Ensemble des Wiener "Burgtheaters" und begeisterte dort beispielsweise als Bankier Natter in Schnitzlers "Weites Land" oder machte als proletarischer Bettelunternehmer Peachum in Brechts "Die Dreigroschenoper" Furore; für letztgenannte Rolle wurde er mit der "Kainz-Medaille"2) ausgezeichnet. Die Rollen, mit denen Muliar das Theaterpublikum begeisterte, lassen sich kaum aufzählen: So zeigte er sich beispielsweise als Melchior in Nestroys "Einen Jux will er sich machen", gab den Dorfrichter Adam in Kleists "Der zerbrochene Krug", den Krautkopf in Nestroys "Der Zerissene", aber auch den "dicken Vetter" in Hofmannsthals "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen → Auswahl der Rollen bei Wikipedia.
 
1990 verließ Muliar aus Altersgründen das "Burgtheater", gab jedoch weiterhin Gastspiele im In- und Ausland und kehrte 1994 an das "Theater in der Josefstadt" zurück, dessen Ehrenmitglied er seit 1996 war. Er stand beispielsweise in der Komödie "Vermischte Gefühle" neben Elfriede Ott auf der Bühne, brillierte als Marchese Vincelli in Nestroys "Liebesgeschichten und Heiratssachen" oder feierte Erfolge als Striese in "Raub der Sabinerinnen". Im Dezember 2002 nahm Muliar dann an den Wiener "Kammerspielen" (vorerst) endgültig Abschied von der Bühne; letztmalig trat der Kammerschauspieler als Hausknecht Muffl in Nestroys Stück "Frühere Verhältnisse" sowie als Anatol in Schnitzlers "Abschiedssouper" auf. "Ich gehe schweren Herzens, weil das hier meine Wohnung, meine Leut" waren", beschrieb er Zeitungsberichten zufolge seine damalige Gemütslage. Doch so ganz konnte er dem Theater wohl doch nicht den Rücken kehren. Zur Spielzeit 2006/2007 übernahm er am "Theater in der Josefstadt" die Rolle des Großvaters in "Das Fest" von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov, am 8. November 2007 war die Premiere zur Uraufführung von Felix Mitterers "Der Panther" mit Muliar als "Der Mann ohne Name", in "Der jüngste Tag" von Ödön von Horváth (Premiere 28.2.2008) hatte er ebenfalls eine kleine Aufgabe übernommen.
Muliar gehörte nach dem Krieg rasch zur ersten Garde der österreichischen Volksschauspieler, wurde schnell über die Grenzen seines Heimatlandes bekannt und auch Film- und Fernsehen machten sich schon früh das komödiantische Talent des Wieners zunutze. Bereits 1940 hatte der Schauspieler eine kleine Nebenrolle in dem Film "Herz ohne Heimat" übernommen, nach dem Krieg wirkte er in zahlreichen Unterhaltungs- und Heimatfilmen mit. So beispielsweise 1950 in dem Revuefilm "Das Kind der Donau"1) mit Marika Rökk, Muliar tauchte in Operettenverfilmungen wie 1951 in "Der Fidele Bauer" auf, in Streifen mit "Wiener Schmä" wie 1953 in "Die Regimentstochter"1) oder in Heimatfilmen wie 1956 in " Försterliesel"1). Er gab meist volkstümliche Figuren, war beschwingter Gymnastiklehrer wie in "Ober zahlen"1) (1957), Bauarbeiter wie in "Wien, Du Stadt meiner Träume"1) (1957) oder dicklicher Komiker wie in "Kauf dir einen bunten Luftballon"1) (1960).
Auch in den 1960er Jahren konnte Muliar in zahlreichen seichten Unterhaltungsfilmen noch nicht so recht seine schauspielerische Kunst unter Beweis stellen.
Erst 1972 bot ihm das Fernsehen mit der Titelrolle in der Serie "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk"1) die Gelegenheit, die Bandbreite seines Könnens zu demonstrieren. Mit einer Mischung aus naiver Dümmlichkeit und raffinierter Bauernschläue begeisterte Muliar 15 Folgen lang die Fernsehzuschauer mit seiner Version des "Schwejk", die zu seiner Paraderolle wurde und untrennbar mit seinem Namen verbunden bleibt. Im Verlaufe der nächsten Jahre trat Muliar in vielen weiteren TV-Produktionen auf, in seinen letzten Lebensjahren war er u. a. in den TV-Serien "Kommissar Rex", sowie "Schlosshotel Orth" auf dem Bildschirm präsent.

Das Foto wurde mir freundlicherweise von dem Fotografen Moritz Schell zur Verfügung gestellt.
Das Copyright liegt bei Moritz Schell (www.moritzschell.com)
© Moritz Schell

Fritz Muliar 02; Copyright Moritz Schell
Fritz Muliar 03; Copyright Moritz Schell Neben seiner umfangreichen Tätigkeit für Theater, Film- und Fernsehen, die auch Regiearbeiten einschließen, nahm Muliar, der als Meister des jüdischen Humors bezeichnet wird, zahlreiche Schallplatten und CDs auf, wie beispielsweise "Fritz Muliar erzählt Jüdische Witze". Bis zuletzt waren Muliars Lesungen und Solo-Vortragsabende mit Texten der Kleinkunst, des Kabaretts und der Kaffeehausliteratur stets ausverkauft.
Als Schriftsteller machte sich der vielseitige Künstler ebenfalls einen Namen: Im Oktober 1996 erschien sein Buch "Strich drunter. Bevor es wieder zu spät ist", drei Jahre später "Das muss noch gesagt werden", welches Muliar für sich selbst und das Publikum zu seinem achtzigsten Geburtstag geschrieben hat. In seinem 2003 veröffentlichten Werk "Melde gehorsamst, das ja!" lässt Muliar sein bewegtes Leben Revue passieren. 
 
Für seine Leistungen erhielt Muliar im Laufe seiner Karriere zahlreiche Auszeichnungen: Unter anderem verlieh man Fritz Muliar 1975 den Professorentitel sowie das "Bundesverdienstkreuz 1. Klasse", 2001 erhielt er den "Kulturpreis Europa" und am 21. November 2002 überreichte ihm der österreichische Bundespräsident Dr. Thomas Klestil das "Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich". Der Schauspieler war Mitglied der Österreichischen "Gesellschaft für Menschenrechte", gehört dem "P.E.N.-Club" an und fungierte seit 1982 als Vizepräsident der "Österreichischen Bühnengewerkschaft" → Liste der Auszeichnungen bei Wikipedia.
  
 
Das Foto wurde mir freundlicherweise von dem Fotografen Moritz Schell zur Verfügung gestellt.
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Professor Fritz Muliar, zu dessen Hobbys das Sammeln von Bildern und Pfeifen gehörte, feierte am 12. Dezember 1999 bei bester Gesundheit seinen 80. Geburtstag im Kreise seiner Familie und engen Künstlerfreunden. Auch im hohen Alter begeisterte der umtriebige Mime sein Publikum, fast bis zuletzt stand Muliar auf der Bühne, war im "Theater der Josefstadt" in der von Peter Turrini inszenierten Komödie "Die Wirtin" nach Carlo Goldoni zu bewundern und mimte die Figur des alten italienischen Barons von Ciccio im Rollstuhl, den er nur verließ, um den tosenden Applaus entgegen zu nehmen. Am Sonntag, den 3. Mai 2009 fiel der letzte Vorhang für den Vollblutschauspieler, in der Nacht auf Montag (04.05.2009) starb Fritz Muliar mit 89 Jahren, nachdem er in seiner Wohnung zusammengebrochen und in das Allgemeine Krankenhaus der Stadt Wien gebracht worden war. Als Todesursache wurde Herzversagen vermutet. Die Beisetzung in einem Ehrengrab fand im Beisein von zahlreicher Polit- und Theaterprominenz am 12. Mai 2009 auf dem Wiener Zentralfriedhof statt, Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger war als Redner bei der vorangehenden Trauerfeier anwesend und erinnerte an die über 70 Jahre währende außergewöhnliche Karriere des Charaktermimen Muliar. Wie "derStandard.at" meldete, wurde Muliar zunächst in der Aussegnungshalle aufgebahrt, damit auch die Öffentlichkeit Abschied von dem Publikumsliebling nehmen konnte, wobei von Muliar gesungene Lieder gespielt zu hören waren → Foto der Grabstelle bei Wikimedia Commons.
 
Muliar hatte trotz seines hohen Alters noch viele Pläne. Laut seines Verlages arbeitete er bis zu seinem Tod an seiner Autobiografie "Denk ich an Österreich. Eine Bilanz". Das Buch wurde im Juli 2009 posthum als Muliars Vermächtnis im "Residenz-Verlag"veröffentlicht. 
Die Medien würdigten vielfach Muliars schauspielerische Leistungen, Muliar war seit Jahren der beliebteste und einer der höchstdekorierten Volksschauspieler Österreichs. Er war schlicht "der Muliar": In Wien heißt es, wenn ein Schauspieler seinen Vornamen verliert, dann hat ihn das Publikum geadelt. schrieb unter anderem die "Rheinische Post" in einem Nachruf. Der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann bezeichnete Muliar als "österreichische Legende". Er habe Menschen auf der Bühne "zum Lachen und Nachdenken gebracht" und sei bis zu seinem Tod ein "sozial engagierter und multikultureller Geist" geblieben, der sich "durch unerschrockenen Mut und gesellschaftspolitisches Engagement" ausgezeichnet habe; siehe auch den Nachruf bei www.zeit.de
 
Seit 1955 war Muliar in zweiter Ehe mit Franziska Kalmar, der ersten ORF-Fernsehsprecherin, verheiratet; seine erste Verbindung war kurz zuvor geschieden worden. Aus der Ehe mit Franziska Kalmar stammen die Söhne Alexander (geb. 1957) und Martin (geb. 1959); Muliars Sohn Hans aus erster Ehe mit Gretl Doering war 1990 verstorben. Der Künstler lebte zuletzt mit seiner Frau im niederösterreichischen Groß-Enzersdorf in der Nähe der Lobau bei Wien.
  
Quelle: 1) Wikipedia; Link: 2) Wikipedia
Siehe auch Wikipedia
sowie die Nachruf bei www.welt.de. www.sueddeutsche.de und www.zeit.de
 
Kinofilme
Filmografie bei der Internet Movie Database

(Link: Wikipedia)
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