Die Charakterschauspielerin Maria Nicklisch erblickte am 26. Januar 1904 als Tochter des Jakob Peter Anton Kraushaar in Luckenwalde bei Potsdam (Brandenburg) das Licht der Welt. Schon früh hatte sie den Wunsch, Schauspielerin zu werden, ließ sich in Berlin von Maria Moissi – erste Ehefrau des legendären Alexander Moissi1) – an deren Schauspielschule sowie von Leontine Sagan2) entsprechend ausbilden. 1934 startete sie eine vielversprechende Karriere am "Staatsschauspiel" in München, wechselte im darauffolgenden Jahr an die "Münchner Kammerspiele"2). Abgesehen von einigen Gastspielen, unter anderem in Hamburg, am Wiener "Burgtheater" oder bei den "Heidelberger Festspielen" blieb sie dieser Bühne rund sechs Jahrzehnte lang treu und avancierte zu den tragenden Säulen des Theaters.
Maria Nicklisch verfügte über ein facettenreiches, breit gefächertes Repertoire, überzeugte in den frühen Jahren als jugendliche Heldin sowohl in Klassikern als auch in Stücken der Moderne. Als Shakespeare-Interpretin feierte die zierliche, stets zart wirkende Mimin unter anderem Erfolge als Cressida in dem Historiendrama "Troilus und Cressida" (1936), als Ophelia in der Tragödie "Hamlet" (1939) oder als Lady Macbeth in "Macbeth" (1942). Mit zunehmendem Alter wuchs sie in die gereifteren großen Frauenrollen hinein, glänzte beispielsweise als Lady Milford in Schillers "Kabale und Liebe" (1948/49), als Blanche DuBois in Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht" (1950/51) oder als Katharina in der Shakespeare-Komödie "Der Widerspenstigen Zähmung" (1952/53). Die 1960er Jahre waren geprägt von Stücken wie Max Frischs Schauspiel "Andorra" (1961/62), Anton Tschechows gesellschaftskritischen Komödie "Der Kirschgarten" (1962) oder Edward Albees Beziehungsdrama "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" (1963/64), in denen sie jeweils mit tragenden Rollen das Publikum und Kritik zu begeistern wusste. Seit den 1970er Jahren wandte sie sich den "großen Alten" zu, gestaltete beispielsweise eindrucksvoll die Dorothea Merz in Tankred Dorsts "Auf dem Chimborazo" (1976), die Witwe María Wassíljewna in Tschechows "Onkel Wanja" (1987) oder die Hexe in Goethes "Faust I" (1987). Einen ihrer größten Erfolge feierte sie 1978 mit der Figur der Fonsia Dorsey in dem preisgekrönten Stück "Gin-Rommé" des US-amerikanischen Dramatikers Donald L. Coburn2) mit Peter Lühr als Partner in der Rolle des Altenheimbewohners Weller Martin.
Die Künstlerin arbeitete im Verlaufe der Jahre mit den vielen bedeutenden Regisseuren zusammen, Paul Verhoeven, Harry Buckwitz, Leonard Steckel, August Everding, Hans Lietzau oder Dieter Dorn sind zu nennen. Vor allem mit dem langjährigen Intendanten (1947–1963) der "Münchner Kammerspiele", Hans Schweikart2) (1895 – 1975), erarbeitete sie etliche, viel beachtete Rollen. Nach ihrer Scheidung von Helmut Nicklisch war sie zudem zwischen 1930 und 1940 dessen zweite Ehefrau gewesen.
 
Auf der Leinwand sah man Maria Nicklisch nur wenige Male: Für Paul Verhoeven mimte sie als Partnerin von Curd Jürgens die Prinzessin in der sentimentalen "Lebensgeschichte" eines Eisenbahnwagens mit dem Titel "Salonwagen E 417"2) (1939), für Helmut Käutner verkörperte sie die Spekulantin Irene Sorel in der Komödie "Kitty und die Weltkonferenz"2) (1939). Alois Johannes Lippl besetzte sie als Tochter des Landesfürsten (Gustav Waldau), Prinzessin Gabriele, die in der heiteren Geschichte "Der siebente Junge"3) (1941) mit dem lebenslustigen Gardeleutnant Leopold von Röckl (Hans Holt) nach einigen Turbulenzen schließlich ihr Glück findet. Nach ihrer Hauptrolle an der Seite von Publikumsliebling Willy Birgel in dem von Ehemann Hans Schweikart inszenierten patriotischen Kostümstreifen "Ritt zwischen den Fronten"3) (1941) beendete Maria Nicklisch ihre kurze Karriere als Filmschauspielerin auch schon wieder.
Lediglich 1967 trat sie für den TV-Film "Liebe für Liebe" noch einmal vor die Kamera, in Szene gesetzt von Hans Schweikart und Paul Verhoeven. Dieter Dorns vielbeachtete "Faust I"-Inszenierung an den "Münchner Kammerspielen" gelangte als "Faust – Vom Himmel durch die Welt zur Hölle"2) (1988) in die Kinos, wie auf der Bühne erlebte man Maria Nicklisch hier mit der Rolle der Hexe an der Seite von Helmut Griem (Faust), Romuald Pekny (Mephisto) und Sunnyi Melles (Gretchen).
Neben ihrer umfangreichen Tätigkeit für das Theater engagierte sich Maria Nicklisch auch als Sprecherin für ambitionierte, vom Bayerischen Rundfunk produzierte Hörspiele. So sprach sie mit ihrer unverwechselbaren, nuancenreichen Stimme unter anderem 1948 in "Madame Legros" (Regie: Walter Ohm2)) nach dem gleichnamigen Theaterstück von Heinrich Mann die Titelrolle, ein Jahr später gehörte sie neben Peter Lühr und Marianne Kehlau zu den Protagonisten von Walter Ohms vierteiligen Hörspielversion des Dostojewski-Romans "Schuld und Sühne"2). Auch für den von Ohm für den Funk bearbeiteten Roman "Zwei Frauen" von Honoré de Balzac stand sie 1951 erneut mit Peter Lühr sowie Elfriede Kuzmany vor dem Mikrophon. 1952 inszenierte Ohm Dürrenmatts "Der Prozeß um des Esels Schatten"2), mit Werner Hinz und Maria Nicklisch entstand 1953 "Schwarzer Nebel", ein von Joachim Maass2) für den NWDR geschriebenes Hörspiel um eine Tiefenpsychologin und deren Patienten. 1956 hörte man sie als Hexe Muguur in "Die kleine Seejungfrau"2) von Hans Christian Andersen (Regie: Heinz-Günter Stamm), 1965 als Fräulein von Scuderi in dem spannenden Krimi "Das Fräulein von Scuderi"2) von E. T. A. Hoffmann (Regie: Edmund Steinberger), 1971 als Zarin in dem Märchen für Erwachsene "Die Nacht vor Weihnachten" (Regie: Walter Ohm) von Nikolai Gogol – um nur Einiges zu nennen.
 
Am Theater hinterließ Maria Nicklisch stets nachhaltigen Eindruck: "Nicklisch, eine kleine, zierliche Frau mit einer unverwechselbaren, immer ein wenig flirrenden Stimme, schaffte es, selbst den einfachsten Frauen einen großbürgerlichen Touch zu geben. Sie beherrschte den überlegenen, ein wenig ironisch-hochnäsigen Ton. Sie verfügte über Grazie, natürliches Selbstbewußtsein und diskreten Humor. Die Geschöpfe, denen sie Leben gab, spielte sie stets mit Distanz, verfremdete und kommentierte deren Verhalten durch ihren Gestus."4)
Die schauspielerischen Leistungen wurden mehrfach gewürdigt, unter anderem erhielt Maria Nicklisch 1985 den "Kulturellen Ehrenpreis" der Stadt München, im Dezember 1992 konnte sie das "Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland" entgegennehmen. Die "Grande Dame" der "Münchner Kammerspiele", welche sich den Ruf als Münchens "Theatergöttin" erwarb, war überdies Mitglied der "Bayerischen Akademie der Schönen Künste".
 
Maria Nicklisch starb am 20. November 1995 im Alter von 90 Jahren in München. Die Urne mit den sterblichen Überresten wurde auf dem dortigen Friedhof Bogenhausen beigesetzt (Grab Urnenmauer-1-1); die Urne trägt keinen Namen, die Deckplatte ziert lediglich ein Kreuz. In der bayerischen Landeshauptstadt erinnert seit Anfang Dezember 2000 im Stadtbezirk Ramersdorf-Perlach die "Maria-Nicklisch-Straße" an eine Künstlerin, welche nicht nur die Münchener Theaterlandschaft nachhaltig prägte.
Quellen (unter anderem*)): Wikipedia, www.cyranos.ch
Foto bei www.virtual-history.com
*) Weitere Quellen:
  • Langen Müller's Schauspielerlexikon der Gegenwart, Deutschland, Österreich, Schweiz (1986, Langen-Mueller Verlag), S. 710
  • Sucher, C. Bernd: "Nicklisch, Maria", in: Neue Deutsche Biographie 19 (1998), S. 200 → www.deutsche-biographie.de
  • Internationales Biographisches Archiv 32/1985 vom 29. Juli 1985
Link: 1) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 2) Wikipedia, 3) Murnau Stiftung
4) Zitat: Sucher, C. Bernd: "Nicklisch, Maria", in: Neue Deutsche Biographie 19 (1998), S. 200 → www.deutsche-biographie.de
Theater (Auswahl)
(Link: Wikipedia (deutsch/englisch), Verband Deutscher Bühnen- und Medienverlage e.V.,
Kurzportrait innerhalb dieser HP, rowolt-Theaterverlag
Filme
Filmografie bei der Internet Movie Database
(Link: Wikipedia)
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